Liebe ist …

Liebe Gemeinde,

er liebt mich; er liebt mich nicht; er liebt mich …

Haben sie nicht auch schon dieses Spiel gespielt? haben gehofft, haben gebangt, haben gewartet. Gewartet … Ja, gewartet auf das große Glück, auf die große Liebe. Eine Liebe, wie wir sie z.B. aus dem Kino kennen. Denn wer von uns hat z.B. noch nicht den Film "Pretty Woman" gesehen, und ist dann dahin geschmolzen? Alles scheint da wahr zu werden. Ein reicher verwöhnter junger Mann trifft auf ein armes, hoffnungsloses Mädchen, das so tief gesunken ist, dass bei ihr die sogenannte Liebe schon käuflich zu haben ist. Und auch er will eine schnelle Nummer, will sich das, was man sonst in der Liebe haben kann, wofür man sonst auch investieren muss, billig und nebenbei kaufen. Doch aus dieser zufälligen Begegnung zweier Menschen, aus dieser Geschäftsbeziehung wächst eine Liebe, eine Liebe, die wenn auch nach einigem Auf und Ab doch zu ihrer Erfüllung führt. Die zwei finden den Weg zueinander, überwinden nicht nur die Schranken zwischen Mann und Frau, sondern kämpfen an gegen Vorurteile und eigene Ängste und lassen schließlich gar die Barrieren der unterschiedlichen gesellschaftlichen Zugehörigkeit hinter sich. Als Schlusssatz können wir dann nur noch hinzufügen: Und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute. Ziemlich kitschig aber doch wunderschön.

In eine solche Geschichte können wir uns flüchten, wenn uns der Alltag gerade mal wieder einholt, wenn es mit unserer Liebe gerade mal wieder nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben. Denn, ist es nicht eher so, dass nach dem Finden, nach dem ersten Verliebtsein die Liebe nicht erst so richtig anfängt? Ist es nicht so, dass sie sich erst im Miteinander bewähren muss, bevor sie uns trägt, bevor sie das sein kann, was uns Halt gibt, was uns auf Dauer blühblühen lassen kann. Die Liebe, die uns im Leben umgibt, sei es zu einem Lebenspartner, einer Partnerin, zu Freunden, zu unseren Kinder oder Eltern, braucht viel mehr als das große prickelnde Gefühl. Es braucht Vertrauen. Denn unser Leben verläuft nicht reibungslos. Im Gefecht des Alltages werde ich müde, ist die Belastung manchmal groß. Es können die Kinder sein, die uns an unsere Grenzen bringen. Schlaflose Nächte, wenn sie klein sind, Krankheiten, das erste aufgeschlagenen Knie. Manchmal sind es Probleme in der Schule, die uns als Eltern genauso anrühren, ist es der erste Liebeskummer, ist es der Ärger, den Kinder mit Eltern und umgekehrt nun einmal haben, wenn sie größer werden. All diese Auseinandersetzungen kann es nicht geben, wenn sie nicht von Liebe getragen sind; denn ohne das Wissen, von den Eltern geliebt zu werden, einfach nur weil sie unsere Kinder sind, könnten sie in die doch auch notwendigen Konflikte nicht gehen, könnten den Krach nicht wagen; denn sie müssten fürchten, im Ende alleine da zu stehen. Oder es sind die Probleme am Arbeitsplatz, die uns bedrücken; die Belastung wird zu groß, die Angst um den Verlust der Arbeit aufgrund weiteren Stellenabbaus drückt die Arbeitnehmer nieder; wie soll es dann weiter gehen? Vielleicht gibt es aber auch Stress mit dem Chef oder Kollegen. Die Situation am Arbeitsplatz ist bedrückend, so dass ich zuhause einfach nur mal meine Ruhe haben will, mich jede gemeinschaftliche Aufgabe, jede Ansprache nur noch mehr belastet. Manche von ihnen pflegen vielleicht auch Angehörige, die nicht mehr so können, gehen für sie einkaufen, müssen mit ihnen zum Arzt, der Urlaub muss ausfallen, weil es ihm oder ihr zur Zeit nicht gut geht. Oder es geht mir gesundheitlich nicht gut; die Knochen schmerzen, der Husten quält nun schon seit Wochen und eigentlich könnte es ja nun endlich wieder warm werden. Dieses kalte Wetter schlägt manchen wirklich aufs Gemüt.

All das sind Sorgen und Nöte, die wir alle, jeder und jede auf ihre Weise jeden Tag aufs neue bewältigen müssen. Es sind Dinge, die zu unserem Leben dazu gehören: Sie sind da und wir müssen mit ihnen umgehen. Doch – und das wissen wir alle – können wir sie nicht an der Haustür abschütteln, tragen wir sie in unsere Beziehungen, unsere Lieben mit hinein. In einer Familie bekommt jeder den aufgestauten Frust mit; platzt dem einen oder der anderen mal der Kragen: Genauso ist es in all den Beziehungen, in denen wir leben, in denen wir Menschen auf die eine oder andere Weise lieben. Und eine Liebe bewährt sich nur in diesem alltäglichen Miteinander; sie tariert sich aus zwischen Reden und Zuhören, zwischen handeln und Ertragen. Dann merken wir, dass unsere Suche nach einem Happy end, nach dem: "und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende" so nicht wahr werden kann. Und wir suchen nach einer Richtschnur für unsere Liebe, suchen nach dem "wie?" von Glück und erfülltem Miteinander. Denn das es das geben kann in all unseren Beziehungen, das wissen oder erahnen wir, das haben wir, wenn auch bruchstückhaft immer wieder erlebt.

Beim Schreiben dieser Predigt habe ich gemerkt, wie schwer es uns fällt, Liebe zu erklären, zu oft mischt sich in dieses Wort, die Bedeutung der körperlichen Liebe. Selbst wenn wir es nicht sagen, scheinen beide Bedeutungen des Wortes immer mit zu schwingen. Die Griechen hatten es damit einfacher; denn sie haben unterschieden zwischen dem Eros als der körperlichen Lust und agape als der Liebe, die unser Verhältnis zu anderen Menschen trägt. Diese Liebe ist es, von der Paulus in seinem Brief an die Korinther im 13. Kapitel schreibt.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Paulus malt hier ein Bild von der Liebe, das in seiner Großartigkeit nicht übertroffen werden kann. Ein Idealbild, das wir aber auch nicht erreichen können. Und das gibt er auch zu, wenn er sagt, dass wir immer nur Bruchstücke der Liebe und damit auch von Gott wahrnehmen können. Denn nur Gott ist für Paulus fähig zu dieser unbedingten Liebe zu dieser bedingungslosen Hingabe zu uns Menschen. Gott ist dieses Grundprinzip der Liebe. Und nur im Glauben können wir daran Anteil haben. Daher sehen wir nie die ganze Wahrheit, erleben wir nur bruchstückhaft, was Liebe heißen kann und daher wohnt in uns auch diese Sehnsucht nach der großen, nach der bedingungslosen Liebe. Ihr jagen wir nach. In dieser Suche gibt es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen.

Es gibt dabei kein Gewinnen und Verlieren, keine Hierarchie. Im Gegenteil: Paulus urteilt harsch über diejenigen, die geben ohne Liebe, die den größten Glauben haben ohne Liebe, die gar ihr Leben opfern ohne Teil an der Liebe zu haben. All das ist nichts wert. Denn auch der Glauben ohne Liebe, wird hart und selbstgerecht. ER teilt ein in richtig oder falsch; er nimmt den einzelnen ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten und engt sie ein. Die Weite der Hoffnung stirbt; denn ohne die Liebe fehlt auch unsere Möglichkeit, den anderen so sein zu lassen wie er ist, ohne zu Gleichgültigkeit zu werden. Wir können uns diese Nähe zu Gott nicht erarbeiten. In dieser Liebe gibt es keine Unterschiede, sie ist ein Geschenk.
Am ehesten können wir die Liebe, von der Paulus spricht, wohl erahnen, in der Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Menschen um uns herum wahrnehmen. Zeugen wir ihnen Respekt; achten wir ihre Meinung; behandeln wir sie liebevoll und vorurteilsfrei? Lassen wir einander Raum zur eigenen Entfaltung? Leben wir unsere Beziehungen, unsere Lieben nach diesem Muster?

Erst jetzt wird deutlich wie schwer uns gerade das fällt. Denn in unseren Beziehungen erleben wir oft anderes; da versuchen wir manchmal den anderen so zu formen, wie wir ihn oder sie gerne hätten. Da üben wir manchmal Macht aus, weil es einfacher ist, sich in seine Schmollecke zu setzen und zu warten, dass die andere wieder kommt. Selbst den ersten Schritt zum Reden zu machen, zum Klären von Streitigkeiten fällt schwer. Es bedeutet zu sagen; "ich habe einen Fehler gemacht, bitte verzeih mir!" Es gehört auch dazu, mich selbst zurück zu nehmen, und dem anderen Raum zu geben: Das heißt aber auch, mir den Raum zu nehmen, den ich brauche; Verantwortung für mein eigenes Tun zu übernehmen. Das kann nur geschehen in mühsamen Verhandlungen, in denen ich immer wieder neu meine eigenen Bedürfnisse mit denen meiner Lieben in Einklang bringe. Das geschieht am Arbeitsplatz, in Verhandlungen mit den Eltern, wie lange man abends wegbleiben darf, sowie in Liebesbeziehungen. Es ist mühsam und wird nicht immer mit Liebe gleichgesetzt, fehlt uns doch in der Regel das prickelnde Gefühl in solchen Verhandlungen. Daher fangen dann manche an, woanders nach der Liebe zu suchen. In unserer Sprachverwirrung von eros und agape in dem einen Wort Liebe fallen oft gerade jetzt in der Faschingszeit alle Schranken, suchen einige nach der schnellen Liebe, dem raschen Glück, so wie der junge Mann in "Pretty Woman". Doch anders als im Märchen gibt es da selten ein "Happy end", bleibt die Leere und geht die Suche nach der Liebe und dem Glück weiter. Sie drückt sich aus in der Wahl dieses Textes als Trauspruch vieler frisch Vermählter, als Konfirmationsspruch vieler Jugendlicher und lautet: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Es ist die Liebe, die zählt in jeder unserer Verbindungen. Versuchen wir sie zu leben.

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