Lichtblick

Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Predigttext erzählt davon, dass Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes auf einen hohen Berg steigt. Manchmal, in Gesprächen mit Menschen aus unserer Gemeinde, habe ich das Gefühl, dass generell die Beschäftigung mit einem Bibeltext oder das Hören einer Predigt vielen so vorkommt wie eine Bergbesteigung, wie eine Klettertour. Es ist nämlich bisweilen ganz schön anstrengend, wenn man so aus dem Alltag herauskommt, aus der Woche, die hinter einem liegt, und sich dann für ein paar Augenblicke mit etwas ganz anderem beschäftigen soll, nämlich mit einem Text, mit Bildern und Vorstellungen, die aus einer ganz anderen Welt zu stammen scheinen. Wie bei einer Bergtour muss man sich dazu erst einmal aufraffen, man muss sich alles, was unten ist, was einen beschwert, hinter sich lassen, und geht man einfach so, ganz unvorbereitet los, kann es sein, dass man unterwegs schlapp macht, dass man nicht vorankommt, dass man das Ziel nicht erreicht. Das kann beim Bibellesen genau so sein wie bei einer Bergbesteigung. Ganz schön anstrengend ist das, meinte neulich jemand nach der ökumenischen Bibelwoche, und heute, bei dem Evangeliumsabschnitt, der uns von der Verklärung Jesu erzählt, kann man das genau so empfinden, obwohl Evangelientexte im Allgemeinen leichter zugänglich und verständlich sind als beispielsweise die Texte des Apostel Paulus.

Was schwer zu verstehen ist, oder zumindest fremd und eigenartig anmutet, ist diese merkwürdige Erscheinung, die die drei Jünger da oben auf dem Berg haben, der bis heute Berg der Verklärung heißt, oder auch Berg Tabor, Har Tavor auf hebräisch. 600 m hoch, erhebt er sich steil über der fruchtbaren Ebene Jesreel im Norden von Israel. Wer auf diesen Berg will, muss ordentlich klettern, wenn er sich nicht mit einem Taxi hinaufbringen lässt. Von oben hat man einen grandiosen Blick über die Ebene, im Westen sieht man bis zum Mittelmeer, im Nordosten und Osten die Golan-Höhen bis hinein nach Syrien und über das Jordantal bis nach Jordanien. Seit Menschengedenken standen dort oben Burgen und Heiligtümer, und heute erhebt sich am höchsten Punkt des Berges eine Kirche, deren auffälliges Merkmal, wenn man von vorne herankommt, drei gleich gestaltete Giebel sind, die nebeneinander aufragen: Einer in der Mitte als Front des Kirchenschiffes, daneben zwei kleinere über den Türmen, aber nicht höher als der mittlere. Diese drei Giebel, die eher an Häuser erinnern als an eine Kirche, stellen die drei Hütten oder Zelte dar, die im Evangelium erwähnt werden. Hier ist gut sein. Hier wollen wir drei Hütten bauen, so sagt Petrus, dir eine, Mose eine und Elia eine.

Daran wird man erinnert, wenn man oben auf dem Berg angekommen ist. Doch das rätselhafte bleibt: Was hat es mit dieser Erscheinung auf sich, mit diesem Licht, mit diesen drei Gestalten, Jesus zwischen Mose und Elia, was soll die ganze Geschichte besagen?

Die Jünger wissen und verstehen das auch nicht, so erfahren wir. Sie fühlen sich einerseits so wohl, dass sie dort oben bleiben wollen, andererseits fürchten sie sich. Sie kommen sich wohl schon fast so vor wie im Himmel, da hoch oben, weit abgerückt allem menschlichen Tun und Treiben da unten. Hier ist alles ganz anders, hier ist nur Licht, so wie wir es auf dem Foto auf unserem Gottesdienstblatt sehen, weißes, gleißendes Licht, in das man gar nicht hineinsehen, ohne geblendet zu werden. Ist das ganze nur eine Erscheinung, eine Art Fata Morgana in dieser wüstenähnlichen Höhe, oder ist das Wirklichkeit? Wachen wir oder träumen wir, so mögen sich die Jünger gefragt haben. ?Verklärung Christi" steht als Überschrift über dieser Geschichte in meiner Bibel. Das Wort Verklärung wird heutzutage nur noch selten gebraucht. Doch was es bedeutet, können wir täglich sehen und erleben: Menschen, die irgend etwas bedeuten oder darstellen, werden von denen, die sie bewundern oder ihre Anhänger sind, regelrecht verklärt, sie werden ins Rampenlicht gerückt, sie werden in Szene gesetzt, sie werden groß herausgestellt. Bei Schauspielern und Idolen aus der Jugend- und Musikszene ist es dann auch noch oft die Kleidung und das ganze Outfit, dass sie zu strahlenden, umworbenen Lichtgestalten macht – auf der Bühne gelegentlich in künstlichen Nebel eingehüllt, was sie fast so ein wenig wie auf Wolken schweben lässt auf jeden Fall; auf jeden Fall wirken sie abgehoben und abgerückt von dem, was man selbst ist und aus seiner alltäglichen Umgebung kennt.

Verklärung bedeutet also: Jemand erscheint in einem ganz besonderen Licht. Verklärung ist also etwas ganz anderes als Erklärung. Verklärung bedeutet ganz und gar nicht, dass alles klar ist, sondern es bleibt eine Art Geheimnis um die Gestalt, die da im besonderen Licht steht, ob auf der Bühne oder in der Bibel. Bewunderung, Erstaunen, je Entsetzen gehen oftmals in eines, wenn man einer solchen Lichtgestalt begegnet. Wir kennen das von den Fans, die vor Verzückung in Ohnmacht fallen, wir hören das hier von den Jüngern, die vor Schreck hinfallen und wie geblendet sind. Die Erscheinungsformen von Verklärung und ihrer Wirkung auf Menschen mögen damals, zu biblischen Zeiten, ganz ähnlich gewesen sein wie heute, doch es gilt es nun herauszufinden, was diese Geschichte, diese wunderbare, geheimnisvolle Szene auf dem Berg Tabor, dem Berg der Verklärung, uns sagen will.

Dieser Geschichte unmittelbar voraus gehen zwei scheinbar ganz andere: Da wird zunächst im Kapitel 16 davon berichtet, dass Petrus sich sehr deutlich und feierlich zu Jesus bekennt: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Es ist das erste mal im Neuen Testament, dass dies von einem Menschen so klar gesagt wird. Darauf folgt die erste Leidensankündigung Jesu und sein Ruf zur Nachfolge, der das Bekenntnis des Petrus sozusagen wieder auf den Boden der Realität herunterholt. Wer sich auf die nachfolge einlässt, kann u.U. sein leben verlieren. Wer aber sein Kreuz auf sich nimmt, wird das wahre Leben finden.

Um Leben und Tod geht es also, wenn sich auf Jesus einlässt. Es geht ums Ganze. Dafür stehen die beiden Personen, die da auf einmal unvermittelt neben Jesus stehen: Mose und Elia. Doch so ganz unvermittelt treten sie nicht auf. Wer sich im Altentestament auskennt, für den sind die Namen Mose und Elia mit etwas ganz Besonderem verbunden: Von beiden wird nämlich nicht berichtet, dass sie irgendwann einmal alt und lebenssatt starben und von ihren Freunden begraben wurden, sondern dass Gott sie auf geheimnisvolle Weise zu sich nahm; den Mose nahm er auf einen Berg, und Elia (wie wir hier in Burgsteinfurt vor zwei Wochen so eindrucksvoll in der Vertonung des Mendelssohn-Oratoriums gehört haben) fuhr auf einem feurigen Wagen direkt in den Himmel. Mit beiden, mit Mose und Elia, haben seitdem die Menschen in Israel etwas Besonderes verbunden: Sie sind Vorboten des Messias, des Erlösers, und Berg und Himmel stehen dabei immer stellvertretend dafür, das solche Menschen, solche Boten einerseits selbst Gott besonders nahe sind, umgekehrt den Menschen aber auch Gottes Nähe vermitteln wollen.

Und zwischen diesen beiden steht nun Jesus – auf dem hohen Berg, in strahlendem Licht. Mi t dieser äußeren Beschreibung dessen, was eigentlich gar nicht zu beschreiben ist -denn die Jünger sind ja wie geblendet – wird deutlich vermittelt: Dieser Jesus ist der bereits im Alten Testament angekündigte Messias. Wie bei seiner Taufe am Jordan kommt eine Stimme aus der Wolke und proklamiert: ?Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen höre; den sollt ihr hören." Wie am Ostertag bei der Auferstehung stürzen Menschen von einem überirdischen Licht geblendet u Boden, und wie bei der Himmelfahrt, von der im Matthäusevangelium wieder ganz bewusst berichtet wird, dass sie auf einem Berg stattfand, werden die Jünger als zum Teil Glaubende, zum Teil Zweifelnde geschildert. Es ist und bleibt eben ein Geheimnis um das, was mit Jesus und durch Jesus geschieht.

Wem das zu hoch ist – eben wie bei einer anstrengenden Bergtour – dem kann geholfen werden. Denn das Ziel dieser biblischen Botschaft ist es ja eben nicht, Jesus als eine mystische Erscheinung irgendwo oben in einem Heiligtum zu verehren, wie man es von anderen Religionen her kennt, sondern Jesus selbst führt ja seine Jünger wieder vom Berg herunter, hin zu den Menschen, denen sie Gottes Botschaft verkündigen und denen sie helfen sollen. Das Geheimnis soll bei ihnen bleiben, sie sollen nicht davon reden, wohl aber von Gottes Liebe und Gottes Versöhnung. Das, was die Jünger gesehen haben, soll ihnen auf besondere Weise deutlich machen, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist, nicht irgendein guter, besonderer Mensch, keiner, über den man irgendwie verfügen könnte. Die drei Hütten auf dem Berg werden nicht gebaut, die Jünger können nicht da oben bleiben, obwohl es doch so überirdisch schön war, was sie gesehen hatten, nein, ihr Platz ist unten, da wo die Menschen sind, ihr Weg ist der Weg in die Nachfolge – mitten durch die Alltäglichkeiten und Konflikte und Gefahren des Lebens.

Das Wichtige dabei ist, dass Jesus auf diesem Weg vorangeht. Ohne ihn würden die Jünger abstürzen – beim Herabsteigen vom Berg wie auch sonst in ihrem Leben. Und bis heute gibt es genug Menschen, die abstürzen, die untergehen, die keinen Halt haben und keinen Weg vor sich sehen. Für sie alle – auch für Sie und mich – ist diese Geschichte dann nach Ostern von den Evangelisten aufgeschrieben und weitergegeben worden – damit auch wir uns daran erinnern, wer Jesus Christus eigentlich ist.

Die unbeschreibliche Beschreibung von der Verklärung Jesu könnte man vielleicht damit vergleichen, wie es einem Menschen geht, der jemanden hat, den er liebt, und von dem er einen Liebesbrief bekommen hat. Ein solcher Brief enthält womöglich auch Bilder und Worte, die man gar nicht beschreiben oder wiedergeben kann, und derjenige, dem diese Zeilen gelten, kann durch sie regelrecht in Verzückung geraten. Doch mit einem solchen Brief im Kopf oder besser im Herzen lässt es sich gut durchs Leben gehen – manchmal vielleicht wie auf Wolken, aber gerade auch auf den alltäglichen und bisweilen schwierigen Wegen. Diese kann man eigentlich erst dann gehen, wenn man weiß: Ich bin geliebt. Da ist jemand, der zu mir hält. Das will uns im Grunde genommen die ganze Bibel sagen, manche Geschichten tun es aber auf besondere und auch auf besonders schöne Weise, wie diese geheimnisvolle Geschichte über die Verklärung Christi.
Es ist wichtig, dass wir Menschen dies begreifen und akzeptieren, dass es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können. Genau so wichtig ist es aber für uns als Christen, dass unser Glaube uns nicht bei der stillen Betrachtung solcher Geheimnisse belässt, sondern uns sozusagen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückführt – und auf den Weg mitnimmt, den Jesus mit seinen Jüngern geht, herunter von Berg dahin, wo die Menschen leben und arbeiten, sich lieben und streiten, wo gelacht und gekämpft wird. Da ist der Platz und Auftrag der Jünger, da ist auch unser Platz und Auftrag in unserer Zeit. Ob wir heute Abend (heute Morgen) an persönliche Aufgaben und Herausforderungen denken, oder an die Münchner Sicherheitskonferenz, die zur Zeit tagt und in der auch ein Stück weit über Krieg und Frieden entschieden wird – nicht nur für das Gebiet des Irak, sondern weit darüber hinaus bis hin zu uns – dies eine sollte uns klar sein, durch die Geschichte von der Verklärung Jesu geklärt sein: Nicht wir sind die Herrn der Welt, sondern Gott. Wir mit unseren Möglichkeiten mögen die Welt verändern, sie wird doch Gottes Welt bleiben. Wir mögen jämmerlich scheitern und versagen, aber Gott bleibt doch der, der uns liebt. Was aber nicht bedeutet, dass wir alles beim Alten belassen könnten, oder dass wir meinen, wir müssten alles auf den Kopf stellen, und schon gar nicht, es wäre alles ganz egal – wir als Christen haben nach nichts anderem zu fragen als danach, wohin uns Jesus Christus führt und wozu er uns beruft.
Auf das großartige Bekenntnis des Petrus folgt die Leidensankündigung, auf die Verklärung auf dem Berg folgt die Ernüchterung unten im Tal. Beides gehört zusammen, beides macht den Rahmen unseres Lebens aus, in dem Gottes Wort uns erreicht und uns zu ganz neuen Menschen machen will, zu geliebten, starken und aufmerksamen Menschen, zu Menschen voller Glück, so wie die Jünger auf dem Berg, aber nicht blind für das Unglück anderer, voller Kraft, aber zugleich aufmerksam für die Schwächen der Menschen und Verhältnisse, voller Frieden, aber nicht unempfindlich für Unfrieden und Gewalt. Der Geschichte von der Verklärung ist wie ein Lichtblick, der uns Mut macht, Dunkelheiten entgegenzusehen und selbst Lichtbringer zu werden.

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