Licht sein – Licht werden (und nicht umgekehrt)

Liebe Gemeinde!

Wer von Ihnen Holland kennt weiß, dass man dort am Abend an Häusern vorbei spazieren, und einen offenen Blick in Wohnzimmer und auf die darin lebenden Menschen nehmen kann. Es gibt weder Vorhänge noch Rollo. Schaufenstern gleich steht privates Leben zur Einsichtnahme offen bereit. Diese Tradition ist Botschaft: Brave, gute Bürger – meist calvinistisch geprägt –haben nichts zu verbergen.
Sind das die „Kinder des Lichts“, die in unserem Bibeltext vorkommen? Gute Bürger braver Gesinnung, die der Öffentlichkeit präsentieren, dass sie keinen anrüchigen Fernsehkanal aufgerufen haben und sich im Wohnzimmer keine Wortgefechte liefern. Ist das die Botschaft?: „Schaut her, wir haben keine Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis. Nichts bei uns ist heimlich. Prüft uns ruhig mit neugierigem Blick. Doch was schändlich wäre, findet ihr nicht bei uns.“ Ähnlich offene Einblicke bieten auch manche Häuser in Schleswig-Holstein.

Müsste also das Ziel dieser Predigt sein, Ihnen, liebe Schwestern und Brüder in Christus, eine Übernahme dieser norddeutsch-niederländischen Tradition nahe zu legen? Lebt als „Kinder des Lichts“ in lauter „Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“. Muss ich textgehorsam ins Gewissen reden?: „Spendet. Trennt Abfall. Abneigt euch dem Mammon. Unterschreibt Aufrufe. Schützt Wale gesinnungsmäßig. Meidet „Gen-food. Hasst Konzerne. Wehrt der Globalisierung. Lehnt „Harz IV“ ab.“
Dann, erst dann, wenn ihr das erfüllt, dann seid ihr „Kinder des Lichts“. Dann, erst dann, wenn ihr so denkt und handelt, habt ihr auch das Recht, eure Gesinnung stolz im offenen Licht den vorbeigehenden Menschen zu zeigen.
Und während des Predigers Gedanken Leitern entwerfen, und Sprosse um Sprosse mit ethischer Forderung beschriften, um der hörenden Gemeinde den Weg in den Himmel auf Erden zu weisen, flüstert der biblische Text: „Schon unten bist du Licht, und nicht erst dann, wenn du das Ziel erreicht hast oben.“

Darf ich den ersten Vers unseres Textes noch einmal wiederholen: „Nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ Ihr seid. Das ist Seinszusage, nicht Forderung. Ihr seid. Das ist Zuspruch, nicht Ermahnung. Ihr seid, das ist Wertangabe vor Eröffnung der Börse.

Dieser Einwurf mag Ihnen nun spitzfindig erscheinen und doch ist er von theologischer Bedeutung. Im Studium lernte ich einst: Das Wesen des Evangeliums ist Zusage, nicht Forderung.

Ein abstrakter Satz. Doch folgen wir seiner Spur. Denn bislang hatten wir doch den Eindruck gewinnen müssen, Licht zu sein ist etwas, was ich mir erwerben oder verdienen muss.

Ein Herr sagte mir anlässlich eines Geburtstagsbesuches und in Schilderung seines Lebenslaufs:“ In meiner Firma war ich nur ein kleines Licht.“ Eine Dame sagte mir kürzlich: „Ich bin schon so alt und längst überflüssig. Mein Lebenslicht hält nicht mehr lange an.“

Andere mögen „Licht“ sein, doch dies von mir selbst zu denken, gilt geradezu als überheblich. Da mag die Bibel zwar rufen „Stellt euere Licht nicht unter den Scheffel“, aber geeinigt haben wir uns stillschweigend darauf, dass wir letztlich ohne Bedeutung und Wert sind. Und wer das eingesteht, mag gar noch als besonders fromm gelten.

Ist das wirklich ein christliches Denken von Gott und Mensch: Ich nichts – Die andern alles? Ich ein Wurm – Gott aber die Größe?

„Ihr seid Licht“, flüstert die Bibel. „Du bist Licht“.

Wollen wir diesem Raunen Gehör schenken? Ich weiß, es fällt Ihnen viel leichter, von anderen zusagen, wie gut und toll und unersetzlich sie sind. Wir können leicht für andere, sagen, wie „hell“ sie sind, das gleiche aber kaum oder nur schwer für uns selbst.

Und doch wagen wir es jetzt, den biblischen Zuruf vorsichtig und zaghaft zu bedenken. Die schlimmste „Gefahr“ besteht darin, dass er uns erreicht.

„Ich bin Licht.“ Bleiben wir gleich bei Menschen älterer Generation. Könnte „Licht“ sein nicht dieses heißen: In mir ist die Vergangenheit, in mir sind alte Zeiten heute noch präsent. Stundenlang konnte ich als Kind den Alten in unserer Familie zuhören, wenn sie von „früher“ erzählten. Geschichten von Krieg und Flucht füllten unvergessliche Abende.

Sehr anschaulich konnte eine Großtante davon berichten, wie sie das erste Auto erblickte und wie es war, als endlich Strom ins Haus kam. „Erzählt von früher“, bitten viele Kinder ihre Eltern. Wohl weil sie spüren, dass ihr eigenes Lebenslicht nicht nur biologisch in den Lauf der Zeit, sondern auch historisch eingeordnet ist. Dass ich bin ist doch nur möglich, weil vor mir andere sind und waren. Sie werden mir zum Licht, indem sie mich an ihrer Lebenseinsicht und Weisheit Anteil geben. Ich weiß, wenn mal allzu jung ist, schätzt man die Erkenntnisse der Altvorderen oft viel zu wenig. Doch dadurch sollte man sich nicht entmutigen lassen.

Die Älteren in den Familien sind auch darin Licht, wenn sie die Familie zusammenhalten. Sie haben doch ein Wissen um die Zusammenhänge, um die Verwandtschaft. Sie haben natürlich auch ein Wissen um vergangene Geschichten, die sich mal als Schicksalsroman, mal als Krimi, mal als Komödie darstellen ließen. Wie schade ist es, wenn man statt Licht, die Finsternis alter Tragödien täglich neu beschwört. Wie schade ist es, wenn man, statt Licht zu sein, mit Argusaugen darauf wacht, dass die ehedem gesprochenen Verbannungen und Trennungen je und je aktuell gehalten werden.

Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.
Licht zu sein, muss ich mir nicht verdienen. Gott spricht es mir zu: „Du bist Licht.“ So werde es auch und leuchte.

Wir könnten nun durch die Generationen hindurchgehen. Und wir würden entdecken, dass Kinder Licht sind, indem sie der Zukunft zustreben. Wir würden entdecken, wie Ehepaare füreinander Licht sind, und nicht nur Sirene oder Blitz mit Donnerschlag.
Und dann könnten wir den Bereich der Familie verlassen, und durch unsere Stadt gehen.

Aber halt, hier geraten wir dann doch dazu, ein allzu idyllisches Bild zu malen. Und der Bibelvers „Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ geriete uns so süß, dass darüber unsere Zähne faul würden.

All unser Wissen um die Finsternis in mir selbst, um die finsteren Ecken unserer Stadt; all unser Wissen um die Finsternis dieser Welt ist wahr und entwertet dennoch nicht den Zuspruch Gottes, Licht zu sein. Wenn wir denn dazu bereit sein, zu werden, was wir vor Gott schon sind.

Philosophisch gesprochen hieße es, aus dem Sein das Sollen zu vernehmen. Unser Bibeltext bringt daher auch Forderung zur Sprache: „Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist.“ „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis“.

Stellen sie sich doch einmal vor, sie würden in Holland leben. Sie säßen in ihrem Wohnzimmer, mit der Bibel auf dem Schoß und machten sich Gedanken über diese beiden Verse, den von der Prüfung, und den mit der Warnung vor finsteren Werken. Was von ihrem Leben, was von ihrer Gesinnung, was von ihrem Tun würde ins offen einsehbar Wohnzimmer passen? Wie viel Keller und wie viel verborgene Räume enthält ihr Leben, „davon auch nur zu reden schändlich ist“?

„Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.“ Ich war- ich bin – ich lebe. Diese drei einfachen Stufen zu nehmen, durch diese drei Türen zu gehen, lädt Paulus uns ein zur Nachfolge Christi.

„Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

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