Licht, Leben und Liebe

Liebe Gemeinde!

Sie halten in ihrer Hand ein Bild. Der Arzt, Theologe und Künstler Kurt Reuber hat diese Kohlezeichnung auf der Rückseite einer russischen Landkarte gemalt. Umrahmt ist das Bild auf der linken Seite – vom Betrachtenden aus gesehen – mit der Situationsbeschreibung: "1942 Weihnachten im Kessel Festung Stalingrad" und auf der rechten Seite skizzieren drei Worte die Botschaft: Licht Leben Liebe. Hier wird sehr schön eindrücklich die biblische Botschaft erzählt, dass Gott inmitten unsere konkrete Lebenswelt tritt. Er scheut sich nicht, sich in die Tiefe menschlicher Not und Ausweglosigkeit zu begehen. Er scheut sich nicht, sich der Not der Menschen anzunehmen. Er bringt mit sich Licht Leben Liebe. Darin liegt das göttliche Geschenk an uns Menschen. Natürlich ist 59 Jahre nach Stalingrad unsere Situaution eine völlig andere. Wir sind nicht wie die Soldaten damals eingekesselt in aussichtsloser Lage. Und doch gibt es Situationen, in denen wir eingekesselt sind: Unsere Gedanken kreisen immer wieder um das Warum geschieht mir das? Wir werden nicht fertig mit einer ungelösten Sinnfrage, mit eine nicht bereinigten Schuld zwischen einem anderen und mir. Wir sind nicht wie die Soldaten damals ausgeliefert an Kälte und Hunger, an die Übermacht des Feindes. Und doch gibt es Situationen, in denen wir uns hilflos ausgeliefert fühlen: Da werden wir manipuliert, da werden wir ausgenutzt, da werden wir zurückgesetzt. Wir sind nicht wie die Soldaten damals ausgesetzt dem täglichen Kampf um Leben und Tod. Und doch gibt es Situationen, in denen wir ausgesetzt sind: dem Kampf gegen den Krebs oder eine andere Krankheit, dem Kampf fürs Leben, der oft verloren wird. Auch uns – in welcher Situation wir uns befinden – gilt als Richtungsweiser die Botschaft: Licht Leben Liebe.

1. "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh.8,12)
In Jesus Christus haben wir eine gute Orientierung für unseren Lebensweg, so sagt es die Bibel, so erzählt das Bild. Er will uns wie ein Licht die Finsternis unseres Lebens erhellen. Er tut es nicht dadurch, dass er alles grelll ausleuchtet. Er tut es, in dem er uns sein warmes Licht der Ermutigung schenkt. Er ermutigt uns, das Licht anzunehmen, in dem er sich uns schenkt. Er ist nicht das Kind in der Krippe geblieben. Er ist erwachsen geworden, er hat das Licht den Menschen in ihrer Not angezündet, dem Blinden das Augenlicht, dem Zöllner seine Zuwendung geschenkt, so dass ihm ein Licht aufging. Er ist ans Kreuz gegangen und gestorben und hat mitten in der Trostlosigkeit Licht geschenkt, in dem er zu seiner Mutter gesagt hat: "Frau, siehe, das ist dein Sohn!" (Joh.19,26) und zu dem Jünger neben ihr: "Siehe, das ist deine Mutter!" (Joh.19,27) Und er ist auferstanden und aufgefahren zum Vater, damit wir erkennen können, dass sein Licht selbst die Todesfinsternis durchstrahlt. Und wenn ich mich hier im Gottesdienst umschaue, dann ahne ich auch hier einiges davon, dass etliche gekommen sind, nicht weil es ihnen zu gut geht, sondern weil sie schwere Lasten tragen, weil sie stumme Fragen haben: Wo bist du in umserem Leid? Wo ist dein Licht in meiner Not? Und ich antworte: Seht auf die Kerzen als Zeichen für die Lebendigkeit Jesu, schaut auf das Osterlicht, das verkündet. "Ich lebe, und ihr sollt auch leben." (Joh.14,19) In dem französischen Lied, das früher Franz von Assisi zugeschrieben wurde, heißt es: "O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens …, das ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert… Denn wer hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergißt, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben." (EG 875)

2. "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Joh.14,6)
In Jesus Christus haben wir eine gute Orientierung für unseren Lebensweg, so sagt es die Bibel, so erzählt das Bild. In den vergangenen Woche habe ich in einigen Gemeinde-kreisen das Labyrinth aus der Kathedrale von Chartres betrachtet. Es zeigt sehr schön, wie verschlungen der Weg von außen nach innen, vom Anfang zur Mitte ist. Als Betrachter kann ich es insgesamt überschauen. Doch wenn ich mich mitten drin befinde, nur bis zur nächste Kehre schauen kann, dann erscheint mir alls rätselhaft und mnchmal sinnlos. Dann frage ich mich: Wohin gehen wir? Wohin geht die Geschichte der Menschheit? und auch die persönliche Frage: Wohin gehe ich? Die Antwort heißt immer ins Licht zu Gott. Dieser Weg zu Gott ist manchmal schwer zu finden, und manchmal führt er durch Verzweiflung und Leid. Aber mit der Orientierung an Jesus Christus führt er immer zu Gott und damit auf ein Ziel,das weit über die Spanne unseres kleinen Lebens hinausführt. Und deshalb dürfen wir auch für die Geschichte der Menschheit und unserer Welt hoffen, dass sie letztlich nicht in die Katastrophe, sondern zu Gott führt.

3. "Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!" (Joh.15,9) In Jesus Christus haben wir eine gute Orientierung für unseren Lebensweg, so sagt es die Bibel, so erzählt das Bild. Jesus Christus hat uns gesagt, wie wir uns verhalten können und unsere Probleme im Zusammenleben lösen können. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" hat er gesagt. Genau so können wir mit anderen zurechtkommen, indem wir auf Gegenseitigkeit achten. Den anderen lieben und etwas dafür tun, dass es ihm gut geht, aber auch uns selbst lieben und für uns selbst sorgen. Und das im Gleichgewicht halten. So kann es gehen. Oder, "wenn euch jemand (ein römischer Soldat) zwingt, sein Gepäck eine Meile weit zu schleppen, dann schleppt es zwei." sagt Jesus und meint damit: Wahrt eure Freiheit, auch wenn ihr denkt ihr habt gar keine mehr. Lasst euch nicht in einen Kampf hineinziehen, den ihr nicht gewinnen könnt. Draufhauen und zurückhauen sind nicht die einzigen Möglichkeiten, zu leben. Nutzt eure Phantasie Konflikte zu entspannen. Verzichtet auch einmal (nicht immer) auf ein Recht und seht, ob damit etwas in Bewegung kommen kann. Riskiert auch einmal etwas für eine gute Sache. Das sind wichtige Hinweise, wie wir heute in eine Richtung leben können, dass auch unsere Kinder und Enkel noch eine Zukunft haben.

In der Hand halten Sie das Bild von Kurt Reuber, das Arno Pötzsch in seinem Buch Die Madonna von Stalingrad (1953) sehr treffend beschrieben hat:

Lichtlos die Nacht, die Herzen hasserregt,
das arme Leben schon in Todes Hand –
das ist die Welt, in der die Männer feiern …
Und einer wagt’s und glaubt für sie an Gott,
reißt ihre Blicke hin zu diesem Kind,
weil Gott die Welt will in dem Kind erneuern.

Das wünsche ich uns allen: einer wagt und glaubt an Gott. Das wünsche ich uns allen: den Blick auf Jesus Christus, der Licht, Leben und Liebe schenkt. Dass wünsche ich uns allen: die Begleitung und den Beistand Gottes.

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