Leidensgemeinschaft mit Christus?!

Liebe Gemeinde!

Man hat dem Christentum, und ganz besonders den Protestanten, ja immer wieder vorgeworfen, dass sie das Leiden verherrlichen. So sagt z.B. Martin Luther: "Leiden, leiden, Kreuz, Kreuz" das ist für Christen recht, das und nichts anderes!? Und mit dieser steilen Aussage ist er nicht allein – es gibt jede Menge Äußerungen, die in eine ähnliche Richtung gehen. Viele davon stammen aus der protestantischen Theologie – wenige aus der katholischen. Woran liegt es?

Genau weiß ich es freilich nicht. ich weiß aber, dass zumindest Martin Luther eine große Vorliebe für alles hatte, was der Apostel Paulus geschrieben hat. Paulus hat ihm zu der Erkenntnis verholfen, dass wir einen gnädigen Gott haben. Paulus hat aber auch einiges geschriebgeschrieben, was in eine ganz andere Richtung geht. Einiges, was sicher nicht ganz unschuldig daran ist, dass Leiden tatsächlich manchmal ziemlich hochstilisiert wurde. So z.B. in seinem zweiten Brief an die Korinther. Da schreibt er:

[TEXT]

"Leidensgemeinschaft mit Christus" steht als Überschrift über diesem Text in der Lutherbibel. Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen auch wegen diesen Worten tatsächlich denken oder gedacht haben: Wer ein rechter Christ sein will, der muss das Leiden in der Welt auf sich nehmen. Im Extremfall vielleicht sogar suchen.

Damit hab ich aber ehrlich gesagt meine Schwierigkeiten. Zum einen finde ich nicht, dass wir ddie Schwierigkeiten und Probleme suchen sollen, und sie uns mit Absicht aufhalsen sollen. Zum anderen steht in Paulus‘ Worten auch noch einiges andere drin, das eben das Gegenteil sagt: Nicht Leiden ist der Lebensinhalt der Christen. Sondern vielmehr Leben mit dem "Schatz", den wir von Gott geschenkt bekommen haben. Das aber wird oft unterschlagen – oder auch verdreht, etwa so: Wer sich in Leiden bewährt, der bekommt eine Belohnung von Gott. Paulus schreibt es aber genau anders herum: Gott schenkt uns seinen hellen Schein, der die Finsternis aus den Herzen vertreiben kann, zuerst! Alles, was danach kommt, geht von der Voraussetzung aus, dass wir Gottes Geschenk schon haben. Was nach diesem Gottesgeschenk kommt – das sind allerdings oft genug Schwierigkeiten in unserem Leben, und das ist der Punkt, an dem ich auch ziemlich hänge.
Jeder von ihnen kennt die Frage: Wenn es Gott doch gibt, wenn er für uns sorgen will – warum passieren dann ständig schlimme Dinge? Warum werden Menschen schwer krank, sterben Kinder, gibt es Kriege etc.? Gott müsste das doch verhindern können! Oder ist Gott etwa für dieses Leid verantwortlich?

Manche glauben das in der Tat so. Ein Beispiel dazu aus Kenia: Eine kenianische Studienkollegin hat mir einiges erzählt über das religiöse Leben in ihrem Land. Vielerorts, vor allem im ländlichen Bereich, leben die Menschen dort nach ihren Traditionen, auch mit ihrer eigenen Religion. Das Christentum wird aber immer populärer: Zum einen ist es "schick", sich am Westen, bzw Europa und Nordamerika, zu orientieren. Zum anderen aber gibt es auch einige Kirchen, die versprechen: Wenn du an Gott glaubst und dich unserer Kirche anschließt, dann wirst du nie mehr leiden! Diese Kirchen versprechen Befreiung aus allem Elend dieser Welt, aus Armut und ArbeitslArbeitslosigkeit. Sie versprechen auch Heilung vor allem von AIDS, das in Ländern wie Kenia eine ungeheure Ausbreitung hat und sehr bedrohlich ist. Das alles wird versprochen – wenn der betreffende nur richtig an Gott glaubt. Jede dieser Kirchen hat auch ihre Erfolgsgeschichten von Menschen, die es geschafft haben. Und so haben sie in manchen Gebieten erstaunlichen Zulauf – vor allem auf dem Land, wo die Not besonders groß ist.

Nur klappt das natürlich trotzdem längst nicht für alle. Auch wenn diese Kirchen tatsächlich versuchen zu helfen – in sehr vielen Fällen kommen die Menschen aus ihrer Not nicht raus. Wenn sie das merken, ist zunächst mal die Enttäuschung groß. Dann aber denken die Menschen meistens: "Mir geht es schlecht. Also muss ich etwas falsch gemacht haben. Gott bestraft mich." Oder aber auch ganz schlicht: "Gott mag mich nicht. Ich weiß nicht, warum, aber er kümmert sich nicht um mich." In beiden Fällen ist es jedenfalls sinnlos, gegen das Unglück etwas zu unternehmen. Wenn man Gott gegen sich hat, dann kann man gar nichts machen. Und diese Kirchen unternehmen auch nichts gegen diese Einstellung, im Gegenteil – sie wird z.T. sogar noch gefördert, denn mit der Not der Menschen lässt sich auch einiges an Geschäften machen. Es könnte ja sein, dass Gott sich einem wieder zuwendet, wenn man nur genug spendet…. Meine kenianische Freunden hielt von diesen Kirchen nichts. Zu recht. Auch Paulus hätte davon vermutlich nichts gehalten.

Denn wie anders klingt das, was er schreibt! Ich kann mir fast schon das spitzbübische Grinsen vorstellen, wenn ich lese: "bange ist uns schon – aber verzagt sind wir nicht!"

Es ist tatsächlich paradox, was Paulus da sagt: Angst hab ich einerseits schon – aber fürchten tu ich mich deshalb noch lange nicht.

Paulus nimmt hin, was an Schwierigkeiten auf ihn zukommt. Aber er resigniert nicht. Er gibt wohl zu, dass es eine ganze Menge Dinge gibt, die einem Angst einjagen können und das Leben schwer machen. Ich gehe auch davon aus, dass er nicht gerade begeistert war, wenn da schon wiewieder was neues auf ihn zukam und er eigentlich schon genug andere Probleme am Hals hatte.
Paulus nimmt Leiden hin als Bindeglied zu Jesus Christus. Das klingt schon wieder ziemlich steil, ich weiß. Aber er geht dabei von anderen Voraussetzungen aus als diese Kirchen, die ich vorher erwähnt habe. Paulus geht davon aus: Wir haben von Gott schon ein großes Geschenk bekommen. Sein Licht, seine Liebe, die ist immer bei uns da, und die verschwindet auch nicht, wenn wir in Schwierigkeiten geraten.

Trotzdem kann man sich fragen, wieso nun eigentlich gerade das Leiden ein Bindeglied zu Jesus sein soll.

Ich denke, es hat etwas mit Jesus Christus und seiner Botschaft zu tun. Jesus hat nie den einfachen Weg verkündet. Er hat nie gesagt: Wenn ihr an mich glaubt, dann seid ihr alle Probleme los. Selbst ist er Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen. Und seine Zielgruppe, das waren ja auch nicht die, die schon alles hatten, sondern die Menschen, die Probleme hatten. Denen hat er verkündet, dass Gott gerade für sie da ist. Wer es schwer hat, der darf zu Gott kommen – und nicht: Wer es schwer hat, der wird offensichtlich von Gott bestraft.

Paulus spricht von dem "Schatz in irdenen Gefäßen", den wir haben. Für mich stehen diese "irdenen Gefäße" für unser Leben. So ein Tongefäß kann ja leicht mal eine Macke kriegen oder auch ganz kaputt gehen. Ähnlich angefochten und bedroht ist unser Leben manchmal. Wir haben Schwierigkeiten, wir haben Probleme, die uns manchmal über den Kopf zu wachsen drohen. Ich hätte es gern anders, für uns alle. Und ich frage durchaus auch manchmal: Wo ist denn in dem allem Gott? Ich finde ihn nicht immer. Aber oft stelle ich irgendwann doch fest: in den Scherben, in dem, was kaputt ist – leuchtet noch immer ein Licht. Manchmal merkt man es auch erst sehr viel später: Da war etwas, das dazu geholfen hat, dass ich auch in dieser extremen Situation durchgekommen bin. Vielleicht klingt das jetzt wieder nach Vertröstung. Ich weiß, dass die Gefahr groß ist. Es kann leicht so werden, dass man sagt: Ach komm, Kopf hoch, das wird irgendwann schon wieder. So will ich es nicht verstanden wissen. Ich will, dass die Not in vollem Umfang anerkannt und registriert wird. Aber Gott geht gerade zu den Benachteiligten, zu denen, die in Not sind. Christus hat sich nicht an die Reichen gewandt, sondern an die Aussätzigen, die Besessenen, die Ausgeschlossenen. Wer in Not ist, gehört dazu. Deshalb braucht sich niemand zurückziehen, der in Not ist, sondern er hat in der Gemeinde seinen Platz und das Recht, seine Not auch deutlich zu machen. Und wer es besser hat, der braucht sich von der Not nicht abwenden, sondern kann das eine dazu tun, dass es wieder besser wird. Niemand braucht resigniert sagen: Gott straft mich; oder Gott mag mich nicht. Doch. Im Leiden und in der Not ist Gott da und lässt sein Licht strahlen. Und ich wünsche uns allen, dass wir das nicht nur als billigen Trost verstehen müssen, sondern es wirklich erfahren können.

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