Leid tragen

"Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten", das sind starke Worte, die Jesus da spricht. Worte auch, die immer wieder zu Missverständnissen geführt haben, seit es christliche Gemeinden gibt. "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst", ist damit gemeint, dass Christen sich verstellen sollen, dass sie heucheln sollen, dass sie ihre Persönlichkeit verbiegen müssen? Ich hatte darüber erst vor kurzem eine Diskussion mit einem Psychiater. Der war der Auffassung, die ganze Kreuzestheologie sei dazu geeignet, Menschen nicht gesund, sondern krank zu machen. Es werde verhindert, dass ein Mensch sich selbst, so wie er ist, mit all seinen Eigenheiten, annehmen könne, dass er sich selbst achten könne – und so könne sich die Persönlichkeit nicht mehr gesund entwickeln.

"Ich habe in meiner Praxis schon so viele gestörte Persönlichkeiten gehabt, die aus dem inneren Feld christlicher Gemeinden kommen, dass ich manchmal denke, das Christentum müsse sich von Kreuz losmachen, um die Religion sein zu können, die es doch eigentlich sein will, eine Religion der Liebe und der Freiheit von Schuld.", sagte er. Ich bin erschrocken – ein Christentum ohne Kreuz wäre ja eben kein Christentum mehr, dachte ich sofort. Mein Gesprächspartner erklärte mir, dass doch durch die dauernde Rede vom armen elenden sündigen Menschen sich Schuldgefühle so tief einprägen könnten, dass die Vergebung und Befreiung gar nicht mehr wahrgenommen werden könne.

Nun möchte ich dem Seelenarzt nicht unterstellen, dass er völlig unrecht hatte, gewiss sind christliche Kreise vielfach Zufluchtsort für Menschen, deren Seele krank ist und die dann vielleicht zusätzlich auch ärztlicher Hilfe bedürfen. Aber wenn das "Aufnehmen des Kreuzes" missverstanden wird als Verbiegen der eigenen Persönlichkeit, dann ist etwas schiefgelaufen bei der Vermittlung der Botschaft. Gerade in unserem heutigen Predigttext gibt es doch auch diesen einen Satz, von dem gewiss jeder von Ihnen in seinem Leben auf unterschiedliche Weise erfahren konnte, wie wahr er ist:

Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?

"Schauen Sie, Sie sind doch so ein intelligenter Mensch, Ihnen stehen alle Wege offen. Müssen Sie denn unbedingt zur Kirche halten? Denken Sie doch ein bisschen fortschrittlicher", solche Reden haben meine Bekannten zu DDR-Zeiten oft gehört und damit leben müssen, dass sie eben nicht studieren durften, was sie wollten oder dass ihre Kinder nicht zur Oberschule gehen durften. Einige, die mit mir befreundet sind, haben ihr Kreuz auf sich genommen und eine Menge riskiert. Sie sind nicht passiv geblieben und nicht mitgelaufen, sie haben sich unangepasst verhalten – genau das ist es, was Jesus in seiner Nachfolge von uns fordert. Er selbst redet ja fast peinlich "frei und offen", gerade heraus, ohne diplomatische Winkelzüge.

Petrus sehen wir in dieser Geschichte in einer Position, in die wir uns gut hineinversetzen können: "Du musst das doch nicht so laut vor aller Welt rausposaunen, das ist gefährlich", so ist seine Haltung, als Jesus öffentlich das ungeheuerliche Wort von seiner bevorstehenden Hinrichtung und Auferstehung äußert, ja, die noch beim Namen nennt, die sein ganzes Wirken als einzige Herausforderung begreifen, die Vertreter der Amtskirche. Petrus versucht in gutgemeinter Vorsicht und Sorge um den Freund, zu verhindern, was der Auftrag Jesu ist: Notwendigerweise zu sterben. Jesus hat in diesen Weg bereits eingewilligt, und er muss den Beschwichtigungsversuch des Petrus empfinden als Angriff auf seine Treue zu Gott. Daher das harte "Geh weg von mir, Satan!"

Aber Jesus ist doch ein für allemal für uns gestorben und auferstanden, warum sollen wir dann auch noch einen Leidensweg gehen? Das hat beispielsweise Dietrich Bonhoeffer, den großen Theologen und Widerstandskämpfer des 20. Jahrhunderts, sein kurzes Leben klang intensiv beschäftigt. In seinem Buch "Nachfolge" befasst sich Bonhoeffer fast ausschließlich mit den Bedingungen für die Nachfolge Christi. Und konsequent ist er dann selbst den Weg gegangen, bis in den Tod.

Unanfechtbar steht fest, dass das, was am Kreuz im Zeichen der Gnade geschah, Ausschließlichkeitscharakter hat. Niemand von uns kann diesen Weg Jesu nachgehen in der gleichen Mission. Aber dennoch wird dieser Weg zum Urbild für viele spätere Wege von Menschen, die sich in den Dienst der Nachfolge Jesu gestellt haben. Und zwar deshalb, weil die Treue zu Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, es verlangt. Die gelebte Haltung Jesu, also Gewaltverzicht, Demut, Leidensbereitschaft und Nichtanpassung, ist schlichtweg so provokativ für die Welt, dass Christen immer wieder vor die Alternative gestellt werden: Flüchten oder standhalten? "Flüchten", das hieße, sich zurückziehen in seinen privaten Kreis oder auch Kompromisse eingehen, wenn es gerade nicht opportun ist, seine Kirchenzugehörigkeit offen zuzugeben. Das fängt schon bei ganz kleinen Kompromissen an. Beispielsweise dann, wenn Familien, die normalerweise ein Tischgebet sprechen, darauf verzichten, wenn sie im Restaurant sind, weil sie denken, scheel angesehen zu werden.

Ich bin zwar in der alten Bundesrepublik aufgewachsen, wo die Mehrheit der Bevölkerung zur Kirche gehört – aber ich habe mich manchmal auch geschämt, zuzugeben, wohin ich gehöre. Zum Beispiel während meines Studiums, als ich in einem Studentenlokal als Kellnerin arbeitete, um meine knappe Kasse aufzubessern. Gefragt, was ich denn studiere, erntete ich bei "Theologie" meist blöde Witze oder Gelächter oder überhebliche Sprüche. Ich habe dann nur noch mein anderes Studienfach, die Germanistik, zugegeben. Ich habe nicht mich, sondern Jesus verleugnet, ohne mir dessen bewusst zu sein.

38 "Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln."

Den Satz kannte ich wohl. Mein Konfirmationsspruch heißt: "Ich schäme mich des Evangeliums Jesu Christi nicht", und ich glaube, unser Pfarrer hat ihn damals ausgesucht, weil er meine Schwäche recht früh erkannt hat: Ich habe mich allzu leicht geschämt dafür, dass meine Mutter jeden Morgen an der Haustür mit mir gebetet hat, wenn ich zur Schule ging, auch, wenn schon andere Kinder auf mich warteten. Ich habe mich geschämt für meine "eins" in Religion und später dafür, dass mich meine Kollegen in der Zeitungsredaktion "Schwester Martha" nannten. Manchmal, so meine persönliche Lebenserfahrung, muss man es erst erleben, dass man Schaden nimmt an seiner Seele, um dann bereit zu sein, sein Kreuz auf sich zu nehmen. Und dann wird man erfahren, dass Leiden nur vorübergeht, indem es getragen wird. Und auch, dass gerade dann, wenn wir glauben, zusammenbrechen zu müssen, wir plötzlich die Nähe und die Gemeinschaft unseres Herrn besonders spüren und Kraft genug erfahren, auch die Last anderer noch mitzutragen.

Manchmal kann uns ein Leiden, das uns auferlegt wird, völlig absurd, völlig unmenschlich, widersinnig und unverständlich erscheinen – aber wir gehen eben nicht unter selbstgemachten Lasten, sondern, wie es Bonhoeffer ausdrückt, "unter dem Joch dessen, der uns kennt und selbst mit uns unter diesem Joch geht."

Ich denke hier aber auch an die Geschichte unserer evangelischen Kirche in Deutschland. Wie oft waren doch Theologen Teil einer staatstragenden Schicht und sind Kompromisse eingegangen, die sehr fatale Folgen hatten. Jahrhunderte lang haben sie gestritten über "gerechte" und "ungerechte" Kriege und haben sich von Mächtigen vor ihre Karre spannen lassen, statt Jesu Botschaft der Gewaltlosigkeit zu predigen und zu leben.

Gerade heute, angesichts einer massiv drohenden Kriegsgefahr, sind wir wieder aufgerufen, uns nicht von der Angst lähmen zu lassen oder blind für die Zukunft das von unserem privaten Glück zu genießen, was wir hier, weit weg vom Krisenherd, noch in relativ hohem Maße haben. Es wäre fatal, wenn wir uns hinstellten und die Kriegsgefahr als "Strafe Gottes für die sündige Welt" ausmalten, damit würden wir aus der frohen Botschaft, dem Evangelium, eine Drohbotschaft machen. Aber wir dürfen auch als Christen nicht aufhören, den Frieden zu predigen und für den Frieden zu beten. Laut und öffentlich, auf Straßen und Plätzen – kompromisslos, schamlos und ohne Furcht vor unbequemen Konsequenzen. Furcht haben müssten eigentlich die Mächtigen vor so viel Friedenswillen. Kein Mensch hat das Recht, den Krieg zu verkünden. Der Pazifismus ist eine ungeheure Macht. Sie kommt aus der Gewissheit, dass keine Kraft auf dieser Welt größer ist als die Sanftmut. Das hat uns Jesus unter dem Kreuz gezeigt. So können wir uns gewiss sein, dass der bei uns ist, der den Frieden und die Liebe als einzig möglichen Weg vorgelebt hat und der gesagt hat: "Selig sind, die Frieden stiften". Sein Frieden, der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare, bewahre unsere Herzen und Sinne.

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