Lebt als Kinder des Lichts

Liebe Gemeinde,

der Homo sapiens, der wissende, weise, mit Verstand und Vernunft begabte Mensch scheint so ziemlich das einzige Lebewesen zu sein, dem man immer wieder sagen muss, was gut für ihn ist, lebenswichtig, und das all dieses Wissen dennoch immer wieder in den Wind schlägt. Das einzige Lebewesen, das immer wieder sehenden Auges ins Verderben läuft. Von Adam und Eva an – denen es im Paradies doch ans nichts fehlte.

Naturvölker nennen wir primitiv und sind stolz auf unsere Wissenschaften und die sogenannte Zivilisation. Aber den Bezug zur Quelle des Lebens, zum ganz Unmittelbaren, zu dem, was wir wirklich brauchen und was unser Leben eigentlich gelingen und erfüllt sein lässt, diesen Bezug haben wir verloren.

Lebt als Kinder des Lichts.

Liebe Gemeinde, Pflanzen muss man das nicht sagen: Lebt im Licht, nehmt es auf, richtet euch nach ihm aus. Pflanzen tun das einfach. Das sehen wir ja schon bei den Topfpflanzen auf der Fensterbank. Sie werden krumm, weil sie zum Licht hin wachsen, und wenn wir gerade gewachsene Pflanzen haben wollen, müssen wir den Topf immer mal drehen.

Überall in der Natur finden wir diese selbstverständliche Ausrichtung zum Lebenswichtigen. Und wenn wir einmal anfangen, darüber nachzudenken, kommen wir eigentlich aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Was für ein Wunderwerk ist der Tropische Regenwald – in seiner Artenvielfalt und in seinem Aufbau. Alles dort wächst dem Licht entgegen. Aber natürlich wachsen kleinere Pflanzen im Schatten der größeren. Und so sind dort Stockwerke entstanden. Ganz oben – vereinzelt – die Baumriesen mit über 60 Metern. Darunter das lichtdurchflutete Kronendach mit den allermeisten Lebensformen. Es bildet eine lückenlose Decke aus Ästen, Blättern und zahlreichen Pflanzen, die sich an anderen „festhalten“. Im ersten Stock das Blattwerk der jungen Bäume, deren Stämme – aus Mangel an Licht – meist keine Seitenäste haben. Ins Untergeschoss fällt nur noch 1% des Lichts. Dort gibt es kaum Farben, es ist feucht und riecht modrig, aber auch hier wächst noch einiges: Moose, Farne, Pilze …

Ein kunstvolles, wie von einem Architekten der Natur geplantes Gebilde, hoch wie ein 20stöckiges Wohnhaus, und ein Stockwerk baut so auf dem anderen auf, dass Pflanzen und Tiere artgerecht leben können.

Niemand muss ihnen sagen: Lebt im Licht! Sie tun es einfach, sind so geschaffen und ausgestattet.

Und der Mensch – zum Bilde Gottes geschaffen und mit Verstand und Vernunft begabt? Mit der Zerstörung des Regenwaldes verschwinden täglich 50 Pflanzen- und Tierarten. Warum zerstört der Mensch Quellen des Lebens, anstatt sie zu bewahren und zu erhalten? Warum meint er, es sei ihm von Nutzen, obwohl er doch weiß, dass er unwiderrufbaren Schaden anrichtet? Warum wählt er Dunkelheit und Tod, wenn ihm doch Licht und Leben angeboten sind?

Wir können anfangen bei weltweiten Krisen und dann den Radius immer kleiner wählen bis hin zu uns selbst, zu unserem eigenen Leben – in der Familie und im Freundeskreis, als Bürgerinnen und Bürger, als Christen. Und überall stoßen wir auch auf Dunkles: auf Herrschsucht und Rücksichtslosigkeit, auf Menschenverachtung, Verantwortung wird missbraucht, Menschen werden gemobbt, verurteilt oder durch Klatsch und Tratsch zu Außenseitern gemacht. Jugendliche hängen in der Luft mit ihrer Sehnsucht nach Zukunft und einem erfüllten Leben, Erwachsene fühlen sich wertlos und nicht gebraucht, Menschen wissen nicht, wo sie hingehören, und alle klagen und niemand weiß, wohin „das alles“ führt.

Wie mickernde, ständig vom Eingehen bedrohte kleine Pflanzen, aus denen nichts werden kann, weil sie zu wenig Licht bekommen. Und Gott sieht sie doch, und er braucht uns, um sie zu befreien – vom sozialen Tod, vom geistlichen Tod, um sie herauszuholen aus ihrer Dunkelheit. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagt Christus und sendet uns so zu den Menschen, dass wir ihnen helfen, sich Gottes Licht zuzuwenden und sich von ihm wärmen und lebendig machen zu lassen. Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

Haben wir nicht die letzten Wochen ähnlich empfunden? Viel zu wenig Farben, viel zu wenig Wärme, viel zu wenig Licht. Und nun freuen wir uns am Licht, halten unser Gesicht in die Sonne und lassen sie einfach auf uns herabscheinen.

So wird dich Christus erleuchten. Wie schön, wenn wir das erkennen und davon in uns aufnehmen, soviel nur geht. Wie wurde Martin Luther verwandelt, als er endlich erkannte: Nichts anderes verlangt Gott von mir, als dass ich mich nach seiner Liebe strecke wie eine Pflanze nach dem Licht. Und je kleiner und mickriger und unzulänglicher ich mich fühle, desto mehr soll ich mich von seinem Licht bescheinen und lebendig machen lassen, je schwächer ich mich fühle, desto mehr soll ich seine Kraft erfahren.

Und dann, liebe Gemeinde, geschieht das Wunder des Wachsens und Gedeihens, und es können Früchte wachsen. Ein Mensch, der an Gott glaubt und sich nach seinem Licht ausrichtet, ist nach dem ersten Psalm wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Und unser Predigttext beschreibt diese Frucht: die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Nicht um Moral geht es hier. Sondern um etwas, das genauso organisch geschehen kann wie das Wachstum eines Baumes. Wer im Licht lebt, bringt auch Früchte des Lichts.

Ich weiß doch, wie mickrig ich manchmal bin und wie sehr ich angewiesen bin auf Vergebung – von Gott, aber auch immer wieder von Menschen. Ich kenne doch meine dunklen Stellen und weiß, wie erleichtert ich bin, wenn jemand mit Milde und Verständnis darauf schaut – Gott, aber auch Menschen. Ich kann mich so verlieren in einsamen Gedanken und Zweifeln und bin so froh, wenn ein gutes Wort mich da herauszieht – von Gott, aber auch von Menschen. Das kann ich doch gar nicht alles für mich behalten. All meine Dankbarkeit und Freude will ja mitgeteilt werden. Das Licht will sich ausbreiten.

Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Und zwar den ganzen Menschen, Geist und Seele und Körper – alles in einem. Und andere bekommen sie zu sehen und zu spüren, die Erleuchtung: durch einen warmen Blick, durch einen Mund, der von Gottes Liebe erzählt und ohne Scheu ausspricht, wo Gottes Gebote gebrochen werden, durch einen herzlichen Händedruck von Händen, die so sanft sein können und zugleich kräftig mit anfassen. Und unsere Füße werden uns dorthin tragen, wo Christus uns braucht. Und sein Licht wird um uns und in uns sein.

Uns Menschen muss es immer wieder gesagt werden:

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist.
Erleuchte uns, Gott, und erfülle uns mit deinem Licht. Dass wir sind wie ein Baum, der wächst und gedeiht und gute Frucht bringt.

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