Lebensworte

In diesen Sätzen stehen sich schroff gegenüber der Plan und das Wort Gottes – und die Pläne und Worte der Menschen. Sie liegen meilenweit auseinander. "Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken höher als eure Gedanken." Es ist nicht leicht, wenn einem das gesagt wird. Oder wie ging es dir, als dir das letzte Mal gesagt wurde: "Du irrst dich. Deine Pläne sind schlecht. Du liegst mit deinen Überlegungen ganz falsch!" Gott sagt das hier zu uns. Er sagt: Der natürliche Mensch, der normale Mensch, er denkt so, dass da selten etwas natürliches und gutes bei raus kommt, wenn seine Pläne Realität würden. Sondern Vergängliches, Unvollkommenes und oft genug Schädliches. Es ist zwar oft gut gemeint, wohl überlegt, und doch ist das Resultat mangelhaft.

Wie oft habe ich das erlebt! Da bereite ich eine Konfirmandenstunde vor. Tage vorher suche ich das Material zusammen. Es ist ja nicht mehr wie früher, wo der Pastor eine Stunde Katechismusunterricht hält, und die Jugend sitzt voll ge-spannter Aufmerksamkeit vor ihm, um ja alles mit zu kriegen und am Ende den Lernstoff aufzusagen. Interessant muss es heute sein, mit Folien, oder Dias, oder es gilt Gäste einzuladen, oder einen Besuch machen in einer sozialen Einrichtung, und in jedem Fall alle 10 Minuten die Methode wechseln gegen Langeweile. Und am Ende ist es manches Mal ganz anders gelaufen als in dem schönen Plan stand. Etwa bei der Unterrichtseinheit die gerade dran ist über Jesu Verkündigung. Da nehme ich dann die Geschichten, die Jesus erzählt hat, um zu veranschaulichen, was Gottes Reich ist. Z.B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Die Konfirmanden sollten es nach spielen. Schon bei der Verteilung der Rollen gab es Probleme. Von den Jungs wollten alle die Räuber spielen, aber keiner den Überfallenen.

Oder ich denke an den Diakon einer Gemeinde in der Neustadt, der wollte die Jugend in die Kirche locken mit einem richtigen Happening. Es war an einem Sonntagnachmittag, wo Grand Prix war. Also nicht der mit Guildo Horn, sondern Formel 1. Der Diakon hatte sich einen richtigen Rennwagen besorgt und die nötige Anlage für Live-Übertragung und Getränke für viele Gäste. Die Kirchen-zeitung schrieb einen langen Artikel über zeitgemäße Methoden der Jugendarbeit. Aber es kamen nur wenige. Gut gemeint, aber nicht das erhoffte Resultat. Hoch-fliegende Pläne und enttäuschende Resultate finden wir auch im weltweiten Horizont. Da verkünden die Präsidenten großer Staaten hohe Ideale bei Antritt ihres Amtes. Das Volk, das sie gewählt hat, vertraut ihnen. Die ganze Welt erhofft sich Gutes von ihrer Amtsführung. Was für Erwartungen wurden in Ehud Barak gesetzt im Blick auf den Friedensprozess. Aber seine Konzepte gingen nicht auf.

Oder ich denke an den Bericht von Schwester Edith von ihrer Reise nach Nepal. Wo ganze Dörfer geflutet wurden für einen neuen Staudamm in einem so bergi-gen Gebiet, dass die Arbeiter Sauerstoffgeräte anlegen mussten. Nun steht der Staudamm da, fertig, aber nie in Betrieb genommen. Eine milliardenschwere Investition ohne die erhoffte Wirkung. Menschengedanken irren.

Selbst, wo diese Gedanken religiös werden. Das wird offensichtlich, wenn wir die Weltreligionen betrachten. Natürlich haben sie viel gemeinsames: Die Sehnsucht der Menschheit nach Harmonie. Nach Antwort auf die Frage, was nach dem Tod kommt. Das Bewusstsein, wir sind Geschaffenes, wir verdanken uns einem Schöpfer. Die Sehnsucht nach Schutz der Gottheit vor ungewissen Wegen usw. Das ist in allen Religionen. Die Antworten darauf unterscheiden sich dann sehr. Schon daraus ist sonnenklar, dass auch unsere religiösen Gedanken irren. Und selbst wenn eine Gruppe Menschen das Vorrecht hat, der Religion anzugehören, wo die zutreffende Offenbarung von Gott geglaubt wird. Das heißt noch lange nicht, dass sie in allem recht von Gott denken.

So war es auch beim Volk Israel, als der Prophet Jesaja das Wort ergriff. Die hatten doch die 10 Gebote. Die wussten sich als das von Gott erwählte Volk, wenigstens die mussten doch überaus nahe sein am wahren Gott in ihre religiösen Meinungen. Aber was sagt Jesaja: "So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Gedanken höher als eure Gedanken." Was war denn so verkehrt an ihren Gedanken? Nun, sie wohnten seit nunmehr 2 Generationen in der Fremde, waren ausgebürgert aus ihrem Heimatland. Allmählich war ihnen eine in Aussicht gestellte Staatsbürgerschaft in Babylon erstrebenswerter als eine ungewisse Heimkehr. Da wussten sie ja nicht, ob das Haus von einst überhaupt noch stand, und wenn, wer es bewohnte. Wovon sie dort leben sollten? Ob sie den alten Gottesdienst wieder herstellen könnten im Falle der Heimkehr und viele Ungewissheiten mehr. Kurz: Ein guter und weiser Plan schien, das Schicksal der Vertreibung zu akzeptieren und sich in der Fremde einzurichten. Gerade die nachgewachsene Generation wird da Druck gemacht haben. Die Jüngeren dagegen kannten die Heimat und das gottesdienstliche Leben von einst nur vom Erzählen. Sie waren den fremden Göttern gegenüber aufgeschlossener.

So sind die Menschen bis heute. Sie sind den Göttern ihrer Zeit, heute in der westlichen Welt der Trug der materiellen Werte, verfallen. Viele ahnen, dass auf diese Götter kein Verlass ist, und kommen doch von ihnen nicht los. Denn zum Irrglauben gesellen sich bald auch ungute Bindungen, entstanden durch jahrelange verkehrte Lebensweise.

Ganz anders sind Gottes Gedanken. Zunächst einmal ist es so schön, dass hier alle Überheblichkeit fehlt. Etwa nach dem Motto: Der weise Gott und die einfältigen Menschlein. So wird hier nicht verglichen. Gottes Gedanken sind zuallererst Vergebungsgedanken, sagt Jesaja. Es heißt ausdrücklich: Bei ihm ist viel Vergebung. Gottes Gedanken sind positiv. Gottes Gedanken sind Gedanken des Friedens. Wo wir von unseren Gedanken negativ bestimmt werden, vor allem wenn das Evangelium unser Leben nicht prägt, da hat Gott Gedanken des Friedens und lädt uns ein dahin. Gottes Gedanken werden sichtbar am Kreuz. Da werden die tiefsten Gedanken Gottes offenbar. Wer wissen will, was Gott denkt, der muss auf das Kreuz von Golgatha blicken. Da hängt der Mann des Friedens, Jesus Christus. Da hängt der Mann, der alles Negative dieser Welt auf sich zieht. Da wird deutlich: Gott will uns die Schuld nicht heimzahlen auf Heller und Pfennig. Dieser eine nimmt sie freiwillig auf sich. Er trägt sie und überwindet sie auf diese Weise. Wenn wir so auf Christus blicken, dann bleiben wir nicht beim Kreuz. Wir gehen im Geiste mit auf seinen letzten Weg, wo er begraben wird. Am Ostermorgen ist das Grab leer. Der Tod kann den Heiland nicht halten. Da wird deutlich: Gottes Gedanken sind Gedanken des Lebens. Und dann tritt der Auferstandene vor die Jünger und gibt ihnen den Auftrag: "Gehet hin in aller Welt und predigt das Evangelium jeder-mann."

Da erkennen wir wieder etwas von Gottes Gedanken. Er will, dass ich meine kleine Glaubenserkenntnis nicht für mich behalte. Das soll hinaus zu meinen Freunden und Nachbarn und Kollegen und weit darüber hinaus. Uns ist nicht verheißen, dass sie alle begeistert zustimmen werden. Aber sie sollen wenigstens hören von den Plänen und Gedanken Gottes. Sie sollen Lebensworte hören. Denn von den wenig aussichtsreichen Plänen und Gedanken der Menschen hören sie genug.

Leere Worte hören wir jeden Tag mehr als genug. Gewiss, sie werden als Lebensworte verkauft. Jetzt in der Karnevalszeit folgt ein Gag dem anderen. Ich konnte mich dafür noch nie erwärmen, aber es soll ja Frohnaturen geben, die sich köst-lich amüsieren bei einer Büttenrede. Und wenns nur in der Karnevalszeit wäre, es ließe sich noch ertragen, aber in den Comedysendungen kommt das ja täglich. Und man wundert sich über die Begeisterungsfähigkeit des Publikums, die sich noch an den derbesten Scherzen zu ergötzen scheinen. Eigentlich sind das doch alles leere Worte, Todesworte, weil sie keine bleibende Freude bewirken. Unsere Welt ist voller Todesworte. Wie viele leiden an bitteren Worten, die ihnen einmal gesagt wurden, vor vielen Jahren vielleicht. Die unauslöschlich eingeprägt sind. "Du bist doch zu nichts nutze", "was du schon anfasst, wird doch nichts!" "ich kann dich nicht ausstehen", "ich sehe keine Chance für Sie in dieser Branche." Todesworte, die sich in so manchem eingefressen haben, die man nicht los wird. Auch Jesus hat solche Worte zu hören gekriegt. "Was soll aus Nazareth gutes kommen?" Aber er konnte damit fertig werden, weil er von seinem Vater andere Worte gesagt gekriegt hat, etwa bei seiner Taufe: "Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören!"

Die Gottesworte sind eben anders. Sie bewirken etwas. Das Gleichnis vom Sämann setzt es ins Bild: Da wächst Frucht. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Gott sprach es werde Licht, und es ward Licht. Oder: Wenn Jesus Christus dem Zachäus sagt: "Dir sind deine Sünden vergeben!" Dann sind sie ihm verge-ben, egal was die anderen denken. Gottes Wort ist immer wirksam. Wer ganz konsequent ist, könnte jetzt fragen: Wie ist das denn dann mit der Bibel? Da haben wir wohl diese gerade erwähnten Beispiele von dem was Gott sagt und tut, aber die das aufgeschrieben haben, das waren ja fehlbare Menschen. Haben wir also sogar in der Bibel zweierlei Gedanken, fehlbare, irrige Menschen-gedanken und Worte neben tragfähigen, ewig gültigen worten? Jawohl. Und wir können es nur schwer trennen. Manche Gelehrte haben es versucht. Sie haben versucht, es zu sortieren: Hier Menschengedanken, die Kommentare der Evangelisten oder Herausgeber, dort ein originales Propheten-wort oder Jesuswort. Und dann kommt ein neues Fachbuch und präsentiert eine andere Sortierung, dies unechte Jesuswort ist doch ein echtes oder umgekehrt. Aber so dürfen wir nicht mit dem Gotteswort umgehen. Uns gebührt Achtung vor denen, die uns die Schrift überliefert haben. Es sind ja gläubige Menschen, die dies Buch geschrieben haben. Gottes ewige und wahre Pläne gehen durch ihre menschlichen Pläne hindurch und die werden dadurch sozusagen veredelt. In den Psalmen wird das sehr deutlich. Da schimpft David manchmal auf seine Feinde und wünscht ihnen alles mögliche Unglück. Oder Hiob breitet ganz offen seine Verzweiflung aus. Gott lässt also in der Bibel die Frommen zu Wort kommen nicht nur in ihren Hochstimmungen. Wenn es leicht ist Gott zu loben. Sondern gerade an ihren Tiefpunkten. Paulus drückt dieses Geheimnis einmal so aus: Er sagt, wir haben den Schatz der Geheimnisse Gottes in irdenen Gefäßen. In zerbrechlichen Gefäßen. Nicht in einem Goldkasten, vom Himmel gefallen. Sondern zu verschiedenen Zeiten haben Gläubige aus verschiedenen Kulturen ihre Gotteserfahrungen niedergelegt. Es ist der Sämann, der das Wort sät, Gott gebraucht Menschen, fehlbare Menschen. Aber Gott sorgt dafür, dass es wirkt. Neulich sagte jemand im Bibeltreff, das erste Bibelwort, dass eine Wende in meinem Leben bewirkt hat, war das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. Ich saß in einer katholischen Kirche, und da wurde das verlesen. Eine Lesung. Nicht mal eine Predigt. Vielleicht, kann doch sein, vielleicht ist dieser Priester am Ende seiner Laufbahn entmutigt in den Ruhestand gegangen. Mit der bangen Frage, was habe ich wirklich erreicht. Vielleicht noch entmutigt von päpstlichen Beschlüssen, die vieles zurückgenommen haben, wovon er sich noch was verspro-chen hatte. Aber Gottes Gedanken sind andere. Menschengedanken wollen immer den raschen Erfolg. Gott hat seine eigene Zeitrechnung. Das machen die Bilder von der Saat so herrlich deutlich. Es muss wachsen. So ist es beim Sämann. Vieles scheint erfolglos, und es kommt doch am Ende herrliche Frucht. Anderes sah erst toll aus, und hat nicht lange gehalten.

Praktische Frage zum Schluss: Was können wir tun, damit die Todesworte, die leeren Worte uns nicht schaden und die Lebensworte an unser Herz dringen? Bei den Worten, die du nicht vergessen kannst, und die dich belasten, wäre es hilfreich, sie einmal auszusprechen im Gespräch mit einem Seelsorger. Und für dich beten zu lassen. Das bieten wir nach dem Gottesdienst an. Auch heute. Ich bin nachher auch beim Kirchkaffee, aber nicht gleich. Für ein Gebet und eine Segung ist immer Zeit, hier in der Sakristei. Oder: Mitmachen im Glaubenskurs in den beiden Wochen nach Pfingsten. Da wird Pastor Eckard Krause ausführlicher davon sprechen, wie wir Befreiung finden können von Belastendem. Und es wird am Ende des Kurses angeboten, dass man Belastendes aufschreibt und in einem Umschlag verschließt und unter das Kreuz legt, und es sind meist viele Teilnehmer, die das tun.

Ansonsten: Es wird nötig sein, dass wir den Konsum der belanglosen Worte reduzieren. Und dass wir uns den Lebensworten mehr aussetzen. Etwa: Indem du dir morgens die Zeit nimmst, das Losungsbuch zu lesen. Viele haben es, aber nicht alle nutzen es. Die Tageslosungen sind ausgesuchte Lebensworte. Eine andere Möglichkeit ist ist die 4teilige Veranstaltungsreihe "Exerzitien im Alltag", was viele Gemeinden in Bremen in der diesjährigen Passionszeit durchfüh-ren. Pastor Bernd Bierbaum hat das in Gang gebracht und die evangelische und katholische Kirchenleitung hat das mit großer Offenheit aufgenommen. Hier in Hastedt sind diese Abend in St. Elisabeth an 4 Mittwochabenden im März. Prospekte dafür sind vorn am Ausgang und vor der Pinnwand im Gemeindehaus.

Und damit jeder heute ein Lebenswort mit nach Hause nimmt, habe ich die aktuelle und die letztjährige Jahreslosung in Visitenkartengröße vervielfältigt. Die Konfir-manden werden das während des nächsten Liedes verteilen. Auf die Rückseite hab ich den Stempel unserer Gemeinde gesetzt. Das Kärtchen kannst du dann für dich nutzen als Motivation oder zum Weitergeben. So helfe uns Gott, dass wir den leeren Worten unser Gehör und die Gefolgschaft versagen und die Lebensworte in uns wachsen und reifen lassen. Damit sie aufgehen und Frucht bringen zu seiner Zeit.

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