Lebenswasser gegen Lebensdurst

Also vielleicht habt ihr drei euch doch ein wenig Gedanken gemacht, wie kalt vielleicht das Wasser in der Taufschale sein mag an so einem Wintermorgen im Januar. (Anm.: An diesem Sonntag wurden drei Konfirmanden getauft) Wir haben bei uns im Bad so einen Durchlauferhitzer, so alt, dass es keine Ersatzteile mehr gibt. Wenn da mal die Flamme ausgeht, kommt kein warmes Wasser mehr. Ist uns vor einigen Wochen passiert. Also mit eiskaltem Wasser die Haare waschen, da gehört schon Überwindung dazu. Die Frau aber, von der diese biblische Geschichte erzählt, hatte so richtig Lust auf eiskaltes Wasser. Es ist in der Mittagszeit, knallheiß brennt die Sonne vom Himmel. Kein Mensch schleppt zu dieser Stunde einen vollen Wasserkrug. Nur diese Frau, die ungern gesehen werden möchte, macht sich auf den Weg. Sie freut sich auf das kühle Wasser aus der Tiefe des Brunnens.

Vielleicht denkt jemand, diese biblischen Geschichten seien fernab der heutigen Wirklichkeit, atmen Steinzeitatmosphäre. Wie gut dass in Europa jeder Haushalt erschlossen ist und wann immer man es braucht, kann man kann sich die Wassermenge einstellen mit dem Einhebelmischer der Strahl so warm und so kräftig, wie man möch-te. Aber so ist es längst nicht überall. In Moldawien, nahe beim Schwarzen Meer in Osteuropa, gibt es noch viele Brunnen. Mareike Sieg, eine vor 6 Jahren hier konfir-mierte Jugendliche, lebt dort für 2 Jahre. Sie unterstützt evangelische Christen dort. Leute, die in Moldawien leben, würden diese Geschichte hier besser verstehen. Weil es dort normal ist, sich das Wasser für seinen Haushalt aus einem Brunnen zu besorgen. Und weil es auch dort recht ungewöhnlich ist, das in der Mittagshitze zu tun. Da geht man frühmorgens oder abends, wenn die Schlepperei besonders auf dem Rückweg nicht so anstrengend ist. Und eine Frau würde dort niemals allein gehen. Da muss es Gründe geben.

So wie bei dieser Unbekannten, die sich von allen ungesehen an den ältesten Brunnen der Stadt Sychar aufgemacht hat. Aber einem ist sie doch aufgefallen. Einem, dem nichts verborgen ist. Der unser Schicksal, unsere Gedanken, unsere Nöte aufs Genaue-ste kennt. Es ist Jesus, der Sohn Gottes. Und der ist ausgerechnet an jenem heißen Sommertag zur Stelle und spricht diese Frau an. Hat die ein Glück. Aber sie weiß es noch nicht. Sie weiß nichts von Jesus. Ihr ist dieser Fremde zunächst mal unheimlich. Sie käme nie auf den Gedanken, dass sie an dem Brunnen, wo sie schon so oft Wasser geholt hat und wo mancher Fremde ausruht, dem lebendigen Gott begegnet.

Wie ist das mit dir. Du bist zwar in einer Kirche jetzt. Aber erwartest du auch eine Begegnunge mit dem lebendigen Gott? Du erwartest wohl das was jede Woche passiert, die übliche Liturgie, eine Predigt vom Pastor über den vorgeschlagenen Bibelabschnitt, eine Stunde innerliche Stärkung vielleicht noch. Aber eine persönliche Begegnung mit dem lebendigen Gott, nicht Geschichten aus alten alten Büchern, Erlebnisse anderer, die hier vorgetragen werden, nein, dass er selber hier anwesend ist und dich anspricht. Damit rechnet längst nicht jeder. Und wie gut würde es dir tun. Begegnungen im Leben sind so entscheidend.

Viele erinnern sich noch gut, wie sie der Liebe ihres Lebens zum ersten Mal begegnet sind. Sie erinnern sich an ihr Bewerbungsgespräch beim späteren Chef. Wie aufgeregt man da gewesen ist. Wichtige Begegnungen. Begegnungen, die ein Leben verändern. Und das allerschönste ist, dass sogar der lebendige Gott, der Herr der Welt, dir begegnen kann und er will dir auch begegnen. Sonst ist es doch so, die wichtigen Leute, oder die angeblich wichtigen Leute,die Promis, die haben kein so großes Interesse, den kleinen Leuten zu begegnen. Gut, eine Autogrammstunde muss auch mal sein, der Sponsor hat die Klausel ja im Vertrag. Aber das sind oft lästige Begegnungen für die Großen in dieser Welt. Das hält sie auf von dem, was sie eigentlich vorhaben, das Händeschütteln müssen vor dem Weg ins Stadion oder in die Kabinettssitzung. Den Martin Schmidt haben ein paar Hundert zudringliche Fans schon die Konzentration geraubt für den nächsten Schanzensprung. Anders bei Jesus. Er ist einen ganzen Tag lang mit 5000 zusammen, die seinen Reden lauschen, und anders als die inzwischen genervten Jünger schickt sie Jesus auch abends nicht nach Hause, sondern kümmert sich noch um ihre Verpflegung. Der Größte in der Weltgeschichte überhaupt, der Sohn Gottes, er hat ein Interesse daran, mit dir in Kontakt zu kommen. Der nimmt sich Zeit für dich. Er gibt dir die Gelegenheit zu einer entscheidenden Begegnung.

Aber diese Frau hier. Die hat aufgehört, damit zu rechnen, dass sich in ihrem Leben noch eine wichtige Begegnung ereignet. Ihr Leben war gelaufen. Unbefriedigend verlaufen. Eine Kette von Enttäuschungen. Die wichtigsten Entscheidungen im Leben lagen hinter ihr. Waren längst gefallen. Ihr Konfirmanden habt all das noch vor euch. Ihr könnt noch wählen in vielfacher Beziehung. Ihr könnt jetzt auch noch wichtige Entscheidungen vor euch herschieben. Könnt sagen: Ich muss mich noch nicht binden an eine feste Freundin. Ich muss nicht sofort Geld verdienen. Ich muss nicht noch nicht festlegen, wie lange ich zu Hause bleibe. Eine Festlegung habt ihr aber doch getroffen, mit dem Entschluss, euch taufen und konfirmieren zu lassen. Es ist eine Festlegung auf Jesus. Aber was hat es genau auf sich mit diesem Jesus. Das ist nur wenigen schon im Konfirmandenalter deutlich. Und diese Frau wusste von Jesus noch weniger als ihr. Sie hatte, wie gesagt, die wichtigen Entscheidungen im Leben schon hinter sich. Stell dir vor, und nun richte ich mich mal an die Erwachsenen, stell dir vor, jemand fragt dich: "Haben Sie das Beste aus sich gemacht?" Ich weiß nicht, was du dazu sagen würdest. Oft stellt man sich diese Frage erst, wenn die wichtigen Entscheidungen schon längst gefallen sind. Dann merkt man, wie man sich festgelegt hat mit jeder Weichenstellung im Leben. Der Beruf! Die Entscheidung, Familie zu haben oder nicht zu haben. Der Ort, wo man wohnt und lebt. Das Haus, das man gebaut oder geerbt hat. Die Eigenhei-ten, die man entwickelt hat. Mit jedem Jahr wird es schwerer, das zu ändern. Sicher, es gibt Beispiele dafür, dass Menschen da noch einmal einen radikalen Schnitt machen. Aber die Kosten dafür werden im Lauf der Jahre immer höher. Und wer weiß, ob die neue Möglichkeit wirklich besser ist als die alte.

Und nun frage ich dich: "Hast du das beste aus dir gemacht?" Es gibt Menschen, die weichen dieser Frage aus, ignorieren sie standhaft. Aber irgendwann holt sie uns ein. Z.B. dann, wenn jemand der mit dir verbunden ist, das in einem Gespräch stellt, wo man mal richtig persönlich wird. Vielleicht stellt er dir die Frage nicht so wörtlich, sie kommt vielleicht einfach in dir selbst hoch. Etwa wenn Menschen in deiner Nähe diese Frage auslösen, die sich auch von Pelzmänteln und Theaterabo und einem 6Zylinder nicht beeindrucken lassen. Oder wenn du auf einmal drastisch an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert wirst. Oder wenn einem das zerbricht, was man bis dahin für den Sinn seines Lebens gehalten hat. Es ist nicht ratsam, diese Frage aufzuschieben, "hast du das beste aus dir gemacht?" Sonst holt sie einen später ein, wenn die Kosten für Veränderung höher sind. In dieser Frage meldet sich Gott selbst, der zu dir sagt: "Glaubst du, dass du mit deiner Lebensbilanz bestehen kannst, wenn ich dich am Ende danach frage?"

Diese Frau, mit dem Krug in der Mittagshitze unterwegs, hätte darauf ein trauriges Nein geantwortet. Sie gehört zu den Zynischen oder Enttäuschten, die längst aufgehört haben, etwas vom Leben zu erwarten. Sie ist eine von den vielen, die sich damit abgefunden haben, dass für sie der große Wurf nicht mehr in Frage kommt, noch nicht einmal im bescheidenen Rahmen.

Aber Jesus sieht immer noch eine Chance. Im Leben dieser Frau. In deinem Leben. Und er will mit ihr sprechen über diese Chance. Als erstes bittet er sie um einen Gefallen. "Gib mir zu trinken". Die ist baff. "Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?" Die Spannungen zwischen Juden und Samaritern waren damals etwa so scharf wie zwischen Israelis und den Palästinensern von der Hisbollah. Das ist also schon ungewöhnlich, dass dieser fremde Jude ganz normal Kontakt aufnimmt. Aber was noch größer ist, Jesus ist ja der Sohn Gottes. Er bittet eine ganz einfache Frau um Hilfe. Gott bittet einen einfachen Menschen um Hilfe. Wir sind gewohnt zu denken, Gott müsste mir helfen, dann wenn es uns schlecht geht. Wir sind gewohnt zu denken, wir müssen alleine klar kommen, wenn es uns gut geht. Aber egal, ob du gut drauf bist oder am Boden, wie diese Frau: Dass Gott dich um Hilfe bittet, das ist gewaltig. Gott braucht dich, stell dir das mal vor! Er ist wohl der allmächtige, er kommt alleine klar, aber er will deine kleine Kraft, deine geringen Möglichkeiten mit einbauen in seine Weise, in dieser Welt zu wirken! Wie kannst du Gott helfen. Oft sind es ganz einfache Tätigkeiten. Hier: Einen Krug Wasser aus einem Brunnen holen. Das kann jeder, der nur willig ist. Wir denken oft: Ja wenn Gott meine Hilfe erbittet, dann muss es ganz gewaltig sein. Da muss ich treu beten, wochenlang. Da muss ich dicke Scheine spenden. Da muss ich meine Zukunft opfern für jahrelange harte Arbeit im Ausland auf einer Missionsstation.

Aber Gott freut sich schon über kleine Dinge. Abwaschen helfen nach einem Gemein-defest. Babysitten beim Kind der Nachbarin, damit sie zum Elternabend kann. Einen Stapel Gemeindezeitungen austragen. Den Kollegen zum nächsten Glaubenskurs einladen. So helfen wir Gott, dass der Name seines Sohnes Jesus bekannt wird. So helfen wir Gott, dass die Liebe unter den Menschen, die er geschaffen hat, zum Zuge kommt.

Hier war es eine einfache praktische Tätigkeit. Jesus hatte Durst. Er bittet die Frau um Hilfe. So geht Gott mit dir um. Er überfährt dich nicht. Er zwingt dich nicht. Er bittet. Ach, dass du seine Bitte nicht überhörst und danach fragst: Was will Jesus von mir?

Hier geht es um einen Schluck Wasser. Wofür ist Wasser gut? Darüber haben wir im Konfirmandenunterricht gesprochen letzte Woche. Es hilft, damit Leben wachsen und blühen kann. Es löscht den Durst. Durst hatte diese Frau, Durst nach Leben. Ihre bisherige Lebensweise zeigt diesen ganzen Durst auf. So ist es oft: Wir saugen alles in uns auf, um zur Sinnerfüllung des Lebens zu kommen. Dann versucht man es mit Karriere und Vergnügen, und immer denkt man: Wenn ich mir diesn oder jenen Wunsch noch erfüllen kann, dann beginnt das Leben. So hatte diese Frau auch gedacht, aber sie blieb unglücklich. Im übertragenen Sinn hat das Wasser das Jesus bringt, der Sinn, den Jesus bringt, eine bessere Qualität. Es löscht den Durst für immer.

Wasser dient auch der Reinigung. Behutsam bringt Jesus diesen Aspekt ins Gespräch: "Geh hin, ruf deinen Mann und komm her! Ich habe keinen Mann! Da hast du recht geantwortet: Fünf Männer hast du gehabt und den du jetzt hast, der ist nicht dein Mann!"

Nun sind verworrene Beziehungskisten heute nichts Besonderes mehr. Viele, die kein Familienidyll vorweisen können wie in der Nudelwerbung, wo alle glücklich am Tisch sitzen, zeigen sich nach außen hin cool und geben vor, auf ihre Art glücklich zu sein. Das gelingt dieser Frau schon lange nicht mehr. Sonst müsste sie sich nicht zu der ungemütlichsten Tageszeit aufmachen, um ihre täglich benötigte Wassermenge zu holen. Und auch im Leben vieler anderer heute gibt es in der Ehe, im Beruf, oder gesundheitlich gewaltige Probleme, die man für sich behält. Nicht alles, aber vieles von diesen Nöten hängt zusammen mit Dingen, die wir falsch gemacht haben. Aber wir können sie nicht mehr rückgängig machen. Wir nicht. Aber Jesus kann alles. Er hat ungeahnte Möglichkeiten. Er kann reinigen, heilen, was kaputt ist an uns und was wir kaputt gemacht haben an anderen. Es wird in dieser Geschichte nicht recht deutlich, ob diese Frau Schuld hat, ob sie verantwortlich ist für dieses Kuddelmuddel in ihren Partnerbeziehungen, für die Unfähigkeit, in ihr Leben und in ihre Beziehungen Konti-nuität zu bringen. In jedem Fall: Jesus kann in jede noch so verworrene und vertrackte Situation hineinwirken und deinem Leben wieder Sinn geben, Richtung geben, dich glücklich machen.

Das hat er möglich gemacht durch seinen Weg ans Kreuz. So viel bist du ihm wert. Sein Leben hat er für dich gelassen. Am Kreuz hat er auf sein Leben verzichtet, damit wir leben können. Wenn er das Leben dieser Frau in eine gute Richtung lenken konnte, die schon lange nichts mehr erwartet hat, wieviel mehr bei jedem von uns!

"Haben Sie das Beste aus sich gemacht?" Einer kann darauf mit einem festen Ja antworten. Das ist Jesus selbst. Keiner hat gelebt wie er. Er hat ganz Gottes Willen getan. Er ist seiner Bestimmung gerecht geworden. Es ist vollbracht, ruft er am Kreuz aus. Und nun steht er heute vor dir und sagt: Du hast das Beste aus dir gemacht, wenn du dich öffnest für die Liebe Gottes, die ich dir bringe. Auch wenn dein Leben in den Augen anderer nicht beneidenswert ist, in deinen eigenen Augen vielleicht ziemlich misslungen ist, und vielleicht auch objektiv immer schwierig bleiben wird. Dich mit Jesus verbinden, ihn den Quell sein lassen, von dem du lebst, das ist das beste, was du aus deinem Leben machen kannst.

Weich dem nicht aus. Die Frau hat das anfangs noch versucht: Unsere Väter haben auf dem Berg da hinten ihr Heiligtum, die andern sagen, auf dem anderen Berg muss man hingehen und beten. Und mein Urururgroßvater Jakob, das war ein ganz frommer Mann. Jesus lässt sich nicht beeindrucken von deiner Ahnentafel, von deinen klugen Fragen und Argumenten, von irgendwelchen Ausreden.

Komm zu der Quelle des Lebens, heißt es in einem alten Lied. Die Frau damals ist gekommen. Ein todlangweiliger, heißer Sommertag endet in der aufregendsten Begegnung ihres Lebens.

Es heißt sogar: Da ließ die Frau ihren Krug stehen und lief in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei.

Sie ließ das, was durchaus wichtig war, dieser schöne Krug mit dem frisch gefüllten Wasser, das ließ sie stehen, weil anderes wichtiger geworden war. Sie hatte das Ver-gängliche eingetauscht gegen das Unvergängliche.

Das gibt es nur bei Jesus. Aus dieser Quelle leben, das ist Beste, was du aus deinem Leben machen kannst.

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