Lebenserfahrungen

Gestern konnte man es wieder in den Zeitungen lesen: im US-Bundesstaat Virginia wurde der 33-jährige Derek Rocco Barnebei zu Tode gespritzt. Ihm wurde vorgeworfen, seine Freundin vergewaltigt und ermordet zu haben. Er selbst hat bis zum Schluss seine Unschuld beteuert, der Prozess lief nicht ohne Ungereimtheiten ab. Zum wiederholten Male hat ein US-Staat damit seine starke Hand bewiesen und kein Einlenken gezeigt. Gnade vor Recht ergehen zu lassen, das scheint in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohter Grundsatz zu sein.

Es hat Proteste gegeben, auch von kirchlicher Seite. Allerdings haben diese Kundgebungen und Verlautbarungen für mich einen bitteren Beigeschmack: in unseren Kreisen hört man sie und werden meist nur dann von den Medien untermauert, wenn es 1. um einen Weißen, und 2. am besten noch um einen Aussiedler mit europäischen Wurzeln geht. Und auch die päpstliche Intervention ist – mit Verlaub – scheinheilig. Im Katholischen Katechismus der Kirche heißt es unter Punkt 2266: "Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, dass der Angreifer außerstande gesetzt wird zu schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen."

Aber nur auf die anderen zu zeigen wäre zu billig. Auch in unserem Land wird der Ruf nach Todesstrafe ja immer wieder laut und ich möchte nicht wissen, wie das Ergebnis aussähe, würde in Deutschland die Frage nach ihrer Einführung durch Volksentscheid beantwortet. Und Parolen wie: "So einer gehört an die Wand gestellt" oder "Mit dem sollten sie das gleiche machen, was er seinen Opfern angetan hat" sind bestimmt auch uns nicht unbekannt.

Hinter solchen Forderungen steht ja im Grunde nichts anderes als das, was wir in unserer modernen und zivilisierten Gesellschaft ja eigentlich schon seit Jahrhunderten überwunden zu haben glaubten, nämlich das Prinzip: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Zu der Zeit, als diese Formel gebildet wurde, war sie übrigens eine humane Errungenschaft. Vorher hatte es geheißen: "Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal."

Das Gerechtigkeitsempfinden des Menschen muss im Zaum gehalten werden, weil es zu oft in Rachegelüste umzuschlagen droht. Das ist heute nicht anders als vor Tausenden von Jahren. Die christlichen Kirchen, auch unsere evangelische, haben sich übrigens auch bei diesem Thema nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Dabei muss man noch nicht einmal die Zehn Gebote kennen, um zu wissen, dass Gott in jedem noch so tragischen Fall dem Leben den Vorzug gibt! Denn schon im vierten Kapitel des ersten Buches unserer Bibel wird deutlich, wie sehr Gott an unserem Leben hängt, selbst wenn wir es zerstören. Hören wir dazu die Geschichte von Kain und Abel:

[TEXT]

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir den Text im Konfirmandenunterricht besprochen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden sollten in einem Gerichtsverfahren den Tathergang und die Motive für den Mord klären und zu einem Urteil gelangen. Eines wurde dabei sehr deutlich: Je mehr man sich mit dieser vermeintlich einfach gestrickten Geschichte beschäftigt, umso schwieriger wird eine Urteilsbildung, umso mehr Fragen als Antworten tauchen auf. Ich greife einmal ein paar auf:

1. Warum erkennt Gott das Opfer des Abel an, das des Kain aber nicht?
Eine Frage, wie sie – etwas anders formuliert – immer wieder gestellt wird: Warum geht es dem einen besser als dem anderen? Dahinter steckt eine oft bittere Grunderfahrung menschlichen Lebens: Dem einen gelingt alles, dem anderen nichts. Der eine kann schuften soviel er will und kommt dabei gerade mal so über die Runden, der andere macht kaum einen Finger krumm und schwelgt im Reichtum. Die eine raucht seit Jahrzehnten wie ein Schlot und erfreut sich noch mit 90 bester Gesundheit, die andere achtet auf ihre Gesundheit und hat trotzdem schon mit 35 Lungenkrebs. Hier erfährt man warmherzige Anerkennung, dort kalte Ablehnung. Einmal ist man obenauf, ein andermal ganz unten. Unser Leben ist voll von solchen Erfahrungen. Und sie schmerzen besonders dann sehr stark und verursachen tiefe Wunden, wenn wir keine Antwort auf die Frage nach dem Warum finden. Der Stachel des unschuldigen Leidens in der Welt sitzt tief …

Die Menschen des Alten Testaments haben ihre Lebenserfahrungen immer mit Gott in Verbindung zu bringen versucht, weil sie sich eine Welt ohne ihn nicht vorstellen konnten und wollten. So ist auch in unserer Geschichte Gott der Verursacher dieser – in unseren Augen – ungerechten, weil grundlosen Ungleichbehandlung von Kain und Abel. Allerdings waren sie auch so weise, auf die Frage nach dem Warum keine Antwort zu geben. Als Gott vor dem verständlicherweise wütenden und wohl auch enttäuschten Kain tritt und ihn nach seinem Befinden fragt, bleibt der Grund seiner Handlung verborgen.

So sehr es uns auch gegen den Strich gehen mag: Es gibt keine befriedigende Antwort auf diese Frage, die uns immer wieder quält. Weder Psychologen noch Soziologen noch Genforscher werden jemals dieses Geheimnis lüften können, was denn nun der Grund für ein befriedigendes und gelingendes Leben ist. Und ich sage: Gott sei Dank bleibt diese Frage unbeantwortet. Denn sie hat auch ihre positive Seite: Niemandem, egal woher er kommt, gleichgültig welche Voraussetzungen er für dieses Leben mitbringt oder ihm – in unseren Augen – fehlen, kann und darf die Möglichkeit abgesprochen werden, dieses Leben und die Aufgaben, die es stellt, meistern zu können. Vor Urteilen wie: "Aus dem wird ja doch nix" oder "Da kann ja nichts Gutes draus werden" sollten wir uns also hüten. Das Leben, das Gott uns geschenkt hat, hält mehr Zukunft für uns bereit, als wir uns vorstellen können.

2. An die erste Frage schließt sich die zweite nahtlos an: Wie gehe ich denn nun mit diesem letztlich doch unbefriedigenden Phänomen um?
Als Gott mit Kain spricht, eröffnen sich m.E. für ihn zwei Wege, mit seiner Wut und Enttäuschung, umzugehen. Die erste: sie herauslassen und vor Gott bringen, ja vielleicht sogar ihn selbst in Verantwortung nehmen und anklagen. In den Fragen, die Gott ihm stellt: "Warum ergrimmst du so? Und warum senkst du deinen Blick?" erkenne ich die Einladung an Kain, seinem Frust freien Lauf zu lassen. Aber der antwortet nicht, frisst seinen Unmut lieber in sich hinein und regelt die Dinge auf seine Weise.

Eine menschliche, vielleicht muss man aber eher sagen, eine typisch männliche Reaktion, die auch in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greift. Sprachlosigkeit ist schon jetzt ein großes Problem unserer Zeit und ich befürchte, es wird noch schlimmer werden. Es ist schon paradox: wir läuten mit unseren Computern und Handys das Zeitalter der totalen Kommunikation ein und versagen kläglich, wenn wir einem Freund oder einer Freundin einmal sagen sollen, wie es uns geht. Miteinander reden, nicht nur über die belanglosen oder schönen Dinge, sondern auch über das, was uns weh tut und schmerzt, das ist nicht einfach, aber in einer sich immer schneller verändernden Welt, die uns immer brutaler zu Gewinnern oder Verlierern stempelt, notwendiger denn je. Ich bin überzeugt davon, dass das ein oder andere ausgesprochene Wort so manche Kugel im Lauf hätte stecken lassen. Allerdings – und auch das lehrt uns diese Geschichte – braucht es auch diejenigen, die sich die Zeit nehmen und den Mut haben zu Fragen, wie es dem anderen geht. Auch das wird immer seltener …

Kain entscheidet sich für das Schweigen. Seine Wut, seine Enttäuschung lässt er an demjenigen aus, der für seine Benachteiligung am wenigsten kann. Abel wird von seinem Bruder erschlagen.

Ich könnte jetzt eine Menge über das Töten und Morden – gerade unter Brüdern – erzählen: von Protestanten und Katholiken in Nordirland, von Israelis und Palästinensern im Heiligen Land, von Menschen und Menschen an jedem Ort dieser Erde. An dieser Stelle möchte ich jedoch noch eine dritte Frage aufgreifen:

3. Wie gehen wir mit Schuld um?
Ich habe das Gefühl, dass wir Menschen immer mehr die Fähigkeit verlieren, mit unseren Grenzen ehrlich umzugehen und zu leben. Jeder von uns macht Fehler, wir sind nicht unfehlbar. Aber oft genug tun wir so als ob, was übrigens durch unser immer mehr auf Perfektion ausgerichtetes Wirtschaftssystem geradezu herausgefordert wird. Was daraus folgt ist Verdrängung und von der bis zur Lüge und zum Selbstbetrug ist es nicht mehr weit.

"Soll ich meines Bruders Hüter sein?", mit dieser Frage meint sich Kain vor der Verantwortung und den Konsequenzen seiner Tat, die er zu tragen hat, flüchten zu können. Ein Versuch, der kläglich scheitern wird. Denn niemand kann vor sich selbst weglaufen.

Ich glaube tatsächlich, dass wir wieder lernen müssen, mit unserer eigenen Unvollkommenheit offener umzugehen. Freilich bedarf es da einer angstfreien Atmosphäre, die nicht zum Tode verurteilt, die also nicht einfach Schluss macht, sondern einen Ausweg zulässt, eine Zukunft offen hält. Vielleicht würde unsere Welt dadurch wieder ein wenig menschlicher, bliebe nicht so hart und so brutal leistungsorientiert – und bekäme damit ein gewaltfreieres Antlitz.

Denn wir Menschen haben schon viel zu oft den ersten Stein geworfen. Obwohl wir wissen sollten, dass Gott keinen Stein in der Hand hält, sondern selbst für die Kains in dieser Welt Zeichen setzen will, die dem Leben dienen.

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