Lebensangst überwinden

Liebe Gemeinde,

dieser kleine Abschnitt aus dem Brief an Timotheus umgreift das ganze Leben eines Menschen. Der Mensch, um den es geht ist der Apostel Paulus selbst. Der Mensch, um den es geht, ist aber zugleich jeder Hörer dieser Worte, dieser Lesung aus einem Brief des Apostels an seinen Mitarbeiter Timotheus.
Das alles klingt zunächst einleuchtend, ist aber mit einer bestimmten Schwierigkeit umgeben, einer Erkenntnis aus dem Bereich der Bibelwissenschaft, die ich uns heute aber nicht vorenthalten möchte: Der Apostel Paulus ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Verfasser dieses Briefes. Wir kennen die sogenannten echten Paulusbriefe. Von der Sprache und manchen Inhalten dieses sogenannten 1.Timotheusbriefs ist in der Bibelwissenschaft die Erkenntnis gewachsen, dass hier ein biblischer Verfasser so schreibt, als würde er Paulus sein. Der Apostel ist für die Gemeinden, an die diese Briefe gerichtet sind, eine hohe Autorität. Seine Worte sind unmittelbar einleuchtend. Nach den Worten des Paulus, werden sich die Menschen richten. Die Tradition des Paulus wird fortgesetzt. Was für uns vielleicht wie eine Täuschung erscheinen mag, hat in der Bibel durchaus Tradition. So besteht das Buch Jesaja im Grunde aus mehreren Teilen und ist also im zweiten und dritten Teil nicht von Jesaja selbst sondern von späteren Verfassern ins einem Namen fortgeschrieben worden. Paulus, das Ich dieses Textes, ist also eine literarische Figur. Das was hier wörtlich Paulus von sich selbst sagt, sagt ein anderer von ihm, aber so, als spreche Paulus selbst.

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Erkenntnis hier in die Predigt hineinbringen soll. Es gilt ja als umstritten, ob wir Prediger die Gemeinde mit solchen bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen belasten oder sogar verwirren sollen. Es bleibt sicherlich zu recht bei der Predigt über viele Texte unerwähnt, in welcher Beziehung der mögliche Verfasser zu den gehörten Worten steht. Die Bibel ist zudem das Wort Gottes, und daher ist es auch zuletzt unwichtig, durch wessen Mund Gott reden möchte.

Doch bei den Worten, die wir gehört haben, gehört dieses Wissen unbedingt zum Verständnis dazu. Nicht Paulus rühmt sich hier selbst. Das lag ihm nämlich sonst auch ziemlich fern. Sondern Paulus ist das Beispiel eines christlichen Leben. In einer Art und Weise wird der Ablauf seines Lebens als typisch für jede christliche Existenz dargestellt. Daher ist dieser Text im Grund so etwas wie eine Kurzbeschreibung dieser Apostelexistenz. Es geht ihm aber nicht darum, dass wir uns als Hörer nun auch zu diesem hohen Amt berufen fühlen sollen, sondern nur darum, an einer bestimmten Grundentscheidung dieses Lebens zu erkennen, was Christsein im Allgemeinen bedeutet. Das ist für uns alle insofern hilfreich, als dass wir dann von Lebensentscheidungen her die Grundgedanken des Glaubens herausfinden können und dies nicht von einer allgemeinen Dogmatik oder Glaubenslehre her tun müssen. Der Glaube hat es mit der Lebensgeschichte zu tun. Glaube heißt geradezu: Sein Leben als Geschichte zu sehen.
Was bedeutet dies, das Leben als Geschichte zu sehen? Viele denken jetzt an die berühmten Geschichtsdaten. Das Datum der Reformation, des dreißigjährigen Krieges, der Machtergreifung Adolf Hitlers, der ersten Atombombe oder ähnlich. Wer so daran ginge, müsste sein eigenes Leben beginnend vom Geburtstag in kleine Zeitabschnitte zergliedern. Es ist schon richtig, dass das Leben von Ereignissen bestimmt ist, die sich damit auch rückwirkend immer irgendwie datieren ließen. Doch nicht die Abfolge der Ereignisse zwischen Geburt und Tod, sondern ihre innere Linie ist hier gemeint.
Der Verfasser zeigt an der Grundlinie des Paulus auf, dass unser Leben in gewisser Hinsicht den Grundgedanken des Glaubens entsprechen kann, natürlich wenn wir es so wollen.

Um dies zu sehen, werde ich jetzt natürlich zuerst auf Paulus eingehen, so wie es ja auch von diesem Abschnitt des Timotheusbrief her gewollt ist. Wer diesen Brief weitergibt, erklärt der Gemeinde die Bedeutung des Apostels Paulus.

Paulus hatte einen Auftrag, den er aus seiner eigenen Sicht von seinem Herrn, das heißt von Jesus Christus selbst erhalten hat. Weil er Jesus gar nicht persönlich gekannt hat, ist es also ein Auftrag in religiösem Sinn. So könnte jeder von uns denken: „Ich habe einen christlichen Auftrag.“ Der Auftraggeber ist Christus, er gibt auch die Kraft dazu, den Dienst dieser Arbeit zu verrichten. Das heißt, so sagt es Paulus von sich in diesem Sinn: Ich bin vertrauenswürdig. Paulus sagt, dass er im Dienst Jesu Christi steht. Der religiöse Auftrag ist also immer ein abgeleiteter Auftrag. Sein Sinn besteht darin, für jemand anderes zu reden, für Gott und für Christus.

Dies war für Paulus selbst deshalb zunächst ungewöhnlich und schon das Wunder seines Lebens, dass er vom Gegner zum Befürworter, ja besser vom Kämpfer für die Verfolger nun zum Kämpfer für die Christen geworden ist. Er ist, wie es so schön an seinem Namen gezeigt wird, vom Saulus zum Paulus geworden.

Diese Wendung im Leben des Apostels ist zugleich seine Berufung. Er wurde also nicht vom Acker gerufen wie der Prophet Amos, der vorher Bauer war, sondern er wurde durch Umkehr zum Apostel. Darin erfährt Paulus in der Rückschau das Erbarmen Gottes. Gottes hatte mit ihm Erbarmen, „weil ich nicht wusste, was ich tat.“ Und vom bewussten Kennen und Erkennen her, war es ja auch für ihn ein Neuanfang. Den, den er zuvor verfolgt hatte, hat er nicht gekannt. Erst durch diese Erfahrung wurde ihm am Beispiel seines eigenen Lebens die Bedeutung klar: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.“ Paulus selbst hat dies dann ganz weit ausgelegt und hat die Verbreitung des Glaubens in die nichtjüdische Welt über Griechenland nach Rom zu seiner Sache gemacht. Er wurde der Apostel der Völker. Das heißt, er war sich bewusst: Gottes Zuwendung ist voraussetzungslos. Gott braucht kein Zeichen der Zugehörigkeit, sondern greift auf die Seele jedes Menschen zu, egal ob Frau oder Mann, egal welcher Rasse, welcher Generation oder aus welchem Volk. Die Sache mit Gott ist menschlich. Jeder Mensch kann sie verstehen. Durch das Erbarmen Gottes im eigenen Leben wird Gottes Gegenwart erfahren. Das Leben des Paulus ist ein Symbol für die Erneuerung des göttlichen Geistes, für die Veränderung eines Menschen durch den Glauben, für die Gegenwart der Gnade, die zum Inhalt der Verkündigung wird. Paulus wird der Apostel der Gnade.
Die Kern – Botschaft des Paulus ist kurzgefasst die:

Kein Mensch ist Gott gegenüber aus sich heraus näher oder ferner, denn keine religiöse Leistung und keine Bindung an ein bestimmtes Volk bedeutet Gott gegenüber ein Vorzug. Diese Bestimmung ist nun im Denken des Paulus zunächst negativ ausgedrückt: Als Sünder sind wir Menschen Gott gegenüber alle gleich. Wir können Gott nicht erreichen. Gott ist fern. Kein Opfergeruch kann Gott je gnädig stimmen, auch nicht im übertragenen Sinn. Diese Entfernung, oder man könnte auch sagten Entfremdung von Gott bleibt aber nicht die letzte Bestimmung. Gott überwindet sie selbst durch Jesus Christus. Jesu Menschlichkeit, Jesu unbedingte Zuwendung und sein stellvertretender Weg in das Leiden sind Gottes Tat für uns. In Jesus handelt Gott und überwindet die Entfernung ein für alle mal. In Jesus wird der Glaube und das Vertrauen zu Gott begründet. Ich denke, jeder von uns weiß, dass Gott unerreichbar fern ist. Diese Ferne kann nur durch Gott im Menschen überwunden werden. So wie Jesus dem Paulus erschienen ist, kommt er jedem Menschen im Glauben nahe, gibt ihm die Gewissheit seiner lebendigen Gegenwart in Worten und Zeichen. Aus der Gegenwart Christi wird uns die Nähe Gottes deutlich, und nur daraus. Dies ist kurzgefasst die Botschaft des Paulus, die sich in der sogenannten Rechtfertigung des Sünders. Der Begriff Sünden wird damit völlig anders aufgefasst als in der Umgangssprache. Er bezeichnet die Unmöglichkeit der Menschen Gott zu erreichen. Aus dieser Unmöglichkeit heraus sind allerdings viele Menschen geneigt, eigene Götter zu machen oder zu erfinden. Das erst wäre dann eine Sünden gegen den lebendigen Gott, aber eine Schuld ist es im strengen Sinn tatsächlich nicht. Paulus sagt es ja für sich: „weil ich nicht wusste, was ich tat.“ Daber auch das kann natürlich eine Umschreibung von Schuld sein. Auch der Verbrecher weiß im strengen Sinn nicht, was er tut. Aber gerade deshalb wird er ja verurteilt. Die Verurteilung ist ein Lernprozess für ihn und für die Gesellschaft. Der Begriff Schuld stellt die gesellschaftlichen Normen fest.

Dies ist in der Religion ähnlich, aber in einem andern Sinn. Angesichts der Erfahrung Gottes müssen die Menschen ihre eigene Unfähigkeit eingestehen, Gott zu erreichen, Gott gerecht zu werden und Gott zu lieben. Die Liebe Gottes in der Religion ist oft nur eine Art von menschlicher Selbstliebe. Jede Anbetung, jede Verehrung irgendeiner Sache kann zu einer solchen Religion werden.

Doch nun muss die Wahrheit dieses Wortes noch einmal erklärt werden: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.“ Manche Formeln machen eine komplizierte Sache zu einfach. Hier muss man sagen: Diese Formel sagt, was sie meint. Das ist die Erfahrung des Paulus: Er selbst wurde von einem verkehrten Weg auf einen richtigen Weg umgeleitet. Dies hat er als Gnade Gottes erfahren. Die Rettung der Sünder ist die Rettung der Welt.

Der Text ermutigt mich nun deutlich zu sagen, dass es hier gar nicht um Allgemeinplätze geht. Gerade indem der Text sich in die Rolle des Paulus versetzt und aus der Feder eines fremden Verfassers für diesen Apostel selbst redet spricht er jedem und jeder Mut zu, sich selbst als ein solcher Mensch zu sehen. Ich frage mich: Wie kann ich in meinem Leben einen roten Faden sehen? Wie kann ich in der völligen Verschiedenheit unterschiedlicher Ereignissen den Sinn des Ganzen erkennen? Es kann nicht darum gehen, nur eine Kette von Ereignisse zu nennen, doch das wäre sicher ein Anfang. Wenn man etwa versuchte, für einen Menschen, der achtzig Jahre alt wird, die Ereignisse seiner Lebensumstände zu schildern, würde man allein dadurch zu einer doppelten Erkenntnis kommen a) das Leben hat Höhen und Tiefen, b) das Leben hat bis zum hohen Alter angedauert, die Macht des Bösen und Todes war immer schwächer als die Macht des Guten. An dieser Art von Lebensbetrachtung haben die Verfasser Psalmen Gottes Güte und Gottes Segen erkennt.

Paulus dagegen ermutigt uns doch noch mehr nach einem wirklichen roten Faden zu suchen. Nach einem Begriff also, der die Betrachtung eines Lebens auf den Punkt bringen kann und er findet dafür den Begriff des Erbarmens und der Gnade. Nur durch Gottes Gnade bin ich wirklich, was ich bin. Dies erkennt er daran, dass er die Wendepunkt seines Leben in die Mitte rückt, nicht die scheinbar wichtigen Ereignisse.

Paulus macht uns Mut, der negativen Erkenntnis des eigenen Lebens ins Auge zu sehen. Denn wir können wie er in der Beziehung zu Gott in Christus die Sinnlosigkeit überwinden. Durch das dadurch gewonnene Vertrauen im religiösen Sinn, erwächst uns echtes Selbstvertrauen. Durch Glaube entsteht auch Liebe und die Erkenntnis, das es einen Weg über den Tod hinaus gibt.

Paulus ermutigt uns, unser Leben als eine Erfahrung mit Gott zu sehen und damit den Sinn des Lebens überhaupt, die Perspektive der eigenen Zukunft zu erfahren.

Aus der Erfahrung des Erbarmens schöpfen wir Kraft. Aus dem Vertrauen zu Gott heraus können wir die eigenen Lebensangst überwinden.

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