Leben, weil wir sterben müssen

Liebe Gemeinde,

manchmal läuft alles so gut im Leben. Schwierigkeiten sind überwunden, man tut etwas Sinnvolles und ist zufrieden. Persönliche Perspektiven sind da, den Kindern geht es gut, für die Zukunft hat man Hoffnung. Und dann plötzlich geschieht etwas, was alles durcheinander bringt. Zum Beispiel erfahre ich, dass ein geliebter Mensch schwer krank ist, oder ich verliere den Arbeitsplatz oder Zukunftsträume zerplatzen. Eine tiefe Krise bricht ins Leben ein, und ich weiß überhaupt nicht mehr wie es weitergehen soll. Ich muss mich völlig neu orientieren, vielleicht einen ganz anderen Weg für mein Leben suchen, mit etwas fertig werden, mit dem ich meine, nicht fertig werden zu können. In unserem Predigttext erlebt einer von Jesu Jüngern einen solchen Bruch in seinem Leben. Es ist Petrus, der völlig von den Socken ist über das, was sein Meister Jesus auf einmal predigt.

[TEXT]

Petrus hält nicht aus, was Jesus ankündigt. Dass Jesus leiden soll und sterben – das will Petrus nicht hören. „Petrus nahm ihn beiseite und fing an ihm zu wehren“ heißt es im Bibeltext. Ich kann Petrus gut verstehen. Seine Geschichte mit Jesus war bis zu diesem Punkt eine aufregende Geschichte voller Höhepunkte. Ich denke an den Tag, als Jesus ihn aufforderte, mit ihm zu ziehen. Wir haben diese Szene neulich im Katechumenenunterricht gespielt. Jesus hat ihn begeistert, er hat ihm eine neue Lebensperspektive geschenkt. Alles wurde anders in seinem Leben. Sein altes Leben als Fischer ließ er zurück und zog mit seinem neuen Meister durch die Lande. Begeistert war er von Jesus, von seinen Predigten, davon wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist, wie er so Viele von ihren Leiden geheilt hat. Auch Petrus Schwiegermutter hat Jesus von ihrem Leiden befreit. Er hat erlebt, wie Jesus Tausende von Menschen satt gemacht, wie er sich über Glaubensfragen mit Gelehrten auseinandergesetzt hat, wie er seinen Jünger Petrus dazu gebracht hat, etwas zu tun, was er nie für möglich gehalten hat. Er hatte plötzlich so viel Kraft und Vertrauen, dass er – wie es im biblischen Text voller Spannung erzählt wird – übers Wasser gehen konnte. Petrus ist mit Jesus über seine eigenen Grenzen hinaus gewachsen. Er begleitete Jesus ständig. Er war so begeistert von ihm, dass er direkt in der Szene vor unserem Predigttext zu Jesus sagt: „Du bist der Christus.“ Also der im Judentum erwartete Gesalbte, der Messias. Es war das größte, was man zu einem Menschen sagen konnte. Und nun diese Worte Jesu: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“

Wie kann das sein: Sein Meister, sein Freund und Lehrer soll leiden müssen? Wie können die einflussreichen Gelehrten ihn verwerfen wollen, der den Menschen so viel Gutes tut? Warum soll Jesus sterben, der doch angefangen hat, Gottes Gerechtigkeit in der Welt zu realisieren? Wie kann der Messias, der Christus, nicht als solcher erkannt werden? Liebe Gemeinde, seine Erfahrungen mit Jesus und die Worte Jesu kriegt Petrus nicht zusammen. Vielleicht denkt er auch an sein eigenes Leben. Wie kann er ohne ihn weiterleben, ohne seinen Freund, ohne seinen Meister, der ihm so viel über sein eigenes Leben beigebracht hat? Ohne Jesus, der ihm ein neues Leben geschenkt hat? Sicher, es ist kein einfaches Leben: so umher zu wandern, ohne festes Zuhause, ohne die Sicherheit, immer genug zum Leben zu haben. Aber er weiß, wofür er das tut. Und jetzt? Wie verständlich ist, dass er Jesus auf die Ankündigung seines Leidens hin zur Seite nimmt und anfängt ihm zu wehren. Was er wohl gesagt hat, liebe Gemeinde? Hat er gesagt: „Nein Jesus, so etwas darfst du nicht sagen.“ Oder: „Jesus, du übertreibst.“ Oder: „Jesus, das kannst du mir nicht antun.“ Oder: „Jesus, so schlimm wird es schon nicht kommen.“ Oder: “Jesus, du spinnst wohl. Das ist alles nicht wahr“ Liebe Gemeinde, ich denke an Situationen von heute. Z.B. fällt mir die Situation ein, wenn ein Mensch erfährt, seine Partnerin oder sein Kind oder sein Vater muss sterben. Sie wollen das nicht wahr haben. „Das darf nicht wahr sein.“ Denkt er. Wie viele Angehörige können mit dem Sterbenden nicht offen sprechen, verharmlosen vielleicht, was geschieht. Sie können die Situation nicht aushalten, weil plötzlich sich das ganze Leben verändert, für den Sterbenden, aber auch für die Angehörigen. Eine gemeinsame Zukunft und Träume gibt es nicht mehr. Man muss zuschauen, wie es schlechter und schlechter wird. Es ist so unendlich schwer sich mit dem Unausweichlichen abzufinden. Liebe Gemeinde, solche Reaktionen sind der von Petrus sehr ähnlich. Sie sind so menschlich. Mein Blick geht zurück in unsere Geschichte. Wie reagiert Jesus? Jesu Reaktion ist knallhart. „Er wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“ Wie kann Jesus so reagieren? Gegenüber einem Menschen, den er liebt, einer der ersten, die mit ihm zogen? Gegenüber Petrus, mit dem er eine so enge Verbindung hat? Satan nennt er ihn. So wie Petrus kurz vorher das Höchste zu ihm gesagt hat, indem er Jesus als Christus bezeichnete, bezeichnet Jesus nun Petrus mit dem Schlimmsten, was man sagen kann. Warum diese Härte? Liebe Gemeinde, ich glaube, dass unser Predigttext eine Schlüsselstelle auch für unseren Glauben ist. An dem, was auf Jesus zukommen wird, entscheidet sich der Sinn von Jesu Leben. Petrus versteht das nicht. Er argumentiert auf menschliche Weise, von seiner Liebe zu Jesus her. Jesus muss hart sein an dieser Stelle, wie weh es ihm selber vielleicht tut. Denn es geht um viel mehr als Jesu Beziehung zu Petrus.

Es geht um die Zukunft und die Hoffnung für die Welt, ja auch um die Zukunft von Petrus. Es geht darum, wie Menschen mit Schmerzen und Leid, mit dem Sterben müssen überhaupt weiterleben können ohne verzweifeln zu müssen. Mit dem Weg, der nun vor Jesus liegt, seinem Leidensweg, seinem Tod und seiner Auferstehung begibt er sich an die Grenzen des Lebens, an die jeder und jede seiner Jünger und Jüngerinnen, aber auch jeder und jede von uns gelangt. Wir alle müssen sterben, manche haben einen gnädigen Tod, andere aber nicht. Jesus wird keinen gnädigen Tod haben. Wir kennen seine Geschichte. Er wird nicht alt und lebenssatt friedlich die Augen zumachen, nein, er wird brutal gefoltert und ermordet. Er geht denselben Weg wie viele nach ihm gehen werden. Und: Am Ende steht für ihn selbst und für alle, die ihm folgen, neues Leben. Es endet nicht im Tod. Weil Jesus sich auf den Weg des Sterbens begibt, bekommt das, was er vorher getan hat, einen ganz anderen Horizont. Jesus hat so viele Menschen seine Zeit geheilt und hat damit einen Anfang gesetzt für das, was für alle kommen wird. Heilung ist mehr als erneute gute Gesundheit. Jesu Heilungen weisen auf das umfassende Heil, die Ganzheit, nach der sich jeder Mensch sehnt. Jesus geht den Weg zum Kreuz, um Menschen wie Petrus aber auch Menschen wie uns zu ermöglichen mit der harten Realität von Sterben müssen zu leben. Es ist nicht so, dass alles vorbei ist, wenn jemand erfährt, er muss sterben. Es ist eine Krise, aber nicht das Ende. Deshalb gilt auch für uns heute: Auch mit dem Tod vor Augen ist Leben weiter möglich und manchmal bekommt es sogar eine besondere Tiefe, eine besondere Intensität. Auch Petrus als Jünger und Freund Jesu verliert nicht wirklich seine Hoffnung, seine Perspektiven dadurch, dass Jesus sterben wird. Im Gegenteil: Wir wissen wie es weitergegangen ist. Petrus begleitete Jesus auf seinem Weg und erfuhr, wie sehr sein Glaube gerade angesichts von Sterben und Tod ihn tragen kann. Er erfuhr, indem er mit Jesus mitging, die Tiefe des Glaubens. Er spürte die ganze Energie, die frei geworden ist trotz des Leidensweges oder gerade deshalb. Doch noch einmal zurück zu unserem Text: Vielleicht hat Petrus durch den Schrecken, den er bekommt, als er die Worte Jesu von seinem bevorstehenden Leidensweg hört, auch gar nicht richtig hingehört. Denn Jesus spricht ja nicht nur von seinem Tod und seiner Verwerfung, sondern auch davon, dass er auferstehen werde. Etwas, was Petrus wahrscheinlich verdrängt, weil er sich gar nicht vorstellen kann, was das heißt. Er hat nur den Jesus vor Augen, den er als Mensch, als Freund , als Meister kennt. Er kann die Weite dessen, was Jesus sagt, nicht begreifen.

Liebe Gemeinde, Petrus ist uns so nah mit dem, was er tut, was er sagt, mit dem, dass er sich wehrt gegen Jesu angekündigten Leidensweg. Doch lassen wir die Antwort Jesu auch auf uns wirken. Auch wir können der Realität des Sterben Müssens nicht wehren, und doch eröffnet uns Jesus mit seiner Härte die Möglichkeit, ganz neu zu begreifen, was Leben im Bewusstsein sterben zu müssen heißt. Dass es einfach ein anderes vielleicht intensiveres Leben ist, ein Leben, an dessen Ende Heil steht, ein tieferes Heil als jede Heilung bedeuten kann. Liebe Gemeinde, hier in Detmold, auch in unserer Gemeinde, gibt es Menschen, die ehrenamtlich im Hospizdienst mitarbeiten. Sie setzen sich immer wieder dem Sterben von Menschen aus. Sie bleiben bei Sterbenden bis zum Schluss. „Wie schaffen die das?“ denken vielleicht manche von uns. Doch sie haben die Kraft dazu und erleben die Sterbebegleitung als intensive Zeit, in der das Leben in seiner Tiefe zu spüren ist. Das Leben, nicht nur als angenehmes Leben, nein ein Leben in allen Höhen und Tiefen, mit allen Gefühlen die Menschen kennen. Beim Sterben gibt es Wut, Aggressionen, Traurigkeit, aber auch Freude, Zuversicht, Vertrauen und Lachen. Das Leben angesichts des Todes im Bewusstsein selber sterben zu müssen, macht frei von so vielen Dingen, die in unserer Zeit so wichtig erscheinen. Zum Beispiel vergeht die Zeit am Bett eines Sterbenden anders. Das Zeitempfinden ist völlig anders als im normalen Leben. Eine Minute kann ganz lang sein, aber eine Nacht kann auch ganz kurz sein. Sterben zu müssen zerstört nicht alles Leben, denn wir leben bis zuletzt, auch wenn wir wissen, dass wir bald sterben müssen. Und: Leben erwartet uns auch nach dem Tod. Weil Jesus von all den Lebensmöglichkeiten angesichts des Sterben Müssens weiß, deshalb reagiert er so hart auf Petrus. Petrus versteht es zu dieser Zeit noch nicht, dass all die Heilungen, die Jesus vor den Augen seiner Jünger getan hat in einem viel größeren Zusammenhang stehen, im Zusammenhang des ewigen Heils, das die Angst nimmt, auch die Angst vorm Sterben.

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