Leben und Tod

Liebe Gemeinde,

nichts ist gewisser als der Tod, so sagt man mitunter. Doch lesen wir die Worte des heutigen Predigttextes, scheint selbst diese letzte Gewissheit zu schwanken. Die Grenzen von Leben und Tod verwischen sich. Du kannst tot sein – mitten im Leben und lebendig durch den Tod hindurch. Das bedarf nun doch der Erklärung.

Also noch einmal von vorn. Wir waren tot, lesen wir. Wer ist denn hier „wir“. Es ist offenbar der Schreiber des Epheserbriefes und seine Leser, also wohl auch wir.

Wer der Schreiber des Epheserbriefes wirklich war, ist nicht eindeutig, man glaubt heute nicht mehr, dass es der Apostel Paulus war. Wer die ersten Leser sind, ist schon leichter zu sagen: es sind Bewohner der Stadt Ephesus. Es sind Großstädter mit all den Sitten und Unsitten, die eben in einer Großstadt mit Hafen vorhanden waren, die Leute kommen aus einer reichen Metropole mit großen sozialen Unterschieden, aus einem Ort der Bildung – noch heute ist die Celsusbibliothek zu sehen und manch Prachtstraße kann man in Ephesus bewundern. Die prächtigen Metropole ist in der heutigen Westtürkei gelegen, ein Ort, wo eine der frühen christlichen Gemeinden zu Hause war.

Und wir, wir sind eben die Kieler , Bewohner der Landeshauptstadt Schleswig Holsteins mit Uni und natürlich auch Hafen, es gibt auch bei uns sozial starke Viertel und Orte, an denen man nicht so gern zu Hause wäre. Auch fehlt uns genauso wenig wie damals Ephesus der Rotlichtbezirk, Kriminalität, Drogen.

Nun steht keine Silbe davon, dass die im Epheserbrief Angesprochenen ausgesprochene Banausen gewesen seien – Diebe, Räuber, Betrüger, Unzüchtige – sie waren ganz einfach Kinder ihrer Zeit und sie lebten wie man so lebt – wie auch wir leben. Nur ein Sammelbegriff fällt: der Schreiber weiß von sich und seinen Lesern, dass sie Sünder waren. Konkretes wird nicht gesagt.

Die Sünde aber – sie wird augenblicklich mit dem tot-sein in Verbindung gebracht. Die wir tot waren in den Sünden, so die Worte des Briefeschreibers.

Sünde tötet – Sünde vernichtet Leben – das eigene und das anderer Menschen – um tot zu sein, dazu bedarf es nicht erst, dass das Herz stehen bleibt. Der Tod, wie die Bibel ihn versteht, macht Leben kaputt, zerstört es, macht krank und unglücklich, trennt von anderen Menschen und von Gott selbst. Es gibt den Tod im Leben. Manch einer hat solche Phasen in seinem eigenen Leben ganz intensiv erlebt – depressive Menschen erzählen davon und ebenso Menschen, die unter einer großen Schuld leiden, Menschen, denen ein großes Unglück widerfuhr, sie wissen oft hinterher nicht mehr wie sie die Tage überstanden haben – die Erinnerung ist wie ausgelöscht – wie ein schwarzes dunkles Loch. Es sind nicht die schlechtesten Menschen, die dieses Todsein fühlen – vielleicht sind sie einfach sensibler und gewissenhafter als andere.

Und doch ist der Tod ein allgemeines Schicksal, auch wenn wir seine Gegenwart unterschiedlich stark fühlen mögen – der Tod umgibt uns, greift in das Leben hinein – mit vielerlei Gesichtern. Schmerz und Krankheit und Schuld – viele Namen trägt der Tod und keiner bleibt davon unberührt.

Und nun wird uns im Epheserbrief ein Weg aus oder durch den Tod hindurch beschrieben – hin zum Leben.

Es ist nicht gewiss, wenn auch naheliegend, dass der Schreiber unserer Zeilen an den alten Taufritus denkt, bei dem der Mensch ganz untergetaucht wurde und so symbolisch mit dem Untertauchen in die Wasser des Todes einen symbolischen Tod stirbt. Wird der Mensch dann aus dem Wasser der Taufe gehoben, kommt er wieder zum Leben. Vielleicht ist dieser Taufritus im Blick, wenn wir vom Tod im Leben hören und von dem Leben durch den Tod hindurch.

Der Briefeschreiber bleibt aber bei diesem Geschehen nicht stehen. Er scheint Zeit und Raum zu überspringen und uns einen Blick in die Ewigkeit werfen zu lassen: er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

Das klingt wie Anwartschaft auf die Nähe zu Gott, das klingt wie reservierte Platzkarten für jene Welt. Dabei brauchten wir uns nicht lange um gute Plätze bemühen. Der Preis ist nicht unerschwinglich wie für einige Griechen, die wohl sehr gern bei der Olympiade dabei wären, denen aber das nötige Geld dafür fehlt. Nein, die Vergabe erfolgt kostenlos, auch nicht durch gute Werke zu verbessern, keine Sonderplätze für besonders gute Christen – einfach nur durch die Güte Gottes vergeben, durch seine Barmherzigkeit.

Doch wir müssen nicht erst auf den Himmel warten, was da angesagt wird, beginnt schon heute. Es ist gerade so, als würde der Himmel auf die Erde steigen – nichts mit einer Vertröstung, die der Religion gern nachgesagt wird – nicht nur gute Aussichten auf die jenseitige Welt.

Nein, ganz präsentisch wird uns eine große Veränderung im Leben eines zu Christus gehörenden Menschen beschrieben. Eine neue Kreatur, ein neues Geschöpf sollen wir werden, wenn wir uns in Christi Nähe begeben. Er ist es, der uns verwandelt – wer wir auch seien, welche Vorgeschichte wir auch haben, welche Sorgen uns auch plagen mag. Dieser Jesus will uns in sein Leben in seine Kraft, seine Möglichkeiten mit hinein nehmen – uns verwandelt zu einem Leben, das den Tod schon durchschritten hat, weil es ganz zu Jesus, dem Lebendigen gehört
Ich gebe zu, mit dem Kopf ist das alles nicht ganz leicht zu verstehen.

Unserer Weltbild sieht so anders aus. Da ist unserer Lebensstrahl mit einem Anfangspunkt und einem Endpunkt, darauf gibt es Hochzeiten und Tiefzeiten. Und am Ende ist da der Tod und die Zuversicht auf etwas, was uns Gott danach schenken wird.

Tod und Leben trennen wir gewöhnlich fein säuberlich in unserem Denken, wobei wir mit dem Tod möglichst wenig zu tun haben wollen. Und wenn das Leben schon jetzt die vielen Gesichter des Todes überwinden soll, dann möchten wir das auch konkret wissen. Wir wollen wissen, wie das ganz genau geht, wie wir das merken könne – hier, heute, jetzt.
Ich will hier keine Heldengeschichten erzählen, auch von Glaubenshelden nicht – nein auch keine Vorbilder will ich nennen und dann sagen – wir bräuchten das nur nachzumachen. Das alles ist sicher ganz interessant, aber hilft es auch?!

Ich will euch heute lieber ein Bild mitgeben, ich habe es schon oft gesehen und es ist mir plausibel für einen Vorgang zwischen Himmel und Erde geworden. Als ich neulich wieder im Heim war, lag eine Frau am Tropf, sie bekam eine Infusion. Ein gutes Bild für das, was Gott mit den Menschen tut, die ihm vertrauen. Ich glaube, es gibt so etwas wie eine Infusion von Gott her. Es gibt so etwas wie eine Infusion von oben: voll von Hoffnung und Mut und Glauben und Zuversicht. Ich weiß, dass bei einer Infusion die Nadel mitunter unangenehm ist, dass man den Ort nicht verlassen darf, aber die heilsame Lösung die in den Körper fließt, garantiert das Überleben, lindert den Schmerz. Ähnlich ist es mit der Energie von Gott – ein wenig stille halten, die Kraft annehmen und damit seine Hilfsbedürftigkeit eingestehen, das ist die beste Chance für das Leben. Die Kraft steht bereit, die geballte Lebenskraft Gottes. Mögen wir diese nur recht häufig in unserem Leben annehmen, beim Atemholen am Morgen, wenn wir uns für den Tag bereit machen oder vielleicht gleich beim Abendmahl – durch die Wegzehrung für diese neue Woche.

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