Leben und Tod, Botschaft und Botschafter

Liebe Gemeinde!

I: Ja, mit diesen eben gehörten Worten beantwortet Paulus einen Brief seiner Gemeinde in Philippi. Philippi, das ist die erste von ihm selbst gegründete Gemeinde, noch dazu die erste auf europäischem Boden. Mit ihr verbindet ihn ein besonders inniges und persönliches Verhältnis.
Wie es dazu gekommen ist, dass Paulus im Gefängnis sitzt, lässt sich anhand der wenigen Hinweise nur vermuten. Fest steht, dass dieser Gefängnisaufenthalt mit seiner dritten und letzten Missionsreise in Verbindung steht. Aufgrund von Apostelgeschichte 19 scheint es so gewesen zu sein, dass Paulus und der Silberschmied Demetrius in Streit geraten sind. Von Berufs wegen stellte Demetrius so genannte Devotionalien zur Verehrung der römischen Göttin Diana her; und Paulus predigte neben seinem Laden die Botschaft seines Evangeliums. So kam es zum Aufruhr zwischen Christen aus Ephesus und Anhängern der heidnisch-römischen Göttertradition. Anscheinend passierte so etwas nicht zum ersten Mal, denn es gibt mehrere Hinweise, dass Paulus Schwierigkeiten mit der römischen Obrigkeit hat. Aus anderen Paulusbriefen geht ähnliches hervor. So war er mehrfach im Gefängnis, wurde ausgepeitscht, angefeindet, vertrieben. Und so landete er nun nahezu zwangsläufig im Gefängnis von Ephesus. Hier wartet er auf seinen Prozess, dessen Ausgang gänzlich ungewiss ist. Es ist zu diesem Zeitpunkt unklar, ob Paulus mit einem Freispruch rechnen darf oder doch eher mit dem befürchteten Todesurteil.

In diese Situation hinein schreiben ihm die Philipper die unausgesprochene, aber dringliche Frage: "Wie geht es dir?" Aber Paulus geht darauf gar nicht ein. Für ihn steht vielmehr die Frage, wie Christus in Philippi verkündigt wird, im Vordergrund. Auf nichts anderes ist sein Denken und Sorgen gerichtet.

In Philippi scheinen Neid und Streitsucht darüber zu herrschen, wer das Evangelium verkündigt, und wie es verkündigt wird. Und so geht Paulus gleich zu Beginn seines Briefes darauf ein: "Einige predigen Christus aus Neid oder Streitsucht; andere aber auch in guter Absicht. Einige verkündigen Christus aus bloßem Eigennutz und nicht in ehrlicher Absicht, sondern um mir Trübsal in meiner Gefangenschaft zu bereiten.

Was tut das nun aber? Hauptsache ist doch, dass Christus verkündigt wird. Egal, was nun mit mir passiert, wichtig ist, dass Christus durch meinen Leib verherrlicht wird, sei es durch Leben oder Tod. Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn."

Mit dieser Antwort stellt Paulus die Philippergemeinde gleich vor zwei Entscheidungen.

Als erstes: Folgt mir mach mit eurem Leben bis hinein in solche Martyriumssituationen, wie ich, Paulus, sie gerade durchlebe. Folgt mir nach bis in die letzte Konsequenz, denn unser Sterben ist eine Gewinn für Christus, ein Gewinn für die Verbreitung der Botschaft Christi.
Und als zweite Entscheidung verlangt Paulus von den Philippern zwischen der Botschaft von Christus und seinen Botschaftern zu unterscheiden.

II: Lassen Sie uns zunächst auf die Märtyrersituation des Paulus schauen. Wir hier in Deutschland im Jahr 2000 können Paulus nicht einfach in eine solche Situation hinein nachgehen. Wir stecken in keiner Verfolgungssituation. Die Bereitschaft zu sterben – so mitten im Leben -, die teilen wir nicht mehr. Sterben und Leben bedeuten uns in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr gleich viel. Der Tod ist für uns, die wir im Leben stehen, nicht der Beginn des wirklichen Lebens, sondern gilt doch wohl eher als Ende des Vertrauten. Der Tod ist in unserer Gesellschaft unbekannt und befremdlich geworden. Er ist zu einem Tabu geworden. Er geschieht fernab von unserem Leben, noch selten zu Hause, häufiger in Heimen und Krankenhäusern, in Anonymität; ist das noch ein Tod,, der Christus verherrlicht?

Wenn wir so mitten im Leben auf einmal vor der Alternative Tod oder Leben stehen, so wollen wir lieber leben. Als Christinnen und Christen möchten wir mit Christus leben, in der Weitergabe seiner Botschaft, aber eben leben und nicht sterben.

Sterben ist uns kein Gewinn, sondern bestenfalls Fluchtpunkt für ein unerträglich gewordenes Leben. Eine Todesgelassenheit, wie Paulus sie kannte, kennen wir nicht.

Wir sind diesseitig orientiert, am Leben orientiert. Wir haben Freude daran, unsere Häuser und Wohnungen zu gestalten; Familie, Freundschaften und Vereine bringen Licht in unser aller Leben und in der Regel pflegen wir dies.

Und der Grund dafür liegt für uns Christen und Christinnen im Evangelium, der freudigen Nachricht. Hier liegt zunächst vor allem die Quelle der Kraft für unser Leben. Ja, das Evangelium schenkt Leben.

Warnen möchte ich jedoch, Paulus mit seiner souveränen Todesgelassenheit zu einem Heiligen zu stilisieren. Für unsere heutige Zeit gilt diese Todeslastigkeit nicht mehr; ja sie birgt sogar große Gefahr, wie wir das gerade erst in Uganda sehen konnten. Dort versprach der Sektenführer Joseph Kitweteere den Mitgliedern seiner "Bewegung für die Wiedereinsetzung der Zehn Gebote Gottes", dass sie nach gemeinsamem Freitod mit einer neuen Arche Noah ins Paradies fahren würden. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, sind längst nicht alle freiwillig in den Tod gegangen. Kleine Kinder wurden einfach mitverbrannt. Vom Sterben als Gewinn für Christus kann man hier keinesfalls sprechen.

Der Grund dafür, dass so viele Ugander nach Erlösung suchen liegt vielfach in dem elenden Leben, das sie führen: sie leiden unter den Nachwirkungen der despotischen Herrschaft Idi Amins, unter der Aids-Epedemie, die viele Waisen hinterlässt, unter Kriegen, Unwetterkatastrophen und materieller Not. Sehnsucht nach Erlösung ist in großem Ausmaß vorhanden. Wenn diese sich aber mit einer Überbetonung des Todes paart, unterstützt durch religiösen Fanatismus, birgt sie große Gefahr.

"Christus ist mein Leben und Sterben ist meine Gewinn." Als Christin unterschreibe ich diese Aussage auf jeden Fall. Denn von der Hoffnung auf Auferstehung und vom Glauben an das ewige Leben, da lebe ich her. Aber diese Aussage sollte doch losgelöst von einer einseitig betonten Lebens- oder Todessehnsucht gesehen werden. Leben und Tod müssen einander die Waagschale halten.

III. Wie steht es nun mit der von Paulus geforderten Unterscheidung zwischen der Botschaft von Christus und den Botschaftern Christi?

Wenn ich den Worten des Paulus nachsinne, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Paulus hier durchaus selbstgefällig schreibt. Einige derjenigen, die in seiner Abwesenheit in Philippi das Evangelium verkündigen, macht er schlecht. Falsche Verkündigung kann er ihnen nicht vorwerfen, aber er unterstellt ihnen Neid und Streitsucht. Woran er diese festmacht, teilt er nicht mit. Es scheint fast, als ob er die Lauter- oder Unlauterbarkeit der Verkündigung an der persönlichen Stellung zu ihm selbst misst. Darf es denn nicht auch ohne Paulus gehen? Ist es verwerflich, wenn andere predigen?

Obwohl er die missgünstigen Unterstellungen bald mit dem Satz relativiert, "wenn nur Christus verkündigt wird, freue ich mich darüber", so bleibt für mich doch ein unguter Nachgeschmack.

Dennoch, was ist dran an der geforderten Trennung von Botschaft und Predigern? Diese Forderung weist darauf hin, dass das Wort Gottes seine eigene Wirkkraft besitzt und unabhängig vom Predigenden ist. Denn die Glaubwürdigkeit des Evangeliums hängt am Evangelium und nicht an denen, die es verkündigen.

Aber stimmt diese Ansicht noch?

Sie wird auf jeden Fall in vielen Kirchengemeinden bis auf den heutigen Tag vertreten. Auch in unserer Gemeinde. Das macht sich bei uns insofern bemerkbar, dass wir nur die Gottesdienstzeiten ankündigen, nicht aber den oder die, der oder die predigt.
Positiv ausgedrückt heißt das, dass wir darauf vertrauen, dass Gottes Wort seine Wirkkraft schon entfaltet, unabhängig von dem, der predigt.
Andererseits aber wissen wir durchaus, dass jeder, der predigt, eine unterschiedliche Begabung für das Predigtamt besitzt.

Moderne soziologische und kommunikationstheoretische Untersuchungen besagen, dass die Glaubwürdigkeit der Evangeliumsverkündigung personenabhängig ist. Sie gehen davon aus, dass die Faktoren Sympathie und Antipathie in Bezug auf die Person des Predigers eine Rolle spielen. Weitere Faktoren sind die moralische Integrität der predigenden Personen, ihre politische Überzeugung und vieles andere. Und damit hängt dann wiederum zusammen, wie viel man als Hörer oder Hörerin vom Prediger mitbekommt. Diese Untersuchungen behaupten, dass dies für die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher gilt.

Auch ich selbst passe in dieses Analyseschema. Es gibt Prediger und Predigerinnen, die höre ich mir lieber an als andere, eben weil sie mir sympathische sind, oder weil mir ihre Lebensführung imponiert. Und insofern höre ich ihrer Verkündigung auch anders zu. Mir fällt es schwer, von den Menschen, die dahinter stehen, abzusehen. Sie gehören einfach zur Verkündigung dazu.

Botschaft und Botschafter lassen sich nicht voneinander trennen.

Die Lebensführung der Propheten ist nicht zu trennen von ihrer Verkündigung und erst recht nicht das Leben Jesu von seiner Botschaft. Und das gilt auch für Paulus, auch wenn er das Gegenteil fordert. Er gibt zuletzt sein Leben für die Botschaft, die er Zeit seines Lebens verkündigt hat.

Ich denke, dass die Forderung des Paulus nach Trennung von Botschaft und Botschaftern nicht mehr unserer Zeit entspricht; aber sie scheint mir doch eine gute Mahnung zu sein, der Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes mehr zuzutrauen.

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