Leben für andere

<a href="../../bilder/1471-01.JPG" target="_image" title="© Lydia Hepke; Veröffentlichung im gottesdienstlichen Bereich ist gestattet!"><img src="../../bilder/1471-01-tn.JPG" border="0" align="right" vspace="15" hspace="10"></a>Liebe Gemeinde!

1. Bildbeschreibung
Ich habe ein Bild mitgebracht zu diesem Gottesdienst … Und ich lade Euch/ ich lade Sie ganz herzlich ein: Schaut Euch dieses Bild einfach ganz in Ruhe an. Lasst es auf Euch wirken … Lasst die Augen und die Gedanken wandern … Und überlegt: Wo bleibe ich hängen? Was fällt mir auf?

Vielleicht sind es ja die Sandberge, … Wie ein breiter Riegel schieben sie sich quer über das Bild. Langgestreckt … Erheben sie sich – In mehreren Stufen … Bis an den Horizont. Was hinter den Bergen liegt, das bleibt verborgen … Ungewiss, undurchdringlich … Diese Sandberge, die mich in ihrer orange-rötlichen Farbe an eine Marslandschaft erinnern … Diese Sandberge versperren den Weg … Wenn es denn überhaupt einen Weg gibt – mitten durch diese Wüste.

Ich kann es nicht abschätzen: Wie weit sind die Berge wohl entfernt? Wie hoch sind sie? Wie steil? Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, sie zu überwinden …

Doch: lasst Euch nicht täuschen von den sanften Linien und Schwüngen dieser Sandberge. Sie sehen harmloser aus als sie es sind.

In ihrer Nähe wird der Sand immer tiefer, … Immer steiler wird der Anstieg … Immer höher der Berg …

Und Ihr geht einen Schritt … Und dann müsst Ihr kämpfen, … Euch mühen mit aller Kraft, … mit allen Händen und Füßen arbeiten, … nur um diesen einen Schritt nicht wieder hinunterzurutschen …

Diese Sandberge – sie sind für mich ein Bild, … Ein Symbol … Für das, was uns im Weg steht, … Für alle Hindernisse, sichtbare und unsichtbare Sperren, … Die das Leben mühsam und anstrengend machen.

Doch schauen wir weiter auf dieses Bild … Betrachten wir den Himmel … Diesen Fetzen wolkenlosen Blaus, den die Sandberge nicht verdecken.

Vielleicht fällt Euch/ Ihnen ja auch die Farbe auf.

Das Blau des Himmels … Es ist nicht das sanfte, lebendige, Leben verheißende Blau, das wir kennen und genießen, … gerade jetzt im Frühling. Wo die Seele aufatmet und die Wärme aufnimmt, einströmen lässt mit all ihren Farben.

Nein, das Blau dieses Himmels, … es bleibt merkwürdig blass und leblos … wie mit Wasserfarbe gemalt und doch völlig wasserlos …

Das Blau hier, …
es spiegelt die Sonnenglut der Mittagshitze … Flimmernd und flirrend … Trugbilder und Durst erzeugend.

Dieser Himmel – er ist für mich ein Bild, … Ein Symbol … für Weite und Endlosigkeit … Aber auch für das Leben???

Vorne im Bild … Da löst sich die Marslandschaft auf … In einzelne Sandkörner, Staubpartikel … Verschieden groß, verschiedenfarbig …

Von Wind verweht, vertrieben … In einer Ebene … Zu Wellen niedergelegt … Sanft plätschernd … Ein See, der zur Wüste erstarrt ist … Toter Sand anstelle lebendigen Wassers.

Für mich ist das ein Ort des Todes … Wüste in elementarer Form.

Und dennoch:
auch hier … In dieser so lebensfeindlichen todbringenden Umgebung … Auch hier, gerade hier, entwickelt sich Leben.

Kleine Pflänzchen, … Die den Wüstenboden durchbrechen … Mühsam – aber es gelingt.

Manche sind nur ein paar Zentimeter groß – Grashalme, die aufgereckt der Sonne trotzen, sich im Sand festkrallen, … Lebendig, Leben verschenkend … Wachsen und treiben sie inmitten von Staub und Sand.

Andere bringen sogar Frucht, … Bergen Korn in schützenden Halmen …

Und die Pflanze ganz links … sie sieht beinahe aus wie ein kleiner Baum – und ist doch auch Getreide, eine Hirsepflanze.

Leben mitten im Tod. Leben, das sich dem Tod entgegenstellt … Mehr noch: das den Tod besiegt: Ich meine: Dafür sind diese Pflanzen ein Zeichen. Ein gutes – wohltuendes – Zeichen.

Mir fällt auf: Keines dieser Pflänzchen ist allein.

Gemeinsam schaffen sie es … Gemeinsam – nur gemeinsam? – können sie einwurzeln … Humus bilden … Frucht bringen … Der Wüste Leben schenken.

2. Deutung des Bildes
Getreidekörner haben sich wegwerfen lassen, oder sie sind weggeweht worden in diese Wüste, um im heißen Sand zu wurzeln und zu keimen, zu sprießen und zu wachsen.

Vielleicht kann man das so sagen: Diese Körner riskieren ihr Leben, … Mehr noch: sie geben ihr Leben auf, … um Leben zu ermöglichen. Um Leben zu schenken, zu erkämpfen. Selbst an diesem Ort des Todes!

Eigentlich ist das doch Wahnsinn.

Viel vernünftiger wäre es doch, wenn sich die Körner verschließen würden. Wenn sie sich hart und unverletzlich machten … gegen die Hitze, … gegen den Staub, … gegen den Tod in der Wüste …

Viel vernünftiger wäre es doch, wenn diese Körner warten würden, bis der Wind sie an einen anderen Ort treibt, weht … Wo das Leben leichter ist, wahrscheinlicher, einfacher … Wo die Bedingungen günstiger sind.

Doch genau diesen Weg, den uns unser Verstand vorgibt … Genau diesen Weg geht die Natur nicht …

Es ist doch merkwürdig, denkwürdig: Leben, Entwicklung, Evolution … Geschieht dort, wo das Leben sich verschenkt, riskiert, gegen den Augenschein wagt und sich einsetzt … Weggibt, für andere lebt.

Und umgekehrt: Das Leben wird zum Tod, bleibt tot, … Wenn es sich auf sich selbst zurückzieht … Beschränkt bleibt, … Gefangen in der unbedingten Sicherheit für das Eigene … In sich verhärtet … Wie ein Korn, das versteinert, weil der Keim, der Lebenskeim, verdorrt.

Ich meine: diese kleinen unscheinbaren Wildgetreidepflänzchen, die meine Frau in der Namibwüste fotografiert hat … Diese kleinen unscheinbaren Pflänzchen lehren uns das Paradoxon von Leben und Tod, von Tod und Leben.

Und ich weiß nicht, wie es Euch/ Ihnen geht … Aber ich finde diese Beobachtung einfach faszinierend: Die Natur lebt völlig selbstverständlich, was unser Verstand eigentlich nicht zu denken wagt:

Leben wird zum Tod, bleibt Tod, wenn es sich auf sich selbst beschränkt. In sich verhärtet … Und umgekehrt: der Tod wird zum Leben, wenn das Leben sich verschenkt im Leben für andere.

3. Lesung
Nun, genau um diesen erstaunlichen Gegensatz, … Um diesen eigenartigen Zusammenhang von Leben und Tod, von Tod und Leben geht es auch in dem Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist. Und es geht auch um das Bild vom Weizenkorn.

Doch hört selbst. Ich lese aus dem Johannesevangelium, Kapitel 12, Vers 20-26.

[TEXT]

4. Auslegung
Ich weiß nicht wie es Euch/ Ihnen geht, liebe Gemeinde, … An diesem Bild vom Weizenkorn … Da wird mir im wahrsten Sinne des Wortes „einsichtig“ … was Jesus wichtig ist:

Leben ist Leben – für andere.

Ich meine: Das ist hier gemeint mit dem „Fruchtbringen“ … Auch mit der so missverständlichen Rede vom „Geringschätzen des eigenen Lebens“. Luther übersetzt das ja sogar mit „hassen“ …

Jesus geht es nicht um eine kollektive oder individuelle Selbstverleugnung, … Oder um eine depressive Missachtung der eigenen Talente und Fähigkeiten … Nein.

Ich meine: Jesus geht es hier in unserem Predigttext um eine radikale und konsequente Veränderung unseres persönlichen Blickwinkels:

Zum „ich“ gehört das „du“ – und nur im „wir“ wird das Leben lebendig. So einfach ist das. Und doch manchmal so schwer.

Wer nur um sich selbst kreist, der verwandelt sich vom Weizenkorn in einen Kieselstein. Der ist schon tot, auch wenn er lebt.

Wer aber den anderen, die andere im Blick hat … – so wie Jesus das vorgelebt hat …

Wer sein Leben einsetzt … Das heißt: Wer bereit ist, seine Zeit, Lebenszeit, … Seine Fähigkeiten und Talente … Seine Ideen, seine Kreativität und seinen Verstand einzusetzen … Für diesen anderen, für diese andere … – der ist lebendig – auch wenn er/ sie (materiell vielleicht) zum Leben weniger hat (und in Extremsituationen vielleicht sogar sein Leben verliert) …

Und ich meine: Genau das geschieht auch in unserer Gemeinde. In jeder Gemeinde. An so vielen Stellen …

In den Gruppen und Kreisen, die sich regelmäßig treffen … Und wo Menschen tiefe Freundschaft schließen … Wie im Bastelkreis oder in der Frauenhilfe …

In den Besuchsdiensten … Wo Menschen Zeit und Kraft – manchmal sehr viel Kraft und Anstrengung – einsetzen, um für andere da zu sein, die sie oft gar nicht mal kennen … Und trotzdem Zeit haben, sich Zeit nehmen, … zuhören und begleiten …

Oder auch im Presbyterium, wo wir mitunter halbe Nächte zusammensitzen, um zu beraten und zu entscheiden … In wichtigen Fragen oft auch die Diskussion ruhen lassen, um dann in der nächsten Sitzung zu beschließen, … nachdem jeder und jede noch einmal die Angelegenheit hat überschlafen können …

An so vielen Stellen sind Menschen aus unserer Gemeinde so wie die Pflänzchen auf diesem Bild …

Zeichen der Hoffnung in der Wüste der Hoffnungslosigkeit … Leben für andere – in einer Zeit, in der Egomanie immer stärker zur Ersatzreligion wird.

5. Schluss
Noch ein Gedanke … Ich weiß nicht, ob Ihnen das gerade beim Hören des Predigttextes aufgefallen ist:

Jesus antwortet mit dem Bild vom Korn, das stirbt um zu leben, … Jesus antwortet damit den beiden Jüngern … Philippus und Andreas. Die Nichtjuden – die eigentlich zu Jesus wollen, sie bleiben an dieser Stelle merkwürdig außen vor … Sie werden gar nicht weiter erwähnt.

Ich glaube – das geschieht nicht ohne Grund. Philippus und Andreas – sie werden zu Vermittlern … Es ist die Aufgabe der Apostel, weiterzusagen, weiter zu leben … Was Jesus gesagt und getan hat.

Und genau das ist auch unsere Aufgabe – in unserer Gemeinde, in unserem neugewählten Presbyterium. –

Möge Gott uns dazu Kraft und Geduld, Weisheit und Mut schenken … Und segnen – damit Leben für andere möglich bleibt.

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