Lauwarmer Kaffee

Mussten sie schon einmal morgens beim Frühstück einen lauwarmen Kaffee schlürfen? Haben sie schon einmal in einem Restaurant eine noch nicht ganz kalte Suppe vorgesetzt bekommen? Oder durften sie schon einmal an einem Würstchenstand in eine liegengebliebene schrumpelige Krakauer beißen? Schlimmer ist da nur noch, im Hochsommer bei 35 Grad ein schwülwarmes Bier ausgeschenkt zu bekommen …

Ich weiß nicht, ob es ihnen ähnlich geht, liebe Gemeinde, aber schon allein bei der Vorstellung verliere ich schon den Appetit. Manche Getränke und Speisen müssen einfach entweder so richtig heiß oder kalt sein. Sind sie es nicht, schmecken sie nicht oder bieten nicht die gewünschte Erfrischung. Schauerlich …

Johannes, der Exilant von Patmos, von dem wir schon am vergangenen Sonntag etwas gehört haben, muss schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben – und mochte sie wohl genauso wenig wie ich. Denn in einer seiner Visionen spielt er genau darauf an. Hören wir einmal in seinen Text hinein:

[TEXT V. 14-16]

Wie es scheint, steht die angesprochene Gemeinde in den Augen des Sehers ziemlich schlecht da. Warum? Ihr fehlt der nötige Pep, das notwendige Selbstbewusstsein, der jugendliche Schwung – und damit der besondere Charakter, der sie auszeichnen sollte. Sie scheint nicht mehr unterscheidbar zu sein, sie hat sich angepasst. Sie mag lieber Kompromisse eingehen als sich die Finger verbrennen. Bloß niemandem auf die Füße treten, sonst holt man sich noch eine blutige Nase.

Aber, so sagt Johannes, wer kein Profil zeigt, der kommt irgendwann ins Rutschen, verliert die Kontrolle und schlittert dann irgendwo ins Abseits, dahin, wo ihn kein Mensch mehr bemerkt. Das Rennen mag zwar weiter gehen – aber diesmal um einen Teilnehmer ärmer.

Am vergangenen Sonntag habe ich gesagt, Johannes müsste sich die ein oder andere Redewendung noch einmal durch den Kopf gehen lassen und der heutigen Situation anpassen, wollte er seine Botschaft rüberbringen. Für diese Textpassage gilt das nicht, die kann man getrost so übernehmen, wie sie da steht.

Denn seien wir doch mal ehrlich: Wo profiliert sich Kirche heutzutage noch so, dass sie in die Schlagzeilen kommt! Und das nicht wegen Korruption oder sexuellen Verirrungen einzelner Pfarrer, was ja leider vorkommt, sondern um ihrer Botschaft willen?! In Deutschland schaffen das entweder nur erzkonservative katholische Kardinäle oder ein egozentrischer nachmittagstalkender Pfarrer – die aber immerhin!

Und man sollte nicht gleich über diese Leute herfallen und laut protestieren, die seien ja nur auf Show aus oder wollten nur provozieren. Oft entsprechen sie gerade damit einem wesentlichen Merkmal biblischer Prophetie: die Menschen aus ihrem Alltag, ihrem Gedanken- und Gefühlstrott herausrufen – das bedeutet nämlich der Begriff "provozieren", wenn man ihn wörtlich übersetzt. Und das mit Mitteln, die Beachtung finden und für andere nicht immer ganz angenehm sind.

Jeremia ist auf den Marktplatz gegangen und hat, um Aufmerksamkeit zu erregen, erst mal einen großen Tonkrug zerdeppert. Hosea heiratete vor seinem ersten Auftritt eine Prostituierte und zog damit das Interesse der Öffentlichkeit auf sich und Jesaja ist sogar drei Jahre lang splitterfasernackt durch die Gegend laufen. Die Message wird inszeniert – schon damals scheint man gewusst zu haben, dass das Auge mithört.

Selbstverständlich sollte man dabei nicht vergessen, dass Inszenierung und Botschaft zusammenpassen müssen, ansonsten verkümmern vielleicht sogar gutgemeinte Versuche zu peinlichen Selbstdarstellungen und provozieren nur das Mitleid der Gesellschaft.

Was wir in Szene zu setzen haben wissen wir: das Evangelium, die frohmachende Botschaft. Über das Wie sollten wir uns aber etwas mehr Gedanken machen – auch als Gemeinde vor Ort. Irgendwo hapert es doch da – gerade was die Fröhlichkeit anbelangt. Also: Wo und wie können wir zeigen, dass wir eine Gemeinde, also eine Gemeinschaft bilden, die Menschen einlädt, mitzumachen? Wo und wie müssen wir aber auch Flagge zeigen und uns ins Gerede bringen, damit registriert wird, dass man an uns nicht einfach vorbeileben kann? Und wo und wie müssen wir aufmerksam hinhören, hinschauen und hinspüren, um die richtigen Themen zu besetzen?

Sicher Fragen, die nicht so leicht zu beantworten sind, die aber meines Erachtens beantwortet sein wollen. Vielleicht hilft uns da ja Johannes einwenig weiter …

[TEXT: V. 17-19]

Tja, zurzeit machen wir ja in unserer Kirche eine ganz andere Erfahrung: Wir reden nicht davon, wie reich wir sind, sondern nörgeln ständig herum, dass Geld fehlt. Kirchenaustritte, Steuerreform, Unterhaltungskosten – alles Gründe, warum wir unseren christlichen Gürtel enger schnallen müssen und uns das allgemeine Kirchgeld ausgedacht haben, das demnächst eingeführt wird.

Die Suche nach weiteren Einnahmequellen und Einsparungsmöglichkeiten verlangt dabei einen Arbeitsaufwand, den ich mir so manches Mal lieber woanders eingesetzt wünschen würde. Wir unterliegen da bisweilen nämlich einem erheblichen Irrtum: nicht die Kirchensteuer ist die Quelle unserer Handlungsfähigkeit, so wichtig sie für unser Kirchensystem auch sein mag.

Denn das, worauf wir uns verlassen sollten, ist mit allem Geld der Welt nicht zu bezahlen. Johannes macht das anhand der Gemeinde in Laodizea sehr deutlich. Die sind scheinbar reich und haben keine finanziellen Probleme. Und trotzdem – oder soll ich sagen: gerade deswegen? – fehlt ihnen das Wesentliche: Vertrauen zu ihrem Gott. Und genau da liegt – so habe ich den Eindruck – auch das Problem unserer Kirche heute: Wir jonglieren mit Zahlen und Statistiken mehr oder weniger geschickt herum – und lassen alles beim Alten. Keine neuen Wege, keine gewagten Ideen, so gut wie keine Risikobereitschaft. Es könnte ja schlechter werden als es jetzt schon ist … soviel zum Thema Vertrauen in Gott!

Aber Augen zu und durch ist nicht das Motto, das uns leiten sollte! Dagegen sei uns eine Salbe verschrieben, heißt es bei Johannes. Wir selbst sollen die Augen gefälligst aufmachen, um anderen die Augen öffnen zu können. Sich zum christlichen Glauben zu bekennen bedeutet dann gerade nicht, sich aus allem herauszuhalten, neutral zu sein, jedem gerecht werden zu wollen. Es gilt vielmehr, Positionen zu beziehen, eben heiß oder kalt zu sein – und nicht lau! Natürlich setzt man sich dann auch der Kritik anderer aus; natürlich kann es auch bedeuten, einmal daneben zu liegen. Aber auch davor brauchen wir uns nicht zu scheuen.

Johannes schreibt: "Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige sie." Ein Satz, den ich eigentlich überhaupt nicht mag. Aber er beinhaltet doch auch eine Zusage, auf die wir vertrauen sollten und die ich einmal etwas flapsig so formulieren möchte: Bengels, ich kann euch gut leiden. Und darum werde ich euch das schon merken lassen, wenn ihr in die verkehrte Richtung laufen solltet!

[TEXT: V. 20-22]

Ja, Überwindung wird es kosten, unsere Kirchentüren so weit aufzumachen, dass jeder herein kommen und sich in Ruhe umschauen kann – und der ein oder andere vielleicht sogar frischen Wind in den Laden bringt. Aber als "geschlossene Gesellschaft" taugen wir nicht viel. Kirche würde nur jämmerlich zu einer Privatveranstaltung verkommen, deren Organisatoren schon vor dem Eingang durch ein Schild vermitteln, dass ungebetene Gäste unerwünscht sind. Aber Vorsicht: Einer der Passanten könnte derjenige sein, auf den wir schon so lange warten …

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