Last, die stark macht

<i>]Inhaltliche Anregungen, einzelne Sätze und die Schlussgeschichte habe ich übernommen aus der Predigt von Ulrike Wegener von 1998, die auch in dike veröffentlicht ist. Herzlichen Danke an Ulrike Wegener!]</i>

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns in der Passionszeit. Es ist die Zeit, das Leiden Jesu Christi zu bedenken. Wir tun das in einer Zeit in der der Film, die Passion Christi gerade in die Kinos kommt. Der Film ist freigegeben ab 16 Jahren. Er muss mit drastischen Bildern die Grausamkeit der Folter und Hinrichtung Jesu darstellen. Man kann sich sicher darüber streiten, was das soll, aus der Kreuzigung Jesu einen Horrorfilm zu machen. Ich werde mir nicht zumuten, dieses anzusehen. Aber wir können davon ausgehen, dass die Wirklichkeit hinter dem Film so brutal war, wie der Film es darstellt.

Warum also muten wir es uns sieben Wochen im Jahr lang zu, jeden Sonntag uns an etwas so entsetzliches erinnern zu lassen. Unser heutiger Predigttext gibt darauf eine überzeugende Antwort. Ich lese Hebräer 5, 7-9:

[TEXT]

Die Antwort auf die Frage, warum befassen wir uns mit der Leiden Jesu lautet: Weil Jesus Christus in seinem Leiden, in seinem Gehorsam gegen Gott zum Urheber ewigen Heils, eben auch unseres Heils geworden ist.

Das ist ein schwieriger Gedanke. Nähern wir uns ihm vorsichtig. Hier steht: Jesu Leiden war Gehorsam gegenüber Gott. Alle Evangelien und Briefe im Neuen Testament sind sich darin einig: Jesus musste leiden, und er hat damit Gottes Willen erfüllt.

Mit diesem Satz haben wir heute große Schwierigkeiten. Denn er verdunkelt uns das Gottesbild. Ist Gott grausam, weil er Jesus hat leiden lassen? Wenn Gott allmächtig ist, warum hat er dann nicht einen anderen Weg gefunden, uns zu erlösen? Das Leiden eines Unschuldigen zu wollen, ist doch ungerecht. Berechtigte Fragen an eine der zentralen Aussagen unseres Glaubens.

Diese Schwierigkeiten haben wir, wenn wir versuchen die Perspektive Gottes einzunehmen. Uns als Menschen den Kopf Gottes zu zerbrechen führt allerdings nicht weiter. Also bleiben wir doch bei unseren eigenen Lebenserfahrungen. Vielleicht wird dann manches klarer.

Unsere eigenen Lebenserfahrungen sagen uns: Diese Welt ist grausam. Auch wenn wir es versuchen, können wir nicht sicher sein, dass wir Leid vermeiden können. Wir werden geboren und wir sterben. Im Laufe unseres Lebens verlieren wir Menschen, die wir geliebt haben. Und wir sind immer wieder mit Ungerechtigkeiten konfrontiert. Was wir eigentlich gut machen wollten, wird missverstanden. Und es entsteht eine Feindschaft. Wir machen Fehler, und die rächen sich. Wir geben unser Bestes aber es reicht nicht, um die Klasse zu schaffen oder den Arbeitsplatz zu behalten. Die Angst droht einen gefangen zu nehmen, und plötzlich geht gar nichts mehr.

Ich beschreibe das Leben jetzt sehr einseitig. Dies ist sicher nur ein Teil der Wahrheit. Aber wer könnte bestreiten, dass dies alles auch Teil unserer menschlichen Wirklichkeit ist. Und es war eben auch Teil des Lebens Jesu.

Jesus hat in seinem Leben versucht, vollständig im Vertrauen auf den menschenfreundlichen Gott zu leben. Er hat sich auf Gott verlassen. Und Gott hat durch ihn gewirkt. Seine Taten waren Zeichen, dass es möglich ist, die Gemeinschaft zu heilen, die Menschen wieder zusammen zu bringen, die Ausgeschlossenen wieder einzugliedern und auch die Körper wieder heil zu machen. Jesus hat uns allen den Willen Gottes gezeigt. Er hat sich für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt und hat sich damit mächtige Feinde geschaffen. Die leitenden Priester in Jerusalem fanden seine Botschaft von dem Reich Gottes, dass für alle zugänglich ist, sehr bedrohlich. Dies hätte ihre Arbeit überflüssig gemacht. Außerdem befürchteten einige, einen Volksaufstand gegen die römische Besatzung. 40 Jahre später hat ein solcher Aufstand blutig geendet. Der Tempel wurde zerstört. Und dass der grausame römische Statthalter Pontius Pilatus jemand kreuzigen lässt, der behauptet es gebe einen höheren Frieden als die römische Friedensherrschaft, die Pax romana, war klar. Es wurden damals Menschen wegen kleinerer Vergehen hingerichtet. Jesu Kreuzigung war also eine Folge seiner Botschaft. Er konnte diesem Schicksal nicht entgehen, ohne seine Botschaft zu verraten. Und diese Botschaft unter die Menschen zu bringen, das war seine Lebensaufgabe. Jesus ist nicht daran gestorben, dass Gott brutal ist, sondern er ist daran gestorben, dass die Menschen brutal sind. Insbesondere die römische Herrschaft im Mittelmeerraum war brutal. Er ist an den Menschen gestorben, denen er einen Weg gezeigt hat, wie sie im Vertrauen auf Gott leben können. Er ist an den Menschen gestorben, die diesen Weg nicht akzeptieren wollten oder konnten. Insofern war sein Tod eine Folge seines Gehorsams gegenüber Gott.

Jesus hat um diesen Gehorsam schwer gerungen, damals im Garten Gethsemane als er verzweifelt gebetet hat: Bitte Gott lass mich nicht sterben, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber am Ende hat er dazu gefunden, sein Schicksal zu akzeptieren: „Nicht, mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“ hat er gebetet und ist sehenden Auges auf das zugegangen, von dem er wusste, dass es ihn erwartet, Folter und Kreuzigung.

Unser Predigttext sagt dazu: (7)Und (a) er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
(8) So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, (a) Gehorsam gelernt.

(9) Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Das ist es wozu wir uns verhalten müssen. Und wir können uns jetzt natürlich hinstellen und sagen: Nein, dieser Gott, der so etwas zulässt ist uns zu brutal, damit wollen wir nichts zu tun haben. Oder wir können uns auf Jesu Zustimmung einlassen und sagen: Vieles läuft in dieser Welt falsch. Und sich für das Gute einzusetzen und nach Gottes Willen zu fragen und zu versuchen, ihn auch zu tun, dafür wird man nicht belohnt, sondern es bringt einen in Schwierigkeiten. Es ist trotzdem richtig. Und ich bin bereit, es zu versuchen, auch wenn ich davon Nachteile habe.

Und dann steht für uns wichtiges in dem Predigttext: Jesus hat in seinem Leben Gott in Ehren gehalten. Und Jesus hat Gott angefleht mit Schreien und mit Tränen, den angefleht der ihn retten konnte. Und Gott hat beschlossen, der menschlichen Brutalität nicht recht zu geben. Und er hat beschlossen Jesus nicht dort zu lassen wo die Menschen ihn hingeschickt haben, im Tod. Gott nämlich hat das, was die Feinde Jesu zu seiner Vernichtung getan haben, benutzt und umgedreht und daraus Heil entstehen lassen für alle, die seinem Weg folgen wollen. Wie es im letzten Satz des Predigttextes heißt: (9) Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Darum geht es Gott. Gott beseitigt nicht die Brutalität und Grausamkeit der Welt. Warum Gott das nicht tut, keine Ahnung. Aber es ist einfach so. Aber Gott hilft uns trotzdem sinnvoll zu leben. Gott schenkt uns das ewige Heil, heißt es hier. Das ist keine Vertröstung für ein besseres Leben im Himmel. Wenn das Heil ewig ist, dann ist es umfassend und dann ist es hier und jetzt in diesem Leben und darüber hinaus. Wer Jesus als Vorbild nimmt, der darf auch in schlechten Zeiten von sich behaupten ein von Gott gesegneter Mensch zu sein. Der wird die Kraft bekommen, mit den Widerständen fertig zu werden, die ihm entgegen kommen, weil er sich an Gott orientiert. Er wird auch die Niederlagen als Teil seines von Gott gewollten Weges akzeptieren. Denn er kann sich darauf verlassen, dass Gott auch aus Fehlern und auch aus tiefem Leid noch etwas Gutes entstehen lassen kann. Diese Zuversicht schenkt Frieden. Und sie schenkt Kraft, zu tun, was nötig ist, und den Rest Gott zu überlassen.
Ich möchte schließen mit einer Legende aus der Sahara: Es heißt "Die Steinpalme":

Durch eine Oase ging eine finsterer Mann, Ben Sadok mit Namen. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben.

Am Rande der Oase stand eine junge aufstrebende Palme im besten Wachstum. Die stach dem finsteren Araber in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten auf die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser "Heldentat" weiter.

Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die schwere Last abzuwerfen. Vergebens. Zu fest saß der Stein in der Krone. Da grub sich der junge Baum tiefer in den Boden, um mehr Halt zu bekommen, und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte.

Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum.

Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu freuen, den er verdorben hatte. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: "Ben Sadok, ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht."

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