Lasst keinen in den Dunkelöchern

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

letzten Montag in der Templiner Montagsrunde, ein Gesprächsangebot nicht nur für Menschen der Kirche und des Glaubens: zu Gast waren zwei Kommunalpolitiker, mit denen wir über das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft, von Christengemeinde und Bürgergemeinde ins Gespräch kommen wollten. Beide gehörten unterschiedlichen Parteien an, verstanden sich aber sehr wohl als praktizierende Christen.

„Wo haben die Kirchen ihren Ort in dieser Gesellschaft“ war die Ausgangsfrage und die Antworten bewegten sich eher im Traditionellen: in der Wertevermittlung bei den Kindern und Jugendlichen ( wer sollte es denn sonst machen). Wie gut , dass es nun evangelische Kindergärten und Schulen und kirchliche Jugendkeller in Templin gibt.

In der Betreuung der Ärmsten und Schwächsten. Wie gut, dass wir zahlreiche diakonische Einrichtungen der Alten- und Behindertenpflege haben, die ja nebenbei in dieser strukturschwachen Gegend auch noch die größten Arbeitgeber sind und die Arbeitslosigkeit ein wenig drosseln können.

Notfallseelsorge, Telefonseelsorge, Suchtprävention.

Wie gut, dass es die Kirchen als freiwillige Feuerwehr an den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft gibt.

Freiwillige Feuerwehrreserve – ist es dass, was der Epheserbrief meint, wenn er Christen Kinder des Lichtes nennt?

Das Gespräch endete mit einer letzten Frage, was denn über die Feuerwehrtätigkeit hinaus die Gesellschaft von der Kirche erwarten darf und erwarten will: und eine der Antworten lautete, dass Christen ihren Glauben ehrlich und überzeugend leben, nicht nur als Sonntagschristen.

Da hatte einer seinen Finger in eine offne Wunde gelegt.

Ehrlich und überzeugend, authentisch und einladend, ganzheitlich und nicht nur als schmückendes Beiwerk soll der Glaube der Christen sein. Glaube als Lebensmitte und nicht nur als Randerscheinung.

„Lebt als Kinder des Lichtes“

Ein guter und ein frommer Wunsch, der niemals schaden kann. Ich muss meine Phantasie nur wenig bemühen, um mir vorzustellen, wie es zuginge, wenn Christen überall so leben würden, wie es auch Nichtchristen von ihnen erwarten: friedfertig, versöhnlich, gerecht und engagiert, ehrlich und solidarisch an der Seite der Schwachen. Gutmütig. In den Familien gelingt an Beziehungen, was gesamtgesellschaftlich längst den Bach runtergeht. Aber – so ist es nicht.

Auch Christen scheitern in ihren Beziehungen, leben in Konflikten, können gewalttätige Auseinandersetzungen nicht verhindern und sind Teil eines Weltwirtschaftssystems, dass trotz Brot für die Welt und Misereor die grundlegenden Probleme angesichts der Globalisierung nicht entscheidend verändern kann. In den Gemeinden gibt es Streit, Mitarbeiter erleben sich mitunter auch als Konkurrenten, Mobbing soll es auch in kirchlichen Einrichtungen geben. Christen sind nicht nur Feuerwehr, sondern manchmal auch mit Brandstifter.

Wir sind Spiegelbild unserer Gesellschaft , nicht besser und nicht schlechter. Alles andere wäre unehrlich.

Und dennoch heißt es eindringlich: Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.
Ihr wart früher Finsternis, nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichtes.

Vielleicht ist es zunächst eine Frage der Perspektive. Vielleicht heißt es zunächzunächst: seht die Gesellschaft , in der ihr lebt in einem anderen Licht. Beleuchtet einmal liebevoll und genau Stärken und Schwächen.

Nennt sie beim Namen und mit der Botschaft Jesu, mit seinem Leben, seinem Traum, aber auch seinem Leiden und Sterben im Rücken und Gottes Ja am Ostermorgen zu diesem Leben als Perspektive vor euch, könnt ihr anderes, hoffnungsvoller und mutiger auch in den kleinen Schritten leben.
Was ist das aber für eine andere Perspektive?

Ich habe einmal eine Kerze mitgebracht, auch wenn ich weiß, dass es heute morgen womöglich wenig Sinn macht, sie anzuzünden. Das Licht des Tages und das Licht der Sonne, von dem der Prediger hier im Kirchsaal schon einmal geblendet sein kann, lässt gar nicht erkennen, ob meine Kerze brennt oder nicht.

Wenn es jetzt aber Abend wäre – dunkel – dann würde sie gute Dienste erweisen, auch in einem so großen Raum.

Diese ganz banale Erfahrung hat für mich eine ungeheure Tragweite.

Wir dürfen erst einmal die Dunkelheit um uns herum wahrnehmen und beim Namen nennen.

Und ich glaube, dass das oft genug schon schwer auszuhalten ist.

Die Bilder aus Madrid, der Gedanke, dass 200 Menschenleben einfach sinnlos ausgelöscht wurden, dass 1400 Menschen mit schweren Verletzungen zu tun haben, mit einer mir eigentlich fremd gewordenen biblisch-theologischen Sprache kann ich da nur fragen, was sind das nur für dunkle und finstere Mächte, die da am Werk sind und ohne Grund menschlichem Leben so ein Ende machen?

Ich muss an Eindrücke aus eine landeskirchlichen Visitation denken, auf der ich letzte Woche in Berlin und Brandenburg war. Mitarbeiterkonvente in den Randregionen Brandenburgs mit einer erschreckend großen Resignation 14 Jahre nach der Wende, das brandenburgische Viertel in Eberswalde mit z.T. 40%iger Arbeitslosigkeit und den ganz praktischen Konsequenzen der vorgenommenen Sozialreformen, da sieht es ganz schön finster aus.

Natürlich gab es auch andere Eindrücke: es sieht nicht nur finster aus. Es gibt viele Aufbrüche, Lichtblicke gesellschaftlich und kirchlich in unserem Land und in unseren Gemeinden.

Es lohnt sich also sein Licht leuchten, nicht alles im Dunkel untergehen zu lassen. Licht zu sein gegen Resignation, Menschen abzuholen aus ihren Dunkellöchern, in denen sie hocken und verkümmern, in ihnen wecken und wachrufen , was an Potential in ihnen steckt, das wäre doch schon viel. So kann man das Beispiel Christi, dem wir folgen soll, auch verstehen. Anders kann die Rede von Gottes Liebe unter uns nicht konkret werden. Eine Liebe, die Menschen in ihrer Dunkelheit im Stich lässt, ist keine Liebe, der man sich anvertraut, der man etwas zutraut.
Der Epheserbrief ist, da wo er praktisch wird, ein Kind seiner Zeit . Der Laster- und Tugendkatalog, wie die Ausleger die Aufzählung von Gute und Böse nennen, spiegelt vor allem die Moralvorstellung der Antike, und da nicht nur der christlichen Antike, wieder.

Aber die Notwendigkeiten der Liebe, das Beispiel Christi sind zeitlos.

Sehen was in einem Menschen steckt, was durch ihn möglich ist, niemanden aufgeben, sondern Potentiale wachrufen und ihm helfen, seinen Platz unter Menschen zu finden, ist eine der grundlegenden Handlungsweisen Jesu Zöllnern und Ehebrecherinnen, aber auch Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber und bis heute im besten Sinne christliche Tugend, oder aber liebende Motivation zu erhellendem und ermutigenden Handel.

Darauf denke ich hat auch unsere Gesellschaft ein Recht und das ist die andere Perspektive.

Mir fällt es schwer Leben im Licht mit Hilfe eines Kataloges zu beschreiben. Aber die konkrete Situation wird mir helfen, Chancen und Grenzen meines Engagements als Christ in dieser Gesellschaft orientiert am Vorbild Jesu zu benennen. Ich weiß, wo wir gefragt sind, da lagen die Kommunalpolitiker der Montagsrunde gar nicht so falsch. Wo junge Menschen ihren Platz im Leben suchen und nach ihrem Wert und ihrem Ziel fragen, da kann der Glaube Antworten geben.

Da wo Menschen scheitern, will der Glaube aufrichten und neu motivieren.

Da wo die soziale Not immer drängender wird, da weist der Glaube Menschen wie Geschwister aneinander und ermutigt für einander einzustehen.

Da wo der Friede gefährdet ist, mahnt er zu Versöhnung und Vertrauen.

Ich bin mir sicher , wir haben die Chance, Licht in diese Welt – und es ist ja unsere Welt – zu bringen. Und dazu will uns der Epheserbrief eindringlich Mut machen. Wir haben Christus im Rücken und sein Reich vor uns: also lasst uns als Kinder des Lichtes leben und für das Licht arbeiten.

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