Kontrastprogramm

Liebe Gemeinde!

Dieser Predigttext ist ein Kontrastprogramm zu dem, was für Karfreitag als dem Tag des Todes Christi im Vordergrund steht. Heute ersetzt die Verlesung des Evangeliums eigentlich die ganze Predigt. In wenigen Bibelversen wird einfach der Vorgang der Kreuzigung geschildert, so wie das Johannes Evangelium diese uns überliefert. Das Sterben dieses Menschen Jesus von Nazareth ist ergreifend. Wir spüren: Er wird durch die Kreuzigung zu Tode gebracht. Und: Im Verlauf dieses Sterbens nimmt er sein Schicksal an und versteht es als Vollendung seines ganzen Auftrags. Er ist der von dem es bei Jesaja heißt: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.“
Er trug unsere Schmerzen. Er durchlitt alle Qualen die man sich nur denken kann: des Verrats, des Scheinprozesses, der Verspottung, der schweren Folterungen und des grausamen Weges zur Kreuzigungsstätte. Aber: Er trug unsere Krankheit. Er war also auch ein Gewaltopfer, wie es vorher und danach noch viele gegeben hat. Sein Passionsweg ist sinnlos, wie die Ermordung Martin Luther Kings, wie die Bomben in Madrid und die Selbstmordanschläge im Irak. Er wird zum Opfer einer Gewalt, die in der Geschichte immer von Machthabern ausging. Im Prozess Jesu teilen sich der Hohe Rat des Jerusalemer Tempels und der römische Statthalter die Verantwortung. In einem sind sie einig: Sie wollen die zum Aufstand drängende Stimmung nicht anheizen. Das Opfer des einen schien ihnen das kleinere Übel. Jesu gut durchdachte und mit der Bibel begründete Verkündigung wurde als Gotteslästerung denunziert. Seine Offenheit für Zöllner und Sünder waren bestimmten Gruppen ein Dorn im Auge. Der römische Statthalter nahm seinen Titel „König der Juden“ ernster, als es er selbst oder die jüdische Obrigkeit sah. Mit einem Königsanspruch wurde wie auch immer die Herrschaft der Weltmacht untergraben.

Jesu Tod war ein Martyrium. Er gab sein Leben für seine Freunde. Er opferte sein Blut für die, die überlebten.

Der Film von Mel Gibson „Die Passion Christi“, der seit einigen Tagen in den Kinos läuft ist wegen einige Bilder und Aussagen umstritten. Er zeigt die Gewalt so deutlich, dass der Kinobesucher sie so realistisch, wie möglich erlebt. Das ist nichts Ungewöhnliches. Filme wie Schindlers Liste oder der Soldat James Ryan sind vielleicht noch brutaler gedreht, falls man das überhaupt sagen kann. Mel Gibson zeigt eine Geschichte, die es im Einzelnen so auch gar nicht gibt, indem er alle Berichte der Evangelien und sogar die vierzehn Kreuzwegstationen zusammen erzählt. Der Film mag umstritten sein. Ich finde ihn dennoch in diesem Sinn auch lehrreich. Das Bild, das uns die Evangelisten im Ganzen und die Tradition von der Kreuzigung vermitteln, und das wir nur als ein Ganzes sehen können, ist die Grundlage unseres Glaubens. Darum kann sich kein Kritiker herumdrücken.

Die Gewalt wird ja nicht6 gezeigt, um sie zu verherrlichen, eher im Gegenteil. Im Verlauf der Passion Jesu leuchtet an mehr als einer Stelle die Sinnlosigkeit dieser Brutalität auf. Die Gefühle des Betrachters sind genau die, die auch die Lesung der Kreuzigungsgeschichte am Karfreitag hervorrufen: Trauer und Mitleid mit diesem Opfer sinnloser Gewalt. Welchen Sinn hat Jesu Leiden? Keinen.

Und doch bauen die Evangelien und auch die Legenden um den Tod Jesu dieses sinnlose Ereignis ein in den umfassenden Glaubenskampf, der zugunsten Gottes zu entscheiden ist. Der Tod wird zum Sieg, das Leiden zum Opfer erklärt. „Es ist vollbracht.“ Jesus ist erhöht. Im Film von Mel Gibson bekomme ich dieses nicht zusammen. Ich werde Zeuge der Passion. Ich kann die Stationen des Kreuzweges verfolgen, als wäre ich selbst dabei. Mir kann diese Anballung von Tragik und Leid kein Gefühl der Andacht wecken. Ich kann auch nicht verstehen, wieso die religiöse Phantasie dieses Leid noch in solchem Maß steigern muss. Als Jesu stirbt ist man schon fast froh, dass er es nun endlich geschafft hat. Der Gedanke, dass man diesen Tod doch hätte vermeiden können, kommt gar nicht auf. Diese Gewalt lässt Barmherzigkeit nicht zu. Ich sage es ganz deutlich: Der allmächtige Gott lässt die Zügel locker. Auschwitz und Hiroschima, Dresden und der Tod viele auf Flucht und Vertreibung, die Opfer des 11. September 2001 und des 11. März 2004 stehen mir dabei genauso vor Augen.

Wofür ist Jesus gestorben? Die Frage kann nur so beantwortete werden, wie es der schwarze Pfarrer Zephanja Kameeta in einem an Psalm 22 angelehnten Gebet tut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mit deinen eigenen Worten, Herr, rufe ich dich an, denn du allein verstehst mich wirklich und fühlst mit mir. Du allein weißt, was es heißt, wenn man verachtet und unterdrückt ist.“
Und dann komme ich her, und lese einen Predigttext, in dem dieser grausame und sinnlose Tod als Glaubensereignis verkündigt wird. Und Paulus hat ja recht: Ohne Jesu Kreuzigung hätte es den christlichen Glauben nicht gegeben. Nun hat dieses Leiden und Sterben doch einen Sinn, ja mehr noch: Es ist die eigentliche Grundlage unserer christlichen Religion. Verzweiflung und Glaubensgewissheit, Trauer und sinnvolles Leben, wieso liegen im Kreuz Jesu solche Gegensätze begründet? Wie kann man diese Religion den Menschen heute noch vermitteln?

Ich versuche einmal zuerst einen Gedanken, bevor ich auf Paulus zurückgehe: Gott greift nicht als Weltenlenker ein. Aber der allmächtige Gott ist ein Gott des Lebens. Die Methoden derjenigen, die das Leiden in die Welt bringen sind entlarvt. Christus hat die Wahrheit seiner Verkündigung und seiner Sendung durch dieses Martyrium bekräftigt. Er hat sich nicht davon abbringen lassen. Er hat die Gottesferne der Kreuzigung bewusst auf sich genommen um die Geschichte Gottes mit uns zu bestätigen und zu erneuern. Der Weg ans Kreuz offenbarte seine Liebe.

Es lohnt sich, den Gedanken des Paulus nach zu gehen. Das ist evangelische Predigt pur. Aber bitte: Dass ist eine Gedankenkette, die zunächst einige Aufmerksamkeit beanspruch, dennoch aber völlig logisch und klar ist.

Paulus diktiert: Einer ist für alle in den Tod gegangen, also sind sie alle gestorben.

Heißt das nicht: Jesus stirbt stellvertretend für uns? Die mit dem Tode regieren, können das Leben nicht aufhalten. Jesus überlebt nicht, aber er steht auf. Seine Gemeinde kommt in seinem Namen zusammen. In Worten und Zeichen ist er da. Sein Geist zeigt sich als Gottes Geist und geht auf alle über, die glauben. Der Tod ist zwar eine Realität, aber kein Macht mehr. Sein Sterben wird im Glauben symbolisch nachvollzogen, etwa in der Taufe oder im Abendmahl, damit wir auch sein Leben zu einer unbedingten Realität. Wer glaubt, lebt in Christus.
Paulus diktiert: Weil er für sie gestorben ist, gehört ihr Leben nicht mehr ihnen selbst.

Es ist kein Gegensatz, dass hier das Leben nicht als ein Dienst für andere, sondern als ein Leben für Christus bezeichnet wird, denn das Leben in Christus ist ein Leben im Dienst für die anderen.

Paulus diktiert: Darum beurteile ich von nun an niemand mehr nach menschlichen Maßstäben.

Hier leuchtet die Voraussetzung zum dem auf, was Martin Luther die Rechtfertigung des Sünders genannt hat. Es gibt einen unabänderlichen Wert jedes menschlichen Lebens, ganz unabhängig von Sünde und Schuld. Unser Leben ist nach wie vor irdisch und natürlich, aber es ist befreit vom Kreislauf der Schuld und der Sühne.

Paulus diktiert: Wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Schöpfung.

Du lebst als ein neuer Mensch, als Kind Gottes, aus Gottes Geist wenn du Deine Taufe als Wahrheit für das Leben anerkennt,. Du bist von den gottlosen Bindungen deiner eigenen Verstrickungen befreit zum Dienst und zum Leben mit anderen Menschen. Dein Leben geht immer von vorne los.

Paulus diktiert: Obwohl ich sein Feind war, hat Gott sich durch Christus mit mir ausgesöhnt. Paulus weist damit natürlich auf jeden Menschen, der an Christus glaubt. Durch den Glauben wird vorherige Feindschaft mit Gott allerdings erst erkannt. Du sagst: Ich war Gottes Feind, jetzt bin ich frei zur Liebe.

Paulus diktiert: In Christus hat Gott selbst gehandelt und hat die Menschen mit sich versöhnt. Es gibt eine alte Zeit und eine neue Zeit. Die alte Zeit, die freiwillig gewählte Knechtschaft hast du im Glauben an Christus abgelegt. Wer von den Sünden und Verfehlungen her denkt, versteht diese Vergebung Gottes vielleicht gar nicht. Die Sünde wird nicht verneint. Sie gibt es natürlich, aber sie hat einfach nicht das letzte Wort. Es gilt der neue Weg.
Paulus diktiert: Der Auftrag der Apostel lautet: „Bleibt nicht Feinde Gottes. Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet.“

Die Botschaft der Bedeutung des Todes Jesu will weitergegeben werden, sie beruft dich zum Boten, zur Botin. Das Kreuz wird zum Zeichen unserer Religion. Die alte Welt, die mit Christus gestorben ist, muss immer wieder in den Tod gegeben werden. Der Glaube ist so ganz einfach: Ist Jesu Tod auch für mich geschehen, dann lebe auch ich mit ihm in der neuen Welt. Jesus ist durch den Tod erhöht und regiert in Gottes Reich und Wirklichkeit. Gott hat nun ein menschliches Gesicht.

Paulus diktiert: Gott hat Christus, der ohne Sünde war, an unserer Stelle als Sünder verurteilt, damit wir durch ihn vor Gott als gerecht bestehen können. Wie die Gläubigen Gerechte sind, weil Gott sie als solche ansieht und behandelt, obwohl sie Sünder sind, so wird Christus von Gott als Sünder angesehen und behandelt, obwohl er sündenlos ist. Dies geschieht dadurch, dass Gott ihn wie einen Sünder am Kreuz sterben lässt. Christus starb als Stellvertreter für uns. Durch Christi Tod sind wir zu Gerechten geworden, deren Gerechtigkeit nicht in ihrer eigenen moralisch sittlichen oder religiösen Qualität besteht, sondern in Gottes urteil, das heißt dadurch, dass die Sünden vergeben sind. Die Vergebung ist das einzige Mittel, die Gegenwart des Vergangenen im jetzt zunichte zu machen. Indem du dich persönlich an den Vergebenden hingibt und dadurch die Vergebung akzeptierst, verstehst du dein Leben aus dem Geist. Das Leben im Glauben ist die Freiheit von der Vergangenheit und die Freiheit zum Leben für die Zukunft.

Zum Schluss: Hat Paulus die Kreuzigung richtig verstanden, obwohl er aus einer Leidensgeschichte eine frohe Botschaft herausliest?

Ich denke ja. Er hat durch seine eigenen Erfahrungen als ursprünglicher Gegner der Christen den Kreuzestod noch als Schmach, als Verlust und Niederlage erkannt. Nur jetzt verfolgt er die Anhänger des Ermordeten nicht mehr, sondern erkennt, dass dessen stellvertretene Niederlage die Wandlung des Gottesbildes bedeutet. Gott ist universell und als Gott des Leben immer ein Gott der Zukunft. Gott ist kein allmächtiger Führer mehr, sondern die Kraft des Geistes, die Wirklichkeit der neuen Zeit und eines Neuen Seins, dass Gewalt und Sühne, Unfrieden und Hass völlig überflüssig macht. Gottes Rechtfertigung schafft neue Gemeinschaft, weil kein Mensch als Feind angesehen werden muss. Vielleicht befindet sich ein Mensch noch in der Feindschaft gegen Gott, aber selbst dann wissen wir als Christen, dass diese Feindschaft nur durch die Liebe Christi und die Vergebung Gottes überwunden wird, und niemals durch Krieg und Gewalt.

„So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

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