Klein Fritzchen betet

Liebe Gemeinde,

sie kennen sicher die Geschichten über Klein Fritzchen. Eine davon handelt vom Beten: Klein Fritzchen spricht wie üblich sein Abendgebet. Am Schluss fügt er
aber noch einen Satz an: Und, lieber Gott, mach dass ich zum Geburtstag ein
Fahrrad bekomme! Diesen letzten Satz schreit er so laut er kann. Die Mutter
wundert sich und meint: Aber Fritz, der liebe Gott ist doch nicht schwerhörig! Da sagt der Fritz: Ja, aber der Opa ist schwerhörig.

Klein Fritzchen hat offensichtlich ein Grundprinzip des Betens verstanden: Wer um etwas bittet, kann hoffen, auch etwas zu bekommen. Ob allerdings diese Bitte um ein neues Rad als echtes Gebet gelten kann, ist noch die andere Frage …

Um die Grundprinzipien beim Beten geht es auch im heutigen Predigttext. Er steht im ersten Brief an Timotheus. Dieser Brief besteht im wesentlichen aus Anweisungen und Empfehlungen für die Gemeinde, wie eine christliche Gemeinde
leben soll, was sie tun soll. In der ersten Anweisung, die das Gemeindeleben betrifft, geht es um das Gebet, und ich möchte diesen Abschnitt zitieren:

[TEXT]

Das Gebet der Gemeinde ist dem Autor dieses Briefes offensichtlich ungemein wichtig. Er gibt sich große Mühe, genau zu erklären, wie beten geht – Fritzchens Gebet hätte wohl kaum Gnade gefunden vor seinen Augen. Das richtige Gebet geht anders.

Das richtige Gebet ist zum einen vor allem ein Fürbittengebet. Freilich gibt es auch Dankgebete, aber die Bitten und Fürbitten sind hier doch weit wichtiger und detaillierter beschrieben. Für-Bitte tun – das heißt zum anderen: Man soll für andere beten, nicht für sich selbst – zumindest nicht ausschließlich für sich selbst. Hier wird es sogar ganz extrem erweitert: nicht nur, dass wir von uns weg auf ein paar andere schauen sollen – nein, Christen sollen für alle Menschen beten! Zum dritten schließlich hat „richtiges beten“ ein ganz bestimmtes Ziel, das Gott festgelegt hat: Nämlich, dass allen Menschen geholfen werden soll – und nicht nur einzelne einen Vorteil haben sollen.

So, da steht nun die Gemeinde um Timotheus, die diesen Brief erhalten hat, da sitzen wir – und einige denken sich möglicherweise: Ich kann doch unmöglich für alle Menschen auf der Erde beten. Ich wäre ja schon überfordert, wenn ich für alle Menschen in der Gemeinde beten soll, so viel Zeit habe ich doch gar nicht. Ich muss doch einzelne auswählen.

Das stimmt natürlich. Es ist tatsächlich nicht möglich, dass wir wirklich jeden einzelnen Menschen in unser Gebet einschließen – das wäre viel zu umfassend. So wird es auch kaum gemeint sein. Fritzchens Gebet zeigt dagegen das andere Extrem: Er bittet darum, dass er zum Geburtstag ein neues Rad kommt. Er möchte etwas nur für sich haben. Dass man etwas für sich allein haben will, ist naheliegend. Ich bin sicher, dass es ziemlich viele Gebete gibt, in denen Menschen um etwas für sich selbst bitten. Einige davon stammen auch von mir selbst. Das Problem ist: Solche Gebete führen oft nicht zu dem von Gott definierten Ziel, dass allen Menschen geholfen werden soll. Es ist vielleicht so lange noch kein Problem, solang wirklich nur ein kleiner Junge um ein neues Fahrrad bittet. Aber es kann ein großes Problem werden, wenn beispielsweise in einem Prozess
zwei streitende Parteien beide darum beten, den Prozess zu gewinnen. Solche Gebete gehen davon aus: Wenn ich Gott um etwas ganz bestimmtes bitte, dann tut er das auch – so wie ich das will. Oder er sollte es zumindest tun. Aber nicht umsonst beten wir im Vater unser: „Dein Wille geschehe!“ Beten sollte also vielleicht nicht in erster Linie eine Bitte und ein Reden von uns aus sein – sondern auch ganz viel schweigen und hören auf das, was Gott will. Das heißt, dass wir uns beim Beten überraschen lassen müssen. Situationen können – und werden – ganz anders ausgehen, als wir uns das vorstellen und erbeten haben. Es kann sein, dass wir darin überhaupt keinen Sinn erkennen können – weder für uns, noch für irgendjemand anderen. Und es kann durchaus passieren, dass sich jemand dann gewaltig ärgert, und sich denkt: Gott tut ja sowieso nicht, um was ich ihn bitte; und er weiß ja angeblich was für mich und alle Menschen gut ist. Warum soll ich denn dann überhaupt noch beten, wenn er doch sowieso weiß, wie allen geholfen werden kann?

Ich meine, wir sollen beten, weil eben genau dieses beten hilft. Auch wenn Gott nicht tut, was wir uns vorstellen. Für andere Menschen beten hilft, weil es Menschen miteinander verbindet. Wir können ganz bewusst für Menschen beten, mit denen uns nichts verbindet, oder die uns vielleicht auch das Leben schwer machen. Und wer das tut, wird merken: Ich kann nicht für jemanden beten, und ihm am nächsten Tag eine auswischen. Ich kann nicht für hungernde Kinder in Afrika beten und gleichzeitig völlig ungerührt sein von dem, was mit ihnen passiert. Für jemanden anderen beten schafft eine Solidarität untereinander, die über bloße Forderungen und Appelle zu mehr Gerechtigkeit und Zusammenhalt in der Welt weit hinaus geht. Man kann einfach nicht – oder nicht mehr – so tun als gingen uns andere Menschen nichts an.

Besonders hat der Brief-Autor darauf hingewiesen, dass wir für „Könige und Obrigkeit“ beten sollen. Auf unser Umfeld übersetzt würde ich sagen: Wir sollen für Politiker und andere Menschen in leitenden Funktionen beten. Und zwar für alle – in unserem Land und außerhalb, ob wir sie mögen oder nicht. Das ist fast noch schwieriger als die Aufforderung für alle Menschen zu beten. Ich für meinen Teil ärgere mich oft genug über das, was sie jetzt schon wieder entscheiden oder umzusetzen versuchen. Dann noch für sie zu beten kann schon schwer fallen. Trotzdem ist es sinnvoll und wichtig. Denn das Ziel des Betens ist von Gott aus gesehen, dass allen Menschen geholfen werden soll. Jedem Menschen soll geholfen werden – egal was er ist. Ob es der Nachbar ist oder der Bundeskanzler – jeder hat sozusagen den gleichen „Anspruch“ auf ein Gebet, einfach weil er ein Mensch ist. Bei einem Politiker, der weitreichende Entscheidungen zu treffen hat, hat das ganze aber für mich noch einen anderen Aspekt: Immerhin prägen sie durch ihre Entscheidungen unser Leben doch ganz erheblich. Und genau aus diesem Grund brauchen sie auch das Gebet – dass sie Entscheidungen treffen, die allen Menschen helfen.

Trotzdem werden natürlich immer wieder Entscheidungen getroffen, die gerade nicht hilfreich sind für viele Menschen. Damit meine ich noch nicht mal so sehr Deutschland, sondern ganz besonders die vielen viele Länder, die unter korrupten, diktatorischen Regierungen leiden oder die von anderen Ländern mit Krieg überzogen werden. Viele Menschen innerhalb uns außerhalb dieser Länder haben immer wieder gebetet und gebeten, dass sich die Zustände bessern. Trotzdem ist oft nichts passiert. Ich knabbere daran, ich frage auch hier manchmal: Wozu ist denn Beten überhaupt gut, wenn sich ja doch nichts ändert? Und ich kann keine andere Antwort geben als vorhin schon einmal: Beten hilft, weil wir uns dadurch mit anderen verbinden und Verantwortung übernehmen. Wenn wir für Länder beten, in denen Krieg herrscht, sagen wir Gott: Es ist nicht egal, was mit anderen Menschen passiert. Ich will, dass ihnen geholfen wird, dass sie in Ruhe und Frieden leben können. Ich will selbst mithelfen, dass sie so leben können. Vielleicht ist das Gebet das einzige, was wir im Moment tun können. Aber vielleicht hilft gerade dieses eine Gebet einem Menschen, der in der Lage ist, etwas an der Situation zu ändern.

Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Wir können das unterstützen durch unser Gebet und durch das Solidaritätsgeflecht, das dadurch entsteht. Es geht über Grenzen hinweg – über die Grenzen unserer Gemeinde, über die Grenzen von unserem Land. Es spielt keine Rolle, ob der oder die, für die wir beten auch Christen sind. Wir sind durch unser Gebet auf jeden Fall mit ihnen verbunden. Gott will sich anhören, was wir in unserem Gebet zu sagen haben. Uns will er auch helfen – schließlich gehören wir ja auch zu diesen „allen Menschen“. Aber die Hilfe sieht vielleicht anders aus als in unseren Wünschen. Ich wünsche uns allen, dass wir nicht glauben, wir könnten Gott durch unsere eigenen Wünsche lenken. Ich wünsche uns, dass wir glauben können: Gott hört unsere Gebete und begleitet uns durch unser Leben – und Gott tut, wenn es nötig ist, auch Dinge, die für uns überraschend und unerwartet kommen. Und auf jeden Fall hilft er uns, wenn wir ihn darum bitten.

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