Keine Privatangelegenheit

Liebe Gemeinde,

der Sonntag heute heißt Rogate betet. Und wie könnte es anders sein, geht es auch in unserem Predigttext ums Beten. Ich lese 1. Tim 2,1-6a.

[TEXT]

Der Text ist eine Ermahnung. Er erinnert an die Schule. Kein Mensch mag es ermahnt zu werden. Ein Lehrer, eine Lehrerin sagt mir, was ich tun soll. Und wenn ich nicht gleich damit anfange, erinnert sie mich daran. Seit ich nicht mehr die Schulbank drücke gehe ich Situationen, in denen mich jemand ermahnen könnte aus dem Weg.

Wieso predige ich jetzt also über eine Ermahnung eines Briefeschreibers von vor 2000 Jahren? Ich gebe eine Ermahnung weiter und ich weis genau: Kein Mensch wird sich daran halten, weil es jedem unangenehm ist, ermahnt zu werden. Und noch dazu werden wir hier ermahnt, zu beten. Und im guten alten Schulstil wird auch gleich aufgezählt, wie beten geht und was alles zu einem ordentlichen Gebet gehört: Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung. So Schulstunde zu Ende. Wir wissen Bescheid.

Betrachten wir die Sache jedoch einmal von einer anderen Seite. Vielleicht erinnern manche von uns sich noch an andere Erfahrungen in der Schule. Ich erinnere mich nicht nur an Ermahnungen. Ich erinnere mich auch, wie sich mir durch die Schule eine Welt geöffnet hat. Wie mich die Schönheit und der Zusammenhang der Mathematik begeistert hat. Welche Faszination die Geschichten auf mich ausgeübt haben. Und wie wundervoll es war endlich lesen zu können, und die Schulbibliothek viele hundert Bücher hatte, in denen ich versinken konnte und alles andere vergessen. Vielleicht ist in unserem heutigen so lehrhaft daherkommender Predigttext auch etwas enthalten, was uns eine neue Welt öffnet.

Mir ist diesmal beim Lesen des Textes als erstes das Wort „alle“ aufgefallen. Es kommt in diesen wenigen Sätzen sechsmal vor. Vor allen Dingen sollen wir beten. Wir sollen für alle Obrigkeit und für alle Menschen beten, damit wir in aller Frömmigkeit leben können. Allen Menschen soll geholfen werden. Und Jesus Christus hat sich gegeben für alle. Das sind erstaunliche Aussagen. Wenn wir uns vorstellen, um 130 nach Christus ist die christliche Gemeinde eine kleine (aber wachsende) Minderheit im römischen Reich. Und diese winzige Splittergruppe eine Abspaltung aus dem Judentum erhebt einen Anspruch, der alle Menschen umfasst. So provinziell der Text erst einmal klingt, so eine erstaunliche Perspektive eröffnet er doch. Alle Menschen sollen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Ich kann mich nicht mit meiner eigenen privaten Religiosität begnügen. Ich kann mich in meinem Gebet nicht damit begnügen für meine Familie zu beten und für die Leute, die ich kenne. Es ist nicht so, dass jeder seinen eigenen Glauben als seine Privatangelegenheit betrachten darf. Die aufklärerische Einstellung, „jeder soll nach seiner Facon selig werden“, wird dem Anspruch dieses Textes nicht gerecht. Jesus Christus ist zwar in einer unwichtigen abgelegenen Provinz am Rande des römischen Weltreiches gekreuzigt worden. Aber der Anspruch, der Menschen, die an ihn glauben, geht weit über das damalige Weltreich hinaus. Zur Zeit dieses Briefes hat er längst Rom die Hauptstadt erreicht. Er reicht in Regionen, von denen man sich noch nicht einmal etwas träumen lies. Die Christinnen und Christen glauben: Jesus Christus hat sich selbst hingegeben für alle Menschen. Mit dieser Überzeugung konnten sich die Christinnen und Christen nicht auf ihre eigene Innerlichkeit zurück ziehen. Selbst der innerlichste Akt des Gebets bezog sich immer auf die ganze Welt und nicht nur auf das eigene Gefühl. Und so ist das für uns heute eben auch.
Wenn wir beten, dann tun wir nicht nur etwas für die eigene Seele. Wir entwickeln durch unser Gebet nicht nur eine persönliche Beziehung zu Gott. Wir tun viel viel mehr. Wir setzen uns selbst in Verbindung zur ganzen Welt. Wir ordnen uns ein in ein Beziehungsgeflecht zwischen Menschen und Gott, dass mehr als unseren Ort, unser Land und die Christenheit umfasst. Wir blicken auf die grünenden Bäume und danken Gott für den Frühling. Damit bringen wir uns in Verbindung mit der Natur, die uns umgibt und von der wir selbst ein Teil sind. Es entsteht Vertrauen zu der Welt in der wir leben. Ihre Schönheit rührt uns an.

Wir bitten Gott um Gerechtigkeit und um Nahrung für alle Menschen und schon sind wir nicht mehr gefangen in unserer eigenen Unzufriedenheit mit dem was wir besitzen.

Wir bitten die göttliche Weisheit, sie möge unsere Kinder beschützen und ihnen einen Weg ins Leben zeigen. Und schon haben wir etwas von unseren Sorgen und unserer Angst hinter uns gelassen, und entdecken die Freude wieder, wenn wir auf unsere Kinder blicken.

Stellen Sie sich vor wir leben in einem riesigen Geflecht aus Gebeten, die Verbindungslinien ziehen, die sich zwischen Gott und allen Menschen erstrecken. Die einen sind leuchtender und stärker als die anderen, aber Gott hat niemanden aufgegeben, die Linien sind da. Und sie ziehen sich auch zwischen uns und den anderen. Was wir uns gegenseitig tun und was wir im Verhältnis zu Gott tun beeinflusst dieses Geflecht, nur ein bisschen, aber es beeinflusst es. Und auch unsere Gebete weben an diesem Netz zwischen allem, was lebt. Und die Leuchtkraft wird gespeist aus seiner Mitte aus der Kraftquelle, der Liebe Gottes.

Und dann ist es keine lästige Ermahnung mehr, dass wir beten sollen. Gebete sind keine Worte in den Wind gesprochen ohne wirklichen Adressaten. Gebete sind Teil der göttlichen Absicht, dass allen Menschen geholfen werde und dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Durch unsere Gebete tragen wir einen Teil dazu bei, dass wir in dem Netz der Beziehungen zwischen Gott und uns Menschen bleiben und dieses Netz gestärkt wird. Durch unsere Gebete verändern wir die Welt zum besseren, weil wir uns durch das Gespräch mit Gott selbst verändern lassen. Wir verändern unsere Welt, weil wir unsere Perspektive öffnen. Indem wir Gott danken, nehmen wir die Welt anderes wahr. Wir beginnen zu sehen, was schön ist und wofür wir dankbar sein können. Indem wir Gott für andere Menschen bitten, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf sie und machen uns auch Gedanken darüber, wie wir ihnen helfen können. Aus den Gebeten entstehen Taten.

Indem wir für uns selbst bitten, arbeiten wir an einer Veränderung unseres eigenen Lebens. Sie sehen also: Gebete sind heilsam. Aus dem Netz der Verbindungen zwischen Gott und uns Menschen fließt uns Mut und Kraft zu. Wir tragen zu diesem Netz bei. Aber das Netz trägt auch uns, wenn wir mutlos und kraftlos geworden sind.

Wenn wir beten, dann sind wir nicht mehr alleine. Überall auf der Welt und in allen Religionen beten die Menschen und vielleicht tun das auch die Tiere und Pflanzen und Steine. Denn wir alle suchen eine Verbindung zu etwas, dass mehr ist als wir selbst von dem wir herkommen und auf das wir zu gehen. Wir Christinnen und Christen nennen das Jesu Christus Alpha und Omega, Anfang und Ende, der sich gegeben hat für alle Menschen zur Erlösung.

Es wird leichter für uns das zu finden, wenn wir zusammen halten. Alleine beten ist eine gute Sache. Aber gemeinsam beten hier in der Kirche macht es uns doch leichter. Es macht uns bewusst, wie sehr unsere Glaube auf Gemeinschaft beruht. Es gibt eben keine persönliche Beziehung zu Gott die nur ihn und mich etwas anginge. Meine Beziehung zu Gott verbindet mich mit den anderen und zwar mit allen anderen Menschen. Es geht nicht um das Heil einer einzelnen Seele, meiner einzelnen Seele. Es geht immer um das große Ganze. Es geht darum, dass allen Menschen geholfen wird. Drunter machen wir es nicht im Christentum. Durch diesen gewaltigen Anspruch sind wir groß geworden. Und jetzt wo wir zwar nicht weltweit aber in Europa kleiner werden, dürfen wir diesen Anspruch auf keinen Fall aufgeben. Jeder einzelne, jede einzelne ist wichtig, aber es geht um das Ganze um die Verbindung untereinander und zu Gott. Und das ist zwar eine persönliche aber keine Privatangelegenheit.

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