Keine einheitliche Kirche!

Auch auf dem Katholikentag in Hamburg, liebe Gemeinde, war er deutlich zu spüren: der Wunsch nach gelebter Ökumene. Im Jahre 2003 soll es ja den ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin geben und bis dahin wird für die Verantwortlichen noch viel zu tun und zu denken sein, will man diesem ehrgeizigen Projekt wirklich gerecht werden. Einige hinken dabei den Wünschen der "normalen" Christen noch hinterher, andere schießen dafür über das Ziel hinaus und müssen unverrichteter Dinge wieder Kehrt machen. Immerhin: es liegt etwas in der Luft und alle scheinen zu ahnen: es wird Zeit, dass man endlich zu Potte kommt, wie man bei mir zu Hause zu sagen pflegt.

Warum tun sich dann die offiziellen Kirchenvertreter aber immer noch so schwer, die notwendigen Schritte zu gehen und endlich zu einer Gemeinschaft zu kommen, die dieses Wort auch verdient? Ich glaube, es liegt daran, dass sie, wie wir alle, Gemeinschaft mit Einheit, oft sogar mit Einheitlichkeit gleichsetzen und gerade an deren Verwirklichung immer wieder scheitern, ja scheitern müssen. Denn eine Einheit im Sinne des Epheserbriefes, aus dem wir eben ein Stück gehört haben, ist uns überhaupt nicht aufgetragen und bedeutet erst recht nicht: Einheitlichkeit oder Uniformität.

Es existiert keine einheitliche Kirche, sie hat es in Wahrheit nie gegeben, auch, wenn wir uns das gerne in romantischen Rückblicken von der ersten christlichen Gemeinde so vorstellen möchten. Seit Jesus seine Jüngerinnen und Jünger um sich scharte, hat es unterschiedliche Meinungen gegeben, wie denn was zu verstehen sei. Selbst in Jesu unmittelbarer Umgebung hat das zu Streitigkeiten geführt. Einen einheitlichen christlichen Glauben hat es in Wirklichkeit nie gegeben.

Für uns Protestanten sollte das ja nichts neues sein. Wir mussten in unserer Geschichte immer schon schmerzhaft damit umzugehen lernen und haben daran auch heute noch ganz schön zu knabbern, dass es so viele "evangelische" Kirchengemeinschaften gibt. Leider sind auch wir immer noch weit davon entfernt, dieses Phänomen als Bereicherung zu empfinden; stattdessen schleppen wir es als Ballast mit uns herum und wundern uns, wenn Außenstehen das dann als Zerstrittenheit interpretieren.

Aber auch die römisch-katholische Kirche, nach allem, was ich von ihr kennen gelernt habe, ist keine "einheitliche" Kirche, auch nicht, wenn dieses Bild im Gegensatz zu uns Protestanten immer wieder vermittelt wird. Zwar gilt der Papst in Rom, dessen Weisungen zu befolgen sind, geradezu als Symbol für die Einheit der Kirche. Aber diese Funktion hat doch auch ihre Grenzen. Wer z.B. einmal durch die Bretagne fährt, wird dort Heiligen begegnen, von denen manche Mitglieder der römischen Glaubenskongregation bestimmt noch nie etwas gehört haben! Weitere Beispiel ließen sich hier anschließen …

Im Grunde gibt es so viele Kirchen, wie es Christinnen und Christen gibt. Denn, seien wir doch einmal ehrlich, jede und jeder unter uns hat ein anderes Verständnis von dem, was christlicher Glaube ist. Der eine sieht in Jesus den Sohn Gottes, der für unsere Sünden gestorben ist und uns durch dieses Sühneopfer von der Verdammnis losgekauft hat. Die andere folgt ihm, weil seine unbedingte Zuwendung zu den Menschen und seine Botschaft der Nächstenliebe sie überzeugt hat. Und dem Dritten ist es wichtig, in Jesus die Nähe von Gott und Mensch zu erfahren. Es mag uns nicht gefallen, aber: So wenig wir ein einheitliches Bild von Jesus haben, so wenig hängen wir einem einheitlichen Glauben an, so wenig ist es uns möglich, eine einheitliche Kirche zu bilden.

Entschuldigen Sie, liebe Gemeinde, wenn ich es so deutlich sage, aber: eine einheitliche Kirche wird es auch in Zukunft nicht geben, sie kann und soll es auch gar nicht geben – jedenfalls dann nicht, wenn sie dem Bild des Epheserbriefes entsprechen will. Der redet zwar von der Einheit des Glaubens, aber erstens nicht im Sinne von Einheitlichkeit und zweitens auch nicht als ein Zustand, den wir mit unseren Bemühungen herbeiführen könnten. "Hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi", das liegt in der Zukunft, die Gott selbst uns einmal schenken wird und nicht in unserem eigenen Wollen und Können.

Wozu wir dagegen aufgerufen sind, ist ein "Wachsen in allen Stücken"; das, liebe Gemeinde, mutet man uns schon zu. Wachsen kann aber nicht heißen, dass sich zwei Parteien auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen und das andere, das nicht zusammenpasst, einfach ad acta legen. Das wäre kein Wachsen sondern ganz im Gegenteil, eher ein Abnehmen.

Denn stellen sie sich doch einmal zwei Menschen vor, beide besitzen eine Schatztruhe voller Edelsteine. Sie treffen aufeinander und beschließen – was ja sehr löblich ist – ihr Vermögen zu vermehren, indem sie es zusammentun. Als sie aber ihre Truhen öffnen, da bemerken sie, dass nicht alle Edelsteine von der Farbe, Form und Karatzahl her zueinander passen. Sie denken eine Weile nach und finden schließlich eine Lösung: Sie wollen nur die Edelsteine behalten, die sich in beiden Schatztruhen wiederfinden und werfen die anderen einfach beiseite – und sie wundern sich dann, dass sie, obwohl sie doch zusammengelegt haben, plötzlich weniger besitzen als sie vorher hatten!

Nein, wachsen im Sinne des Epheserbriefes heißt: vom Reichtum des anderen profitieren. Und das geht nur, wenn wir auch die Dinge zulassen und respektieren, die – aus welchem Grund auch immer – scheinbar nicht in unsere eigene Schatztruhe passen, die uns fremd sind. Es mögen da ja sehr außergewöhnliche Steine dabei sein, Gedankengut und Traditionen, die wir nicht kennen und die für uns auf Anhieb kaum nachzuvollziehen sind. Aber halten wir diese Spannung aus, dann, davon bin ich überzeugt, werden wir am Ende feststellen, dass sie uns nicht ärmer machen, sondern eine Bereicherung für unsere eigene religiöse Identität darstellen. Wir müssten wieder mehr Mut aufbringen, Unterschiede gelten zu lassen, ohne sie als Begründung für unüberwindbare Grenzen zu missbrauchen.

Nun werden vielleicht einige mit Recht einwenden, dass das ja ein heilloses Durcheinander gäbe und niemand mehr durchblicken würde, was daran noch gemeinschaftlich genannt werden könne. Wenn jeder machen würde, was er will und glauben könnte, was er für richtig hält, dann kann daraus ja nur ein großes Tohuwabohu entstehen.

Ja, so denken wir, vielleicht gerade wir Deutschen, die wir ja darauf bedacht sind, dass alles seine Ordnung hat. Allerdings befinden wir uns mit unserem Glauben nicht im Straßenverkehr und auch nicht im Archiv irgendeiner Behörde, sondern wir stehen mit dem einen Bein mitten im Leben und mit dem andere schon im Reich Gottes!

Natürlich sollen wir nicht wie wild in der Gegend herumwachsen, ohne darauf zu achten, welche Früchte unser Gewächs hervorbringt. Es gibt eine Route, die wir einzuschlagen haben und die entscheidet, ob wir uns noch als Gemeinschaft verstehen dürfen. Wachsen sollen wir nämlich "zu dem hin, der das Haupt ist, Christus", können wir im Epheserbrief nachlesen.

Ein Mischwald besteht ja aus einer Vielzahl von Baumarten, Pflanzen und Gewächsen. Hier wächst etwas, dort wächst etwas anderes, alles scheint ein großes Durcheinander zu ergeben. Und doch sind alle Pflanzen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ein Bestandteil eines großen Biotops, jede hat ihre Funktion und die Natur gerät aus dem Gleichgewicht, wenn eine davon fehlen würde. Und noch etwas: alle Pflanzen haben ein und dasselbe Ziel: sie strecken sich nämlich zur Sonne. Und so, wie sie zur Sonne hin wachsen, so sollen auch wir zu Jesus Christus hin größer und reicher werden – mit all unserer Vielfalt, die wir bieten können.

Zugespitzt formuliert heißt das: wichtig ist nicht, dass wir alle dasselbe glauben; wichtig ist, dass wir alle an denselben glauben!

Während meiner Studienzeit hat uns im Seminar einmal ein Professor für das Neue Testament gefragt, wie wir denn das griechische Wort für Geist, "pneuma", übersetzen würden. Wir haben lange überlegt und uns eine Menge Gedanken dazu gemacht, zufrieden war unser Professor aber nicht. Schließlich sagte er uns: sie müssen das Wort mit Mumm übersetzen. Haben sie Mumm, ihre Meinung zu sagen und die des anderen zu respektieren, ohne ihn gleich auszugrenzen. Der Geist der Einheit weht wo er will und er braucht dazu keine wohlformulierten Dokumente.

Wenn wir das Vertrauen aufbringen würden, dass dieser Geist reicht, um aus uns eine wahre Kirche, nämlich die Kirche Jesu Christi, zu machen, und nicht die römisch-katholische, evangelische, methodistische, orthodoxe und wie sie alle heißen; wenn wir wieder mehr die Person und nicht die Lehre in den Mittelpunkt stellen würden und uns danach richteten, dann hätten wir zwar immer noch keine einheitliche Kirche, aber wir wären der Einheit mit Jesus Christus ein gutes Stück näher gekommen.

Und darauf kommt es letztendlich an.

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