Keine coole Botschaft

Liebe Gemeinde,

es macht uns ja in letzter Zeit immer mehr Kopfzerbrechen, dass wir in der Kirche immer weniger werden. Das macht sich am Geld deutlich, aber eben auch am Besuch der Gottesdienste und anderen Veranstaltungen. Dass wir nicht sehr viel
Taufen haben und besonders schreien wir auf, dass die Zahl der Konfirmanden so zurückgegangen ist. Am Palmsonntag vor 50 Jahren wurden noch ganze Klassen konfirmiert, längst hat uns die Jugendweihe den Rang abgelaufen. Warum ist das alles so? Warum ist nach dem Untergang der DDR nicht alles geworden wie früher, wie manche hofften. Im Gegenteil, schneller als vorher ist die Kirche in 10 Jahren in eine tiefe Krise gestürzt. Nun kann man sagen, ja, 50 Jahre DDR haben
eben ihre Spuren hinterlassen, ja, die moderne Welt lenkt die Menschen ab. Aber – auch im Westen haben die Kirchen ebenso zu kämpfen, ohne Sozialismus. Aber – die Fußballstadien sind voller Menschen und Tausende schlagen sich die Nacht um die
Ohren, wenn sie Formel I sehen wollen. Da lenkt sie weder der Wohlstand ab noch die Müdigkeit. Natürlich fehlt den Menschen was fürs Herz, es fehlen Sinn und Ziel und darum retten uns die vollen Fußballstadien und die gesungenen Hymnen nicht. Die zunehmende Gewalt und vor allem Verantwortungslosigkeit erschrecken uns. Man könnte sagen: wo die Menschen Gott verlassen, wird’s schlimmer. Nun bleibt die Frage: warum verlassen sie Gott? Warum schleppen sich die meisten Konfirmanden sonntags allein in den Gottesdienst und die Eltern schlafen aus? Warum haben Erzieherinnen im Kindergarten sogar Angst, wenn die Kirche anbietet, für eine Stunde den Kindern etwas von Gott zu erzählen? Warum kriegen wir die
Jugendlichen nicht, die auf der Skaterbahn die Drogenkarriere beginnen? Manche sagen dann, das liegt an der Kirche, sie ist altmodisch. Aber wenn wir was Modernes machen, kommen sie auch nicht. Und die Jugendgottesdienste sind ja letztlich auch schlecht besucht. Aber was ist es dann? Der Predigttext für heute macht mir zumindest die Richtung deutlich.

[TEXT]

Paulus erzählt von Jesus mit diesem Lied. Dieses Lied drückt aus, was man von Jesus damals hielt und mit ähnlichen Worten und Gedanken wurde und wird in der Kirche verkündigt. Und nun stelle ich mir vor, ich will für den Glauben an Jesus werben und schreibe das auf ein Plakat. Ob das so sehr anziehend ist? Das mich jetzt keiner falsch versteht, ich will diese Sätze ja nicht streichen. Aber sie machen mir deutlich, womit wir sozusagen werben, was auf unserem Schild steht.

Wir haben die großartigste Sache der Welt – davon bin ich überzeugt – aber auch
die anstößigste Sache. Junge Leute würden sagen, das ist überhaupt nicht cool mit dem Jesus. Der Stand ja nie auf dem Siegertreppchen und war kein Superstar. Der hat geweint, der hatte Angst, der war verletzlich und der war sogar sterblich. Er teilte das Leben der Menschen. Und wir können uns drehen und wenden und modernisieren wie wir wollen, neue Lieder dichten und mit Schlagzeugen den Putz von den Kirchenwänden trommeln, diese Sache bleibt. Es gibt Leute, die auf den Karfreitag schimpfen, weil da keine disco sein darf. Und es fällt so schwer, dieses eine Mal auszuhalten. Würde uns Jesus wie ein Marktschreier immer noch ein
Stück Käse in den Beutel stecken, die Leute wären da. Aber das macht er eben
nicht.

Aber was macht er dann? Er teilt unser Leben. Er ist nicht der gutbezahlte Gewerkschaftsboss, der einer unzufriedenen Menge gefällt und selber nie in die Lage kommt, keine Arbeit und kein Geld zu haben. Er ist der, der runterkommt von der Bühne des Himmels. Und die Menschen in die Arme nimmt und all das hört, was in den Herzen wirklich los ist. Und er weiß, das die Massen in Wirklichkeit das brauchen, die Jugendlichen, die es nicht mal am Gründonnerstag aushalten, mal zur Ruhe zu kommen, die Menschen, die am Karstamstag nach Zittau zur Musiknacht müssen, weil sie die Stille nicht ertragen, die Fußballfans, die Gemeinschaft und Gefühl suchen und sogar als Männer dort weinen dürfen, die jungen Leute, die allein sind mit den Problemen, die auf sie einstürzen und die auch die besten Kumpel nicht lösen können. Er weiß, dass die alle nur eins brauchen: ein Zeichen der Liebe. Und das kann nur der geben, der sich neben sie stellt, sie in den Arm nimmt. Und das hat Jesus gemacht. Und hat es seiner Kirche aufgetragen. Und da
geht für mich die Fragerei weiter: wie kann das bei den Menschen ankommen. Wie müsste Kirche heute aussehen? Wie ihre Kirchentüren? Denn ich bin überzeugt, wer die Liebe, die ihm angeboten wird, annehmen kann, den seine Sehnsucht hineinzieht, der wird kommen und bleiben. Vielleicht machen wir dort etwas falsch. Als ich gestern ein Skaterkind zum Kinderchor einladen wollte, sagte jemand: die gehört doch nicht zur Kirche, die kommt sowieso nicht. Und wenn es so wäre, aber sie spüren lassen, was das heißt: er teilte das Leben der Menschen, ist das nicht eigentlich unser Auftrag. Haben wir vielleicht nicht deswegen nur zwei Konfirmanden, weil wir die anderen, „nichtkirchlichen“, wie wir so schön sagen, an uns vorbei gehen lassen. Denn das ist doch unsere Aufgabe, die Botschaft umzusetzen. Nicht modernisieren um jeden Preis, aber z.B. dieses Lied des Paulus umzusetzen in die moderne Zeit, das wäre es doch. Konfirmanden, die, weil es so ist, in den Gottesdienst kommen müssen, gruselt es am meisten vor der Predigt. Vielleicht auch manchmal zu recht. Zumindest sind es diejenigen, die es noch aussprechen. Was ist zu tun, zu sagen, zu gestalten, damit sie sagen, das hat mir so gut getan. Mit dieser Frage möchte ich schließen, ich habe keine schnelle Antwort, aber Antworten werden die Zukunft unserer Kirche mit
entscheiden.

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