Kein Schloss und kein Riegel

Liebe Gemeinde,

das ist vielleicht eine gute Idee, seinen Schatz in zerbrechliche Tongefäße hineinzulegen. Ein Gefäß oder Ort, wo ihn niemand vermuten würde. Wo würden Sie Ihren wertvollen Schmuck oder Ihr Geld unterbringen? Wer einen der großen Schätze unserer Erde besichtigen will, muss entweder viel Eintritt bezahlen, Leibesvisitationen über sich ergehen lassen oder zum Kreis der Auserwählten gehören. Die britischen Kronjuwelen sind in einem der bestbewachten und -gesicherten Gebäude der Welt in London, im Tower aufbewahrt. Der amerikanische Goldschatz ruht im Fort Knox. Zu den Goldreserven unserer Bundesbank haben normale Sterbliche überhaupt keinen Zugang.

Mit Gottes Schatz ist es anders. Er ist jedem Zugriff preisgegeben. Vor Übergriffen ungeschützt wird er durch die Welt transportiert. Er gehört keinem Menschen und kommt doch zu allen Menschen. Schloss und Riegel sind abgerissen. Tor und Tür sind sperrangelweit aufgetan. Gottes Schatz leuchtet nicht einsam und verlassen für sich selbst. Er leuchtet der ganzen Welt entgegen in den Menschen, die Jesus Christus vertrauen. "Wir sind die Schatzkammern, in denen Gott seinen Schatz auf Erden verwahrt." (E. Jüngel).

Wir haben diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen, sagt Paulus. Die zerbrechlichen Gefäße aber sind wir. In unsere Herzen hinein hat Gott einen hellen Schein gegeben. Unser Herz, das ist unsere Person, das Zentrum unseres menschlichen Lebens. So leuchtet Gottes Licht des Lebens in der Finsternis der Welt des Leidens und Sterbens. Im Lichte Gottes, das er in unsere Herzen hineingelegt hat, dürfen wir unsere Welt und unser Leben voller Hoffnung und Zukunft sehen.

Gottes Schatz ist nicht nur den willkürlichen Zugriffen, Missverständnissen und widersprüchlichen Deutungen ausgesetzt. Er ist aus gutem Grund in so zerbrechliche Gefäße wie unsere Herzen gelegt. Damit soll deutlich werden, dass die überragende Kraft von Gott kommt und nicht von uns. Das ist immer wieder unser Missverständnis. Wir Menschen machen uns zum Mittelpunkt der Erkenntnis und Wahrheit. Wir meinen, über das Leben und den Glauben zu verfügen. Wir meinen, Segen austeilen oder verweigern zu dürfen nach unseren theologischen Erkenntnissen. Das ist Gottes Art, sich uns so auszuliefern. Das ist seine Art, sich im Schwachen, Niedrigen, Unansehnlichen, Menschlich-Allzumenschlichen zu offenbaren.

Jesu Gottsein ist verborgen wie die Goldmünzen in einem zerbrechlichen Tonkrug, die niemand sehen kann. Sein Wort ist ganz menschlich und kann mit jeder anderen Aussage von Menschen leicht verwechselt werden. Es gibt kein äußeres Merkmal, durch das es als Rede Gottes erkennbar ist.

In den Sakramenten von Wasser, dem Brot, dem Wein sehen wir nicht an, was der Herr da hineingibt und was er dadurch bewirkt.

Die Bibel ist auf menschliche Weise zustande gekommen. Sie hat eine schwierige und wechselvolle Entstehungsgeschichte. Sie ist jedem Zugriff und unserer und fremder Kritik ausgesetzt. Dennoch enthält sie den kostbaren Schatz, Gottes grenzenloser Liebe und Versöhnung mit uns.

Die Kirche ist zwielichtig, anfechtbar. Sie schockiert und deprimiert menschlich. Dennoch ist sie das heilige Volk Gottes.

Von uns Amtsträger wird nicht gerade gut gesprochen. Der Apostel muss sich hier Angreifern gegenüber verteidigen. Wir enttäuschen, sind schwächlich, unbeholfen und faustdicke Sünder. Dennoch sind wir von Gott Beauftragte.

Das neue Leben der Christen und Christinnen ist tief ins "Fleischliche" hinein verborgen. Gott gibt sich der Welt in der Schwachheit als unser Herr zu erkennen. Durch sein Licht in unserer Schwachheit, in unseren Anfechtungen, Fragen, Zweifeln und Ängsten erkennen wir uns wieder im Leiden und Sterben Christi. Aber nicht nur als die auch leiden und sterben. Wir erkennen ihn aber auch als den von Gott Auferweckten, mit dem wir auch auferstehen werden. Von dort her kommt unsere Hoffnung, unser Mut bedrängt und nicht erdrückt zu werden. Weil wir das Antlitz des leidenden und auferstandenen Christus schauen dürfen, sind wir nicht verlassen, kommen wir nicht um. So tragen wir allezeit den "Tod Jesu an unserem Leibe mit uns herum, damit auch das Leben, zu dem Jesus erweckt wurde, an unserem Leibe offenbar wird", sagt der Apostel.

Unser unentrinnbares umklammert zu sein vom Tode wird uns nicht mehr fassungslos machen. Christus ist auferstanden. Er zieht uns in sein neues Leben hinein. Verfall und Abbruch sind eben nur die negative Kehrseite dessen, dass uns Christi Leben gehört und für die Zukunft erst recht zugedacht ist.

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