Kein K-Kandidat!

Jetzt ist es also entschieden: Der bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber soll Bundeskanzler Gerhard Schröder im Kampf um die politische Macht in Deutschland herausfordern. Angela Merkel hatte gegen den erfolgreichen und markanten CSU-Mann keine Chance. Wie auch? Schließlich braucht man für diese Aufgabe eine starke Persönlichkeit, die Durchsetzungskraft besitzt und erfolgreich handelt. Und da hat der Ministerpräsident die Nase eindeutig vorn. Seit Jahren garantiert er seiner Partei im südlichen Bundesland die absolute Mehrheit. Er gilt als "Macher", als Winner-Typ, als einer, der die Probleme anpackt und auch unangenehme Entscheidungen treffen und sie auch durchsetzen kann. Und: Er besitzt eine Lobby, die ihm den nötigen Rückhalt verspricht und sich bei der K-Frage für ihn ins Zeug gelegt hat.

Schließlich geht es ja darum, jemanden in seinem Amt abzulösen, der schon an der Macht ist. Und dazu muss man ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen können – am besten, indem man ihn an Stärke und Machtinstinkt übertrifft. Für die Union besteht kein Zweifel: Edmund Stoiber ist der richtige Kanzlerkandidat!

Und so kann er nun richtig los gehen, der Wahlkampf! Plakate werden gedruckt, Podien auf Marktplätzen aufgestellt, Fernsehspots produziert, Werbungen in Zeitschriften geschaltet und Interviews geführt. Die Vorzüge des Kandidaten und sein politisches Profil müssen ja bekannt gemacht und das Volk davon überzeugt werden. Schließlich sollen die mündigen Wählerinnen und Wähler ja am Tag der Wahl ihr Kreuz an die richtige Stelle setzen.

Auch in unserem Predigttext für heute geht es um jemanden, der gewählt wurde und nun vorgestellt wird. Auch er steht vor einer Fülle von Herausforderungen. Von ihm wird sehr viel erwartet. Er soll sich nicht nur um die Probleme des eigenen Volkes kümmern, sondern darüber hinaus auch bei den anderen für Recht und Ordnung sorgen.

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Nach allem, was man in diesem kurzen Abschnitt über ihn erfährt, dürfte wohl klar sein: Als Kanzlerkandidat würde ihm bei uns niemand auch nur die geringsten Chancen einräumen. Sein Regierungsprogramm eignet sich weder für Wahlplakate noch zum Wählerstimmenfang. Sein Auftreten ist eher zurückhaltend, fast unscheinbar. Er präsentiert sich nicht in aufwendig produzierten Werbespots. Und was er zu sagen hat, braucht keine mit 1.000 Watt beschallten Markplätze. "Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen." Er ist alles andere als ein auftrumpfender Winner-Typ. Er gehört eher zu den stillen und sensiblen, zu denen, die in ihren Entscheidungen ein Auge auf die Angeschlagenen und ein Ohr für die Schwachen haben. "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen."

Gottesknecht, so wird er genannt. Immer wieder erzählt der Prophet Jesaja von ihm und wirbt für ihn unter seinem Volk. Er wird es dabei nicht einfach gehabt haben. Denn Israels Probleme liegen seinerzeit nicht in den Arbeitslosenzahlen oder der Wirtschaftsflaute. Für Jesajas Landsleute geht es um nichts anderes als die Freiheit. Seit langer Zeit sind sie in Babylonien Knechte in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit fremden Sitten und fremden Göttern. Jerusalem ist weit weg und ein Ende der Gefangenschaft nicht in Sicht. Sicher sehnen sich viele nach einem starken Befreier, der sie wieder nach Hause führen und mit ihnen ein neues Israel aufbauen würde. Und sie werden den Propheten mehr als ein Mal danach gefragt haben, wann denn der Auserwählte endlich kommen und wie er denn aussehen wird.

Ob sie mit seiner Antwort zufrieden sind? Was Jesaja über den Auserwählten berichtet, klingt ja nun nicht gerade nach einem strahlenden Helden, der über Nacht die unsägliche Situation der Israeliten zu ändern vermag. Ganz im Gegenteil: Es wird seine Zeit brauchen, bis er sein Ziel erreicht hat. "Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte" – das klingt nach einem längeren Prozess, nach weiteren vielen Jahren, in denen man mit dem eigenen, oft leidvollen Schicksal zurecht kommen muss.

Was mich erstaunt ist, dass Jesajas Zeitgenossen und die folgenden Generationen trotzdem an dieser Weissagung festgehalten und an ihre Kinder und Enkel weitergegeben haben. Obwohl die erhoffte Wende noch lange auf sich warten ließ. Die Worte des Propheten müssen ihnen also gut getan, ihnen irgendwie geholfen haben, mit ihrer trostlosen Situation fertig zu werden.

Vielleicht liegt das tatsächlich an der Art, wie der Gottesknecht auftreten wird: behutsam und rücksichtsvoll. Das ist kein Haudegen, der alles und jeden platt macht, was und wer ihm gerade in den Weg kommt, auch wenn sich das manch einer wünschen mag. Es wird vielmehr jemand sein, der ein Gespür für das Gebrochene und Verletzte, für das Schwache und Geringe besitzt. Dem schenkt er Beachtung, damit weiß er umzugehen. Auch das Laute und Protzende wird ihm fremd sein. Er handelt dagegen im Stillen, in der persönlichen Begegnung, jedem einzelnen Menschen mit seiner eigenen Geschichte zugewandt; nichts wird er überhören und niemanden übersehen.

Jahrhunderte später haben die ersten Christen in Jesus diesen Gottesknecht wiedererkannt. Denn dieser junge Mann aus Nazareth ähnelte ihm in dem, was er tat und wie er an den Menschen handelte. Er ging auf sie zu, hörte sich ihre Geschichten an, scheute sich nicht, mit denen zu verkehren, die in der Gesellschaft keine Rolle mehr spielten, weil sie entweder Krank oder fremd oder schwach oder ausgestoßen waren. So gab er ihnen in ihrer Situation, in der sie steckten, ihre Würde und Hoffnung zum Leben zurück. Und das, obwohl er nur als einfacher Mensch auf einem Esel in Jerusalem einritt und nicht als heldenhafter Kriegsmann auf einem majestätischen Pferd, obwohl er wie ein Verbrecher gefangen, gefoltert und zum Tode verurteilt und ans Kreuz geschlagen und nicht als triumphaler Gewinner gefeiert wurde. In seiner Art, den Menschen zu begegnen steckte mehr Überzeugungskraft als in allen Werbekampagnen, die uns die Lösung aller Probleme versprechen.

Es würde uns Christinnen und Christen gut anstehen, dem Kleinen, Leisen und Unscheinbaren, dem Verletzten, Gebrochenen und Angeschlagenen mehr Beachtung zu schenken, als es in unserer Gesellschaft immer üblicher zu werden droht. Je lauter es tönt desto kritischer sollten wir hinhören. Je größer die Buchstaben prangen desto genauer sollten wir nachlesen. Je markiger die Sprüche werden desto aufmerksamer sollten wir hinterfragen. Je höher die Ziele gesteckt werden desto skeptischer sollten wir denjenigen gegenüber sein, die sie formulieren. Damit das, was in unserer Gesellschaft und in unserem Land sowieso schon gebrochen und geschwächt ist, nicht untergeht, sondern zu seinem Lebensrecht kommt. Um dieser Hoffnung Willen hat Jesaja vom Gottesknecht erzählt, der das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird; in diese Hoffnung hinein hat Jesus seine Gleichnisse vom Reich Gottes gesprochen, in dem diejenigen, die bei uns die letzten sind, die ersten sein werden; und für diese Hoffnung sollten wir das, was in unserer Macht steht tun, um ihr in dieser Welt zum Durchbruch zu verhelfen und sie mit dem Leben derjenigen zu füllen, die sie nötig haben.

Es wird zwar nicht bedeutungslos, aber auch nicht so wichtig sein, wo wir in diesem Jahr unser Kreuzchen machen werden und wer am Ende das Rennen um das Kanzleramt gewinnen wird. Viel wichtiger für uns sollte dagegen sein, wen Gott gewählt hat, nämlich Jesus Christus und mit ihm jeden einzelnen von uns. Und sein Kreuz hat er mitten unter die Menschen gesetzt, die unsere Hilfe brauchen.

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