Jetzt ist der Tag des Heils

„Quasimodo geniti“, wie die neugeborenen Kinder, das ist der Name dieses Sonntags, der im Volksmund in vorwiegend katholischen Gegenden auch der „Weiße Sonntag“ genannt wird. Traditionell finden in der römischen Kirche die Erstkommionen an diesem Tag statt. Weiß als Symbol des Lichtes ist die Farbe, die zu allen Christusfesten, also jetzt auch seit Ostern, in der Kirche als liturgische Farbe „an der Reihe“ ist. (Sie sehen es hier an meiner Stola. Weiß ist die Farbe der Unschuld. Weiße Gewänder trugen in der alten Kirche die Täuflinge, damals erwachsene Menschen. Und weiße Kleider tragen auch die Kinder, die zur Erstkommunion gehen und damit zugelassen werden zur Abendmahlsgemeinschaft in der römisch-katholischen Kirche. Was es mit dem neu Geborenwerden mitten im Leben auf sich hat, damit befasst sich der erste Petrusbrief, über dessen Anfang wir heute nachdenken sollen.

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„Wiedergeburt“, das ist so ein Wort, das zunächst ganz und gar nicht in christliche Zusammenhänge passen will. Vielleicht hat jemand von Ihnen sich schon mal mit fernöstlichen Religionen, mit Hinduismus oder dem daraus entwickelten Buddhismus befasst. Da gehen die Gläubigen von einer Wiedergeburt aus, einer eigentlich recht qualvollen Angelegenheit, denn man kann als das Tier wiedergeboren werden, dem man in seinem menschlichen Leben einmal wehgetan hat: und wer hätte nicht schon einmal einer Fliege etwas zuleide getan? In diesen Religionen hat man es erst nach einem langen Kreislauf in unterschiedlichen Leben geschafft, endlich in die ewige Herrlichkeit einzugehen. Der Schreiber des Petrusbriefes dürfte davon kaum etwas gewusst haben. Der Hinduismus, den es im noch unentdeckten Osten gab, war ihm höchstwahrscheinlich unbekannt. Und er meint auch sichtlich etwas ganz anderes, wenn er davon spricht, dass „der Vater unseres Herrn Jesus Christus“ uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung.“

Es ist zum Verständnis des Textes hilfreich, zu wissen, an wen der Brief gerichtet war. Der Verfasser schreibt an Christen in Kleinasien, eine verstreute Minderheit in Ländern, die auf dem Gebiet der heutigen Türkei lagen, die aber allesamt von Rom besetzt waren. Welche Wege der Brief genommen hat, welche Boten ihn in die Gemeinden gebracht haben, das wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht ganz genau, wer ihn geschrieben hat. Der Verfasser nennt sich Petrus, aber Petrus hat sich eigentlich nicht der Mission in Kleinasien gewidmet, das hat er Paulus überlassen, in dessen Stil dieses Schreiben verfasst ist und dessen Denkweise es auch wiedergibt. Eines ist sicher: Der Brief wendet sich an Getaufte, denen diese Feier noch in deutlicher Erinnerung ist: Weiße Gewänder, die ganz besondere Atmosphäre, das Wissen darum, dass sich ihr Leben nun radikal verändern wird. Schließlich hatte sich schon sehr viel getan bis dahin: sie hatten zum Glauben an den Auferstandenen gefunden, weit weg vom Ort des Geschehens.

Es ist auf den ersten Blick ein Brief voller großartiger Versprechungen, das „kleingedruckte“ fällt erst beim zweiten Lesen auf: Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen. Der Befund des Textes lässt darauf schließen, dass er zu einer Zeit verschickt wurde, als die Christen in den römischen Provinzen um ihr Leben fürchten mussten. Eine Welle der Verfolgung rollte durch das Imperium Romanum. Kaiser Domitian hatte sich zum Gott erklären lassen, wer an andere Götter glaubte, war seines Lebens nicht mehr sicher. Und die Christen waren ohnehin die Gruppe, die am suspektesten war. Was war das auch für ein merkwürdiger Glaube, an einen menschgewordenen Gott, der gestorben ist wie ein Mensch, ja wie ein Verbrecher, der aber danach wieder unter den Lebenden war – und letztlich hinweggehoben wurde auf wiederum unbegreifliche Weise: 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; – der Umgebung, die an ganz andere Götter glaubte, vielleicht an Zeus oder Mithras, vielleicht sogar an den Kaiser Domitian, der muss das äußerst befremdlich vorgekommen sein.

Diese Christen hielten auch noch zusammen mit einer Liebe, die sich aus einer Hoffnung nährte, die sich doch mit nichts Greifbarem belegen ließ. Leichter hätten sie es bestimmt gehabt, sie hätten ihren Glauben fallen lassen – und der Schreiber des Petrusbriefes sieht wohl, dass diese Gemeinden es bei aller Standhaftigkeit sehr nötig haben, dass ihnen jemand sagt: „Ihr seid auf dem richtigen Weg, die Herren dieser Welt gehen, euer Herr kommt!“ Schließlich ist es schwierig, über das Jetzt hinaus zu denken. Das wissen Sie alle. Angst um die unmittelbare Zukunft drückt oft die Hoffnung und die Freude nieder, die uns nach diesem einen Ostern bewegen sollte.

„Eine kleine Zeit“ voll Traurigkeit und Verfolgung, diese kleine Zeit dauert schon recht lange, das dachten die Getauften damals schon, denn eigentlich hatten alle damit gerechnet, „das Ende der Zeiten“ ließe nicht mehr lange auf sich warten. Die „letzte Zeit“, die zu Ostern begonnen hat, sie dauert nun schon fast 2000 Jahre. Und in unserer Kirche sieht es gerade nicht unbedingt so aus, dass die „lebendige Hoffnung“ dominiert. „Wo bleibt Christus?“, wird sich mancher fragen angesichts der grauenhaften Kriege, die zur Zeit in Gottes Namen geführt werden, Fundamentalisten auf allen Seiten der kämpfenden Parteien. Da ist die Gefahr groß, zu vergessen, dass mit Christus die Zeit des Heils bereits angebrochen ist. "Davon merke ich aber nichts“ werden Sie sagen. "Unsere Kinder finden keine Arbeit, wirtschaftlich geht es uns hier im Osten immer noch schlechter als denen im Westen – und mit der Kirche sind wir auch nicht zufrieden. Immer weniger Pfarrer für immer größere Gebiete, keiner hat mehr Zeit für mich persönlich. Also im Mansfelder Land fällt es schwer, an der Hoffnung auf „unaussprechliche Freude“ festzuhalten.

Zugegeben, es ist nicht leicht, über unsere engen Kategorien hinauszudenken. Wir rechnen nicht mit der Ewigkeit als Dimension, sondern mit den Jahren, die uns hier gegeben sind. Aber das ist doch kein Grund, mit Gesichtern herumzulaufen, als sei Christus niemals auferstanden. Sicher, wir haben ihn nie gesehen. Aber haben wir ihn wirklich, wie diese Christen damals, trotzdem lieb? In jedem Menschen, der uns begegnet, begegnet uns auch ein Stück von Jesus Christus. Das übersehen wir leicht. Und in jedem liebenden Blick, den wir empfangen und den wir selbst weitegeben, leuchtet etwas auf von dem einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel. ´Wedergeboren zu
einer lebendigen Hoffnung sind wir, das vergessen wir leicht. Zumal für uns das Tauferlebnis meist gar nicht mehr in der Erinnerung ist, da wir uns ja in der Regel nicht selbst entschieden haben, sondern wir bereits vorsorglich von unseren Eltern als Kinder zur Taufe gebracht worden sind. Gemessen an dem, was uns zugesagt ist, sind die Widrigkeiten, die uns jeden Tag so niederdrücken, wirklich klein. Und eigentlich könnten wir doch ruhig unseren Glauben so leben, dass unsere Hoffnung ansteckend wirkt. Ist es wirklich einladend, wie wir uns präsentieren? Wirkt es hoffnungsvoll, wenn sich jeden Sonntag nur zwei oder drei Menschen in einem kleinen Gemeinderaum versammeln?

Ich habe in Gorenzen an der Osternachtsfeier teilgenommen. Über 60 Gottesdienstbesucher hatten sich bei unfreundlichem Wetter aufgemacht, um in einer ziemlich eisigen dunklen Kirche fast zwei Stunden lang Weissagungen, Prophezeiungen, Epistel und Evangelium anzuhören, bis endlich das erlösende „Christ ist erstanden“ erklang und der Raum hell wurde. Als wir uns von den Gottesdienstbesuchern, die eine Kerze in der Hand hielten, verabschiedeten, da habe ich das Leuchten in den Augen vieler nicht übersehen können. Da war der Osterglaube aufgeflackert, da wurde spürbar: „Es gibt noch etwas, was heller, schöner und tragfähiger ist als alles, was wir bisher kennen, etwas, wofür sich das Leben lohnt.“ Eine kleine Auferstehung hatte wohl da in jedem einzenen stattgefunden, als er die erinnernden Worte an die Taufe hörte und sah, wie ein junges Paar sich neu zum Glauben an Jesus Christus bekannte.

Wir brauchen solche Feiern, die uns daran erinnern, dass wir wiedergeboren sind zur Hoffnung und zur Liebe. Wir brauchen die Gemeinschaft, denn wo zwei oder drei versammelt sind, da werden wir den Auferstandenen auf einmal mitten unter uns spüren. Und wir brauchen auch solche Ermutigungen wie sie der Apostel in seinem Brief damals den Gemeinden gab. Wir müssen es uns sagen, immer wieder: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.

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