Jesus schließt nicht aus

<i>[Mit herzlichem Dank an Johannes Gerber für seinen Beitrag in Calwer Predigthilfen 1996/1997 1. Halbband zum Gründonnerstag.]</i>

Liebe Gemeinde!

Waren sie schon im Ostergarten der Landeskirchlichen Gemeinschaft in H.? Dort wird die Geschichte von Jesus nacherzählt. Es beginnt mit Palmsonntag. Dann geht man in einen Raum der zeigt, wie Jesus und die Jünger zusammen Passah gefeiert haben, also eigentlich Gründonnerstag. Dort steht ein großer Tisch und man setzt sich auf die Bänke an der Wand. Eine Person stellt Jesus dar und gießt Wasser in eine große Schüssel. Und ich hatte so den Eindruck alle waren etwas unsicher, was nun geschehen würde. Sollten jetzt etwa auch uns die Füße gewaschen werden?
Füße waschen und das vor allen Leuten, das ist für uns heute eine peinliche Vorstellung. Darauf ist auch niemand eingestellt, wenn er irgendwo hin geht. Damals in Israel war das anders. Zu der Zeit trugen die Menschen Sandalen oder sie gingen barfuss. Die Wege und Straßen waren trocken und staubig. Kam man dann nach langem Fußmarsch am Ziel an, dann war es üblich, dass dem müden Gast die Füße gewaschen wurden. Das ist eine richtige Wohltat nach einer langen Wanderung. Hinterher fühlt man sich erfrischt und sauber.

Allerdings war das Füßewaschen auch damals keine so angenehme Aufgabe. Meist war das Aufgabe der Hausbediensteten, der Sklaven. Wer im Haushalt der Geringste war, zu dessen Aufgaben gehörte es den Gasten und Hausbewohnern nach einer Reise die Füße zu waschen. Auch Schüler, die einem Lehrer folgten, hatten die Aufgabe dem Lehrer die Füße zu waschen.

… da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. [5] Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.

Jesus ist von den Menschen wie ein König in Jerusalem empfangen worden. Sie jubelten ihm zu. Die Jünger reden ihn mit Meister, Lehrer oder Herr an und verehren ihn. Und nun übernimmt er die Rolle des geringsten Dieners. Er wird zum Knecht. Er dient den anderen. Er ist sich nicht zu schade, vor den anderen in die Knie zu gehen. Er bereitet sich vor und kleidet sich wie ein Diener. Er bindet sich eine Schürze um und geht von einem zum anderen. Dass ihnen jemand die Füße wäscht, das wird die Jünger nicht erstaunt haben, aber dass Jesus es selbst tut, das ist seltsam. Jesus will nicht herrschen, so wie es Könige oder Kaiser tun. Es geht ihm nicht um Ruhm oder um jubelnde Menschenmengen. Er will kein Star sein. Er, der Lehrer wäscht den Schülern die Füße, vertauschte Welt. Er zeigt den Jüngern, dass es unter allen, die ihm nachfolgen anders zugehen soll als in der Welt. Ob es die Jünger wundert? Nur von einem wird berichtet, dass er versucht Jesus daran zu hindern.

Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!

Petrus fühlt, dass hier die Rollen nicht stimmen. Er hat Jesus erkannt als den Sohn Gottes. „Und nun weist er es weit von sich, dass der Meister ihm die Füße wäscht. Für ihn ist es undenkbar, dass der lebendige Gott sich zu ihm herunterbeugt – denn das beinhaltet ja auch, dass er die eigenen "Aufstiegshoffnungen" ein Stück zurückschraubt. Es ist viel schöner, sich in die ewige Herrlichkeit, an den Tisch des Verklärten, zu träumen als mitzuerleben, wie Gott in die dunkelsten Ecken menschlicher Existenz kriecht. Dann aber, als er hört, dass dies etwas von besonderer Bedeutung ist, etwas, das ihm Jesus näher bringt, will er gleich ein Vollbad.“ (J. Gerber) Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. [9] Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Typisch Petrus, typisch Mensch: Bescheidenheit ist nicht seine Stärke. Frei nach dem Motto: Viel hilft viel, kann Petrus nun nicht genug bekommen. So als sollte Jesus nur für ihn da sein. Aber, so soll es nicht sein, dass er Petrus in besonderer Weise hervorhebt, es soll keine Chefs geben, sonders wer groß sein will unter den Jüngern, soll den anderen dienen. Und Jesus ist für alle in gleicher Weise da, sein Handeln gilt allen und nicht nur einem. Aber mit dem, was Jesus tut, verbindet er seine Jünger mit sich. So wird die Fußwaschung zum Bild für sein Sterben, zum Bild für Taufe und Abendmahl: Damit gibt er Macht und Herrlichkeit auf und geht den Weg der Erniedrigung. Damit kehrt er die Rollen um: Gott dient den Menschen. Damit bekommen die Menschen Anteil an dem Heilshandeln Jesu, werden mit Christus untrennbar verbunden. Wir müssen es uns gefallen lassen, dass sich Gott unseretwegen klein macht. Gottes Sohn sitzt nicht nur in Herrlichkeit auf einem goldenen Himmelthron, sondern er hat sogar Leiden und Tod auf sich genommen, damit niemand mehr gottverlassen ist.

[10] Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein.

Nicht sauber sondern rein. Hier geht es nicht um Hygiene. Es kommt einem fast so vor als würde Jesus in Rätseln sprechen. Spielt er auf die Taufe an: Wer getauft ist hat eine besondere Verbindung zu Gott, aber er ist nicht perfekt, wird weiter Fehler machen, Schuld auf sich laden und bedarf trotz der Taufe immer auch der Vergebung. Aber niemand muss mehrmals getauft werden um die Schuld von sich abzuwaschen. Es reicht Gott um Verzeihung zu bitten und im Abendmahl die Schuld vergeben zu bekommen.
Und ihr seid rein, aber nicht alle. [11] Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein.
Alle wurden gewaschen, aber nicht alle sind rein. Alle werden ihn im Stich lassen. Aber in dem Moment, wo sie zusammen sind, ist nur einer dabei, der sich von Jesus innerlich abgewandt hat. Nur einer ist gegen Jesus. Nur einer erkennt ihn nicht als Sohn Gottes an.
Das macht den Unterschied. Die eigene Einstellung macht den Unterschied aus, ob ich rein werde oder nicht. Sterben Jesu, Taufe, Abendmahl, das ist alles keine Zaubermedizin, die unabhängig von mir wirkt. Ohne Glauben ist das alles ohne Wirkung. Der Glaube allerdings, der muss nicht perfekt und unerschütterlich sein. Es reicht die Bereitschaft Jesus anzuerkennen. Auch die anderen Jünger sind ganz normale Menschen mit Zweifeln und Irrtümern. Aber weil sie Jesus anerkennen werden sie rein. Sie bekommen Anteil an ihm selbst, so wie wir durch Brot und Wein Anteil an ihm bekommen. So ist er bei uns, zeigt uns eine Nähe und will uns rein machen.

Jesus schließt keinen der Jünger aus. Jeder hat bei ihm eine Chance. So auch wir hier und heute.

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