Jesus – der Spiegel meines Lebens

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

es ist Versöhnungstag im alten Israel, Jom Kippur. Dicht drängen sich die Menschen in den Straßen von Jerusalem, der alten Hauptstadt Israels. Sitz des Tempels, Wohnstatt Gottes mitten unter den Menschen. Trotz des Anlasses, es geht schließlich um die Schuld des Volkes, ein Hochgefühl, einer der wichtigsten Feiertage im Jahr. Heute, dieses eine Mal im Jahr, wird der Hohepriester das Allerheiligste betreten, hinter den Vorhang gehen, der die Lade und den Thron Gottes, den Gnadenthron verbirgt, er wird vor Gott treten, von Angesicht zu Angesicht, er wird heilige Gewänder anziehen, sich reinigen, Sündopfer darbringen, auch einen der beiden ausgelosten Böcke, dem anderen wird er die Hände auflegen , ihm die ganze Schuld eines Volkes auflasten und in dann in die Wüste führen lassen, ihn, den Sündenbock!

Ein großartiges, ein fremdes, Ritual. Einem anderen die Schuld zuschieben, ihn für alle zum Sündenbock machen, das ist sprichwörtlich geworden. „Wir haben einen Hohenpriester“ – das konnte Israel sagen, sie trugen unterschiedliche Namen, manchmal wurde das Amt vererbt, aber der Auftrag, der überlebensnotwendige Dienst der Entsühnung, der Entschuldung, er blieb gleich.

Ja, auch wir können zu Sündenbocken machen, aber die Macht der Schuld, ihre zerstörerische Kraft können wir nicht zerbrechen. Ich las vor kurzem einen Roman einer schwedischen Autorin, die in den Mittelpunkt ihrer Erzählung eine Frau in den mittleren Jahren ihres Lebens stellte. Ihre Vergangenheit, ihre Kindheit hatte sie erfolgreich, so schien es zumindest , verleugnet und verdrängt, bis sie ihr in der Gestalt einer Toten, die ihr verblüffend ähnlich sah, nur viel jünger war, wieder begegnete. Ein schmerzhafter Prozess des Erinnerns begann während der Ermittlungen. Ihre Kindheit, der Mutter Verzweiflung und Sehnsucht nach Liebe , die Gewalt und der Missbrauch des Vaters an der viel hübscheren Schwester, deren Tod, all das bricht mit einem Mal wieder auf. Sie ist wie besessen von der Erinnerung und der Schuld, die sie in sich spürt, bis ihr die Frau des ermittelnden Polizisten begegnet, die sich Zeit nimmt, zuhört und keine Diagnosen stellt, obwohl sie Psychologin ist, aber eben nicht nur. An einer Stelle, sagt sie unserer Frau: genügt es, dass ich als ich trotz all des sinnreichen Systems die Welt der Psychologie zu eng fand, mich entschloss Pfarrerin zu werden? Sie hatte für sich begriffen: Seelsorge ist mehr als Psychologie oder Psychotherapie. Und als wenig später die Frau, Lillemor, aussprechen kann, dass sie ihre Schwester gehasst habe, da legt ihr die Pastorin die Hände auf und sagt : im Namen Jesu Christi, dir sind deine Sünden vergeben. Und ganz langsam beginnt sich etwas in ihr zu lösen.

„Wir haben einen Hohenpriester, Jesus Christus“, sagt der Hebräerbrief, einer der Mensch wurde, dazu den Himmel durchschritt, die unüberwindbare Distanz von Gottes Welt in unsere Wirklichkeit durchwanderte, Leid und Elend nicht nur sah, sondern teilte, der nicht andere zu Opfern werden ließ oder opferte, sondern sich hingab und nun für uns eintritt. Schuld verliert in seinem Namen nicht ihre Wirklichkeit, aber ihre Macht.

Was uns mit diesen Bildern womöglich fremd anmutet, hat also doch ganz viel mit unseren konkreten Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten zu tun, auch wir erleben, erleiden, verschulden und versagen viel. Es ist ein Glaubensbekenntnis, das uns begegnet, es versucht etwas in Worte zu fassen , was eigentlich meist unfassbar ist, nämlich der leidensvolle, schicksalhafte Weg eines Menschen, der doch einen Sinn haben muss, obwohl Leid und Tod oft so sinnlos anmuten.

Mit diesem Sonntag heute stehen wir ganz am Anfang der Passionszeit, der Weg Jesu ans Kreuz begleitet uns in den nächsten Wochen. Macht er Sinn? Liegt darin wirklich Zuversicht, Gnade , Hilfe, die wir in Anspruch nehmen können, so wie unser Predigttext es formuliert?

In diesen wenigen Worten, die in meinen Ohren formelhaft klingen und lange vor uns gesprochen und geschrieben wurden, um Jesus Christus, um Gottes Sohn. Aber gerade darin geht es dann auch um uns, um Menschen hier und heute und überall: „in allem wie wir“, sagt der Hebräerbrief. Jesus also als Mensch und Bruder oder anders herum, wer ihn sieht, erkennt sich selbst.

Fragen wir also ruhig einmal, wie uns wo in den wenigen Versen der Mensch begegnet, was von ihm gesagt wird. Er ist ein Leidender, ein Schwacher, ein Versuchter. Ist das der Mensch? Jetzt mag mancher wieder vermuten, dass es sich hier um den alten christlichen Pessimismus handelt, der vom Menschen nur zu sagen vermag: ja er ist schwach und voller Sünde. Aber ich denke, es geht eher um ein Stück Realismus, das wir ruhig zulassen dürfen, um nicht permanent irgendwelchen Illusionen oder Träumereien nachzulaufen.

Das Leben und das Leiden Jesu ist ein Spiegelbild unserer Wirklichkeit, die wir lernen müssen , zuzulassen und nicht länger zu verdrängen, wenn nicht auch wir womöglich einmal krank und besessen von dem werden wollen, was sich anschickt, uns einzuholen aus der Tiefe unserer Vergangenheit. Das Stichwort der „Versuchung“ mag das exemplarisch deutlich machen und ich glaube, dass die biographischen Notizen der Evangelien noch viel mehr zu bieten haben als die uns als solche vertrauten Versuchungsgeschichten wie im heutigen Evangelium. Es fängt eigentlich schon in den Kindheitsgeschichten an. Da ist der zwölfjährige Jesus im Tempel, in dem mühsamen Prozess sich mit seinen eigenen Fragen von den Eltern zu lösen, ohne sie zu verlieren und zu verletzen. Wir lesen davon, wie schnell das passieren kann. Genauso auf der anderen Seite die Eltern: können sie loslassen, ohne zu vernachlässigen. Ein Konflikt, den viele schon durchgemacht haben. „In allem wie wir.“

Dann ist Jesus in der Wüste: Brot, Aufsehen und Macht, verlockende Angebote, die bis heute nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt haben, denen kaum jemand zu widerstehen vermag. Ich könnte in aktuellen Bezügen auch von der sozialen Frage in unserer Gesellschaft und der Verantwortung der Besitzenden und Vermögenden reden, oder von der Medienfrage, wo denn die Grenzen aller öffentlichen Spektakel auf der Suche nach den alten und neuen vermeintlichen Superstars liegt, die oft nicht einmal zur Sternschnuppe taugen. Oder aber der Machtfrage, der alles, und sei es das Wohl des Volkes, im Spiel zwischen regierenden und regieren wollenden geopfert wird. „In allem wie wir.“

Denken wir an Jesus , als er seinen Freund Lazarus durch den Tod verloren hat. Das kennen wir nur zu gut, wie schnell der Tod alles sinnlos macht und ich mit der Frage zurück bleibe, wie denn mein Leben jetzt noch Sinn machen kann. „In allem wie wir.“

Und dann Jesus in Gethsemane, wo er sich dem Unausweichlichen stellen muss, den Kopf nicht in den Sand stecken darf oder verdrängen und verleugnen kann, nach dem Motto, was ich nicht wahrnehme , existiert auch nicht Diese Kelch dessen, was kommt, den nimmt er aus Gottes Hand. Und dann Jesus am Kreuz: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, dieses Gefühl der Einsamkeit, der Verlorenheit und Leere. „In allem wie wir“

Es geht um uns, um unser von Gott gewolltes Menschsein, aber es geht auch um das, was wir loswerden dürfen, wo wir an Grenzen stoßen. Ein altes Glaubensbekenntnis also, das uns einlädt, hinzuzutreten, zuzulassen, weil wir jemanden haben, der das alles kennt und teilt. Genau darin liegt die befreiende Macht dieses „Im Namen Jesu Christi“ . Nur darin liegt die Vollmacht, die Vergangenheit wirklich hinter sich zu lassen.

Wir haben einen Hohenpriester. Es geht um alle Lebenslagen und ebenso um alle Lebenslügen. Nutzen wir also die vor uns liegende Passionszeit, um einmal genauer hinzuschauen, um uns im Spiegel des Lebens Jesu wahrhaftig wiederzuentdecken. Es wartet Zuversicht, Gnade und Hilfe auf uns.

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