Jesus auf dem Siegertreppchen

Liebe Gemeinde!

[Pokal hochhalten] Haben Sie auch so einen zuhause? Oder eine Medaille? Eine Urkunde? Einen Teilnehmerausweis …

Die Medien zur Zeit sind voll von Sportberichten: Vor kurzem erst wurde die Deutsche Fußball – Damen – Nationalmannnschaft für ihren Weltmeistertitel zur Mannschaft des Jahres gekürt. Costa Cordalis, der beim Nordischen Ski schon einmal an der Weltspitze lag, wurde Dschungelkönig. Gestern startete die Biathlon – Weltmeisterschaft. Es laufen die Europameisterschaften in Eiskunstlauf und der FC Bayern hat am Mittwoch 1:2 gegen Allemannia Aachen verloren …

Letzten Sonntag hat sich Maria Riesch mit dem Super-G an die Weltspitze katapultiert und damit die Hoffnungen verstärkt, Garmisch könne als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2009 gewinnen. Ob das so klappt – am 3. Juni werden wir das erfahren. Bis dahin aber schiebt sich das Ereignis des Jahres in den Vordergrund. Dieses Jahr, 108 Jahre nach der Neueröffnung der neuzeitlichen Olympischen Spiele kehrt der Wettbewerb nach Griechenland zurück. Nach der Vorstellung der Fackel beginnt demnächst der gigantischste Lauf aller Zeiten durch 5 Kontinente – 70 Länder – jeder Träger läuft 400m und gibt die Fackel weiter. 80.000 Euro wird allein die Flamme verschlingen von ihrem Ausgangspunkt Olympia bis zum Ende der Spiele. Gigantisch. Seit dem Jahr 2000 gibt es das "Internationale Zentrum des Olympischen Waffenstillstands" mit Sitz in Olympia, das sich zur Aufgabe gemacht hat, gemäß der alten Olympischen Idee für die Tage der Spiele den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt Einhalt zu gebieten. Man kann nur hoffen, dass Jacques Rogge, Vorsitzender des IOC, und sein Vize der griechische Außenminister Georgios Papandreou, mit ihrer Mission Erfolg haben.

Wer weiß – vielleicht ist jemand von Ihnen – liebe Gemeinde- ja dabei als Sportler, als Vertreter der Medien, als Zuschauer … live oder am Fernseher. Immerhin, während Garmisch die Werbetrommel für seinen Standort rührt, ist auch Weilheim nicht untätig: So kann man sich am 21. März z.B. in der Stadthalle intensiv mit der Geschichte der Olympischen Spiele auseinandersetzen in Zusammenarbeit mit dem griechischen Kultusministerium und Außenministerium.

Doch genug der langen Vorrede, mit unserem Predigttext reisen wir zurück in das Jahr 53 n. Christus. Seit Monaten trainieren die ausgewählten Sportler aus den Gemeinden und Ländern des Römischen Reiches im Namen des Kaiserhauses für die 208. Olympiade. Auf nun fast 1000 Jahre Geschichte kann diese Veranstaltung zurückblicken. Der Gedanke, den Körper zu Ehren des höchsten Gottes zur Hochform zu bringen, die jungen Männer, so wie sie sind, unverstellt durch Kleidung und unnötigen Schnickschnack, zu präsentieren und vor allem in Frieden zu einen fairen Wettstreit aufzufordern, übernahmen die Römer gerne und politisch weitsichtig von ihren griechischen Vorgängern. Doch Disziplinen, die stärker kriegerischen Charakter hatten, wurden favorisiert. Besonders im Trend: Wagenrennen – übrigens die einzige Disziplin, bei der damals Frauen gewinnen konnten, denn Sieger war nicht der Fahrer sondern die Halterin des Wagens …

Die klassischen Sportarten standen dennoch unbeirrt im Mittelpunkt: Der Stadionlauf über die Strecke von 192m, der älteste Wettbewerb seit 776v.C. und der Faustkampf seit dem 7. Jh v.C., einem Boxkampf, bei dem sich die Kämpfer die Hände mit Lederriemen umwickelten um die Wirkung der Schläge zu verstärken, der erst endete, wenn der Gegner kampfunfähig war oder aufgab. Verletzungen waren nicht selten und auch ein Todesfall ist in die Geschichte eingegangen.

Das ganze Römische Reich nimmt fieberhaft an den Vorbereitungen für das große Ereignis teil, als im Frühjahr 53 die Segelsaison beginnt und ein Mann im Hafen von Korinth einschifft, um sich auf die zweite seiner langen Reisen zu begeben. Er ist klein und so gar nicht athletisch. Sein Gesicht ist blass, nur seine große Nase lenkt das Augenmerk auf sich. Seine Haare sind frisch geschoren. Die Kleider schlottern um seinen Körper. Für die Zeitgenossen, die mit ihm das Schiff besteigen ist klar, dass es sich um einen Juden handeln muss, der noch vor kurzem an einer schweren Krankheit gelitten hatte – in dieser Gegend wahrscheinlich Fieberanfälle von Malaria. Der erste warme Wind gibt neuen Mut, das rauhe Seeklima Kraft. Am Kai stehen winkend Menschen, die sich verabschieden, unter ihnen etwa Priska, Aquila, Jason, Gaius, Krispus, Erastos … Mitglieder einer bunt gemischten christlichen Großstadtgemeinde, vornehmlich Sklaven, Freigelassene, Lohnarbeiter, Matrosen, Handwerker und römische Soldaten im Ruhestand. Römer und Griechen, die die Politik zusammengebracht hatte. Der Mann auf dem Schiff – Paulus – hatte die Gemeinde durch sein Beispiel, seine Art das Evanglium zu verkünden, gefördert, als der Vertreter der Aufgabe Juden und Heiden für Jesus Christus zu gewinnen. Nun treibt ihn die Mission weiter nach Ephesos. Wärend der Fahrt kursieren Anekdoten aus dem Sport. Es wird darüber debattiert, welchen Sinn die Vorschriften im Trainingslager machen, wie Frauenverbot, Alkoholverbot oder gar diverse Diäten oder Dopings. Einige Philosophen erkären ihre Weltsicht begierigen Zuhörern mit Bildern aus der Sportwelt, denn: woran jeder teil hat, kann jeder als Beispiel vertehen. Paulus sitzt an Bord und lässt den Wind um seine Nase wehen, er hört zu bis er selbst in ein Gespräch über seinen Glauben verwickelt wird …

Die Olympiade 53 ging wie immer im Festtaumel zu Ende. Die Siegeskränze waren an die jeweils besten einer Disziplin verteilt worden, der Alltag kehrte wieder ein. Die Spitzensportler gingen zu weiterem Training für die Isthmischen Spiele über – das Leben geht weiter.

Paulus war inzwischen in Ephesus tätig und begann sich mit den Vertretern des einheimischen Dianakultes anzulegen, als er Nachrichten aus Korinth erhält: Die Gemeinde droht sich zu spalten, mehrere Missionare hatten je ihre Fangemeinde, die einen stritten erbittert, die anderen kehrten zu ihrem alten Lebensstil zurück, genossen das Leben ungeniert auch mit Damen und Herren, die ihre Begeleitung auf der Straße feilboten …

Sofort macht er sich an einen langen ausführlichen Brief, um seiner Gemeinde die grundlegeneden Dinge noch einmal klar ins Gedächtnis zu rufen: Wir hören heute einen kurzen Abschnitt, der sich mit der christlichen Grundhaltung beschäftigt:

[TEXT]

Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche und den Römern ein Römer schreibt Paulus seiner so kulturell gemischten Gemeinde seine Botschaft mit den Bildern und Worten des Sports, der alle eint. Er folgt damit dem Beispiel seiner philosophischen Kollegen. Hier ist etwas, das alle verstehen können und sollen:

Paulus ist sich sicher, das Reich Gottes zu erleben, eines Tages Gott zu begegnen. Das ist das Ziel seines Lebens, sein Siegespreis. Doch er lehnt sich nicht zurück und wartet ab, sondern sieht es als seine Aufgabe an, vielen diese Frohe Botschaft zu bringen, diesen Blick, diese Hoffnung zu eröffnen. Alle Menschen sollten ihren Sinn, ihr Ziel finden. Diese Aufgabe zu meistern kostet Selbstdisziplin. Wie ein Spitzen-Sportler, der von Trainingscamp zu Trainingscamp weiterzieht, um stets seine Leistungen zu verbessern, seinen Körper in Topform zu bringen im Verzicht auf Sexualität, alkoholische und kulinarische Exzesse, so sieht sich auch Paulus in seiner Mission. Er als Vorbild muss sich in den Griff bekommen, auch wenn er sich gerne einmal gehen lassen würde. Er nimmt weite strapaziöse Reisen auf sich, auch unbequeme Unterkünfte, verkündet pausenlos seine Botschaft, sorgt so weit möglich durch seine Arbeit als Zeltmacher für sein finanzielles Auskommen und lässt sich weder durch eine schwache körperliche Konstuitution, schwere Krankheiten, Anfeindungen, Auspeitschungen, Verfolgung und Gefängnisaufenthalte davon abbringen von der Liebe Gottes zu erzählen. Wie sollte man andere von etwas überzeugen, wenn man es selbst nicht lebt – so seine Devise. Er plant seine Auftritte, seine Reisen – er läuft nicht ins Ungewisse, sein Weg führt zu Gott, und er geht gezielt vor, er bereitet sich inhaltlich und sprachlich vor, damit seine Predigten keine Schläge in die Luft werden.

Die Gemeinde in Korinth soll sich seinem Lauf anschließen. Wer Jesus nachfolgt, hin in das Reich Gottes, muss auf manches verzichten. Der Leib, der Tempel Gottes, ist wertvoll, an ihm ist kein Schindluder zu treiben, seinen Begierden nachzugehen heißt vom Weg abweichen und das Ziel dann vielleicht nie erreichen. Die Gemeinde soll sich auf den Weg machen. Dafür gibt es keine Goldmedaille für den Sieger wie im Sport. Auch die Plätze 2 und 3 auf dem Siegertreppchen gibt es nicht, wie Jesus den Söhnen des Zebedäus bzw. ihrer Mutter Salome klargemacht hat, und doch gilt es etwas zu gewinnen. Etwas unvergängliches, für das sich die ganze Anstrengung lohnt.

Während Paulus an seine Korinther schreibt, ändert sich in Rom das politische Klima. Nachden sein Vorgänger Claudius von der eigenen Familie vergiftet wurde, tritt Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus das Amt des Römischen Kaisers an. Er ging aus vielen Gründen in die Geschichte ein: die 211. Olypiade wurde seinetwegen von 65 n.C. um zwei Jahre verschoben, damit er teilnehmen konnte. Er siegte in 6 Disziplinen (Wagenrennen mit Viergespann von Pferden, Viergespann von Fohlen, Zehnerzug von Fohlen, Wettbewerbe der Herolde, der Tragöden und der Kitharöden). Die Bewerbe der Tragöden und der Kitharöden also Musikwettbewerbe waren eigens auf seinen Wunsch nur für diese Spiele eingeführt worden. Nero ließ es sich nicht nehmen, selbst die Wagen zu lenken. Ein anderer Sieger als er kam sowieso nicht in Frage, so konnte auch ein Sturz seinen Sieg nicht verhindern. In dieser Zeit brannten auf Anweisung Neros hin Christen, die sich auf den Weg der Nachfolge gemacht hatten, als lebendige Fackeln, hielten als Löwenfutter in der Arena her, wurden verfolgt, gefangen und gefoltert. Paulus selbst als Römischer Bürger wurde geköpft. Bis zum letzten Tag hat er mit all seiner Kraft an seiner Botschaft von der Liebe Gottes festgehalten, selbst noch aus dem Gefängnis.

Und wir, liebe Gemeinde, lassen wir uns von Paulus zur Nachfolge einladen? Setzen wir auf Sieg und laufen los, opfern alle unsere Körperkraft, unsere rhetorische Kunst, unser Einfühlungsvermögen ungeachtet aller Krankheiten, aller Rückschläge, ohne Rücksicht auf die Aussicht auf die Fülle der Dinge, die zum Greifen nahe angepriesen werden, auf die Werbung, die uns vorschreiben will, wie unser Körper zu funktionieren hat … um andere für die Liebe Gottes zu gewinnen, etwas unvergängliches, einmaliges, mindestens so gut wie die Goldmedaille bei Olympia?

Oder argumentieren wir "theologisch", lehnen uns zurück und berufen uns auf die Gnade Jesu Christi, die uns diesen Sieg doch sowieso schon erworben hat? Nützen unsere Zeit für Luftschläge und debattieren christliche Inhalte und lassen keine Taten folgen, genießen dieweil die Freuden der Konsumgesellschaft. Was würde wohl so ein Brandbrief des Paulus auslösen, wenn er als einer eines aktuellen Kirchenoberen verlesen würde? Würden wir schon beim Beispiel des Laufens und des Boxens in Sportlerträume versinken und nichts mehr von der Botschaft mitbekommen?
Theologisch gesprochen sitzt tatsächlich Jesus auf dem Siegertreppchen, er ist für uns angetreten, damit wir diesen Preis, dieses Ziel bekommen. An uns ist es nachzufolgen, aufzustehen und sich auf den Weg zu machen.

Als Gemeinde sind wir als Mannschaft gemeinsam unterwegs, so verstehen wir uns. Niemand steht mit der Stoppuhr daneben und misst unseren Glauben. Unsere Geschwindigkeit mag also variieren. Manche laufen gleichmäßig und ruhig. Manche heben sich den Sprint für den Schluss auf. Manche starten beim Lauf zu schnell und ihnen geht die Puste aus. Manche haben Startschwierigkeiten oder erschrecken gar beim Startschuss. Manche stolpern vorwärts, manche klagen über Seitenstechen, manche gehen an den Rand der Laufbahn, um Flüssigkeit nachzufüllen, manche bleiben erschöpft liegen. Manche kommen von der Bahn ab. Manche stehen zögerlich am Start und wissen nicht, wie sie die Aufgabe angehen sollen. Auf diesem Weg ist es an uns dafür zu sorgen, dass alle mitkommen. Das bedarf der Ermunterung, des Ansporns, der Ermahnung, des Vorbilds der Hilfe, des Mitnehmens oder Tragens, der Fürsorge. Vor allem der Liebe. Denn erlebt man die Liebe nicht, die auf Gottes Liebe hinweist, ist das ganze für die Katz. Etwas ausführlicher untersteicht dies Paulus im 13. Kapitel des Korintherbriefes.

Bei einem so langwierigen sportlichen Akt ist es wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu lassen. Etappensiege ermuntern, sich weiter einzusetzen. Wenn wir heute Abendmahl feiern, so erinnern wir uns daran, dass Jesus für uns angetreten ist und uns den Siegespreis, das Reich Gottes gewonnen hat. Immer wieder können wir einen goldenen Pokal – Kelch in den Händen halten und uns stärken für unseren weiteren Weg mit und zu Gott.

In diesem Sinne, liebe Gemeinde, wünsche ich uns ein sportliches, vom Olympischen Frieden begleitetes Olympiajahr 2004.

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