Ist denn Gott ungerecht?

Liebe Gemeinde,

der Brief des Paulus an die Römer sei es wohl wert, dass ihn ein Christenmensch Wort für Wort auswendig könne. Das war die Meinung von Martin Luther. Er stellt sie seiner Römerbrief-Übersetzung voran und bezeichnet das Schreiben als "das rechte Hauptstück des Neuen Testaments". Kein Wunder, denn die gesamte Theologie der Reformation fußt auf dem Thema des Römerbriefes, das auch Lebensthema des Apostels war: "Wer durch den Glauben gerecht wird, wird leben". Niemand hat so sehr wie Paulus das Neue im Christentum und seinen Gegensatz zu dem Vorhergehenden gesehen. Er war vorher gesetzestreuer Jude gewesen und hatte in der Erfüllung aller Gesetze den Weg zum Heil gesehen. Die Neuigkeit, allein durch Gnade und durch den Glauben an das Sterben und Auferstehen des Gottessohnes Jesus Christus erlöst zu sein, hatte ihn gepackt und sein Leben radikal verändert. Im Römerbrief hat Paulus diese Sichtweise geballt zusammengefasst. Unser heutiger Predigttext ist ein Herzstück dieses Briefes, den Paulus an die ihm persönlich unbekannte Gemeinde in Rom schickt. Hören wir aus Kapitel 9 die Verse 14 bis 24.

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Das ist nicht nur ein gewaltig langer Text, sondern er ist auch so dicht angefüllt mit Inhalt, dass gewiss mühelos eine theologische Examensarbeit daraus zu schreiben wäre. Keine Angst, ich möchte keine wissenschaftliche Vorlesung halten. "Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.", zitiert Paulus ein Gotteswort aus dem Alten Testament. "So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen." schließt der Apostel daraus. "So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will." Das klingt hart. Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie zuweilen darunter leiden, dass andere Menschen, vielleicht gute Freunde, einfach nicht glauben können. Und scheint nicht dieser Text solche Leute noch zu bestätigen?

"Ja, wenn das so ist, dann kann ich ja tun oder lassen, was ich mag – und es ist mehr oder weniger ein Lotteriespiel, ob ich am Ende etwas davon habe", könnte eine sehr menschliche Schlussfolgerung aus dem Predigtext sein. "Und dann bin ich ja eigentlich an nichts schuld, ich habe doch keinerlei Einfluss auf mein Leben." Ich denke an die "Satansbraut", von der dieser Tage in der Boulevardpresse die Rede war: "Satan hat mir befohlen, meinen Verlobten umzubringen", ein Gefäß des Zorns, geschaffen zum Verderben? Schon befinden wir uns mitten in einem ganz prominenten Streitfeld der Reformatoren, in dem um die Prädestinationslehre. Die Gemeinde Jesu Christi, so Paulus, ist eine heilige Gemeinschaft, die Gott nach seinem Vorsatz berufen hat. Er hat sie vorher ersehen und im Voraus bestimmt, dass sie dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet werde. Das hat Paulus in den vorausgegangen Zeilen des Briefes ausführlich erklärt. Von ihm bestimmte Menschen hat Gott schon vor ihrer Geburt dieser heiligen Gemeinschaft zugeordnet, damit sie später Christus gleichgestaltet werden und zu seiner Herrlichkeit gelangen. Und dann kommt diese Frage: "Ist denn Gott ungerecht?"

Aus menschlicher Sicht scheint sie verständlich. Wir hören sie immer wieder. Oft nicht einmal mehr als Frage, sondern als Überzeugung: "Gott ist einfach ungerecht." Beispielsweise, wenn ein Jugendlicher tödlich verunglückt, wenn jemandem, der sich für die Kirchengemeinde krumm macht, beruflich alles daneben geht, während ein anderer, der es mit Gesetzen und Geboten überhaupt nicht genau nimmt, von Erfolg zu Erfolg eilt. Oder auch, wenn ein alter und schwer leidender Mensch einfach nicht sterben kann und in der gleichen Familie eine junge Frau, die kleine Kinder hinterlässt, plötzlich einfach wegstirbt. "Wenn Gott gerecht wäre, würde ich glauben, dass es ihn gibt", sogar diese Argumentation habe ich schon gehört von Menschen in solchen schweren Situationen, vor denen wir auch verständnislos stehen und keine Antworten finden.

Auch vor fast 2000 Jahren scheinen die ersten Christen schon vor solchen Fragen gestanden zu haben. Ich kann es mir richtig vorstellen, wie man die Gemeinde in Rom, die ja unter lebensbedrohender Verfolgung stand, gelöchert hat: "Ist das die Gerechtigkeit eures Gottes, dass ihr das alles erdulden müsst? Und an den sollen wir nun glauben." Ist Gott ungerecht?

"Das sei ferne", sagt Paulus, und weist diese Fragestellung als solche bereits zurück. Es steht dem Menschen nicht zu, seinen Schöpfer überhaupt auf diese Weise zu hinterfragen. Letztlich verdankt er seine bloße Existenz dem Umstand, dass es Gott gefallen hat, ihn nach seinem Bild zu schaffen. Und auch der Umstand, dass wir durch Jesus Christus und seine Auferstehung aus dem Zeitalter des Todes in das der Auferstehung mitgenommen werden, verdanken wir nur der freien Gnade Gottes. Das Gleichnis, das wir vorhin im Evangelium gehört haben, macht anschaulich, was auch Paulus meint: Der letzte Arbeiter im Weinberg erhält den gleichen Lohn wie der, der schon am Anfang da war – und Gott fragt: "Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?" Dies bedeutet nun keineswegs, dass wir warten sollen, bis Mittag ist, und uns erst dann an die Arbeit machen, fest mit der Güte Gottes rechnend und denkend: "Auch, wenn ich in der letzten Minute komme, werde ich noch als erster drankommen, habe ich das Himmelreich schon in der Tasche." "Das sei ferne", würde Paulus gewiss auch von solchem Denken sagen. "Es gibt Letzte, die die ersten sein werden", das ist die Botschaft. Nicht jeder Letzte wird der erste sein. Und unter den ersten, die letzte sein werden, wird es immer welche geben, die das nicht fassen können.

Aber es steht uns schlichtweg nicht zu, zu rechten darum, wer das ist. Gott steht im Zentrum, nicht der Mensch. Das vergessen wir immer wieder. "Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?" "Majestätsspekulation" nennt Luther es, wenn der Mensch sich anmaßt, auf Gottes Ebene aufzusteigen und sich "seine Gedanken zu machen." Paulus hat das schöne Beispiel vom Töpfer und den Gefäßen gefunden. Es geht nicht darum, was der Mensch ist oder tut, sondern was Gott mit ihm tut. Sich mit diesem Gedanken anzufreunden, erfordert nicht nur die so unmoderne Demut, sondern vor allem sehr viel Vertrauen. "Ich laufe aber so, nicht als aufs Ungewisse; ich fechte so, nicht als einer, der in die Luft schlägt", schreibt Paulus im Korintherbrief, das bedeutet, auch im Wissen darum, nicht durch das "Laufen und rennen" das Himmelreich zu erreichen, nicht müde zu werden in der Nachfolge Christi. Allein, weil Gott das mit ihm macht, weil ihn der Geist treibt.

"Das gefällt mir an euerm Christentum nicht, dass es so eine Leidensreligion ist", sagte kürzlich jemand zu mir, der seit Jahren nach Indien fährt und bei seinem Guru (er ist Sannyasin, also Baghwan-Anhänger) seiner Aussage nach zu einem fröhlichen Menschen geworden ist. Ich habe ihm ganz mühevoll versucht, zu erklären, dass es keine Leidensreligion ist, sondern dass mich das Wissen aufrecht erhält, in der Gnade zu leben. Spekulative Theorien darüber, wer erlöst wird und wer verdammt wird (ich denke da wieder an das Beispiel mit der Satansbraut) wären genau dem entgegesetzt, was Paulus sagen will: Seine Lehre ist keine Theorie, die die Rätsel dieses Lebens löst.

Sie legt das Leben samt seiner ungelösten Rätsel restlos und bedingungslos in Gottes Hand. Wir dürfen uns also fallen lassen in die Gnade Gottes. Es bleibt uns letztlich gar nichts anderes übrig. Und wir dürfen auch hoffen für alle die, die nicht glauben können und sie und uns selbst geborgen wissen in Gottes Geduld. Sein Wille geschehe. Dass wir dies annehmen können als ein Geschenk, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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