In Musik ist Kraft für den Gottesdienst im Alltag

Liebe Gemeinde,

als Christen leben wir immer vom Osterfest her. Durch Jesu Auferstehung ist uns die Tür in ein neues Leben aufgeschlossen worden, und eine neue Art zu leben ist nun möglich. An jedem Sonntag feiern wir Gottesdienst, um uns an Jesu Auferstehung zu erinnern. Jeder Gottesdienst ist deshalb ein kleines Osterfest.

Jesus ist für uns gestorben und auferstanden. Was Jesus für uns getan hat, steht an erster Stelle. Erst danach stellt sich die Frage, was wir tun: für Gott, für unsere Nächsten, für uns selbst. Das sehen wir schon daran, wie die Kolosser
angesprochen werden: Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte. In diesen Worten wird von Gottes Zuwendung zu den Menschen gesprochen, davon, was Gott an ihnen getan hat: er hat sie auserwählt, geheiligt und geliebt. Das gilt den Kolossern – und allen, die mit Christus begraben wurden und mit ihm auferstanden sind in der Taufe zu einem neuen Leben im Glauben. Von diesem neuen Leben spricht unser Briefabschnitt. Wir haben dieses neue Leben nicht so, wie man etwa blaue Augen hat oder Schuhgröße 42. Das neue Leben habe ich nur, wenn ich es lebe. Es ist kein Besitz, sondern ein Bemühen. Es ist ein neuer Weg, den ich betreten, dem ich folgen soll. Der Absender des Briefes vergleicht es mit einer neuen Kleidung, die ich mir anziehen soll: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“ Hier muss ich doch dringend vor einem Missverständnis warnen! Es könnte so scheinen, als ob das neue Leben mit diesen 5 Tugenden schon
vollständig beschrieben wäre. Christ sein wäre dann nichts anderes als
Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Wie ein Verhalten aussieht, das nur so ausgeprägt ist, beschreibt eine Pfarrerin im Rückblick auf ihre Jugendzeit so: „Kirchliche Mitarbeiterinnen forderten unseren Spott heraus, weil sie ganz genau “so“ waren: milde, demütig (den männlichen Vorgesetzten gegenüber), voll sanftmütiger Vergebungsbereitschaft uns gegenüber (die wir ihre Vergebung gar nicht wollten), in ihrer geduldigen Güte die Grenze zur Dummheit hinter sich lassend.

Nie ein lautes Wort, nie ein Nein, nie Partner in einer Auseinandersetzung, nie respektiert, immer nur Zielscheibe für Angriffe, die kein Erwachsener sich sonst bieten ließ“. Soweit die abschreckenden Erinnerungen einer Pfarrerin. Sie
zeichnet ein Bild von Menschen, die eigentlich nur passiv sind, die alles
leidend ertragen, alle schlucken, was man ihnen zumutet. Was in diesem Katalog von Tugenden fehlt, sind die aktiven, die positiven, die eigentlich christlichen Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe. Soll ich mich denn nicht auch für Schwächere einsetzen? Soll ich nicht auch die Wahrheit sagen, selbst wenn sie nicht gern gehört wird? Muss ich nicht auch einmal einen Streit auslösen, damit eine aufgeladene Situation endlich einmal bereinigt wird?
Das Mäntelchen der Liebe wurde schon zu vielen Konflikten umgehängt. Hat das
nicht immer wieder zu heimlichem Nachtragen, zur Verbitterung und Enttäuschung geführt? Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, das ist nur der eine, der passive Teil christlichen Lebens. Diese Tugenden sind nicht an sich selbst schon
etwas Gutes. Ihr Recht und ihren Sinn bekommen sie nur insofern, als sie
Ausdruck der Liebe sind. Sanftmut kann z.B. einfach ein Ausdruck von Konfliktscheu oder Harmoniesucht sein, ja sogar von Feigheit. So hätte sie aber
nichts mit dem neuen Leben aus Gott zu tun! Nur wenn christliche Nächstenliebe
zur Sanftmut führt, ist sie ein Ausdruck des Lebens, das an Ostern und in der
Taufe begonnen hat! Die Liebe ist also der Maßstab der aufgezählten Tugenden.
Die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, das die einzelnen Tugenden zusammenbindet, das sie eint, das ihnen einen christlichen Sinn gibt.

Bei all dem geht es um unseren Gottesdienst im Alltag. Wir sollen Gott dienen, indem wir das neue Leben leben, d.h. indem wir die Liebe und Vergebung Jesu an unsere Mitmenschen weitergeben. Die Art, wie wir mit anderen Menschen in unserem Alltag umgehen, ist eine Form von Gottesdienst. Und dieser alltägliche Gottesdienst kostet uns viel Kraft. Ständig anderen Menschen zu lieben, ihnen zu vergeben und manche und manches ertragen zu müssen, das kann eine schwere Belastung werden, eine richtige Knochenarbeit! Jeder Lehrer kann davon ein Lied singen und jede genervte Mutter, die mit ihrem Kind weder ein noch aus weiß.

Sicher könnten auch Sie eine passende Geschichte dazu erzählen. Weil uns der Gottesdienst im Alltag Kräfte kostet und uns müde macht, müssen wir uns immer wieder erfrischen und auftanken. Das geschieht besonders im Gottesdienst in der Kirche, zu dem wir uns als Gemeinde versammeln. Und dabei hat das gemeinsame Singen und Musizieren einen unschätzbaren Wert! Viele wissen gar nicht, was für einen Schatz wir darin haben und wie viel Kraft und Lebensmut uns daraus erwachsen kann! Dass das Wort Christi reichlich unter uns wohnt, das heißt, dass es neben der Predigt und der Schriftlesung noch in vielen anderen Formen da ist! Die Musik, der Gesang, das sind ganz wichtige und kostbare Formen. Schon im alten Israel
wurden im Gottesdienst die Psalmen gesungen. Die christliche Gemeinde sang außerdem noch Lobgesänge und geistliche Lieder. Singet dem Herrn ein neues Lied, das wurde sehr ernst genommen. Die ersten christlichen Gemeinden haben viele neue Lieder gedichtet und darin von ihren Erfahrungen mit Gott gesungen. Sie haben sich Gotteslob und Klagelieder zugesungen, sich selbst zugesungen, aber auch Gott! Wie steht es heute mit den neuen Liedern? Unser neues Gesangbuch hat eine respektable Anzahl davon aufgenommen. Aber nicht überall werden sie freudig begrüßt. Manche begegnen ihnen mit Skepsis und Ablehnung, zumal heutzutage viele
Menschen nicht mehr gewohnt sind zu singen. Das ist sehr schade, denn manche dieser Lieder nehmen unser heutiges Lebensgefühl und unsere heutige Situation auf und bringen sie mit unserem Glauben in Verbindung. Das kann ein noch so bekannter Choral aus dem 17. oder 18. Jahrhundert einfach nicht leisten! „Singet dem Herrn ein neues Lied“, das sollte uns Mut machen, uns auch auf Neues und Ungewohntes einzulassen. Weder unser Musikgeschmack noch unsere Lebenserfahrung sind im 17. Jh. stecken geblieben. Im übrigen wäre es auch ein Werk herzlichen Erbarmens, Lieder zu singen, die auch unsere Konfirmanden und junge Leute sprachlich verstehen können. Und auch einen Musikstil zu tolerieren, der für manche vielleicht unverständlich oder unerwünscht ist. Denn diese Unverständlichkeit muten wir andererseits unseren jungen Leuten wie
selbstverständlich zu, wenn wir z.B. singen: „Alles, was Odem hat, lobe mit
Abrahams Samen.“ Hier muss meiner Meinung nach noch viel bewegt und verändert werden, damit es ernst wird mit dem Motto des heutigen Sonntages.
Unsere alten, vertrauten Choräle und die alte Kirchenmusik sollen dadurch nicht
verdrängt oder abgeschafft werden – auch sie waren in ihrer Zeit neue Lieder. Ich liebe sie in ihrer Art von ganzem Herzen. Unser Gemeindegesang muss aber auch offen sein für neue Klänge, für neuen Ausdruck des Gotteslobes und der
Klage. Unser heutiges Leben muss sich auch in unserer Kirchenmusik spiegeln und wiederfinden können!

Warum ist die Musik und das Singen so wichtig für den Gottesdienst und für uns? Das ist ja nichts Zufälliges, was man auch genau so gut bleiben lassen könnte! Musik ist nicht etwa nur eine Verzierung oder Verschönerung des Gottesdienstes, sondern eine Wesensäußerung unseres Glaubens! Ausdrücklich fordert der Kolosserbrief dazu auf: „mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott mit Freude (mit Lust) in euren Herzen“. Warum ist das so wichtig? Wegen der Kraft, die in der Musik steckt! Luther sagte einmal: „nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Fröhlichen traurig, die Verzagten
herzhaft zu machen, die Hoffärtigen zur Demut zu reizen, den Neid und Hass zu
mindern als die Musik.“ In den Liedern, in der Musik bekommen wir manchmal
selbst dann noch Zugang zur Kraft Gottes und zum Wort des Evangeliums, wo uns eine Predigt nicht mehr erreicht. Wo mir Worte zu Wörtern und zum Gerede werden, da geschieht es mir manchmal, dass Gott durch Lieder und Musik zu mir spricht.

So ist das Singen und Musizieren eine Kraftquelle für den Gottesdienst im Alltag. Hier können wir uns erfrischen, unsere Müdigkeit und Enttäuschung abschütteln. Wer in einem Chor singt, wird das schon einmal erlebt haben, wie es ihm nach einer Probe wieder gut ging, wie ihn die Musik aufgebaut hat. Im Singen werden wir von Gottes Wort noch einmal anders berührt als in Schriftlesung und Predigt. Denn beim Singen geht Gottes Wort in uns hinein, durch uns hindurch und aus uns heraus. Und unsere ganze Person ist daran beteiligt, der Leib, das Herz und der Mund.

Wir leben als Christen von Ostern her, vom neuen Lied, das an diesem Morgen angestimmt wurde. Dieses Lied singt vom Sieg des Lebens über den Tod, vom Sieg der Hoffnung über die Resignation, vom Sieg der Liebe über den Hass. Singet dem Herrn ein neues Lied! Stimmt mit ein in diesen herrlichen Gesang, der von einem
neuen Leben kündet! Singet dem Herrn und empfangt Kraft für den Gottesdienst im Alltag! Singet dem Herrn ein neues Lied, dass auch andere es hören und Kraft empfangen und Hoffnung und Lebensmut. Singet dem Herrn ein neues Lied – bis die ganze Schöpfung mit einstimmt und der neue Tag anbricht, der Tag, der keinen Abend mehr kennt.

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