Im Krankenhaus wird es hell

Der Mann im Krankenhaus schlägt seine Bettdecke zurück und zeigt mir voller Stolz mit seinem Finger den Verlauf seiner Narbe in der Mitte des Brustkorbs auf seinem T-shirt an dessen Halsausschnitt ein Stückchen der gesamten Naht sichtbar ist. „Sehen Sie“, sagt er, da ham’se mich aufgemacht, meinen neuen Motor reingesetzt, und wieder zu gemacht. Ist richtig teuer das Zeug, das ich da mit mir rumtrage, bin jetzt richtig wertvoll. Und wenn Sie mal ganz ruhig sind, können Sie meinen neuen Schatz sogar hören.“ Und ich höre hin … und höre … den Herzschrittmacher wie eine tickende Uhr: klack, klack, klack, klack …

Der Mann spricht weiter: “Ich habe lange so ein Bedrängungsgefühl, so eine Enge in der Brust gespürt. Musste meine Arbeit unterbrechen und wusste nicht mehr weiter. Von meiner eigenen Angst und der Vorstellung des Versagens wurde ich verfolgt und niedergeworfen, starb tausend Tode. Jeder hat es mir angesehen. Jetzt nach der Operation hat sich so viel verändert: ich fühle mich nicht mehr eingeengt, werde nicht mehr erdrückt. Durch diese Operation habe ich meine Verzweiflung überwunden und meine Familie und Freunde haben mich nicht im Stich gelassen – davor hatte ich am meisten Angst. Das ich das alles alleine durchstehen muss und keiner für mich da ist. Ich, der ich so niedergeschlagen und elend war, fühle mich jetzt fast wie ein Jungbrunnen und kann schon wieder aufstehen, komme wieder gut auf meine Beine.“

„Sehen Sie mal“, fährt er fort, „draußen wird es schon wieder dunkel. Seltsam, wie schnell hier drinnen so die Zeit vergeht. Aber ist ja auch noch Winter. Ich könnte uns ein Licht hier über meinem Bett anmachen, aber eigentlich müsste ja mein Strahlen über mein neues Leben für uns beide ausreichen, meinen Sie nicht? Wissen Sie, Weihnachten, da konnte ich diese ganzen Lichter einfach nicht mehr sehen. War mir alles zu viel. In mir war’s so richtig dunkel mit meiner Angst und meinen Schmerzen und um mich herum brannten in jedem Fenster, an den Arbeitsplätzen, in den Kaufhäusern … ja überall irgendwelche Kerzen und Lichter! Das war für mich so eine Folter! Zuhause hat meine Frau in der Adventszeit nur eine einzige Kerze angezündet und Weihnachten gab’s dann nur einen kleinen Baum mit wenigen Lichtern, das war erträglich.“ Der Mann schaut kurz geistesabwesend ins Dunkle aus dem Fenster und sagt dann: „… Und jetzt? Jetzt könnte ich vor lauter Freude selbst wie ein brennender Weihnachtsbaum durch die Straßen ziehen und feiern.“ Er lacht auf und sagt: „… Bisschen spät, was? Im Rheinland zähl’n die ja schon die Tage bis Rosenmontag und danach kommt immer Aschermittwoch und dann ist alles vorbei. Jedenfalls für die Jecken. Und wenn ich aus der Kur nach Hause komme, dann steh’n in den Schaufenstern auch keine Weihnachtsbeleuchtungen mehr, sondern alles voll mit Osterhasen.“ Der Mann schaut mir im Halbdunkel ins Gesicht. „Verrückt, das Leben, nicht wahr?“, sagt er. „Was alles so zwischen Weihnachten und Ostern passieren kann?!“

„Ja“, antworte ich. „Verrückt, diese Zeit. So viel Dunkel und so viel Licht. Erinnern Sie sich an den Verkündigungsengel aus der Weihnachtsgeschichte? Der verbreitete mit seiner Nachricht von der Geburt Gottes so viel göttliches Licht, dass die Hirten sich fürchteten. Daran hat mich gerade ihr persönliches Weihnachtserlebnis erinnert. Zu viel Licht für einen Menschen im Dunkeln. Sie konnten es in ihrer Situation, auch wenn Sie es wollten, einfach nicht sehen und ertragen. Und jetzt? Jetzt sind Sie selbst ein Verkündigungsengel.“

„Ja“, sagte er. „Das bin ich. … aber … aber … wie meinen Sie das eigentlich – Verkündigungsengel? Ausgerechnet ich, der ich so gar nichts mit Kirche am Hut habe?“

„Ja. Ausgerechnet Sie“, erwiderte ich. „Weil Sie so ein Strahlen in sich tragen und nach Außen weitergeben, als seien Sie selbst Gott begegnet, als seien Sie einer seiner Boten geworden.“

„Wie – so einfach soll das sein?“, fragte er entsetzt.

„Nun ja, wenn das hinter Ihnen liegende Erlebnis ‚einfach’ war, dann nennen wir es ‚einfach’! Für mich ist es jedenfalls eindeutig. Weil ich solche Lichterscheinungen, wie Sie mir jetzt gerade eine sind, nicht anders als in meinem christlichen Glaubenshorizont deuten kann. Paulus zum Beispiel, dessen Briefe uns in der Bibel überliefert sind, hat geschrieben, dass dieses Licht, das so aus uns herausleuchtet, von Gott in uns hineingelegt wird. Scheinbar ganz ‚einfach’. Ich muss schon zugeben: was Paulus an manchen Stellen schreibt, scheint mir oft sehr verworren und kompliziert, aber vielleicht war es für ihn – wie für Sie jetzt – eigentlich so ganz einfach?! Aber, lesen Sie selbst!“, und ich reiche ihm die Bibel und zeige ihm die Stelle im 2.Brief des Paulus an die Korinther (4,6-10). Und er liest:

[TEXT]

„Sie haben Recht“, sagt er. „Keine leichte Kost, diese Worte. Und schon gar keine „passierte Kost“, wie sie es hier im Krankenhaus für manche Patienten zu essen gibt. Im Gegenteil. Aber an manchen Stellen beschreibt er irgendwie das, was ich auch erlebt habe … zum Beispiel fühlte er sich auch bedrängt, wusste oft nicht weiter, wurde trotzdem nicht erdrückt, verzweifelte nicht …. und der erste Satz, der gefällt mir besonders gut. Ich glaube, den habe ich auch sofort verstanden“, und er liest noch einmal: 6 Gott hat einst gesagt:“ Licht strahle auf aus der Dunkelheit.“

So hat er auch sein Licht in meinem Herzen aufleuchten lassen und mich zur Erkenntnis seiner Herrlichkeit geführt, der Herrlichkeit Gottes, wie sie aufgestrahlt ist in Jesus Christus. Auf meinem Nachhauseweg liegt auf meinem Gesicht ein kleiner Glanz dieser Begegnung: ich erkenne, dass Begegnungen mit den Boten Gottes im wahrsten Sinne des Wortes „schein-bar“ ins Licht stellen und ihre Lichtspuren hinterlassen. Es bleibt ein Hoffnungsschimmer auf eine Welt, in der nach wie vor Gott, der Allmächtige in Seiner Herrlichkeit sich zeigt und finden lässt – in unserem Bruder, in unserer Schwester, in uns selbst.

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