Ich freu mich in dem Herren aus meines Herzens Grund

Einleitung:
Wer oder was bestimmt den Wert eines Menschen? Am Beispiel von Wolfgang Schäuble – je nach dem, wie die K-Frage ausgeht …

Worin gründet sich der Wert unseres Lebens, woher beziehen wir unser Daseinsrecht?
An den Börsen wird tagtäglich der Wert und das Daseinsrecht der Aktiengesellschaften gewertet – da gibt es Gewinner und Verlierer, solche, denen Vertrauen entgegengebracht wird und solche, denen das Vertrauen entzogen wird, weil die Aktienhalter um ihren eigenen Wert bangen. Was im Großen der Finanzwirtschaft geschieht, das geschieht auch im Kleinen. So ein Börsenparkett tragen wir auch in uns. Und auf diesem Parkett findet die Aufwertung oder Abwertung der eigenen Person statt. Manchmal sind es andere Menschen, Menschen mit denen ich zusammenlebe, zusammenarbeite, mit denen ich in einen vorgegebenen Lebenszusammenhang gestellt bin, die diesen Wert bestimmen, die mich bewerten, aufwerten oder auch abwerten.

Genau so oft bin ich es aber selbst, der sich selbst auf- oder abwertet. Ich bin mir selbst gegenüber ein äußert kritischer Aktionär. Der Kurs an dieser Börse regelt sich auch danach, was ich zustande bringe, was mir mehr oder weniger gelingt – also nach Leistung und Erfolg. Und das durchaus nicht nur im materiellen Sinn. Lebe ich in Übereinstimmung mit mir selbst, bin ich anerkannt, kontaktfreudig, ein geselliger Mensch, habe ich mich selbst im Griff, kann ich mich bejahen – auch mit meinen Schwächen und Fehlern – das alles steigert den Wert meines Lebens. Oder aber fühle ich mich minderwertig, weil mir dieses oder jenes nicht gelingt, ich dies oder das nicht kann, aus meinem Schneckenhaus nicht herauskomme, keinen oder nur einen kleinen Freundeskreis habe und ich mich mit so vielen nicht messen lassen kann?

Wo ich mit Misslingen oder gar Versagen zu schaffen habe – führt es zu einem Kursverlust, zu einem Wertverlust? Immer wieder verheddern wir uns in diesem Auf- und Abwertungsspiel, halten es selbst in Schwung. Wie entscheidend ist es deshalb, zu entdecken, wodurch dieses Börsen-Spiel unterbrochen werden kann und wie es in seiner fraglosen, weil erhebenden Wirkung genauso außer Kraft gesetzt wird wie in seiner zutiefst fragwürdigen, weil verheerenden Wirkung.

Die Rechtfertigungsbotschaft will uns auf die Frage und Erfahrung ansprechen, worin der Wert unseres Lebens gründet und woher wir unser Daseinsrecht beziehen. Sie stellt unser Leben auf ein anderes Parkett, auf dem wir uns nicht mehr selbst rechtfertigen müssen, auf dem der Wert unseres Lebens nicht dadurch bestimmt wird, was ich bin und habe, was ich leiste und was ich kann, wie attraktiv und begehrt ich bin. Diese Befreiung verdanken wir Gottes Gerechtigkeit: seiner schöpferischen und vergebenden Güte, mit der er uns trotz allem, was unsererseits dagegen spricht, das Daseinsrecht gewährt, das wir uns weder verdienen können noch verdienen müssen. Gottes Gerechtigkeit erweist sich als seine Gemeinschaftstreue, die er seinen Menschenkindern zukommen lässt. Und diese Gemeinschaftstreue nun eben nicht nur den Anständigen und Erfolgreichen, den Ausgeglichenen und mit sich selbst im Reinen, sondern wie Paulus sagt, den Schwachen, den Gottlosen, den Sündern. Um jeden Preis also lässt er uns diese Gemeinschaftstreue zukommen – „er ließ’s sein Bestes kosten.“

Auf diese befreiende und durch alles hindurchtragende Beziehung, auf diesen festen Boden sind wir gestellt. Und dieser Boden ist kein glattes Börsenparkett, auf dem man immer wieder ausrutschen und böse auf die Nase fallen kann. Deshalb steht da als

1. Wir sind gerecht geworden durch den Glauben
Rechtfertigung, das ist unsere Annahme durch Gott, die für jeden ohne jede Vorbedingung gilt. Die einzige „Bedingung“, wenn man überhaupt so sprechen will, ist, sie im Glauben anzunehmen. Und Glaube ist nun auch nicht unser Werk und unsere Leistung, die wir hier einbringen müssen, es ist auch nicht ein mehr oder weniger sicheres Für-Wahr-halten, vielmehr ein vertrauensvolles Sich-öffnen, eine Lebensbewegung in der ich mich selber loslassen, ja verlassen kann. Ich bleibe nicht hängen an meinen Wünschen und Befürchtungen, ich verheddere mich nicht in irgendwelchen Börsenspielchen, gewinne Abstand von mir selbst, weil ich in der Gemeinschaftstreue Gottes einen Grund gefunden habe, auf den Verlass ist, einen Boden, der durch alles hindurch trägt. Von daher wird Glauben zu einer Lebensbewegung, in der ich erprobe und erfahre, was letztlich trägt, worauf ich mich durch alles hindurch verlassen kann. Angesichts dessen, was wir Gott wert sind, aufgrund seiner Gemeinschaftstreue, auf die wir uns verlassen können, haben wir als

2. Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus.
Gottes Gemeinschaftstreue begründet ein neues Verhältnis zu Gott, das gekennzeichnet ist durch den Frieden, den Gott schenkt. Wir haben Frieden mit Gott! Was für ein atemberaubender Satz. Können wir ihn verstehen? Ich denke, es fällt uns deshalb schwer diesen Satz wirklich wahrzunehmen, weil wir uns zu selten seines Gegenteils bewusst sind. Das Gegenteil zu diesem Satz lautet: Der Mensch lebt mit Gott im Krieg! Der Gegenstand um den Gott und Mensch kämpfen – das ist das menschliche Ich. Gott ist unser Schöpfer und eigentlicher Herr, aber der Mensch schwingt sich auf, sein eigener und alleiniger Beherrscher zu sein. In diesem Konflikt um das Ich, um die menschliche Seele, werden sehr wohl Schlachten geschlagen, Gefechte geführt, da wird in einem inneren Krieg um Herrschaft gekämpft. Mir liegt diese militante Sprache eigentlich nicht, aber sie verdeutlicht, wie tief der Riss ist, der Gott und Mensch ursprünglich trennt, seit die Sünde in die Welt gekommen ist. Gott will den Menschen aus seiner Verkrümmung in sich selbst hinein herausholen und zum aufrechten Gang befreien und der strebt nur noch blind weiter nach mehr Macht, nach mehr Herrschaft. Er achtet weder auf den an ihm leidenden Gott, noch auf die an ihm leidenden Mitmenschen. Und dahinein sagt uns Paulus: „Nun haben wir aber Frieden mit Gott“! Uns Misstrauische, die wir im Grunde keinem Anderen und nicht einmal uns selbst über den Weg trauen können, – uns Misstrauische ermächtigt Gott zum Vertrauen, zum Vertrauen darauf, dass er es gut mit uns meint. Gott hat eine Stimme und ein Ohr, er lässt sich hören und er kann uns hören. Gott ist nicht für sich, weit weg, ganz oben, gleichgültig gegenüber den Kriegen, die wir gegen ihn anzetteln und damit gleichgültig gegen unser selbstgeschaffenes Elend. Gott ist herabkommender Friede, Friede für uns, für unsere Seele und unsere Gedanken. Kein Friede den wir erarbeiten mussten, kein Friede für den wir zu bezahlen hätten, kein Friede der uns erst zugeeignet wird, wenn eine entsprechende Gegenleistung auf dem Tisch liegt. Gottes Friede ist ein Geschenk an uns, etwas das wir mit offenen Händen nehmen dürfen. Dieser Friede ist am Kreuz von Golgatha gestiftet worden und dieser Friede wird dann vollendet sein, wenn wir in Gottes Reich kommen. Am Kreuz Jesu Christi hat Gottes Friede unsere Gottesferne überwunden. Aber nun bricht Paulus hier nicht ab, sondern redet

3. von Bedrängnis, Geduld, Bewährung und Hoffnung.
Es ist noch ein Wort zu sagen, ein Wort von unserem Leben unter dem Kreuz, ein Wort davon wie Gott unser Leben in seinem Frieden erproben will, damit der Friede nicht nur ein Begriff sei, sondern eine Wirklichkeit werde. Ob wir den Frieden Gottes tatsächlich gefunden haben, das wird sich daran erproben, wie wir in dem Bedrängenden das uns so oder so treffen kann fest stehen. Es gibt viele Christen, die beugen zwar ihr Knie vor dem Kreuz Jesu, aber gegen jede Trübsal im eigenen Leben setzen sie sich zur Wehr. Wer Leiden und Trübsale in seinem Lebens nur als etwas Feindliches und Bösartiges ansehen kann, der muss sich fragen lassen, ob er nicht erfahren hat, dass Gottes Friede ein Friede ist, der durch das Leid hindurchträgt. Gottes Friede schenkt uns im Leid Geduld, Erfahrung und Hoffnung.

Die Gewissheit, von Gott bejaht, von ihm geliebt und in seinen Frieden hineingenommen zu sein, verändert das Leben. Eigentlich müsste man doch sagen: Trübsal oder Leiden bringt Ungeduld, Ungeduld aber bringt Härte oder Verstockung, Verstockung aber bringt Verzweiflung und Verzweiflung lässt ganz zuschanden werden. Aber im Frieden Gottes deutet man seine eigenen Lebenserfahrungen nicht nur anders, sondern macht auch andere Lebenserfahrungen. Man kann sich der Trübsal und der Entbehrungen rühmen, weil man einen neuen Sinn darin entdeckt.

Trübsal bringt Geduld sagt Paulus. Normalerweise macht das Leiden ungeduldig. Unsere Geduld ist kein Drahtseil, sondern eben nur ein brüchiger Geduldsfaden. Sind wir aber von Lebensangst und Lebensgier befreit, dann liegt in der Geduld etwas zutiefst Positives und Menschliches, nämlich die Kraft, etwas unerträgliches anzunehmen und in der Liebe zu bleiben.
Geduld bringt Bewährung, bringt Standhaftigkeit. Auch das ist normalerweise nicht so. Geduld macht vielmehr müde und zermürbt. Dass einer ein Leiden in Geduld annimmt und überwindet und darin bewahrt bleibt vor dem Abgrund der Verbitterung, das ist wie ein Wunder. Das ist eine Gnade.
Bewährung endlich bringt Hoffnung sagt Paulus. Und auch das ist etwas Neues, denn normalerweise enden unsere Hoffnungen in unseren Leiden. Eine Hoffnung, die im Leiden aus Geduld und Bewährung erzeugt wird, ist eine Lebenskraft. Es ist eine Hoffnung, die auch dann nicht zuschanden werden lässt, wenn eine Lebensarbeit zerbricht. Ich stelle mir das so vor, dass diese Hoffnung die Kraft des zeitlichen und ewigen Lebens sein muss, und dass sie in uns sterblichen Wesen das Echo jener Liebe Gottes ist, die stärker ist als der Tod. So kann uns die Erfahrung des Leidens und die Geduld im Leiden immer tiefer in die Geborgenheit der göttlichen Liebe hinein führen und uns die wahre Kraft der Hoffnung lehren. Und dann kann man in der Tat sich der Schule der Leiden und Entbehrungen rühmen und von denen lernen, die sich in ihr bewährt haben, denn sie haben mehr von der Menschlichkeit Gottes begriffen als die Erfolgreichen, Gesunden und Glücklichen, die das Dunkel nicht kennen.

Kurz komme ich noch zum Vierten und Letzten
„denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Es ist ja Liebe, die uns befähigt, geduldig zu sein, Echtheit und Bewährung zu entwickeln, Liebe die uns befähigt, Hoffnung zu haben. Und diese Liebe ist wie eine Macht, die uns ergreift. Eine Macht, die von Gott herkommt und in welcher der Friede zwischen Gott und Mensch wurzelt. Gott liebt uns und zwar besonders innig dann, wenn ein Leid auf unseren Lebensweg gestellt ist. Er trägt uns, besonders dann, wenn wir etwas zu tragen haben. Er bleibt uns treu, besonders dann, wenn unsere Geduld strapaziert wird. Und daraus gewinnen wir die Kraft, mitten in dieser Welt im Umgang mit unseren Mitmenschen etwas vom Gottesfrieden sichtbar zu machen. Die Kraft für die Liebe, die uns als Glaubende auszeichnen sollte, können wir ja nicht aus unserem Pflichtgefühl und unserem schlechten Gewissen beziehen, sondern alleine von Gottes Geist empfangen. Aber dann können wir lieben, weil wir geliebt sind.

Bekanntlich hat Wesley dieses Zitat aus Röm 5 als das einzige wahre Kennzeichen eines Methodisten bezeichnet und gleichzeitig damit deutlich machen wollen, dass einen Methodisten nichts anderes auszeichnen kann als das, was von jedem wahren Christen gilt. Herzstück einer christlichen Existenz ist ihre Erneuerung durch Gott aus ihrem Zentrum heraus. Und diese Erneuerung geschieht im Wirken des Heiligen Geistes gerade dadurch, dass Gottes Liebe zum Lebensmittelpunkt unseres eigenen Lebens wird. Was der Mensch in der Botschaft von Jesus Christus hört, dass Gott ihn und die ganze Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn dafür hingab, das wird durch das Wirken des Geistes persönlich erfasste und erfahrene Wirklichkeit des eigenen Lebens. Der unlösliche Zusammenhang von subjektiver Gewissheit, von Gottes Liebe durch das Werk des Geistes in uns und der objektiven Vergewisserung, dass Gott seine Liebe zu uns darin erweist, „dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ ist charakteristisch für das Wirken des Geistes und grundlegend für den Zuspruch an alle, die an Gottes Liebe zu ihnen zweifeln. Gott liebt mich, gerade mich – nicht weil ich so liebenswert wäre, sondern weil seine Liebe den Liebesmangel meines Lebens ausfüllen möchte. So im Innersten berührt und erfüllt zu sein von der Liebe Gottes schafft im Menschen den Raum und die Fähigkeit zur Liebe zu Gott und zu den anderen Menschen. Diese Liebe ist die Grundlage und der Maßstab für die erneuerte Gemeinschaft miteinander, die Christen im Leib Christi erfahren, und sie ist die Motivation, nicht mehr für sich selber zu leben, sondern im Dienst dieser Liebe Gottes Geschenk an andere weiterzugeben. Die Aussage, dass Gottes Liebe in unsere Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist, umfasst im Kern alles, was über die erneuerte Existenz des Menschen ausgesagt werden kann.

Vier Schritte sind wir miteinander gegangen:
Ausgangspunkt war: Wir sind gerecht geworden durch das, was Gott für uns tut. Stationen auf dem Weg war die Erkenntnis, dass wir dadurch Frieden mit Gott haben und dieser Friede stärker ist als die Trübsal. Endpunkt war die Gewissheit, dass wir lieben können, weil Gottes Liebe in unserem Herzen lebt. und wir deshalb unser Leben anders bewerten können und auch andere Menschen mehr sind als die Summe ihrer Taten oder auch Untaten. Und welches Geschenk des Geistes Gottes wäre es nun, wenn wir mit großer Freude und gewinnender Überzeugung uns selber, uns gegenseitig und dieser Welt zusingen können: „Ich freu mich in dem Herren aus meines Herzens Grund“ .

drucken