Ich bin gemeint

Liebe Gemeinde.

Klein Robertchen liegt abends im Bett. Vor dem Nachtgebet fragt die fromme Mutter: Na Robertchen, hast du heute auch an die gute Tat gedacht? Klar! Roberts Augen strahlen. Ich habe einer alten Frau über die Straße geholfen. Da bin ich aber stolz auf dich, und der Herr Jesus auch! Liebevoll streicht ihm die Mutter übers Haar. War ganz schön anstrengend, meldet sich der Kleine wieder. Ich hätt’s nie geschafft, wenn mir der Franz und er Uli nicht geholfen hätten. Lieb von ihnen, sagt die ahnungslose Mutter, die arme Frau konnte wohl kaum noch gehen. Nee, gähnt das kleine Robertchen: Sie wollte gar nicht rüber.

So ist das, liebe Gemeinde: Was Kinder einmal als richtig und erstrebenswert angesehen haben, wird mit ganzem Ernst und Einsatz in die Tat umgesetzt. Und vielleicht ist das Malheur mit der alten Dame die typische Folge einer beiläufigen Erwachsenenantwort auf eine ernste Kinderfrage. Mutti, was ist Nächstenliebe? Na, ja, also zum Beispiel einer alten Frau über die Straße helfen oder … siehst du nicht, dass ich jetzt grade keine Zeit habe?

Jesu hat Zeit. Und nicht nur Kinder wollen in den Himmel kommen. Auch der Pharisäer weiß, dass in diesem Punkt deutliche Antworten notwendig sind. Wer ist nun mein Nächster?

Haben wir die Antwort parat? Wer ist nun mein Nächster? Keine einfache Frage? Pappkameraden gelten nicht als Antwort! Nicht die alte Frau am Straßenrand, nicht die hungernden Kinder in Afrika. Ein Gesicht soll er haben, mein Nächster.

Wer ist nun mein Nächster. Wer steht da an meinem Weg ins Himmelreich? Jesus macht, was er oft und gerne macht. Er erzählt eine Geschichte.

Und auch diese Geschichte handelt von mir und von dir, von zwei Geistlichen, die gerade aus dem Gottesdienst in Jerusalem kommen und nach Jericho heimgehen. Wahrscheinlich sind sie noch voller Andacht und guter Gedanken. Wahrscheinlich befinden sie sich noch so sehr im Himmelreich, dass sie offensichtlich blind sind. Sie sehen den halb totgeschlagenen Menschen am Straßenrand und fallen bei seinem Anblick doch nicht aus allen Wolken. Sie haben beide den unerschütterlichen Kennerblick, für wen sie zuständig sind und für wen nicht. Zuständig für: Die Familie, feste Freunde und Bekannte, dienstlich anvertraute Personen. Vorwärts Marsch! Auch der Sonntag hält für den gestressten Familienvater noch Pflichten bereit.

Vielleicht sollte man die zuständigen Stellen benachrichtigen. Die Polizei, die Feuerwehr, das Rote Kreuz, den Rettungsdienst, die Kranken und Unfallversicherung, das Diakonische Werk, den Verein zur Unterstützung von Opfern von Gewaltverbrechen, Amnesty International. Hier ist doch ganz klar die Politik gefragt, wenn man Gefahr läuft am helllichten Sonntag überfallen zu werden. Vielleicht wäre eine Spende für die ein oder andere Organisation und Partei angebracht, damit die mit ihrer Arbeit besser nachkommen und man nicht mehr regelrecht stolpert über die Zerschlagenen, verkrachten Existenzen, Penner, Säufer und was sonst die Empfindlichkeit stört. Und sie gingen vorüber.

Jesus erzählt eine Geschichte und die handelt von mir und von dir, von einem Samariter, der auf Geschäftsreise ist, in Eile vielleicht, unterwegs zu einem wichtigen Termin. Er sieht den hilflosen Verwundeten und er jammerte ihn. Jammer ist eine Regung des Herzens. Der Samariter, für den im Herzen der Mehrheit kein Platz ist, hat Platz für den, der am Weg liegt. Nicht für die ganze Welt. Nicht für den Jammer der ganzen Welt, aber für den der an seinem Weg liegt. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Und Herzensangelegenheiten haben Vorrang, vor der Pflicht und der Zuständigkeit, Vorrang vor der Geschäftsreise. So bekommt für den Samariter sein Nächster ein Gesicht. So bekommt für den Verwundeten sein Nächster ein Gesicht. Barmherzigkeit ohne Liebe bleibt blind.

Was für eine Geschichte, die von mir und von dir handelt, von einem der unter die Räuber gefallen ist, am Boden zerstört, voller Schmerzen, hilflos, den sicheren Tod vor Augen. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man in der Thälmannsiedlung im Oderbruch wohnt und man sieht sein Haus absaufen, das man mit Geld von der Bank erst vor kurzem hergerichtet hat. Alles ist hin. Und dann kommen die Katastrophentouristen, die von ferne glotzen und gaffen. Und dann kommen die anderen, die den Urlaub abbrechen um Sandsäcke zu schleppen Tage und Nächte, die zur Bank gehen und 100 Millionen spenden für nötigste Hilfe. Nicht alle Herzen sind in unserem Land, zwischen Osten und Westen kalt füreinander geworden. Gott sei Dank.

Manchmal muss erst die große Flut kommen, damit Menschen füreinander wieder ein Gesicht bekommen. Damit sich in all unserer Betriebsamkeit, in all unseren Wohlstandssorgen das Menschliche wieder zur Kenntlichkeit entstellt. Denn das sind wir doch wirklich: Bedroht inmitten unserer vermeintlichen Sicherheiten. Wie schnell wird uns genommen, was wir zu besitzen glauben. Nicht erst, wenn uns der Tod einmal in die Erde legt, uns das letzte Hemd ausräumt und auszieht. Einmal ist alles hin.

Wie gut, wenn dann der Samariter des Wegs kommt, uns heilt und stärkt, dich und mich auf sein Tier hebt und in die Herberge bringt. Dann schaut in sein Gesicht. Es ist das Gesicht des Christus.

Das ist nicht nur eine Geschichte die von mir und von dir, sondern auch und vor allem von Jesus Christus handelt, der unser Nächster geworden ist, damit wir einander – wie er – Nächste werden. Der uns mit dem scharfen Blick des Herzens Gottes sieht und kennt. Der uns nicht links liegen lässt, unter welche Räuber wir auch fallen mögen, sondern uns nachgeht bis in den Tod um uns schließlich und endlich nach Hause zu bringen.

Tue desgleichen, sagt Jesus und meint: Folge mir nach. Und wir betonen einmal das "nach". Jeder jedem ein Christus, das kann ein gefährlicher Satz sein. Er führt in die Überforderung oder bzw. und in die Mutlosigkeit.

Mit allem Jammer der Welt beladen kann nur der Christus sein. In unserem Herzen hat nicht die ganze Welt Platz, aber der, der an unserem Weg im Dreck liegt und uns braucht. Und bedenke, vielleicht bin ich der einzige, der dort vorbeikommt, der einzige, mit offenen Augen für diesen Menschen. Für ihn unentbehrlich! Das ist die Antwort auf die Frage: Was kann ich schon ausrichten gegen das Leid der Welt.

Der Theologe Oettinger hat das einmal so formuliert: Gott gebe uns Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können; den Mut, Dinge zu ändern, die wir ändern können und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

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