I have a dream …

<i>[Verwendete Literatur: Hans-Martin Lübking, Gottesdienst für Jugendliche, Perikopenreihe 6, Düsseldorf 2001]</i>

Liebe Gemeinde!

?I have a dream. Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum?, so redete der Pfarrer Martin Luther King vor Tausenden von Zuhörern im Jahr 1963. Er träumte als Farbiger von der Gleichheit der Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe. In den Südstaaten der USA wurden die Schwarzen behandelt wie ein Stück Dreck. Im Bus mussten sie aufstehen und ihren Platz den Weißen überlassen. Am Kiosk wurde ihnen nur etwas verkauft, wenn der Kioskbesitzer gerade mal guter Laune war. All das und noch viel mehr hat Martin Luther King miterleben müssen, z.B. als ihm eine weiße Lady einfach so im Park eine runtergehauen hat, nur weil er eine schwarze Hautfarbe hatte.

?I have a dream, ich habe einen Traum?. Er sah die Notwendigkeit, etwas gegen die Rassentrennung zu unternehmen. Es durfte für ihn nicht beim Träumen bleiben. Er versuchte tatkräftig dagegen anzugehen ? ganz ohne Gewalt. Er schaffte es sogar, die wütendenden Mitstreiter zu besänftigen, als sie mit Waffengewalt gegen die Weißen losziehen wollten, weil auf Kings Haus ein Bombenattentat verübt wurde. Er kämpfte nur mit fairen Mitteln. Er kämpfte für seinen Traum von Menschlichkeit.

Es ist nicht leicht, für seine Träume zu kämpfen. Die Hindernisse sind oft groß, wenn wir unsere Träume in die Tat umsetzen wollen. Wir zaudern und zögern vor der Anstrengung. Wir resignieren oft schon im Voraus: ?Das schaff ich nie, das wird ja sowieso nichts.? Und so zerplatzt mancher Traum ? und war er noch so schön ? wie eine Seifenblase.

Und andererseits kann uns etwas so beschäftigen, dass wir sogar in der Nacht davon träumen. Dinge, die uns bewegen; Dinge, die wir für ganz wichtig halten; Personen, die uns etwas bedeuten; Aktionen, die gut über die Bühne gehen sollen; Angelegenheiten, die unbedingt geregelt werden müssen. Es packt uns, es lässt uns nicht mehr los. So sehr, dass wir davon träumen.

So etwas in der Art wird es gewesen sein, was dem Paulus in der Nacht im Traum diesen Mann erscheinen ließ. Es war ein Mann aus Europa. Noch nie war Paulus dort. Die Apostel und er trugen das Evangelium von Jesus Christus in die weite Welt ? die weite Welt innerhalb Vorderasiens: Palästina, Syrien, Kleinasien (die heutige Türkei), und all die kleinen und größeren Landstriche zwischendrin: Galatien, Phönizien, Zypern, Phrygien usw.: eben rund um das östliche Mittelmeer. Aber Europa? Bis nach Europa ist die frohe Botschaft noch nicht gelangt.

Paulus wusste von Europa, jeder kannte es damals. Schließlich kam ja die Besatzungsmacht, die Römer, aus Italien in Europa. Wahrscheinlich hat es ihn so bewegt, ihn so betroffen, dass noch kein Missionar in Europa war, dass er davon geträumt hat. Und er wollte diesen Traum in die Wirklichkeit umsetzen.

Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartet. Es ging nicht nur um ein fremdes Land, sondern um einen fremden Kontinent. Wer waren die Griechen? Sicher: man schrieb damals griechisch, das war die Gelehrtensprache, die überall im römischen Reich verstanden wurde. Aber wir schreiben heute auch arabische Zahlen, und die wenigsten von uns waren schon einmal dort. Aber er musste hin, das wusste er. Es beschäftigte ihn ja dermaßen, dass er sogar davon träumte, dass ihn ein Mann nach Mazedonien einlädt.

Mazedonien war der Teil Griechenlands, der am leichtesten von Kleinasien aus zu erreichen war: Troas in Kleinasien kannte Paulus, und von dort aus schipperte er an der Küste entlang in Richtung Griechenland, und kam über die Küstenstädte Samothrake und Neapolis direkt nach Philippi.

Wir wissen nicht, wie Paulus es sich vorgestellt hat, was ihn dort erwartet. ?Wir blieben einige Tage in der Stadt?, heißt es lapidar. Es wird sich wohl kein Mensch um die handvoll Fremden aus Kleinasien gekümmert haben. So eine Hafenstadt sieht viele Fremde kommen und gehen. Aber er findet auch keine Synagoge. In den Städten des Vorderen Orients gab es genügend Juden. Da fing Paulus seine Mission immer so an, wie Jesus es auch getan hat: er ging in eine Synagoge und predigte. Einige interessierten sich dafür und gründeten eine kleine Gemeinde, die meistens schnell wuchs. Aber hier? Hier in Philippi gab es keine Synagoge. Auch keine jüdische Gemeinde. Also was tun? Sich einfach irgendwo hinstellen und predigen? Dazu kannte Paulus die Europäer zu wenig. Am Ende würden sie ihn verhaften?

Also warteten er und seine Begleiter auf den Sabbat. Da würde man dann schon merken, wer Jude ist und wo sie sich versammeln. Und sie fanden es auch heraus. Draußen, vor dem Stadttor, trafen sich einige Frauen um Gottesdienst zu feiern.

Es ist merkwürdig, dass da keine Männer erwähnt sind, aber Paulus fragt nicht weiter nach. Er setzt sich und beginnt mit den Frauen zu reden.

Eine Frau hört besonders aufmerksam zu. Gott hat ihr das Herz geöffnet, so steht es in der Apostelgeschichte. Diese Lydia ist ganz bei der Sache, sie ist Feuer und Flamme für die frohe Botschaft von Jesus Christus. So sehr, dass sie die fremden Männer mit in ihr Haus einlädt ? sehr ungewöhnlich, wenn nicht sogar verpönt zu der damaligen Zeit. Sie nötigt die Fremden sogar mit ihr zu gehen. Es ist der Schritt Gleichberechtigung, von dem Paulus predigt: bei Jesus gilt nicht Schwarz nicht Weiß, nicht Jude nicht Grieche, nicht Mann nicht Frau. Paulus und seine Begleiter geben nach und begleiten die Frau entgegen den damaligen Sitten in ihr Haus und die Frau lässt sich und alle, die mit ihr im Haus wohnten, taufen.

Diese Lydia aus Thyatira, selber eine Fremde in Philippi, diese ? scheinbar ledige ? Purpurhändlerin war die erste Person in Europa, die eine christliche Hausgemeinde gründete. Es blieb nicht lange eine Hausgemeinde: sie wuchs und wurde immer größer. Davon können wir im Brief des Paulus an die Philipper lesen, den er etwa fünf Jahre später nach Philippi schickte.

Wir haben es sozusagen dem Traum des Paulus zu verdanken, dass das Christentum nach Europa kam. ?Geht hin in alle Welt, und macht zu Jüngern alle Völker?, hat Christus seine Jünger bei seiner Himmelfahrt aufgefordert. Paulus fühlte sich mit den Aposteln eng verbunden, stritt sich mit Petrus und Jakobus, und versöhnte sich wieder. Es hat ihn dermaßen beschäftigt, dass das Evangelium von Jesus Christus nicht weiter kam als an die Grenzen Kleinasiens, dass er davon geträumt hat. Und er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass sein Traum Wirklichkeit wird.

Welchen Traum von Menschlichkeit haben Sie? Was bewegt Sie derart, dass Sie davon träumen und sich wünschten, es würde wahr? Wie wäre es z.B. damit: dass im Sinne der frohen Botschaft Jesu Ausländer und Einheimische friedlich nebeneinander wohnen und sich gegenseitig achten, egal welcher Nation und welchen Glaubens. Oder wie wäre es damit: dass die vielen Arbeitssuchenden auch Arbeit finden können. Oder damit: dass keiner mehr Kinder misshandelt oder quält ? weder Eltern, noch Verwandte, noch Fremde ?, nicht körperlich züchtigt, nicht seelisch peinigt, nicht sexuell missbraucht; dass die Kinder behütet aufwachsen und sich frei entfalten können je nach ihren Begabungen.

Träume gibt es ohne Ende, wie es in der Welt besser, schöner, lebenswerter zugehen könnte. Nehmen wir uns den Paulus als Beispiel: ihm war das Evangelium so wichtig, dass er alles tat, um seinen Traum von der weltweiten Verkündigung Christi zu verwirklichen. Oder wie Martin Luther King in Namen Jesu gewaltlos für die Gleichberechtigung der Rassen kämpfte. Welchen Traum wollen Sie als nächstes verwirklichen für ein lebenswerteres Leben?

drucken