Hilfe zum Verstehen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

tief in mir sagt eine Stimme: das tut endlich einmal gut. Nach all den Schreckensbildern und Schreckensmeldungen, die uns das ganze Jahr über verfolgen und die sich an so einem Tag alle im Kreuz von Golgatha konzentrieren, nach all dem Leid, das wir in uns tragen und als Erinnerung wie einen riesigen Ballast mit uns herumschleppen endlich einmal nicht Todesmystik und Blutdurst, sondern buchstäblich versöhnliche Töne, die allerdings unter dem Kreuz: Gott versöhnte in Christus die Welt mit
sich selber.

Das ist nicht selbstverständlich. Da war ein längerer Verstehensprozess nötig, gewissermaßen die Versöhnung mit den
Ereignissen und den eigenen Erwartungen und Vorstellungen.

Am Anfang war da ein Kreis von Jüngern und Freunden, die zwar, wenn sie an Jesus dachten, auf eine lange Reihe von guten Erfahrungen und Erinnerungen zurückblicken konnten, aber eben deshalb auch viel erwarteten. Als Jesus in Jerusalem einzog, da wähnten sie sich an der Spitze der Bewegung, die Jesus als König in der Mitte hatte, als neuen David, auch als politischen Heilsbringer. Bis zum Kreuz haben sie diese Enttäuschung, dieses rauben ihrer
eigenen Täuschung nicht ausgehalten, sahen nicht nur ihre Träume, sondern viel konkreter ihr Leben bedroht.

Jesus am Kreuz – schlimmer hätte es für sie nicht kommen können.

Später, nach Ostern, was immer auch für uns nachvollziehbar geschehen ist, haben sie zu verstehen versucht, sie haben ihre Bibel durchgelesen und durchgeblättert, vielleicht auch durchgebet, weil sie es begreifen wollten. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ lasen sie in Psalm 22 und erinnerten sich, dass Jesus ihn am Kreuz gebetet hat. Und da stand, nur war ihnen das vorher nicht klar, auch: er – Gott – hat nicht verachtet
noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz nicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er es. Sie lasen Jesajas Lied vom Gottesknecht: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Unsere Krankheit, unsere Schmerzen, unsere Strafe. Sie sahen die Priester, die zur Sühne Opfer darbrachten. Sündenfolgen sollen fortgeschafft werden. Kann man den Tod Jesu nicht auch so verstehen?

Da ist in einer in die tiefste Gottverlassenheit geraten, in der er nur noch um Gottes Nähe schreien kann mit der verschwindend geringen Hoffnung, dass da ein Gott ist, der erhört. Da hat einer sein Leben hingegeben ohne sich gegen den drohenden Tod zu wehren, obwohl es
doch eigentlich gar nicht sein, sondern immer und immer wieder unser Tod war, um die Sündenfolgen aus dem Weg zu räumen.

So haben die ersten Generationen von Christen gelernt, den Tod Jesu nicht nur anzunehmen, sondern ihn gewissermaßen mit Ostern im Rücken zu verstehen, ihm einen benennbaren Sinn abzuringen. Ich glaube, wir alle wissen, wie bohrend und schmerzend, wie zerstörend und
zermürbend die Warum-Frage sein kann: warum dieses Leid, dieser Tod, dieser Schmerz, warum mir, gerade mir. Jeder und Jede kann sich darin wiederfinden.

Es ist schwere Arbeit, schwere Trauerarbeit, was uns heute mit den Bildern und Verstehenshilfen so fremd anmutet.

„Alles Quatsch“ trumpfte die altersschwache, manchmal etwas zynisch wirkende, aber hellwache Elisabeth Kübler Ross in den Gesprächen über ihre Leben, die wir am Montag im MKC gezeigt haben. Alles Quatsch mit diesem Gott, der straft, der Sühne für Sünde will. Sicher manchmal fremd, aber es hat nicht nur damals geholfen zu verstehen.

Und jetzt kommt Paulus und auch er bietet eine Verstehenshilfe an: Gott versöhnte die Welt in Christus mit sich selber. Ich entdecke hier ein ganz anderes Bild von Gott, als Elisabeth Kübler Ross und mit ihr ja viele Kritiker christlicher Lehre der Kirche und den Christen angesichts eines angeblich Gewalt fordernden Gottes vorwerfen. Ich entdecke einen Gott, der erst einmal gar nicht fordert, sondern gibt, ich entdecke einen Gott, der von sich aus den ersten Schritt zur Versöhnung tut. Ich vermute, wir wissen
alle, wie schwer oft gerade der erste Schritt, die erste ausgestreckte Hand ist.
Für mich ist das Kreuz ein Zeichen dieses ersten Schrittes und ein Zeichen unter vielen dafür, dass diese Welt doch mit sich und damit mit Gott eben nicht im reinen ist.

· Sie erträgt ja die Stille und die Ernsthaftigkeit so eines Tages gewissermaßen als Ausdruck der Trauer über die konkrete gestalt des leides nicht.
· Sie verdrängt und verleugnet das Kreuz mit all seinen Nachfolgern, die es doch nicht überbieten.
· Sie hat Versöhnung noch nicht wirklich gelernt, weder in Ruanda, noch in Serbien und im Kosovo, weder in Afghanistan noch im Irak, selbst Versöhnung zwischen Deutschen und
Polen wird von manchen spöttisch belächelt.
· In unserer Welt gelten immer noch die Maßstäbe von Rache und Vergeltung und zwar in unserem kleinen privaten Bereich ebenso wie im öffentlichen und politischen Bereich.
· In Wirtschaftsordnung wird zwar das soziale dem Markt vorangestellt, aber im Alltag erleben viel das Recht des Stärkeren und die Ohnmacht der Schwachen.
· Wie oft wissen wir, dass in fragen des Umweltschutzes und der Klimaschutzes etwas tun müssen und können uns doch nicht darauf verständigen.

Diese Welt ist mit sich nun wahrlich nicht im Reinen. Und ganz tief in mir weiß ich, dass sich darin eben wiederspiegelt, dass diese Welt von sich aus auch mit Gott nicht im reinen ist. Gott aber hat den ersten Schritt zur Versöhnung getan. Und das eigentlich nicht erst mit dem Kreuz, schon viel früher, als das Leben dieses Jesus von Nazareth Gestalt gewann, darin, wie er an der Seite der Menschen lebte, wie er vergab,
wie er heilte, wie er die menschlichen Grundbedürfnisse nach Brot ebenso wie nach Anerkennung in den Mittelpunkt stellte, wie er sich an die Seite der Schwachen stellte, aber auch wie er sich nicht zuschade war, die dunklen Erfahrungen des Leben zu machen,
nämlich einsam zu sein, verlassen und verraten zu sein, missverstanden zu werden, zu leiden, ungerechtfertigt Schmerzen, Hohn und Spott, am Ende den Tod aushalten zu müssen.

Das Kreuz ist eigentlich das tiefste Symbol der Solidarität, das ich mir denken kann: Gott ganz und gar an unserer Seite, an unserer Stelle.

Gott versöhnte die Welt mit sich selber, er machte deutlich, dass er es anders wollte und dass es anders geht, menschlicher, liebevoller, göttlicher. Dafür steht das Kreuz, dafür ,
dass Gott es anders will und dass es mit und für diese Welt anders geht. Manchmal kann man am Kreuz erkennen, dass die Arme, die eigentlich am Balken gefangen sind, die Welt umfassen, umarmen wollen. Gott versöhnte die Welt mit sich selber. Lasst euch versöhnen mit Gott. Das ist die daraus sich zwingend ergebende Einladung dieses Tages in die Stille und die Ohnmacht und die Trauer hinein, die Leid und auch das kreuz in uns wach rufen können. Lasst euch versöhnen mit Gott. Und macht es wie Jesus.

Manchmal sind ein Stück Brot und ein Schluck Wein solche Sinnbilder der Versöhnung und der Verständigung,
Schritte aufeinander zu. Das wäre ein schöner, ein wichtiger Anfang, zu dem uns Gott verhelfe.

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