Heute schon geschämt?

Na, liebe Gemeinde, haben Sie sich heute schon geschämt? Wenn ja, ist das schon mal etwas besonders. Wer es schafft, Sonntags morgens um 10 Uhr schon beschämt zu sein, darf sich zu Recht zur Gruppe der Vielschämer oder vielleicht sogar der Dauerschämer zählen.

Vielleicht ärgern Sie sich auch über meine zugegebenermaßen reichlich unverschämte Einstiegsfrage – schließlich sind wir hier nicht im Kindergarten und auch da gelten Apelle an das Schamgefühl als nicht mehr zeitgemäß.

Vielleicht gehören Sie auch zu der beneidenswerten Gruppe der „Nieschämer“ – das sind die, die einerlei, was passiert, immer noch jemanden finden, der daran eigentlich schuld ist. Wenn man ins Fernsehen und in die Zeitungen guckt, scheint es von dieser Gruppe eine ganze Menge zu geben. Da wird schamlos gelogen, hemmungslos vertuscht und geschmacklos schöngeredet, so dass unsereins, der durchschnittliche Bundesbürger, der sich wengistens ab und zu mal schämt, fassungslos sitzt und sich wundert. Manche Leute kennen keine Scham und sie kommen damit im Leben erstaunlich weit.

Wir normalen Menschen gehören wohl zu denen, die sich wenigstens ab und zu mal schämen. Letzte Woche habe ich mich wirklich geschämt: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – Costa Cordalis wurde Dschungelkönig und ich hab mich geschämt für die Menschen, die sich für diesen Unsinn hergeben und sich vor einem Millionenpublikum so erniedrigen. Ich hab mich für das Publikum geschämt, das sich solchen Müll bieten lässt und am meisten habe ich mich für mich selbst geschämt, weil ich am Ende doch neugierig wurde und – wirklich nur ganz kurz – in diese Sendung hineingezappt habe.

Manche schämen sich schon dafür, Deutsche zu sein. Andere blicken auf eine Vergangenheit zurück, derer sie sich heute schämen. Manche schämen sich wegen ihrer Figur, andere für ihr Abschlusszeugnis. Wir schämen uns, wenn wir Fehler machen, falsch reagieren, wenn ein Außenstehender Einblick in unsere Schwäche bekommt. Wir schämen uns, wenn wir die Kontrolle verlieren, wenn Emotionen uns beherrschen, wenn wir aus der Rolle fallen.

Scham hat etwas mit Intimität zu tun – wir empfinden Scham, wenn wir plötzlich entblößt dastehen, wenn jeder sehen kann, was wir so gerne verbergen würden.

"Ich schäme mich, verzeih mir“ – in einer Partnerschaft, wenn zwei sich wirklich ganz nahe kommen, kann es nötig werden, das einmal zu sagen. Wann haben Sie so etwas zuletzt sagen müssen? Bei mir ist das noch nicht lange her – ich werde mich hüten, Ihnen davon zu erzählen, auch wenn Sie mich jetzt noch so neugierig angucken. Statt dessen lese ich Ihnen jetzt den Predigttext für den heutigen Sonntag.

[TEXT]

Zu welcher Gruppe der Schämer würde wohl der Apostel Paulus zählen? Manche meinen, dass er ein klassischer Nieschämer sei. Hört man doch gleich am Anfang des Römerbriefs: „Ich schäme mich nicht!“ sagt er kämpferisch. An keiner Stelle klingt Scham durch, wenn er von seiner Vergangenheit als Christenverfolger spricht. Manchmal scheinen die Vorwürfe, die man ihm macht, von ihm abzuprallen: Er habe Christus doch gar nicht gekannt, was er sich eigentlich einbilde, wird ihm vorgehalten. Ihm wird vorgeworfen, dass seine Gemeinden sich nicht an die jüdischen Speiseregeln halten. Ihm wird vorgeworfen, er lebe auf Kosten anderer Leute und stifte Unruhe und Unfrieden. Zuletzt gehen sie gar so weit und halten ihm sein körperliches Gebrechen vor, seine körperliche Unvollkommenheit, die er seinen „Pfahl im Fleisch“ nennt.

Mit all diesen Vorwürfen setzt er sich in seinen Briefen auseinander und widerlegt sie. Aber ich glaube nicht, dass sie an ihm abprallen. Ein richtiger Nieschämer nimmt überhaupt nicht wirklich zur Kenntnis, was man ihm sagt, an solchen perlt Kritik ab wie das Wasser vom Gefieder der Ente – Paulus aber nimmt sich das alles zu Herzen. Es verletzt ihn. Wieder und wieder prüft er die Vorwürfe und kommt doch immer wieder zu dem Ergebnis, dass Gott ihn doch berufen hat, dass er doch zu ihm spricht, dass er doch mit seinem Heiligen Geist in ihm wohnt. Ich bin sicher, dass Paulus in langen Nächten mit Gott und mit seinen Zweifeln gerungen hat. Seine Gegner wollen ihn klein machen, ihn zur Demut zwingen.

„Ich schäme mich nicht“, sagt Paulus im Römerbrief, wahrscheinlich gegen Ende seines Lebens, gereift durch viele schmerzliche Erfahrungen. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“ Er spricht von Gottes Kraft, die allein selig macht. Gerecht vor Gott macht allein der Glaube, sagt er, nicht, was ein Mensch tut oder darstellt, nicht, was ein Mensch leistet – die Sätze des Römerbriefes sollen 1500 Jahre später Grundlage der reformatorischen Erkenntnis Martin Luthers werden. Gerecht macht einen Menschen nicht seine Herkunft und auch nicht seine Vergangenheit – es zählt einzig der Glaube an Gott. „Ich schäme mich nicht“ sagt Paulus.

Im Unterschied zu Paulus haben viele von uns noch nicht den rechten Umgang mit der Scham gefunden. Wir, die wir nicht zu den glücklichen Nieschämern gehören, müssen irgendwie sehen, wie wir zurechtkommen. Dabei lassen wir uns einiges einfallen.

Zuerst einmal versuchen wir, so wenig Fehler wie möglich zu machen. Wir gucken genau auf den Nebenmann oder die Nebenfrau: Wenn ich mich genauso verhalte wie er oder sie, wird das ja wohl schon mal nicht so ganz verkehrt sein. Dass man sich dabei gewaltig irren kann, steht erst einmal auf einem anderen Blatt. Wir versuchen, nicht aufzufallen, nicht aus der Rolle zu fallen, uns „gut“ zu benehmen. Wir ducken uns in die Menge – dann wird schon niemand merken, was nicht so ganz koscher ist.

So schützen wir uns leidlich vor der Scham, aber wir verlieren ganz viel Freiheit, ganz viel Individualität und verschleudern die kostbaren Möglichkeiten, die Gott uns gegeben hat, weil wir zaghaft leben und wir vergeben viel Kraft damit, zu verbergen, was uns drückt.

Desweiteren versuchen wir, etwas darzustellen, was zu leisten, zu besitzen, etwas zu produzieren. „Tue Gutes und rede darüber!“ – dieser unselige und unchristliche Slogan macht sich in der krisengeschüttelten Kirche jetzt breit. Und wir sehen, dass es wirkt. Es lenkt uns ab von schwindenden Mitgliederzahlen und schwachen Gottesdienstbesuchen. Seht mal, wir haben doch hier einen Kindergarten und dort eine Diakoniestation, wir tun was für die Obdachlosen und überhaupt: Wir brauchen uns nicht zu schämen!
„Zeigen, was man hat“ ist die Devise, „keine falsche Bescheidenheit, nur ja nicht das Licht unter den Scheffel stellen“ – wenn einen dann Anflüge von Scham überfallen sollten, weil einem zum Beispiel die schöne Nachbarin so sehr gefällt, dann kann mit Stolz auf all das blicken, was gelingt.

Paulus macht all dies nicht schlecht und ich will das auch nicht tun. Aber es sind „Werke der Gerechtigkeit“ würde Paulus sagen. Es ist das, was wir tun, um uns selbst an den Haaren aus dem Sumpf der Scham zu ziehen, aber es wird uns nichts nutzen. In langen Nächten sind wir wieder allein mit unseren Fragen und unseren Zweifeln. Immer bleibt die Angst, beschämt zu werden, am Ende dumm dazustehen, nichts wert zu sein, zu nichts zu taugen. Und wir vergeben viel Kraft damit zu ignorieren, was nicht gelingt.

Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, kommt aus dem Glauben, sagt Paulus. Nichts, was wir tun, kann uns mit Gott ins Reine bringen. Uns, die wir ab und zu mit Schuld und Scham zu tun haben, bleibt nichts anderes übrig, als auf Gottes Güte zu vertrauen. Wir, die wir noch wissen, wie Scham sich anfühlt, wissen, dass wir vor Gott mit leeren Händen stehen und dass er sieht, was wir so verzweifelt zu verbergen suchen. Im Angesicht Gottes zählt nicht, was wir geleistet haben. Und unsere Ausflüchte entlarvt er mit einem Blick. Wir müssten uns in Grund und Boden schämen, wenn nicht …

Ja, wenn nicht … Jetzt kommt es darauf an, dass wir dasselbe lernen, was Paulus lernte. Es kommt darauf an, dass für uns Wirklichkeit wird, was wir Sonntag für Sonntag predigen: Das Evangelium, die frohe Botschaft von Gottes Liebe, die Jesus Christus uns verkündigt hat. Das hat etwas mit uns zu tun! Das gilt uns und gerade denen, die ab und zu mit hochrotem Kopf durch die Gegend laufen! „Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht.“

Das Evangelium ist die Botschaft von Jesus Christus. Das war doch der, der mit Sündern und Ehebrechern verkehrte? Ja, genau der! Das war der, der sich besonders freute über die verlorenen Schafe, die zu Gott fanden!

Das Evangelium ist die Botschaft von der Umkehr der Verhältnisse: Das, was vor der Welt als toll und wichtig gilt, ist vor Gott bedeutungslos. Vor Gott hat besonders das Gewicht, was uns schwach und fehlerhaft, töricht scheint.

Das Evangelium ist die Kraft, die uns aus der Scham führt. Es ist eine Kraft, die ansieht und anspricht, was nicht okay ist – es ist also kein Freifahrtschein für die Nieschämer! Aber es ist die besondere Kraft der Liebe Gottes, die sagt: Ich mag dich trotzdem und vielleicht sogar ganz besonders, weil du, der du dich noch schämen kannst, in Anspruch nimmst, was ich verschenke: Gnade.

Das Evangelium ist Grund und Anlass schamloser Freude und unbändiger Seligkeit. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht,“ sagt Paulus. Das Evangelium sagt: Du brauchst dich nicht zu schämen. Ist schon okay. Gott sagt: Du bist okay.

Wenn die Scham wieder kommt, liebe Gemeinde, wenn wir uns wieder mal nicht leiden können, wenn wieder mal offenliegt, was wir zu verbergen suchen, ist es gut zu wissen, dass Gott uns liebt und uns vergibt und dass der Glaube an ihn die Scham besiegt.

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