Herzensgabe

Liebe Gemeinde,

"Was macht Ihr eigentlich mit den Erntedankgaben in euren Gemeinden?", diese Frage haben wir kürzlich im Internet-Treff unter Mitarbeiterinnen im Verkündigungsdienst diskutiert. Eine Frau aus einer recht wohlhabenden Ecke Deutschlands berichtete darüber, dass diejenigen, die Obst und Gemüse mitgebracht haben, um den Altar zu dekorieren, diese Dinge dann auch wieder mit nach Hause nehmen. Ich war erst einmal total schockiert von diesem Gedanken. Da gibt man etwas – und kassiert es wieder ein. Das wäre doch schon nahe an dem alten Witz: "Nach der Predigt ist ein Korb mit Geld rumgereicht worden, ich habe mir auch was genommen". In allen Gemeinden, die ich bislang kennengelernt habe, war es üblich, die Erntedankgaben danach entweder in einen Kindergarten oder eine andere Einrichtung zu geben, die damit etwas anfangen kann. Eine Kollekte in Naturalien sozusagen.

Hat es eigentlich in Gottesdiensten der ersten Christen auch schon "Kollektenabkündigungen" gegeben? Oder haben die einfach jeden Sonntag sowas wie Erntedank gemacht? Haben Sie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht? Nun, unser heutiger Predigttext ist eine solche "Abkündigung". Paulus wirbt bei der Gemeinde in Korinth für eine Sammlung für die Urgemeinde in Jerusalem. Schon damals war bei "Kirchens" das Geld knapp. Wenn wir den Text aufmerksam anhören, werden wir merken, dass Paulus den Autoren unserer Kollektenabkündigungen heute bei weitem überlegen ist:

[TEXT]

Es ist schwierig, so etwas vorgelesen genau im Gedächtnis zu behalten, und manche Wörter haben heute einen anderen Sinn bekommen:
der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwenglich darin, daß viele Gott danken. Schreibt Paulus. Mit den Heiligen meint er die Gemeindemitglieder in Jerusalem. Das vergessen wir oft, dass die "Gemeinschaft der Heiligen", von der wir im Glaubensbekenntnis sprechen, wir alle sind, alle, die zur Kirche gehören. Die Gemeinde in Jerusalem war arm. Zwar mussten sie kein Personal bezahlen und auch keine Kirche oder Gemeindehaus unterhalten. Aber die vielen Gäste aus anderen Gemeinden wollen bewirtet sein, und das ging über ihre finanzielle Kraft.

Darum veranstaltet Paulus eine Sammlung für die Jerusalemer Gemeinde. Den wohlhabenderen Korinthern, die die Christen in Jerusalem ja gar nicht kennen, erklärt Paulus nun, warum es auch für sie selbst gut ist, wenn sie möglichst reichlich spenden. Wir gibt, wird "reich sein". Vielleicht haben Sie auch schon selbst einmal erfahren, wie reich geben machen kann. Natürlich ist Geben keine Geldanlage, jeder Banker würde davon abraten, es sei denn, es handelt sich um jene anrüchige Art von Spenden, die man besser ganz offen Korruption nennt.
Aber ich freue mich zum Beispiel immer über e-Mails, die ich aus Tansania bekomme, wo ich eine Schulpatenschaft unterstütze. Da steht öfter mal, dass jemand dort an mich denkt und für mich betet. Dann fühle ich mich als Geberin beschenkt. Manchmal, wenn ich vor etwas Angst habe, ist mir das etwas sehr Ermutigendes. Freilich hinterfrage ich auch manchmal, was denn gemeint ist mit dem "kärglich säen". Ich glaube, das hängt nicht von der Summe ab, die auf einem Scheck steht oder von der Exklusivität einer materiellen Spende. Es geht darum, wie ich gebe.

Meine Eltern hatten eine brutale Erziehungsmethode. Jedes Jahr vor Weihnachten sollte ich mein Spielzeug durchforsten und das raussuchen, was ich am liebsten mochte. Das war dann für ein Waisenhaus bestimmt. "Du musst wirklich ein Opfer bringen", meinten sie, "nicht den Kram raussuchen, der dir sowieso nicht gefällt. Das merkt sich Gott". An und für sich hätten sie ja recht gehabt. Wenn ich mir manchmal anschaue, was zusammenkommt, wenn um Sachspenden gebeten wird, glaube ich schon, dass da manches weitergeschenkt wird, was man ohnehin nie gemocht hat. Aber ich glaube, meine Eltern haben "Opfer bringen" verwechselt mit "bewusst und aus Liebe schenken". Es waren manchmal durchaus schöne und brauchbare Sachen, die ich ausgesucht hatte, und ich konnte mir nicht so recht vorstellen, was ein Waisenkind mit meinem gelibeten, aber völlig zerzausten Teddybären gewollt hätte. Und ein "fröhlicher Geber" wäre ich auch nicht mehr gewesen, wenn mein Bär ins Waisenhaus gemusst hätte. Gott hätte mich nicht lieb gehabt, ich ihn aber auch nicht mehr. So habe ich manchmal etwas gemogelt bei dieser Weihnachts-Spenden-Aktion. Ich kenne aber Menschen, die Schaden genommen haben an solcher Erziehung: "Du musst das Liebste weggeben, was du hast – Gott hat ja auch seinen Sohn für dich gegeben".
Paulus spricht in seinem Spendenaufruf davon, dass Gott etwas ganz anderes vermag: Er hat seine Güte, seinen Segen so reichlich über uns ausgestreut, dass ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk. Es entsteht durch das Geben also kein Mangel, sondern wir geben aus unserem Überfluss. Fröhliche Geber werden wir dann sein, wenn wir aus vollem Herzen geben, ausgestattet hat uns Gott bereits dazu Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. Da geht es wirklich nicht um die Summe, von der wir uns trennen, es geht darum, dass wir erst einmal bemerken, wie reich wir sind. "Wo bin ich reich?", werden Sie vielleicht jetzt sagen, "ich weiß kaum, wie ich klarkommen kann mit dem bisschen Rente oder Arbeitslosengeld." Aber reich sind wir doch: Wir wissen, dass wir einen haben, der uns im Auge hat, der hinter uns steht und der uns beim Überleben hilft und auch beim Sterben in die Arme nimmt. Das ist viel, viel mehr als viele Menschen haben. Und geben müssen wir ja nicht unbedingt Geld, geben können wir unsere Person, indem wir uns anderen zuwenden, ihnen zuhören. Es gibt so viele Geber, auch in dieser Gemeinde: Menschen, die Zeit aufbringen für die Arbeit im Gemeindekirchenrat, an der Kirche, im Küsterdienst, es gibt den Chor, die Kinder, Orgelspieler – lauter hoffentlich fröhliche Geber, die dazu beitragen, dass "dem Mangel der Heiligen" abgeholfen wird. "Heilige", das sind im Sinne von Paulus wir alle, wir als Christen bilden die Gemeinschaft der Heiligen.

Freilich danken wir Gott selten dafür, dass er uns so viele fröhliche Geber schickt, wir jammern eher herum, dass es viel zu wenige sind. Und wir, ich schließe mich da nicht aus, stöhnen über die Last, die wir für die Gemeinde tragen. Eigentlich sollte es anders sein. Wir sollten Gott danken nicht nur für die Ernte, die so reich in anderen Regionen dieser Erde nicht ausfällt, für den Regen und die Sonne. Unsere Kollekte heute geht übrigens genau in solche Länder. Wir sollten ihm auch danken für die Begabungen, die er uns mitgegeben hat und die wir hier einsetzen können. Manchmal wünschte ich mir, wir könnten das so unbefangen tun wie die Christen in Tansania, die ich in ihren Gottesdiensten erlebt habe, wie sie tanzen und singen und sich freuen, auch wenn sie unter unvergleichlich schwereren Bedingungen leben als wir. Für sie ist jeder Sonntagsgottesdienst ein Fest, zu dem sie oft stundenlange Fußwege in Kauf nehmen.

Ich glaube, sie haben etwas verstanden, was wir manchmal nicht so ganz im Blick haben: Liebe wird nicht weniger, wenn man sie teilt, sondern immer mehr. Liebe kann es gar nicht zu viel geben, Gott streut sie so reichlich aus, dass wir sie aus dem Überfluss weiterschenken können.

So glaube ich, dass das Wichtigste, was wir heute hier zum Altar bringen und was wir eigentlich immer bei Gott lassen sollten, gar nicht hier zu sehen ist: Unser Herz. Es kann unsere Lebensaufgabe sein, unser Herz immer wieder in die Gegenwart Gottes zu versetzen, zu ihm zurückzubringen. Dort und nur dort ist es am besten aufgehoben. Gutes tun und mit anderen teilen, das geschieht, wenn wir das wirklich versuchen, ganz nebenbei und ganz von selbst.

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