Hausgemachte Probleme

Liebe Gemeinde,

es klingt ja gut, was der stellvertretende CDU-Vorsitzende Christoph Böhr da vorschlägt. Kirchentreue soll sich lohnen, so stand es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Mann möchte den Kirchen helfen. Wenn nämlich, nach seiner Idee, 20% der Kirchensteuer von der Einkommensteuer abgesetzt werden könnten, würden die Leute nicht aus der Kirche austreten, sondern sogar eintreten. Wir hätten schlagartig mehr Mitglieder und mehr Geld. Das wärs doch – oder? Nun ist das in unserer Ecke nicht so sehr unser Problem, denn es zahlt kaum jemand so viel Kirchensteuer, dass sich das lohnt. Und es treten auch kaum Leute wegen des Geldes aus. Und doch, so ein kleiner Anreiz, vielleicht würde es sich mancher doch überlegen. Vielleicht gäbs dann sogar wieder mehr Pfarrstellen, mehr Gemeindepädagogen, man müsste sich den Pfarrer nicht mehr mit einer anderen Gemeinde teilen. Es gäbe wieder Bauzuschüsse, das klingt alles so gut. Und für die Kirche werben würde richtig Spaß machen. Eh, komm doch auch dazu, hier sparst du richtig Geld.
Und doch hätte ich kein gutes Gefühl.

Würden wir als Kirche etwas gewinnen? Wären dann mehr Menschen da, die mit dem Glauben leben? Mir fallen Parallelen ein, die nichts mit dem Geld zu tun haben. Da wird bei einer Jugendwoche zur Bekehrung nach vorn gerufen. Und es kommen welche. Die wissen noch nicht, was glauben ist. Aber sie haben Angst. Weil ihnen vorher gesagt wurde, dass sie sonst verloren sind. Ein junges Mädchen hat einmal gesagt: ich glaube, damit ich nicht in die Hölle komme. Das ist natürlich kein Glauben. Das ist wie Geld sparen. Und mancher ist vielleicht unruhig, weil der eine, der mal in der Kirche war und das toll fand, dennoch den Weg nicht findet.

Wir wollen gerne den Erfolg und wir wollen gern, dass die Menschen glauben. Und dieser Kirchensteuervorschlag will ja auch, dass die Kirche was davon hat, ist ganz lieb gemeint. Umgekehrt aber muss man fragen: brauchen wir Kirchensteuer als Anreiz, brauchen wir den Bekehrungsdruck und müssen wir mit Angst arbeiten, werden wir erst ruhig, wenn jemand Kirchenmitglied ist? Liegt unser Problem nicht daran, dass wir als Kirche die Menschen so wenig begeistern. Gestern morgen hörte ich im Radio, wie toll die Stimmung in Aue war beim Fußball. 14000 Menschen hatten Geld für den Eintritt und sind von sonstwo her hingefahren. Da haben wir doch ein Problem.

Ihn liebt ihr, obwohl ihr ihn nie gesehen habt. Auf ihn setzt ihr euer Vertrauen, obwohl ihr ihn jetzt noch nicht sehen könnt. Und darum jubelt ihr mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. Ihr hängt an dem Jesus, obwohl ihr ihn nie gesehen habt. Und darum jubelt ihr. Heute höre ich, wenn du ihn mir zeigst, mir alles erklären kannst, meine Fragen beantwortest, warum lässt Gott das Leid zu und so weiter, dann will ich ja kommen. Beim Fußball wird tagelang analysiert, wie man hätte spielen können und am Biertisch streiten sich die Fans die ganze Woche lang, warum das Tor nicht gekommen ist und ob der Schiedsrichter befangen war.

Worüber wollen wir streiten? Oder worüber streiten wir? Wo merken andere, dass Glaube eine Auseinandersetzung ist? Manchmal denke ich, wir sind viel zu glatt und strahlen gar keine Spannung aus. Es ist eben so und wir glauben das schon. Glauben wir es wirklich, sind wir alle so total sicher, ist Glaube nicht wirklich das Hin und Her Schwanken zwischen „wir haben nichts zum Sehen“ und einem festen Vertrauen. Denn dort geht es ja hin, immer wieder vertrauen. Und wer heute aus irgendeinem Grund in die Kirche eintritt, der hat sich für das Vertrauen entschieden. Und dahin ist es ein langer Weg. Manchmal dauert es viele Jahre. Da hilft keine Geldermäßigung und auch keine Bekehrung mit der Keule, denn Glaube heißt, ganz anderes, neues Leben. Das ist auch ein sehr schönes Leben, aber das geht eben nicht von heute auf morgen. Das geht, wo ein Mensch die Sehnsucht bekommt, die Sehnsucht danach, dass das Leben mehr ist. Die Sehnsucht nach Hoffnung, nach Getragen sein, nach mehr Tiefe in sich selbst. Wo ein Mensch sich selber entdeckt, auf sich selber zugeht und auch fragt: nach welchem Muster bin ich eigentlich gestrickt, dort kommt der Glaube ins Spiel. Und dort entsteht ein Vertrauen, wo Glaube aus Angst keinen Platz hat. Oder wo Kirchenmitgliedschaft wegen des Geldes nichts bringt, ein Vertrauen, das niemals durch Hauruck-Aktionen entsteht, sondern langsam wachsen muss. Aber dann vielleicht wirklich dazu führt, dass jemand vor Freude jubelt.

Und wenn auf diese Weise Menschen zur Kirche finden, dann können wir uns freuen. Und wenn das dann noch dadurch passiert, dass er das an den Christen erlebt und erfährt, können wir jubeln. Im Moment scheint es mir aber so, dass es überall besser gelingt, als ausgerechnet in den Kirchen. Und damit erscheint mir unsere Finanznot und alles, was dazu gehört, auch ein gutes Stück hausgemacht.

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