Hallo, Paulus!

<b>Prediger:</b> Hallo Paulus! Schön, dass Du in unseren Gottesdienst gekommen bist! Heute soll nämlich ein Abschnitt aus Deinem Brief an die Gemeinde in Philippi ausgelegt werden. Kannst Du uns nicht ein wenig über die Hintergründe erzählen?

<b>Paulus:</b> Ja, ich war damals in Ephesus im Gefängnis. Dank meiner römischen Staatsbürgerschaft – ich bin nämlich in Tarsus geboren und aufgewachsen – hatte ich gewisse Hafterleichterungen, obwohl ich unter Anklage stand: "Urheber von religiöser Unruhestiftung mit anarchistischer Folge". Dank der freundlichen Gesinnung der Wächter konnte ich ungehindert Besuch empfangen, Briefe schreiben und erhalten. Natürlich war die Zelle karg und eisig kalt und die Kost miserabel. Doch es gab ja schon eine christliche Gemeinde in Ephesus, die mich unterstützte.

<b>Prediger:</b> Ach so, jetzt verstehe ich auch die doch positive Grundstimmung, die in diesem Brief zum Ausdruck kommt. Du wusstest also schon, dass das Verfahren zu Deinen Gunsten ausgehen würde?

<b>Paulus:</b> Nein, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht. Vielmehr lag das Todesurteil für mich näher. Erschwerend kam die Verzögerung der Verhandlung hinzu. Immer wieder gab es Verfahrensfragen zu überprüfen, zu beurteilen, Du kennst das gewiss! Also, meine Freude entsprang nicht aus dem Prozessverlauf heraus, wie das vielleicht sonst üblich ist, wenn im Vorfeld der Gerichtsverhandlungen Staatsanwalt und Verteidiger für ihre Ansicht des Falles punkten wollen. Meine Freude lag in der Gewissheit: "Jesus ist mein Gewinn …"

<b>Prediger:</b> Da sind wir ja schon mitten drin in unserem Text: Philipper 1,15-21. In der Luther-Übersetzung ist er allerdings nicht sehr verständlich …

<b>Paulus:</b> Das weiß ich auch. Übersetzungen sind immer schwierig. Schon ich musste zwischen griechisch und hebräisch und aramäisch hin und her denken, schreiben und reden. Ich habe da bei einem Eurer Übersetzer eine besonders schöne eindrucksvolle Formulierung gefunden, die mein Empfinden, Denken und Fühlen zum Ausdruck bringt. Erlaubst Du, dass ich sie vorlese?

<b>Prediger:</b> Klar. Wir hören Dir gerne alle zu.

<b>Paulus:</b> Ich lese wegen des besseren Verständnisses ab Vers zwölf vor: 12: Liebe Mitchristen, ich will Euch berichten, dass sich meine Lage hier wider Erwarten zu einer Ausbreitung der Christusnachricht entwickelt hat. 13: Erstens ist hier im ganzen Statthalterpalast und darüber hinaus öffentlich klar geworden, dass ich aufgrund der Christusnachricht festgenommen und unter Anklage gestellt wurde. 14: Zweitens hat die Mehrheit der aktiven Mitchristen hier gerade angesichts meiner Haft in steigendem Maße Mut gewonnen und wagt darum, diese Nachricht furchtlos zu verbreiten. 15: Obwohl einige die Christusnachricht auch aus Neid und Rivalität verbreiten, tun es andere doch aus Zuneigung zu mir. 16: Die es aus Zuneigung zu mir tun, haben erkannt, dass ich jetzt hier bin, weil ich dazu bestimmt bin, die Christusnachricht zu verteidigen. 17: Die anderen, die mit unlauteren Motiven und Geltungsbedürfnis die Christusnachricht verbreiten, bilden sich ein, mich in meiner Haft noch mehr zu belasten. 18: Aber was macht das schon aus? Die Hauptsache ist doch, dass in jedem Falle, – ob nun zum Vorwand oder wirklich sachgerecht – die Christusbotschaft verbreitet wird. Darüber freue ich mich dann. Ja, ich werde auch künftig in jedem Falle immer Grund zur Freude haben. 19: Denn mit Jiob weiß ich: "Auch meine jetzige Lage wird mich auf jeden Fall der Zukunft Gottes entgegenbringen." (Jiob 13,16 LXX), und zwar 1. weil ihr für mich betet und 2. weil sich doch der auferweckte Jesus uns ständig neu als Hoffnungsbegründer zur Verfügung stellt. 20: Aufgrund meiner festgegründeten Hoffnung weiß ich: Gott wird mich in keiner Lage preisgeben, sondern allen Widerständen zum Trotz wird so wie bisher immer nun auch jetzt die Christusbotschaft durch mich ausgebreitet werden – sei es durch mein Weiterleben oder sei es durch die Hingabe meines Lebens. 21: Wenn also … für mich mein Leben ganz und gar der auferweckte Herr ist, dann ist sogar die Lebenshingabe gar kein Verlust, sondern ein Gewinnposten. (Übersetzung: Wolfgang Schenk, Die Philipperbriefe des Paulus, 1984).
Übrigens Luther übersetzt hier treffender: "Denn Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn."

<b>Prediger:</b> Ich muss jetzt aber doch noch einmal nachfragen: Woher nimmst Du nur diese souveräne Gelassenheit, wo Du doch im Gefängnis sitzt?! Was macht Dich so zuversichtlich inmitten der Angst?

<b>Paulus:</b> Ich möchte von einer kleinen Beobachtung erzählen, die ich hier am Tempel der Diana in Ephesus gemacht habe. Da wurden Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. Ich fragte einen der Bauarbeiter: "Was machst Du da?" – "Ich haue Steine! Das ist meine Arbeit. Das sehen Sie doch!" lautete seine Antwort und sein Kollege fügte hinzu: "Hier wird gut bezahlt, besser als anderswo." "Aber für mich entscheidend ist", sagte ein dritter Bauarbeiter, "dass ich an dem Tempel zu Ehren der Diana arbeiten darf." In den drei Antworten spiegeln sich verschiedene Lebenseinstellungen wieder. Ihr habt in Eurer Sprache ein Wort, das zu meiner Zeit noch nicht bekannt war. Das heißt: ‚Sinn‘. Du fragst, welchen Sinn hat mein Leben? Und ich sage Dir, mein Lebenssinn liegt nicht darin, dass ich einen Job habe, gut verdiene, sondern der Sinn meines Lebens liegt darin, dass mich Christus hält. Er hat mir vor Damaskus die Augen geöffnet, er hat mir den Weg in die Mission gezeigt. Ihm zur Ehre nehme ich alle Beschwernisse auf mich, seien es Schiffsreisen, die damals nicht ungefährlich waren, Ablehnung der Christusbotschaft, Verachtung und Verhöhnung meiner Person, selbst Gefängnis. Hier mitten in den Ängsten, in Trübsal habe ich die Kraft Gottes erfahren. Diese Glaubenserfahrung schenkt mir Gelassenheit.

<b>Prediger:</b> Aber, lieber Paulus, so ganz nehme ich Dir das nicht ab! Du hast Dir ja schließlich auch eine Menge Sorgen gemacht. Was meinst du denn zum Beispiel damit, dass es Menschen gibt, die Christus nur aus Neid oder Habgier, also aus ganz egoistischen Gründen verkündigen? Hattest Du konkrete Hinweise bekommen? Und wie erkennst du das überhaupt? Woher nimmst du denn die Kriterien, was ohne und was mit Hintergedanken geredet wird? Benehmen sich die einen schlechter als die anderen? Dann wird ihr Zeugnis aber doch sowieso unglaubwürdig, egal wie wahr es wirklich ist! Oder haben sie etwa nur eine andere, eben ihre eigene Meinung gehabt? Wer sagt denn, dass sie falsch ist? Sind deine Überzeugungen der Maßstab für wahres und falsches Verkündigen? Da würde ich aber gerne einmal die Meinung deiner geschätzten Apostelbrüder in Jerusalem hören, vor allem den Petrus!

<b>Paulus:</b> Zunächst einmal ist das eine bekannte Tatsache: Es gibt auch unter Christen Rivalen und Neider. Sie haben meine Abwesenheit ausgenutzt, haben die Verdächtigung ausgesprochen, dass ich sicherlich nicht unschuldig im Gefängnis sitze. Das kennst Du gewiss in Deiner Zeit auch: Wenn auf jemanden ein Verdacht fällt, dann rücken einige von ihm ab, um ja nicht in irgendetwas hineingezogen zu werden. Man gießt noch Öl ins Feuer der Verdächtigungen: "Wie war das denn damals? Sie wissen doch …" Hier geht es mir jedoch nicht um meine Person. Ich bin nicht auf ihre Wertschätzung angewiesen. Ich brauche nicht um sie zu buhlen. Meine Wertschätzung liegt in Gottes Gnadenzuspruch an mich begründet: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2.Kor 12,9) Ich stimme Dir schon zu: Amt und Person lassen sich nicht trennen, auch nicht Glaube und Glaubwürdigkeit der Person. Ich stehe für die Freiheit des Evangeliums ein, die sich nicht binden lässt durch Gesetze und Vorschriften. Da denken, reden und handeln die Apostel Petrus und Jakobus ganz anders. Sie brauchen feste Strukturen, gewachsen aus ihrer jüdischen Prägung: Einhalten von Speisevorschriften, allein gewiesen an das jüdische Volk. Und das respektiere ich auch voll und ganz. Das ist ihr Auftrag. Doch Heuchelei beginnt da, wo einer seine Glaubensweise zum Maßstab von echtem und falschen Glauben macht. Und der Neid folgt auf dem Fuß, wo die anderen mir den Missionserfolg nicht gönnen. Doch der liegt nicht in meiner Person begründet, sondern in der befreienden Wirkung des Evangeliums.

<b>Prediger:</b> Also, bei allem Respekt, lieber Paulus, ich habe das Gefühl, dass du derjenige bist, der neidisch und vor allem eifersüchtig ist. Kann es sein, dass es dir nicht passt, wenn es in deiner Lieblingsgemeinde Menschen gibt, die Erfolg mit "ihrer" Botschaft haben, ohne deine Ansichten teilen zu müssen?

<b>Paulus:</b> Eines möchte ich in aller Klarheit feststellen: Ich diene dem Evangelium und übe meine Mission nicht zu meinem Vorteil aus. Ich verdiene mir meinen Unterhalt als Zeltmacher und lasse mich nicht von den Gemeinden aushalten wie andere das tun. Ich bin weder eifersüchtig noch neidisch im Blick auf die Erfolge anderer. Ja, ich freue mich, wenn andere Apostel mit ihrer Person, ihren Gaben und Begabungen die Gemeinden bereichern. Aber ich kann sehr ungeduldig, ja zornig werden, wenn Erfolge zu Streitigkeiten führen wie in Korinth: Ich gehöre zu Cloe, ich zu Paulus, ich zu Kephas oder zu Apollos. Dann verraten wir Christus. Ich erwarte nicht, dass alle meine Ansichten teilen. Da ist und bleibt vieles zeit- und personengebunden. Das beste Beispiel kennst Du ja, meine Äußerungen über die Frau, sie solle in der Gemeinde schweigen. Doch es gibt einen Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums: "Zur Freiheit hat euch Christus befreit!" (Gal 5,1) Dafür stehe ich ein und wehre mich gegen alle, die diese frohe Botschaft verdunkeln.

<b>Prediger:</b> Mhm, o.k., da verstehe ich Dich jetzt schon besser. Aber, wenn Du erlaubst, würde ich Dich gerne noch etwas fragen, wo Du schon einmal hier bist.

<b>Paulus:</b> Bitte, nur zu …

Prediger: Ich denke da an den Schluss Deiner Ausführungen. Zugegeben: er ist sehr beeindruckend: "Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn". In der Lutherbibel ist dieser Satz nicht umsonst ganz fett abgedruckt. Der beste Werbestratege könnte keinen griffigeren Slogan kreieren! So etwas in der Art müsste uns heute noch viel öfter einfallen. Aber ich frage mich, ob dieser Satz heute noch so einfach dahingesagt werden kann. Er klingt nach einer Zeit, die noch Märtyrer gekannt hat: Menschen, die für ihren Glauben Nachteile in Kauf genommen haben, ja sogar gestorben sind! Das mag damals, zu deiner Zeit, nachhaltig Eindruck gemacht haben – wohl auch bei den Verfolgern der Christen, von denen du ja auch einer warst. Aber heute …? Ich muss da unweigerlich an die schrecklichen Nachrichten über das Massaker dieser Sekte in Uganda denken. Ist das nicht entsetzlich?! Sie wollten die zehn Gebote wieder einsetzen und haben dabei das fünfte Gebot – "Du sollst nicht töten!" – hundertfach übertreten! Die haben schließlich auch geglaubt, für Christus zu sterben! Genauso wie die vielen Missionare und Kreuzritter: "Gott will es!" haben sie geschrieen. Tausende sind umgekommen. Sogar Kinder hat man damals losgeschickt. Ob das für sie alle ein Gewinn war, zu sterben? Ist das nicht absurd, für einen Gott, der ein Gott der Lebenden und eben nicht der Toten sein will, sterben zu wollen! Was habe ich denn davon?

<b>Paulus:</b> Also, so eine Todessehnsucht, die Du da aufzählst, meine ich beim besten Willen nicht. Dass sie geweckt und gefördert, ja gefordert wurde, gehört in ein noch zu schreibendes "Mea Culpa" der Kirchen. Da wurde und wird die Wahrheit des Evangeliums verkehrt. Ich habe den Tod nicht gesucht, etwa weil ich diese Welt verachte oder das wirkliche Leben erst danach erwarte. Ich will vielmehr damit sagen: Ich habe vor ihm keine Angst, weil Christus den Tod überwunden hat. In dem Brief an die Philipper habe ich geschrieben: "Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus entspricht." (Phil 2,5), d.h. in der Hinwendung zu dieser Welt und ihren Menschen seine Lebensaufgabe sehen. Und dafür gibt es ebenfalls reichliche Beispiele. Einen möchte ich nennen: Dietrich Bonhoeffer, ein Märtyrer Eurer Zeit. Auch er hat nicht den Tod gesucht, nicht herausgefordert, sondern er hat im Vertrauen auf das Evangelium seine Stimme erhoben und gehandelt. Auf dem Weg zum Galgen soll er gesagt haben: "Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens." Darin spiegelt sich wieder, was auch mir wichtig ist: Zuversicht des Glaubens. Doch nun hast Du mich so ausführlich gefragt nach meinem Text an die Philipper. Jetzt möchte ich auch Dich einmal befragen. Ich höre nur allewege Klagen über Kirchenaustritte, immer weniger Kirchensteueraufkommen, über die Belastungen, die durch die Gebäude und Liegenschaften, durch diakonische Aufgaben wie Kindergarten da sind. Ich höre Klagen, dass Gottesdienste kaum noch besucht werden, dass Menschen sich in der Gemeinde nicht mehr engagieren wollen, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr christlich erziehen, die Jugendlichen keine Ahnung mehr von Bibel, Katechismus und Gesangbuch haben.

<b>Prediger:</b> Tja, da hast Du wohl Recht. Es wird eine Menge geklagt. Doch die Leute machen die Kirche schlechter als sie ist. Zugegeben, es gäbe eine Menge zu verbessern. Aber im Grunde ist sie ja etwas gutes und eine tolle Sache. Ich glaube, daran liegt es auch, dass es doch immer wieder Menschen gibt, die sich engagieren, und zwar jung und alt! Also, zum Beispiel heute, hier im Gottesdienst, da verabschieden wir ja die ehemaligen und begrüßen die neuen Presbyter unserer Gemeinde. Die setzen ihre Freizeit, ihre Kraft, ihr Wissen und ihre Begabungen für die Kirche ein, und stell Dir vor: ohne auch nur einen Penny dafür zu bekommen! Die machen das ganz freiwillig, über Jahre hinweg. Ohne die könnten wir wirklich ganz einpacken. Und die Jugend ist auch nicht so desinteressiert, wie viele sagen: (hier) in Windesheim, da gibt es zum Beispiel eine Konfi-Kombo und einen aktiven Jugendkreis. Und (hier) in Guldental ist das nicht anders. Hier sind sogar die ganz kleinen aktiv, Krabbelkreis nennt sich das. Die feiern sogar Gottesdienste. Natürlich nicht so, wie die Großen, sondern so, wie es ihnen Spaß macht! Und da sind wir bei einem ganz wichtigen Punkt. Du hast das schon richtig erkannt: von Freude ist in vielen Gottesdiensten nichts mehr zu spüren. Und deshalb, davon bin ich fest überzeugt, kommen nicht mehr so viele Menschen zu uns. Nicht, weil die Botschaft sie nicht interessiert, sondern weil sie einfach keinen Spaß mehr macht! Da müssen wir von anderen noch eine Menge lernen …

<b>Paulus:</b> Aber könnte es nicht sein, dass Ihr Euch permanent überfordert? Ihr wollt alles durch Umfragen und Analysen auswerten und in machbare Programme umsetzen. Ihr tut so, als ob von Euch das Seelenheil der Menschen abhängt! Das riesengroße Spektakel Pro Christ in Bremen medienwirksam inszeniert – fördert es wirklich das Evangelium? Die kirchlichen Konzerne im sozial-diakonischen Bereich, die alles an sich ziehen, sind sie wirklich Ausdruck des Evangelium und nicht nur eindrucksvolle Beweise menschlicher Überheblichkeit? Liegt in diesem Gigantismus nicht die Gefahr, dass der Einzelne entmutigt wird? Wer traut sich denn noch wie der Samaritaner den von Straßenräubern Überfallenen einfältig wie er ist mit Öl und Wein zu behandeln und dann zur nächsten Herberge zu bringen?

<b>Prediger:</b> Weißt Du, Paulus, heutzutage redet ja alles von Globalisierung. Alles wird größer und weiter. Man glaubt, damit in die Zukunft zu investieren. Ich denke, dass Kirche dagegen tatsächlich im Dorf bleiben muss – ohne dabei allerdings den Blick über den Tellerrand zu verlieren! Aber, wie Du schon sagtest, wenn der Einzelne bei uns nicht mehr im Blick ist, dann geht uns das verloren, was die Kirche seit Deiner Zeit ausgemacht hat: die Menschlichkeit. Und die Gefahr sehe ich nicht nur in der Diakonie, sondern auch z.B. im Umgang der Kirche mit Geld und Arbeitsplätzen. Eines sollten wir von den Unternehmen lernen: wir müssen da investieren, wo das Geschäft noch nicht läuft! Dafür dürfen wir etwas anderes auf gar keinen Fall von ihnen übernehmen: uns an irgendwelche Quoten- und Umsatzzahlen orientieren. Ich glaube, viele in den oberen Kirchenetagen denken in solchen Kategorien – und bekommen dann tatsächlich Panik und Zukunftsangst – und machen damit alles nur noch schlimmer.

<b>Paulus:</b> Kann es daran liegen, dass Ihr meine Aussage über "Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn" nicht mehr versteht, weil im Laufe der Geschichte dieses Wort zu einem Beerdigungsritus verkürzt wurde? Gewiss schenkt dieses Wort Menschen Trost und Hoffnung angesichts der Lebensgrenze. Doch es will ja mehr sein: ein Slogan – wie Ihr heute sagt – für das Lebensverständnis eines Christen und einer Christin. Warum habt Ihr nicht den Mut auf dem Markt der Lebensanbieter, der Esoteriker, dagegenzuhalten? Das ist nicht einfach. Ich Athen habe ich das erlebt. Die religiöse Sehnsucht der Menschen ist zu aller Zeit riesengroß. Hier sehe ich den großen Mangel Eurer Zeit: Mission vor Ort – nicht überorts ist nötig!

<b>Prediger:</b> Also, ehrlich gesagt: das Wort Mission hat für mich immer einen komischen Beigeschmack. Damit wird auch heute noch zu viel Schindluder getrieben. Wenn es heißt: ich lasse mir von anderen ihren Glauben erzählen und erzähle dann meinen und dann schauen wir mal, was passiert, dann bin ich damit aber einverstanden. Wobei mehr als Worte immer noch die Taten überzeugen. Allerdings müssen wir neue Ausdrucksweisen und eine neue Sprache finden, die Menschen, die nicht mehr viel von Dir und Deinen Freunden wissen, verstehen können. Wir reden ja immer noch so, als würde jeder und jede mindestens eine Stunde am Tag in der Bibel lesen. Ich glaube übrigens, dass sich viele Menschen dann wundern würden, wie modern der christliche Glaube ist – und wie reich auch an spirituellen Angeboten. Wir lehnen ja heutzutage vieles ab, weil es andere machen, zu denen wir nicht dazugehören wollen – ohne erst einmal zu schauen, ob es nicht auch in unserem Glauben ähnliche Dinge gibt, ja vielleicht dort sogar ihren Ursprung haben. Das müssen wir für uns und die anderen erst wiederentdecken und den Menschen dann auch selbstbewusst hinhalten – und zwar mit beiden Händen und offenen Armen. Und das nicht in Bremen oder Frankfurt, sondern hier in Windesheim/Guldental. Da kommt mir übrigens eine Idee, Paulus: hättest Du nicht Lust, einmal an unsere Gemeinde einen Brief zu schreiben? Ich spendier Dir auch eine Briefmarke!

<b>Paulus:</b> Nein danke. Nicht, dass ich Euch nicht schreiben wollte, aber ich habe schon genug Buchstaben auf Papyrus gekritzelt. Jetzt seid Ihr dran. Aber schreibt nicht auf feinem weißgebleichtem Papier, das doch wieder im Müll landet. Schreibt lieber in die Herzen der Menschen, da sind Eure Worte besser aufgehoben.

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