Grundstein, Eckstein, Schlussstein

Liebe Gemeinde,

“Heute wird unser Haus geliefert”, sagte meine Schwester mir vor einigen Jahren Telefon. Einen Tag später ist sie eingezogen. Es gab keine Grundsteinlegung, und einen Schlussstein hat das Haus schon gar nicht. Heute, in der Zeit der Fertighäuser, können wir uns manchmal gar nicht so richtig vorstellen, was ein Eckstein sein soll, auf dem der ganze Bau ineinandergefügt ist. Hauswände werden komplett geliefert und zusammengesetzt. Ein Fundament allerdings ist meistens doch noch vorhanden. Es sei denn, man entscheidet sich für ein “Haus auf Rädern”, dessen Lebensdauer begrenzt ist und das wohl die Enkel kaum mehr zu Gesicht bekommen werden.

Auch moderne Kirchen – in unserer Region eher der Ausnahmefall – werden nicht mehr auf Ewigkeit gebaut. Insofern haben wir vielleicht ein paar Schwierigkeiten mit dieser Stelle aus dem Epheserbrief, die die Gemeinde, ja die Kirche mit einem Bauwerk vergleicht. In den meisten Sprachen ist es ja auch später so geworden, dass für den Bau und für die Gemeinschaft der Gläubigen ein einziges Wort verwendet wird: “Ecclesia” im lateinischen, “Eglise” im französischen, “Kirche” bei uns und “church” im Englischen. Und hier in unseren romanischen Kirchen können wir es uns auch leicht vorstellen, wie damals die ganze Gemeinde etwas dazu beigetragen hat, dass Stein auf Stein eine Dorfkirche entstand. Alle hatten dabei die “Wohnung Gottes” im Sinn.

Kürzlich haben wir im Religionsunterricht über die Zeit kurz vor der Reformation gesprochen und über die Angst der Menschen damals, sie könnten durch irgendeine Verfehlung nicht mehr zur “Gemeinschaft der Heiligen” gehören, eine Angst, die sie dazu trieb, eine Menge Geld für Ablassbriefe auszugeben. Ein Mädchen fragte: “Waren die denn damals alle in der Kirche?” – und erst durch diese völlig verblüffte Frage wurde mir klar, wie viele “Fremdlinge” heute wieder unter uns leben, wie viele Menschen sich nicht dazu aufgerufen oder eingeladen fühlen, “Gottes Hausgenossen” zu sein.

Der Apostel schrieb damals seine Worte an eine Gemeinde, die im Wachsen begriffen war. Und er lädt diejenigen, die neu dazukommen, mit einer Botschaft ein, die auch heute eigentlich jedem am Herzen liegen müsste. Er spricht vom Frieden. Vom Frieden, der durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist und der ein Angebot an alle ist. Damals ging es darum, dass die Zahl derer ständig wuchs, die nicht Juden gewesen waren. Der Apostel räumt mit dem Mißverständnis auf, nur für diejenigen, die schon vorher an den einen Gott geglaubt hatten, sei die frohe Botschaft bestimmt. So ist es nicht, sagt er, auch für alle, die an die griechischen Götter geglaubt haben oder vielleicht den Kaiser von Rom als Gott verehrt haben, ist Jesus den Weg bis zum Kreuz, durch den Tod und in die Auferstehung gegangen.

Sie alle haben jetzt auch den Zugang zu Gott, dem Vater, ohne vorher die alttestamentlichen Gesetze auch nur gekannt zu haben. Sie alle sind keine Gäste, sondern haben volles Bürgerrecht in der Gemeinde Jesu Christi.

Manchmal benehmen wir uns heute in unseren Gemeinden so, als sei dies nie geschrieben worden. Wir lassen es die Fremden spüren, dass sie eben nicht dazu gehören, wir schauen sie merkwürdig an: “Was, der will jetzt zur Kirche gehören, der war doch damals so ein ganz Linientreuer?”, sagen wir und machen es jemanden, der sich verändert hat, ziemlich schwer, in der Gemeinde Fuß zu fassen. Und wir stellen neue Gesetze auf, Kirchengesetze oder auch ungeschriebene Gesetze, die es Menschen, die nun schon in der zweiten oder dritten generation ohne Gott leben, schwer machen, in unseren Kirchen heimisch zu werden, ihre Schwellenängste dauerhaft zu überwinden. Als wäre es nicht schon innerlich schwer genug, am Haus Kirche mitzubauen, für alle, die Nahen und die Fernen. Ich bin mal in einer Gemeinde auf dem Dorf zufällig vorbeigekommen, als gerade die Glocken zum Abendgottesdienst läuteten. Ich habe mich in den Gemeinderaum gesetzt, und alle haben sich nahc mir umgesehen: “Die ist fremd hier”, das brauchte gar nicht erst hörbar geflüstert zu werden, das sah ich den Gesichtern an. Und es gab vielleicht eine Scheu, mich anzusprechen, als ich nach dem Gottesdienst mein Gesangbuch wieder hinlegte. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, alle seufzten erleichtert auf, als ich wieder ging, ohne irgendwas zu wollen. 19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, wie es im Luthertext übersetzt ist, davon jedenfalls habe ich nichts gespürt. Und ich habe mir vorgestellt, ich wäre nun jemand gewesen, der gerade erst seinen Zugang zum Glauben sucht. Ich denke, ich hätte es vorerst wieder aufgegeben.

Mancher, der neu hinzukommt, denkt allerdings, die Sache mit dem Glauben und dem Frieden müsse so gehen, wie die Bestellung eines Fertighauses. Heute habe ich begonnen, mich für Gott zu interessieren, morgen sind alle meine Probleme behoben und es herrscht Friede nah und fern. So geht es natürlich auch wieder nicht. Sie erwarten vom Fertighaus Kirche, dass sogar die Tapete schon drinklebt, und zwar genau die, die ihnen gefällt. Und dass sofort ein Gefühl des Zuhauseseins sich einstellt, ganz ohne eigenes Zutun. Ist das nicht der Fall, naja, dann verkauft man das Haus eben wieder – so teuer war es ja nicht. Und es gibt noch andere Anbieter, die zum gleichen Preis vielleicht Attraktiveres haben. Ganz so einfach ist es eben nicht, Gottes Einladung richtig zu verstehen. Zwar muss ich kaum etwas Materielles mitbringen, wenn ich vom Fremden zum Gast und vom Gast zum Hausgenossen werden möchte. Aber ich musss bereit sein, mich einzulassen auf die Mitarbeit am gemeinsamen Bau, und ich sollte auch bereit sein, an mir selbst ein bisschen zu arbeiten. Dazu gehört es, sich umzuschauen in dem Haus, an dem ich mitbaue und in dem ich wohnen will. Sich kundig zu machen, wie tragfähig mir das Fundament vorkommt, wer das überhaupt ist, diese Propheten und Apostel, die sich vor langer Zeit entschieden haben, sich einzulassen auf Jesus Christus, und die dafür eine Menge aufs Spiel gesetzt haben, einige sogar ihr Leben. Ist mir der Friede Gottes so viel wert? Und wie ergeht es denen, die um mich herum sind, damit?

Ich glaube, wir sprechen sehr wenig grundsätzlich miteinander. Jeder denkt vom anderen, der wird schon seinen Glauben haben und es gehört sich nicht, dass ich daran rühre. Wem würde ich schon erzählen, dass ich manchmal eine Kerze anmache und Gott um etwas bitte für jemanden? “Das ist doch meine Privatsache”, werden Sie sagen. Aber eigentlich ist es doch die Hauptsache, das, was uns hier immer wieder zusammenführt. Warum gehen wir in die Kirche, zum Frauennachmittag, zum Gemeindefest? Warum setzen wir uns für unsere Kirchengemeinde ein? Weil uns die Sehnsucht nach Frieden und Liebe in die Arme von Jesus Christus getrieben hat. Das ist es doch, was jeder von uns wirklich sucht: Eine Heimat für seine zerrissene Seele. “Christus ist unser Friede”, das ist uns zugesagt. Das steht höher als alle Kirchengesetze, die wenig dazu einladen, sich auf die Sache mit Gott einzulassen.

Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Manchmal glaube ich, diejenigen, die sich irrtümlich als “Herren der Kirche” fühlen, seien sie nun römisch-katholisch, orthodox, reformiert, lutherisch oder sonst etwas, haben diesen Satz lange nicht gelesen – sonst würden sie sich nicht in Ökumenischen Konferenzen die Köpfe heiß reden um Dinge, die jemand, der auf der Suche nach einer tragenden Säule in seinem Leben ist, sowieso nicht versteht.

“Nie wieder Krieg” haben die Menschen nach 1945 gesagt, und die Kirchen waren so voll wie selten. Nach dem 30-Jährigen Krieg, der aus Glaubensgründen ausgebrochen war und bei dem zahllose Kirchen verwüstet wurden, fanden sich die Menschen zusammen und sangen “Nun danket alle Gott”, das Lied ist damals entstanden. Für den Frieden haben die Menschen 1989 hierzulande gebetet und wieder waren die Kirchen voll. Aber nach der friedlichen Revolution bleiben sie zu Hause. Es ist schon seltsam, wie vergesslich wir sind. Wie schnell wir vergessen, dass äußerer Friede nur die Folge von innerem frieden ist und Krieg eine Konsequenz daraus, dass wir nicht offen sind für die, die „ferne“ sind. Wir vergessen, dass uns im Fremden nichts anderes begegnet als ein von Gott geliebtes Geschöpf. Aus Vorurteilen wird Ablehung, aus Ablehnung Hass, aus Hass Krieg. Und erst dann fangen wir an, für den Frieden zu beten und wunden uns: „Wie kann Gott Kriege zulassen?“

Es liegt eine Menge Arbeit vor uns, wenn wir im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut werden wollen. Zuallererst müssen wir Frieden mit uns selbst schließen, in uns selbst uns zu Hause fühlen, denn wo wir vor uns auf der Flucht sind, da hat Gott keinen Platz, da fliehen wir auch vor ihm. Wenn wir andere einladen zu uns, dann doch auch, weil wir etwas anzubieten haben, etwas, was dem anderen eine Freude machen kann und ihn zum Wiederkommen ermutigt. Eine verkrachte Nachbarschaft, die darüber debattiert, wie denn welche Bibelstelle im Detail zu übersetzen wäre und zum Beispiel wer in unserem heutigen Predigttext mit den “Propheten”, die das Fundament bilden, gemeint ist, mit der möchte man sich ja nicht unbedingt belasten.

Wie gut, wenn wir da auf diesen wunderbaren Stein verweisen können, der das ganze Haus mit seinen vielen Wohnungen zusammenhält. “Eckstein”, übersetzen die einen, “Schlussstein” die anderen. Aber wie gut, dass dieses Haus Kirche etwas ganz Besonderes ist: Der, der unser Friede ist, Jesus Christus, der ist Grundstein, Eckstein und Schlussstein zugleich. Von ihm kommen wir, er begleitet uns – und zu ihm gehen wir. Wenn wir der Einladung Gottes folgen, heißt das: Unser Weg, auch wenn er uns streckenweise noch so eigenartig, ziellos und unübersichtlich vorkommt, ist eigentlich von vornherein klar: Wir gehen immer nach Hause.

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