Grenzenlos

Da sitzen sie alle zusammen: Martin, Ulrich, Johannes und ihre Freunde und Bekannten. Sie unterhalten sich über das Abendmahl – jedenfalls zu Anfang. Denn schon nach kurzer Zeit wird aus der Unterhaltung heftiger Streit. Sie können sich nicht einigen, wie denn die Einsetzungsworte, die Jesus über Brot und Wein gesprochen hat, zu verstehen sind. Am heftigsten streiten Martin und Ul-rich gegeneinander. Johannes ist nach dem ersten Geplänkel aus der Diskussion ausgestiegen. Er weiß nicht so recht, was er von der ganzen Sache halten soll.

"Das ist mein Leib, steht da!" ruft Martin mit hochrotem Kopf. "Und wenn da steht, das ist mein Leib, dann ist es auch sein Leib! Basta!" Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen kritzelt er das kleine Wörtchen "ist" auf griechisch in das weiche Holz der Tischplatte und unterstreicht es dreimal. Ulrich kann es nicht mehr hören, so ein sturköpfiger Kerl, denkt er. Doch dann reißt er sich zusammen und bringt noch einmal seine ganze Geduld auf: "Ich habe es dir jetzt schon hundertmal erklärt." Er beugt sich über die halbe Tischplatte, so als wollte er jedes einzelne Wort dem Martin einbläuen. "Jesus wollte doch damit nicht sagen, dass er sich jedes Mal in ein Stück Brot oder in einen Schluck Wein verwandeln will, wenn wir das Abendmahl feiern. Er hat das doch nur symbolisch gemeint: Wenn ihr davon esst und trinkt, dann bin ich euch so nahe wie die Nahrung, die man zu sich nimmt und die sich dann im Körper mit dem Menschen untrennbar verbindet. Die Hauptsache ist doch, dass wir uns in diesem Moment an ihn erinnern …"

Weiter kommt er gar nicht. Martin springt auf, rauft seine Notizen, die er sich seit Monaten schon zu diesem Thema gemacht hatte, zusammen und stapft zur Tür. Bevor er den Raum verlässt, dreht er sich noch einmal um. "So kommen wir nie zusammen!" Er schaut noch einmal allen, die um den großen Tisch sitzen und stehen, in die Augen. In seinem Blick liegt Wut, aber auch Bedauern, vielleicht sogar ein Hauch Traurigkeit. Dann knallt er die Tür ins Schloss. Das Gespräch ist beendet.

So oder so ähnlich könnte es damals 1529 in Marburg gewesen sein. Die großen Reformatoren sitzen zusammen und diskutieren das Abendmahl: Martin Luther, Ulrich Zwingli, wahrscheinlich war auch schon Johannes Calvin mit dabei. In vielen Dingen hatten sie sich einigen können. Beim Abendmahl jedoch stoßen die gemeinsamen Ideen und Interessen an ihre Grenzen. Zu unterschiedlich sind ihre Vorstellungen, zu wichtig ist ihnen das Teilen von Brot und Wein, so dass keiner von ihnen nachgeben kann und will.

Das Scheitern dieses Einigungsversuches damals hatte eine lange Nachwirkung gehabt. Erst 1973, also 444 Jahre danach, verständigten sich lutherische und reformierte Kirchen mit der Leuenberger Konkordie darauf, sich gegenseitig zum Abendmahl zuzulassen. Im Vergleich dazu ist die Diskussion um eine Abendmahlsgemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche noch sehr jung. Hoffen wir, dass man sich da nicht so viel Zeit lässt und endlich den Schritt wagt, den viele Katholiken und Protestanten für sich bereits gemacht haben.

Denn seien wir doch einmal ehrlich: Hat nicht jede und jeder unter uns seine ganz eigene, persönliche Vorstellung von dem, was beim Abendmahl passiert? Gehen wir nicht alle mit unterschiedlichen Erwartungen, Gefühlen, Stimmungen nach vorne zum Altartisch? Ich frage mich immer mehr, ob es überhaupt möglich ist, etwas in Worte zu fassen, was uns durch Brot und Wein vermittelt werden soll?

Von mir kann ich sagen, dass mir jedes Mal etwas anderes dabei wichtig ist. Das hängt ganz davon ab, was ich erlebt habe, wie es mir geht, was mich zurzeit beschäftigt. Es spielt auch eine Rolle, wie oft ich zum Abendmahl gehe. Als ich hierher gekommen bin, hat mich schon erstaunt, wie selten Brot und Wein miteinander geteilt werden. Ich weiß nicht, woran es liegt, womöglich an einer reformierten Tradition? Vielleicht können Sie mir es ja bei Gelegenheit erklären. In meiner Heimatgemeinde, die eine echt calvinistische ist und deren reformiertes Bekenntnis man schon am Kirchbau erkennt – meine Mutter sagt immer: Marke Bahnhofshalle – selbst da wurde und wird einmal im Monat Abendmahl gefeiert. Und ehrlich gesagt, vermisse ich das hier ein bisschen.

Denn für mich erschließt sich das, was mir das Abendmahl – immer wieder neu und jedes Mal anders – gibt, aus dem Bauch heraus. Und ich behaupte einmal, das geht jeder und jedem von uns so.

Gibt es also überhaupt das Abendmahl, das so und so gefeiert wird, bei dem das und das gesagt werden soll und dies und jenes geglaubt werden muss? Was verbindet uns denn nun, wenn wir um den Altartisch stehen und Brot und Wein weiterreichen?

Paulus gibt in seinem Brief an die Korinther, die eine ganze Menge Probleme mit ihrer Abendmahlspraxis hatten, eine eindeutige Antwort. Er sagt, das Wichtigste dabei ist, dass ihr ein Gefühl von Gemeinschaft zu spüren bekommt! Und zwar über alle Unterschiede, Grenzen und Streitigkeiten, die ja da sind und die auch Paulus nicht leugnet, hinweg. Doch das geht nur, wenn ihr euch zuerst von Jesus zum Abendmahl eingeladen fühlt – wieder eine Sache, die aus dem Bauch heraus kommt. Denn nicht die schönen Worte des Pfarrers oder der Pfarrerin sind es, die einladen, nicht das Presbyterium und auch nicht die Kirche sind es, die hinter dieser Einladung stehen. Die geschieht ganz allein durch den, der zum ersten Mal das Brot gebrochen und den Wein ausgeteilt hat und durch niemand anderen!

Und der hat damals nicht danach gefragt, was seine Freunde dachten und fühlten, als sie das Brot gegessen und den Wein getrunken haben; nicht einmal Petrus, der ihn auf einmal, als es um Kopf und Kragen ging, nicht mehr kannte; selbst nicht den Judas, der dafür gesorgt hat, dass die Soldaten ihn ohne großes Aufsehen holen und ans Kreuz schlagen konnten! Sie alle hat er nichts gefragt! Er hat sie lediglich eingeladen, mit ihm zu essen und zu trinken. Und sie alle haben sich von ihm eingeladen gefühlt. Wie ein Matthäus oder Thaddäus oder eine Maria seine Worte verstand, hat ihn nicht interessiert. Für ihn war es einfach nur wichtig, den anderen in diesem schwierigen Moment ganz nahe zu sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und hätte er bei Martin, Ulrich und Johannes am Tisch gesessen, ich bin sicher, er hätte irgendwann – ohne große Worte zu machen – Brot und Wein serviert und ausgeteilt und es wäre wohl niemand dabei gewesen, der sich hätte ausgeschlossen fühlen müssen, nur weil er anders denkt und glaubt als sein Nachbar.

Für mich ist damit das Abendmahl die offenherzigste Einladung, die wir als christliche Kirche im Auftrag Jesu übermitteln dürfen. "Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!" Wer sich durch diese Worte angesprochen und von Jesus eingeladen fühlt, der ist herzlich willkommen, Brot und Wein miteinander zu teilen.

Ich glaube, dass nur so sehr tiefe Gräben und scheinbar unüberwindbare Grenzen, die Menschen voneinander trennen, überwunden werden können. Wenn wir als christliche Gemeinde dieses Vertrauen gegenüber Jesus aufbringen, dass er schon wissen wird, warum er wen zum Abendmahl einlädt, dann wird uns damit eine Gemeinschaft geschenkt werden, die niemanden, und ich meine wirklich niemanden ausschließt.

Schalten wir beim Abendmahl das Denken einfach ab und vertrauen unserem Gefühl. Vielleicht spüren wir dann, wie nah uns Jesus in Brot und Wein wirklich ist.

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