Gottvertrauen

<i>[Ein Dankeschön für Anregungen und Ideen zu dieser Predigt geht an: Pfarrerin Sabine Richter und das Team von <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a>!]</i>

Vor wenigen Tagen sind die neuen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht worden. 4,7 Millionen Menschen haben keinen Job. Und die anhaltende Wirtschaftskrise lässt jeden bis vor kurzer Zeit noch sicher geglaubten Arbeitsplatz wackeln, keine Branche ist vor den roten Zahlen sicher. Glücklich kann sich da schätzen, wer einer krisensicheren Beschäftigung nachgeht.

Die gibt es tatsächlich auch noch in diesen Tagen, ja ich kann Ihnen da sogar einen höllischheißen Tipp geben: gründen Sie eine Ich-AG und werden sie Teufel! Dann hätten Sie selbst in konjunkturell schwächsten Zeiten ein gut gehendes Geschäft und Ihre Auftragsbücher wären jederzeit voll; an potentiellen Kunden würde es Ihnen nicht mangeln.

Besondere Qualifikationen sind nicht erforderlich: hier ein bisschen Angst schüren, dort ein wenig provozieren und ab und zu Lügen verbreiten – mehr ist nicht nötig. Genau genommen brauchen Sie nur etwas Menschenkenntnis und eine Portion Skrupellosigkeit. Dann kann nichts schief gehen …

Denn, liebe Gemeinde, der Teufel steht nach wie vor hoch im Kurs und wird auch in unserer doch so aufgeklärten Welt immer wieder gerne angerufen und ins Spiel gebracht. Zum Beispiel in der Black-Metal-Szene; da sorgt er für höllisch laute Musik und mitgrölbare Songtexte. Oder in der Werbung, da ist er für den Gewinn bringenden Absatz von Waschmitteln und Computern zuständig. Auf der Kinoleinwand schenkt er uns die wohl dosierte Portion Gänsehaut und in der Kunst und Literatur bereitet er uns einen intellektuellen Genuss.

Leider bleibt sein Auftreten nicht immer harmlos. Immer wieder lesen wir zum Beispiel von so genannten "Satanisten", die in schwarzen Messen geheimnisvolle Rituale vollziehen und damit Angst verbreiten. Auch wenn da vieles von den Medien aufgepuscht wird, gibt es in dieser Szene auch schreckliche Verbrechen, die deutlich machen, dass man über das Phänomen des "Satanismus" nicht einfach hinwegsehen darf.

Besonders gefährlich wird der Teufel, wenn er in der Politik mitmischt. Da wird ein Land wie der Irak zum "Reich des Bösen" erklärt und schon verschafft sich ein demokratisch gewählter Präsident damit die scheinbare Legitimation, einen ungerechtfertigten Krieg zu beginnen.

Aber schweifen wir nicht zu weit in die Ferne, denn auch im alltäglichen Miteinander ist der Teufel ein immer wieder gern gesehener Gast. Wenn ich etwas verbockt habe und mir selbst nicht die Schuld geben möchte, behaupte ich einfach, nicht ich selbst gewesen zu sein; früher hätte man dazu gesagt: den hat der Teufel geritten.

Ja, der Teufel ist schon eine praktische Sache, wenn es dem Menschen darum geht, seine Phantasien auszuleben, sich vor der Verantwortung seiner Handlungen zu drücken oder jemandem eins auswischen zu wollen. Wenn es ihn nicht schon gäbe, müsste man ihn erfinden.

Und wer weiß, vielleicht ist er es ja tatsächlich: eine teuflische Erfindung des Menschen, damit er bis zuletzt jemanden hat, dem er etwas in die Schuhe schieben kann; um – wie in der alttestamentlichen Lesung eben gehört – nicht auf sich selbst zeigen zu müssen, wenn jemand nach dem Schuldigen fragt. "Der war es, nicht ich!"

Für mich persönlich ist der Teufel tatsächlich eine Hilfskonstruktion des Menschen, ein Krückstock, auf den er sich stützen kann, wenn er sich seiner eigenen Fehler nicht stellen will. Im Grunde genommen begegnet uns in ihm nur eine uns vielleicht unbekannte und wohl auch unangenehme Seite unserer selbst, mit der wir uns nicht so gerne beschäftigen wollen und deshalb oft verdrängen.

Und so möchte ich die Geschichte von der Versuchung Jesu als Ermutigung verstehen, sich gerade damit auseinander zusetzen, wo wir Menschen besonders anfällig für Fehltritte sind, die sogar unser Leben an Leib und Seele bedrohen können.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht." – Was Jesus mit diesem Satz sagen will, ist eigentlich nicht neu: es sind nicht nur die materiellen Dinge, die uns am Leben erhalten. Der Mensch braucht Liebe, Zuneigung, Zuspruch ebenso sehr wie das tägliche Brot. Doch kommt gerade in unserer immer mehr vom Konsum beherrschten Gesellschaft die Seele zu kurz. Und oft lassen wir unser tägliches Miteinander von materiellen Werten bestimmen.

Auch wenn unsere Wirtschaft zurzeit in einem Konjunkturloch steckt, ist die Fixierung auf Besitz und Eigentum und auf das Habenwollen immer noch ungebrochen. Es müssen die schickeren Klamotten, das neueste Handy und das PS-stärkere Auto sein. Wer materiell nicht mithalten kann, ist sozial abgemeldet. Und wer seine seelischen Bedürfnisse nicht befriedigen kann, sucht Bestätigung in den Dingen, die für EURO zu haben sind.

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen." – Mehr sein zu wollen, als man ist, auch das ist im Moment total angesagt. DSDS – Deutschland sucht den Superstar! Mit dieser Show hat Dieter Bohlen mal wieder den richtigen Riecher für die Sehnsüchte von Millionen bewiesen. Einmal ein Superstar werden, was auch immer das ist. 10.000 haben sich beworben, Millionen verfolgen das Spektakel am Fernsehen und sehnen sich danach, einmal als das zu gelten, was sie in Wirklichkeit nicht sind: als ein Superstar!

Da werden Menschen wie du und ich aus ihrem Alltag gerissen, dürfen für ein paar Wochen im Rampenlicht stehen und – wenn es das Publikum so will – wieder wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Über diejenigen, die schon ausgeschieden sind, redet kein Mensch. Wie sie mit ihren Enttäuschungen und Verletzungen fertig werden, interessiert keinen. Pech, du hast es eben nicht gebracht, du bist eben kein Superstar.

"Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm alleine dienen." – Macht über jemanden auszuüben, ist verführerisch attraktiv! Schließlich ist man dann wer, man besitzt Einfluss, streichelt sein Ego und kann dabei noch den ganzen Frust abladen, den man selbst als Untergebutterter erlebt hat. Macht zu missbrauchen kann viele Gesichter haben und sie auszuspielen viele Orte.

Die Irakkrise ist im Grunde nichts anderes, als ein Produkt von Machtmissbrauch. Auf der einen Seite durch einen machtbesessenen Diktator, der sein eigenes Volk unterdrückt und dem jedes Mittel recht ist, um an der Macht zu bleiben. Auf der anderen Seite durch den Präsidenten des wohl mächtigsten Staates dieser Erde, dem scheinbar jedes Gespür für Verhältnismäßigkeit verloren gegangen ist und der so von sich überzeugt ist, dass er kritische Stimmen schlichtweg überhört: wer nicht für mich ist, ist gegen mich!

All diese Beispiele sind übertragbar auf jeden einzelnen unter uns. Wir alle geraten fast täglich in Situation, in denen wir uns entscheiden müssen: dem Konsumdruck nachzugeben oder sich nicht von den Werbesprüchen vereinnahmen zu lassen; den anderen etwas vormachen oder ich selbst sein; die alltäglichen Machtspielchen mitmachen oder auch einmal nachgeben können …

Jede und jeder von uns hat ihre, hat seine Schwächen – und ich meine damit nicht das zweite Stück Kuchen am Nachmittag oder den Fable für schnelle Autos. Mir geht es um grundsätzlichere, viel tiefer in unserer Seele verankerten Dinge, die zerstörerisch wirken können.

Jesus hat sich ihnen gestellt – und er hat sie in den Griff bekommen; weil er gewusst hat, dass sein Leben nicht von seinen Fähigkeiten abhängt, sondern getragen ist von dem, der das Leben geschaffen hat; weil er gespürt hat, dass er – unabhängig von dem, was er leistet – bei Gott etwas wert ist; weil er davon überzeugt war, dass es nur einen geben darf, der über das Leben bestimmen soll.

Dem Frieden, unserem eigenen und dem in der Welt, täte es gut, wenn wir in unserem Leben mit unseren Stärken, aber auch gerade mit unseren Schwächen, mehr von diesem Gottvertrauen zulassen würden. Wir müssten dann weder uns selbst noch irgend jemandem etwas beweisen. Und dann könnte kommen wer oder was auch wollte, wir würden, davon bin ich überzeugt, uns mehr für das entscheiden können, was dem Leben dient – meinem eigenen und dem der anderen. Und dann müsste selbst der Teufel, wenn es ihn denn gäbe, seinen lukrativen Job an den Nagel hängen und Konkurs anmelden.

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