Gottes Wort ist lebendig

Liebe Gemeinde,

Ausgangspunkt ist ein Schwert, das auf beiden Seiten scharf geschliffen ist. In der Hand falsche Leute kann es eine Menge Schaden anrichten, zum Beispiel einen Menschen in der Mitte zerteilen. Richtig verwendet kann es Schutz und Hilfe bieten und Menschen vor dem Verderben bewahren. Es kommt also darauf an, wer und wozu das Schwert eingesetzt wird.
Gottes Wort ist eine scharfe Waffe, doch in den falschen Händen kann damit enormer Schaden angerichtet werden. Ein kleines Beispiel, damit es deutlich wird, was ich meine. Ich greife einfach zwei Bibelverse heraus, die ich beide in den Evangelien finde. Die erste: „Er ging fort und erhängte sich.“ (Matthäus 27, 3) die zweite: „So geh hin und tu desgleichen.“ (Lukas 10, 37) Wenn ich die beiden kombiniere komme ich zu einer völlig falschen Aussage.

Ist nun Gottes Wort gefährlich und gehört in den Waffenschrank. Auch wenn es viele Leute so praktizieren und die Bibel im Bücherschrank so verschlossen wie in einem Waffenschrank steht, ist dem nicht so. Martin Luther hat uns einen guten Ratschlag gegeben, was den Umgang mit der Bibel angeht gegeben. Wir sollen die Bibel von dem her verstehen, „was Christum treibet.“, d.h. das wir durch Gottes Wort immer näher und inniger zu einem Glauben an Jesus Christus hingeführt werden. Es kommt also darauf an, wer und wozu Gottes Wort eingesetzt wird.

Wichtig ist ein weiteres: Mit einem Schwert muss ich über, damit ich in richtiger Weise damit umgehen kann. Das sehen wir zum Beispiel beim Fechten, wo die Sportler oft mehrmals die Woche üben, um mit dem Degen erfolgreich zu sein.

Auch mit dem Wort Gottes muss ich üben. Eine gute Übung ist es, jeden Tag darin zu lesen. Noch besser ist der Trainingseffekt, wenn ich mich wöchentlich mit anderen in einem Hausbibelkreise oder einer kleine Bibelstudiengruppe treffe und mich im Umgang mit Gottes Wort für mein Leben übe. Falls jemand Interesse hat, kann er oder sie mich gerne ansprechen, damit wir die richtige Gruppe finden.

Schauen wir uns den zweiten Satz unseres Predigttextes an: „Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

An diesem Satz zeige ich ein zweites Beispiel, wie das Wort Gottes als verletzendes Schwert missbraucht wurde. Aus ihm wurde der Erziehungssatz: „Der liebe Gott sieht alles“ abgeleitet und mit erhobenem Zeigefinger auf unzählige Kinder angewendet. Die an sich richtige Aussage über Gottes Allwissenheit bekommt hier als Erziehungsmethode einen schalen Geschmack.

Richtig angewendet, ist diese Aussage jedoch von gewaltigem Trost, ich will es an drei Beispielen zeigen: „Der liebe Gott sieht alles“, auch das schwierige Gespräch und die schwierige Situation, die vor mir liegt, er sieht es und geht mit mir. Ich darf alles was mich umtreibt, alles was mir angst macht und alles was meine Möglichkeiten übersteigt, getrost in Gottes Hand legen.

„Der liebe Gott sieht alles“ auch wenn ich morgens die Zeitung lese, mit all den schrecklichen Verbrechen, Unglücken und Kriegen. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, sondern Gott wird hier einmal sein Urteil sprechen. Das ist keine Drohung, sondern die logische Konsequenz, das der Schöpfer des Universums einmal von seinen Geschöpfen Rechenschaft fordern wird. So wie ein Firmenschef erwartet, dass seine Angestellten die Arbeit tun. So wie ein Fußballclub erwartet, das seine Mannschaft auf das gegnerische Tor spielt und nicht auf das eigene.

„Der liebe Gott sieht alles“ Auch das was nicht so perfekt in meinem leben. Und in dieses nicht perfekte Leben will er hinein kommen und Gemeinschaft mit mir haben. Das wird gleich ganz deutlich werden, wenn wir miteinander Abendmahl feiern. Hier ist Gott mit dabei und spricht uns von unserer Schuld frei.
Drei Beispiele wir den Satz: „Gott sieht alles“ richtig verstehen.

Und doch bleibt es gefährlich sich mit Gottes Wort zu beschäftigen. Es ist ein Unruhestifter.
Es deckt die Sünde auf. Wer ehrlich ist, der weiß dass in seinem Leben nicht alles in Ordnung ist. Gottes Wort deckt diese Fehlstellen auf und will uns helfen, sie zu beseitigen.

Es ist lebendig. Es gibt Stellen in der Bibel, von denen glauben wir, dass wir sie verstanden haben. Wir lesen sie und plötzlich merken wir, das noch mehr dahinter steckt, als wir bisher begriffen haben. Das ist das Leben das in der Bibel steckt.

Es ist ewig. Das wird uns in der diesjährigen Jahreslosung mitgegeben: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“

Dass Gottes Wort Sünde aufdeckt, lebendig ist und ewigen Bestand hat werden wir in der nächsten Geschichte sehen: Im Moskauer Staatstheater fand die Premiere des antireligiösen Stückes „Christus im Frack" statt. Schulen, Jugendorganisationen und Jungarbeiter sollten das Stück in ihr Kulturprogramm aufnehmen und diskutieren.

Die Hauptrolle des Christus spielte der berühmte Schauspieler und Kommunist Alexander Rostowzew. Kein Wunder, dass das Theater bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Auf der Bühne stand ein „Altar" – mit Schnaps- und Bierflaschen übersät. Betrunkene und grölende Popen, Nonnen und Mönche bewegten sich um diese Bartheke.

Zu Beginn des zweiten Aktes betritt Rostowzew die Bühne. In seinen Händen hält er die Heilige Schrift. Laut Regieanweisung hat er mit Witzen und Späßen die Zuschauer zu Lachstürmen hinzureißen. Alles, was mit Dummheit und Aberglauben zusammenhängt, ist hineingepackt. Nach Verlesen der ersten beiden Verse aus der Bergpredigt soll der Schauspieler in den Ruf ausbrechen: „Reicht mir Frack und Zylinder!"

Rostowzew beginnt und liest: „Freuen dürfen sich alle, die sich arm fühlen vor Gott; denn Gott liebt sie und öffnet ihnen die Tür zu seinem Reich. – Freuen dürfen sich alle, die trauern; denn Gott wird sie trösten.

Der Regisseur schmunzelt hinter den Kulissen in sich hinein: In wenigen Augenblicken werden die Lachstürme losbrechen. Aber nichts von dem geschieht. Rostowzew liest weiter: „Freuen dürfen sich alle, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben!" Das Publikum rührt sich nicht. Es spürt sofort, dass in dem Schauspieler etwas vorgeht. Alle halten den Atem an. Dann, nach kurzer Unterbrechung, liest er weiter. Mit einem anderen Klang in der Stimme. Totenstille. Der Staatsschauspieler tritt mit der Heiligen Schrift an die Rampe, schaut wie gebannt in das Buch und liest . . . und liest . . . alle 48 Verse des 5. Kapitels des Matthäus-Evangeliums. Niemand unterbricht ihn. Sie lauschen – als stünde Jesus selber vor ihnen. Dann kommt es leise von seinen Lippen: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!"

Rostowzew schließt das Buch. Es sieht so aus, als deute er damit auch etwas Endgültiges für sein Leben an. Er bekreuzigt sich nach orthodoxer Art und spricht laut und vernehmbar die Worte des Schächers am Kreuz: „Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!"

Niemand schrie oder pfiff oder protestierte. Stumm verließen alle das Theater. Es war wie nach einem Gewitter: Der Blitz hatte eingeschlagen und alle getroffen.

Das Stück kam nicht mehr zur Aufführung. Und Rostowzew war nach jenem Premierenabend für immer verschwunden.

Es mag sein, dass er sein irdisches Leben verloren hat, das ewige hat er auf jeden Fall gefunden. Hier wird deutlich wir Gottes Wort wirkt und selbst Gegner überzeugt. Rostowzew steht hier in einer Linie mit dem ehemaligen Christengegner Paulus und vielen anderen die Gott und sein Wort erfahren haben. Wir trauen Gottes Wort oft viel zu wenig zu: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

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