Gottes Trost

Liebe Gemeinde,

wir sind mitten in der Passionszeit, der Leidenszeit Christi, derer wir gedenken im Warten und Hoffen auf Ostern, der Auferstehung unseres Herrn. Das will uns die Farbe am Altar und an der Kanzel anzeigen: violett als die Farbe der Sehnsucht nach Gott: wir sehnen uns nach seiner Gegenwart – aber auch als die Farbe der Buße und der Reue: wir müssen umkehren in unserem Leben: das Böse meiden und das Gute tun. Aber dieses Einfache schaffen wir nicht: wir führen auf´s Ganze gesehen ein böses Leben, ein Leben, das sich oft nicht unterscheiden lässt von dem Leben derer, die nicht an Christus glauben.

Daran aber leiden wir tagtäglich und dieses Leiden wird uns erinnert in der Passionszeit. Aber, liebe Gemeinde, wir unterscheiden uns von den Menschen, die Christus nicht als ihren Herrn anerkannt haben, indem wir seine Lehre haben und den Glauben an ihn von Gott geschenkt bekommen haben: das ist unser Trost, der uns zur Gewissheit wird, genauso, wie die Auferstehung Jesu uns ein Zeichen wird für unsere eigene Auferstehung, an die wir nach dem Ende dieses Lebens glauben als ein neues Leben, gereinigt und verherrlicht durch Gott selbst. Von diesem Trost aber spricht auch unser Predigtwort. Wir hören das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther im ersten Kapitel, die Verse eins bis sieben:

[TEXT]

Es ist schwer, diese Worte, ja diesen Brief des Paulus für uns deutlich vor Augen zu kriegen, denn es ist wohl der persönlichste Brief, der von ihm erhalten ist: kaum werden Einzelfragen angesprochen wie im ersten Korintherschreiben, sondern es geht immer um das eine Thema: die Autorität des Apostels. Aber er schreibt an seine Gemeinde als an die Gemeinde Gottes, die zweifelnd und fragend und im Leid gebunden ist. Daraufhin wollen auch wir uns ansprechen lassen, denn wir sind eine solche Gemeinde Gottes: zweifelnd und fragend und im Leide sich befindend.

Mit den Worten, die wir eben gehört haben, beginnt der Hauptteil des Briefes und es ist: ein Lob Gottes, es ist ein Lobpreis, der Gott dankt und ihn preist, weil er mit dem Leide auch den Trost gegeben hat. Für jedes Leid gibt es einen Trost und es gibt noch mehr: für jeden Leidenden gibt es einen Tröstenden. Und jeder Christ hat die Fähigkeit zum Trösten. Wer das hört und sein Leben bedenkt, dem wird es seltsam vorkommen, der er weiß aus der Erfahrung, die er bisher in seinem Leben gewonnen hat: es gibt Situationen, in denen erfahre ich keinen Trost oder Situationen, in denen kann ich keinen Trost spenden. Wo der geliebte Ehepartner stirbt, wo das junge Kind tödlich erkrankt, wo ein Lebensziel beruflicher Art zerstört wird, aber auch in den scheinbar kleinen, alltäglichen Enttäuschungen gelingt es mir oft nicht, den Trost zu spenden, der den jeweiligen Menschen erreichen könnte. Wie eine Mauer des Schmerzes, wie ein dunkler Ring um sein Leben, wird alles an ihm abprallen, was unserer Meinung nach helfen könnte. Aber auch anders herum: als selbst Betroffener – was ist schwieriger zu hören, als die gut gemeinten Ratschläge, von denen ich nur das Gefühl haben muss, es ist alles eitle Schwätzerei, die doch nichts von meinem Problem verstanden hat. Bis hierhin, liebe Gemeinde, unterscheidet uns noch nichts von den Menschen, die Christus nicht kennen, denn darin erfahren wir alle das Gleiche: sinnloses Leid und unverstehbarer Schmerz umgeben uns alle Tage in unserem Leben. Auch nicht anders hat es der Apostel Paulus erfahren – er schreibt in seinem Brief davon und wir haben es schon oft in der Predigt gehört: schwach ist er, arm, verfolgt und bedrängt, Niederlagen muss er einstecken und vom Glanz, den solch ein Verkündiger haben sollte, ist weit und breit nichts zu spüren. Aber Paulus weiß von einer inneren Verbindung zu diesem Leid, die es zwar nicht erklären kann: das große "Warum?" nicht lösen kann, aber es einordnet in eine Beziehung, die den Menschen, denen er verkündigend begegnet, bisher gefehlt hat: es ist der Bezug auf Jesus Christus, der selber leidend gestorben ist für unsere Sünden.

So ist der Christ auf seinen Namen getauft und beginnt mit dieser Taufe die Nachfolge Jesu in seinem Leben. Die Nachfolge Jesu aber heißt, dass der Christ beginnt, in seinen Dienst zu treten. Und in den Dienst Jesu zu treten, heißt von Jesus als dem Christus zu reden, ihn zu verkündigen, ihn bekannt zu machen unter den Menschen, in seinem Namen zu helfen und zu wirken. Es heißt nicht, von Jesus von Nazareth zu reden als dem Sohn eines Zimmermanns, der Brüder und Schwestern hatte und sich zu überlegen, wie wohl die historische Aufarbeitung am besten zu gewährleisten wäre. Nein: es heißt davon zu reden, dass wir in diesem Menschen Jesus Gottes Sohn glauben und ihn verehren als das Bild Gottes, das uns allein zugänglich ist. Es heißt, dass wir bekennen, dass nichts anderes in unserem Leben an der ersten Stelle stehen kann außer allein und einzig der dreieinige Gott. Und das, liebe Gemeinde, bedeutet nicht, dass wir jetzt immer und alle Zeit nur rumlaufen sollen und jedes Gespräch in ein Missionsgespräch verwandeln müssen.

Es heißt nicht, dass wir nur noch Kawohl-Poster in unseren Zimmer aufhängen dürfen und nur noch sogenannte christliche Musik hören und sogenannte christliche Bücher lesen dürfen. Nein, es heißt, dass wir unser Leben alleine diesem Gott vertrauen, dass wir sehen und im Herzen spüren, dass alles, aber auch alles, was uns im Leben auf dieser Erde wichtig und notwendig erscheinen mag: die Unversehrtheit des Leibes und des Verstandes, die liebevolle Einbindung in Familie und Partnerschaft, der notwendige Besitz und das Geld, um sich Essen und anderes zu kaufen: dass all dies gewissermaßen an zweiter Stelle zu stehen kommt – dass all dies nichts ist im Vergleich zu der Gerechtigkeit und der Seligkeit, die uns Gott im Glauben und Vertrauen an Jesus Christus geschenkt hat. Und das ist wichtig: geschenkt, weil wir es mit keinem Deut, mit keiner freien Entscheidung, mit keiner Leistung, mit keinem Willen und keiner Tat uns verdienen können. Vielleicht, liebe Brüder und Schwestern, werden Sie jetzt denken: das alles ist doch sehr abgedreht, ja nur theoretisch, nur Theologiegefasel oder Gelehrtengeschwätz. Aber ich sage Ihnen aus unserem Predigtwort heraus: die Nachfolge Jesu ist genau dieses: eine radikale und alles umwerfende Veränderung des Blickwinkels meines Lebens: es ist radikale Umkehr und ja: es ist extrem! All das aber, liebe Gemeinde, bedeutet, weil wir Jesus nachfolgen, den Hohn und den Spott der Welt und es vermehrt das Leid, das wir alle tragen. In dem Dienst, in dem wir alle stehen: ich nicht anders als Sie – Sie nicht anders als ich – wir alle nicht anders als Paulus: in diesem Dienst gehen wir den Weg Jesu des Leidens nach. Wie aber können wir dann Gott loben, so wie es Paulus tut? Wir können es ebenfalls nur tun, weil wir Jesu Weg für uns bis zum Ende kennen gelernt haben: sein Leiden, sein Sterben und schließlich sein Auferstehen. Weil wir wissen, weil wir es im Kirchenjahr erinnern, genauso wie jeden Sonntag: dass Gott in Jesus den Tod und das Leid überwunden hat, dass er seinen Sieg davongetragen hat, so wie es das Lamm mit der SieSiegesfahne in unserem Altarkreuz zeigt und bekennt: der Sieg über den Tod ist uns versprochen und er ist uns gewiss. Darin macht das Leiden Sinn, dass wir den Weg kennen, wohin er führt oder besser, woraus er heraus führt. Unser Sonntag heute heißt Lätare, das heißt: freuet euch! In der Halbzeit der Fasten- und Passionszeit, an der wir heute
angekommen sind, wird deutlich gemacht: freuet euch, denn Jesu Weg für uns hat ein Ziel! Deswegen kennt die Kirche neben violett auch eine besondere Farbe für diesen Tag: es ist das rosa inmitten der Fastenzeit, die in manchen Kirchen auch gedeckt wird. Auf dieses Ziel hin leben wir, weil wir in Christus leben, auf dieses Ziel hin sterben wir, weil wir in Christus sterben.

Sein Name allein sei gepriesen! Nun endlich aber wird deutlich, wessen Trost wir spenden können und zwar als Christen jederzeit: es ist der selbe Trost, von dem ich gerade gesprochen habe: der Trost der Auferstehung, des Sieges Gottes, der Überwindung dieser Welt. Wer an Christus glaubt – wer ihm vertraut, der wird selig werden. Und dieser Trost bleibt nicht weltfremd, er bleibt nicht theoretisch, sondern er bestimmt das Leben des Tröstenden und durch ihn hindurch wird diese Kraft Gottes spürbar werden im Trösten seiner Nächsten.

Denn es ist müßig, die Frage zu diskutieren, was denn wichtiger sei: der Glaube oder die Werke! Denn es ist völlig klar, dass aus dem Glauben die Werke fließen, frei und selbstständig, nicht gemacht oder produziert, weil ich muss, weil ich ein Gesetz halten und erfüllen muss, nicht weil ich unter Leistungsdruck stehe als Christ. Nein, sondern, weil ich frei bin, weil ich frei gemacht wurde in diesem Glauben an Gott und aus diesem guten Baum werden gute Früchte kommen: es kann nicht anders sein. Diesen Trost, liebe Gemeinde, haben wir von Gott. Und ich weiß, dass jeder in seinem Leben, dass sich so unterschiedlich wie nur möglich vor uns anderen darstellt, dass jeder und jede als Gottes Werkzeug und sein Diener diese Taten, diese guten Früchte bringen wird und kann. Jeder, den Gott in den Glauben berufen hat und ihm die Freiheit durch die Taufe geschenkt hat.

Dies aber, was Paulus den Korinthern schreibt ist auch für uns Gewissheit: "Unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben."

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