Gottes Heiligung

Liebe Gemeinde,

es gibt Momente in meinen Dasein als Religionslehrer, da möchte ich schier an die Wand springen. Und das sind nicht zuerst die Probleme, die evangelischer Unterricht in der Diaspora eben so hat: Nachmittagunterricht oder große, zusammengewürfelte Klassen, die so etwas auslösen. Nein, es sind v.a. die Momente, in denen mir die Vertreter der staatlichen Zunft wohlwollend meinen zu erklären müssen, wozu der Religionsunterricht eigentlich gut sei. Was fällt da als erstes? Es ist gut, dass die Kinder lernen, wie man miteinander umzugehen hat. Es ist gut, dass es einen Unterricht gibt, der Werte vermittelt. Es ist gut, dass jemand sagt, was man tun und was man lassen sollte. Warum ich da an die Wand springen könnte, liebe Gemeinde? Nun: ganz einfach: all das ist nicht der innere Sinn von Religion, in unserem Fall: unseres evangelisch-lutherischen Glaubens, ja ich wage zu behaupten: das ist überhaupt nicht der Sinn des Glaubens, sondern höchstens der Ausfluss, die Folge eines guten Glaubens. Wenn dem so wäre, wie viele meinten, dann hätten wir einige Probleme nicht. Dann könnten wir einen Katalog ausarbeiten, ganz wie Sie wollen: ein Weißbuch oder ein Schwarzbuch. Einen dicken Schinken also, in dem minutiös aufgelistet wird, was der Mensch tun darf und was nicht. Und das nicht nur generell, in dem Sinne: sei nett zu deinem Nächsten, sondern ganz und gar im Detail: jeder Fall müsste versucht werden, einzufangen. Der Glaube aber, liebe Gemeinde, ist mehr und er hat eine ganz andere Stoßrichtung: der Glaube beunruhigt die Menschen, weil er Dinge, die sich eingeschliffen haben, in Frage stellt. Der Glaube weiß um die dunklen Seiten Gottes, jenes Gottes, der eifersüchtig wachen kann, der Gott der tötet und wieder lebendig macht. Mit anderen Worten: der Glaube weiß um den lebendigen Gott, der mit uns Menschen eine Beziehung eingegangen ist und dass wir nur allein aus diesem Grunde nicht stehen bleiben können und dürfen. Wir sind Pilger allzumal in dieser Welt und wer verharrt und wer sich zementiert in seinen Haltungen und Gedanken, der gerät in die Gefahr der Verstarrung und des Todes.

Wer das Predigtwort von heute liest, ohne etwas über unseren Glauben zu wissen, der wird freilich denken, es ginge hierbei um eben einen solchen Katalog des Guten und des Bösen. Der wird sich und seine Sicht der Dinge darin wiederfinden, wenn es darum geht, den Begriff "Unzucht" zu definieren. Und er wird in die Sphären kommen, in denen sich andere Glaubensgemeinschaften befinden, wenn sie den Geschlechtsverkehr zwischen Eheleuten regeln und bestimmen wollen. Ich kenne Glaubensgemeinschaften, für mich klassische Sekten, die schreiben ihren Mitgliedern vor, welche Praktiken erlaubt und welche verboten sind – und: dass die verbotenen, wenn denn vom Ehepartner eingefordert, beim Ältesten, so eine Art Kirchenvorstand, anzuzeigen sind. Ich nenne diese Atmosphäre eine Atmosphäre der Angst, in der die Gläubigen gehalten werden, weil sie vor lauter Verboten das Ziel ihres Glaubens nicht finden können. Ich glaube, dass Paulus, als er nach Beispielen für die Sache suchte, die er eigentlich beschreiben wollte, keine sehr glückliche Hand hatte. Der alte Paulus, der Pharisäer, der Gesetzeseiferer, kommt hier wohl noch manchmal durch, wenn er versucht, die Menschen zu einem Leben aus dem Glauben zu bewegen. Ob er, der selbst forderte, am besten gar nicht zu heiraten (und auch selbst nicht heiratete) der beste Ratgeber für Verhalten in der Ehe ist, sei heute mal dahingestellt. Ich würde aber so nicht reden, wenn mir das Predigtwort nicht selbst Anlass dazu gäbe. So sehen wir in unserem Predigtwort das Ziel am Ende klar vor Augen gestellt: Gott hat uns zur Heiligkeit berufen! Und das, liebe Gemeinde, ist kein Hintertürchen zur Selbsterlösung, frei nach dem Motto: wenn du nur brav so oder so lebst, dann kommst du auch schön in den Himmel. Zu oft weiß die Bibel und auch die Kirchengeschichte, gerade unsere eigene, davon zu berichten, dass das eben nicht geht: sich selbst zum Heil führen. Sondern es heißt ganz genauso wie schon auch bei der Gerechtigkeit: Gott selbst ist derjenige, der uns heiligt, der uns heil macht.

Wir, liebe Gemeinde, sind die Empfangenden, wir sind die Beschenkten – nicht wir selbst machen uns gerecht, heilig oder heil: Gott allein tut dies. Und: ich darf mir das sagen lassen, ich darf mich beschenken lassen, ich darf mich daran erfreuen, dass ich Geschenke bekomme. Bald kommt ja wieder eine Zeit, in der wir das sinnbildlich feiern wollen: etwas geschenkt zu bekommen und aus Liebe und freiem Herzen heraus, selbst zu schenken. Und das ist gleichsam die Erklärung zu unserem Begriff Glauben: das Vertrauen, das ich in Gott haben darf: dass er für mich da ist, dass er mir nachgeht, dass er mich nicht alleine lässt, dass er mir eine Zukunft eröffnet. Glauben als Vertrauen heißt also: ich darf mich darin von Gott selbst beschenken lassen. Und erst das, liebe Gemeinde, das alleine eröffnet dann die neue Sichtweise: nämlich, dass ich als Beschenkter anders leben werde oder es zumindest versuche, als ich vorher gelebt habe. Und das ebenfalls nicht, weil ich nun etwas beweisen oder wiederum leisten müsste für dieses Geschenk, sondern weil ich erfahren habe, was es heißen kann, geliebt zu werden. Und, weil ich von daher einen neuen, anderen Sinn in meinem Leben gefunden habe. Dann werden die Menschen um mich herum vielleicht sehen, was es heißen kann, Christ zu sein: ich lebe vielleicht befreiter, entspannter, ruhiger. Vielleicht sind mir meine Entscheidungen klarer, ich bin sicherer auch in meinem ethischen Verhalten. Das Ziel meines Lebens ist das Leben mit Gott und nichts anderes. Alle Süchte werden hoffentlich als Süchte entlarvt und hinten an gestellt. Das Ziel meines Lebens ist ein Leben mit Gott, eben weil ich geheiligt worden bin. Und dann, liebe Gemeinde, erst dann, kann ich auch gerne über ein Verhalten in Fragen der Sexualität diskutieren oder über ein Verhalten im Handel und in der Wirtschaft, welches im Predigtwort ja auch genannt ist.

Am 24. Oktober 1945 trat die Charta der Menschenrechte in Kraft – nächstes Jahr gibt es wohl dazu ein Jubiläum zu feiern. Und es trifft sich hervorragend, dass sich heute Predigtwort und Worte der Menschenrechte überschneiden. An diesem Beispiel kann man sehen, dass allein das Moralwort nicht ausreicht, um zu begründen, warum man so oder so handeln soll. Der Moralappell, die Moralpredigt bleibt hohl und leer, wenn sie nicht den inneren Grund für ihre Regeln offen legt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde wieder einmal offenbar, zu welchen Taten der Mensch fähig ist, und ähnlich wie in unserem Grundgesetz findet sich deshalb in der Charta der zentrale Verweis auf die Menschenwürde als Kern und Ausgangspunkt der Argumentation. Genauso etwas aber muss geleistet werden, wenn man möchte, dass die Menschen bestimmte Werte akzeptieren und sie lernen, umzusetzen. Denn Sie wissen es, liebe Gemeinde, die Menschen haben zu allen Zeiten und an allen Orten höchst verschiedene Regeln aufgesetzt, um ihr Miteinander zu bestehen. Die meisten davon sind in sich logisch, weil sie einen Kern und einen Grund haben, wenngleich wir ebenfalls viele davon nicht bei uns als Regeln haben wollten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: wenn man davon ausgeht, dass die Frau ein minderwertiges Wesen ist, weil sie nicht so viel Verstand und Umsicht besitzt, wie ein Mann, dann ist es innerhalb dieser Regeln sinnvoll, einer Frau keine wichtigen Ämter zu geben oder ihr etwas anzuvertrauen. Sagen wir aber mit Paulus im Galaterbrief, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, dann wäre eine solche Regelung unsinnig und müsste überprüft werden. Moral also, die ohne einen Kern daherkommt, der sie begründet und stützt, ist wertlos, weil sie keinen Halt geben kann. Moral aber, die einen Kern hat, kann helfen, menschliches Zusammenleben zu regeln.

Unseren Kern sollten wir nicht vergessen: Christus Jesus ist für unsere Sünden gestorben. Durch seine Tat ist uns ein Weg der Liebe zu Gott hin geöffnet worden, zu dem wir selbst nichts, aber auch gar nichts beigesteuert haben. Wir sind von Gott beschenkte Menschen! Wer diesen Kern glaubt, also Gott sein Vertrauen für sein eigenes Leben schenkt, der wird auch aus diesem Kern heraus leben und das heißt v.a. auch handeln. Er wird das Verhalten seinem Ehepartner gegenüber so gestalten, dass es auch in dieser Beziehung klar ist, dass er oder sie ein geliebtes Kind Gottes ist. Der wird sein Leben so gestalten, dass es nach außen hin sichtbar ist, dass er kein Handelsbetrüger oder Rechtsbrecher ist. Er wird aber noch ein anderes wissen und es nicht zur Entschuldigung sich selber gegenüber anwenden. Er wird wissen, dass er noch ein Mensch ist, der auf Erden wandelt. Noch ein Sünder, wenngleich bereits befreit. Und er wird wissen, dass er immer noch Fehler machen wird, so sehr er sich auch anstrengen mag, aber dass er mit diesen Fehlern immer wieder vor Gott treten kann, der ihm erneut zusprechen wird, dass Gott für sein Leben eine Garantie übernommen und ihm ein Ziel geschenkt hat. Gott hat seinen heiligen Geist in uns gegeben, so sagt es unser Predigtwort – mit diesem Wissen und diesem Vertrauen dürfen wir zu ihm hin leben und unser Leben gestalten. Und das ist weit mehr, als ein bloßer Moralkatalog und viel mehr, als man unserem Glauben nach außen hin oft zutraut.

Und der Friede Gottes, der uns vom Kern her erfasst, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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