Gottes geliebtes Kind

Liebe Schwestern und Brüder,

„unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ – dieser Satz ist für mich mit einem ganz bestimmten Bild verbunden. Ich liebe einen alten Friedhof in meiner Heimatstadt an der französischen Grenze. Grabmale aus dem 19. Jahrhundert mit großen Figuren stehen unter alten Bäumen – im Sommer ging und gehe ich gerne dort spazieren. Jahrzehnte lang dämmerte der Friedhof vor sich hin. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat – das stand auf einem verwucherten Familiengrab mit einer recht lädierten Engelsfigur. Lokale Prominenzen von einst, Stahlbarone, die auch Kanonenkugeln gießen ließen, hatten sich da ein Denkmal gesetzt. Jetzt machte die Grabstätte eher den Eindruck, als habe die Welt den Glauben überwunden, denn der Friedhof interessierte keinen mehr. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“, so steht es auch manchmal über dem Sakristeieingang von Kirchen oder an der Empore. Und oft sind diese Kirchen, gerade hierzulande, in einem erbärmlichen Zustand. Nur im Sommer findet vor dem verheißungsvollen Satz ein Gottesdienst statt – das Publikum besteht zum Großteil aus älteren Frauen.

Alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt – ist das wirklich wahr? Und woher wollen wir so ganz genau wissen, was von Gott geboren ist? Wenn Fundamentalisten im Namen Gottes gegeneinander Krieg führen, was ist da von Gott geboren? Der Friedhof in meiner Heimatstadt ist übrigens inzwischen denkmalgeschützt, die alten Gräber werden Zug um Zug restauriert, auch die von gefallenen Soldaten aus dem Krieg von 1870/71, die für „Gott und Vaterland“ zum Beispiel aus der hiesigen Region bis in den äußersten Westen marschiert sind, um dann bei Spichern ihr Leben zu lassen, im letzten Krieg, den Deutschland gegen die Franzosen gewonnen hat.

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist, so beginnt unser Predigttext. Wer Christus liebt, der liebt folglich auch Gott. Wer aber Gott liebt und sein Kind ist, liebt auch das Kind Gottes im anderen Christen, so übersetzt Jörg Zink weiter. Die „anderen Christen“, das war im Fall dieses Krieges auch der Gegner. Als Kinder Gottes haben die Deutschen die Franzosen kaum gesehen.

Wie übrigens so oft im Lauf der Geschichte, wenn sich Völker bekämpft haben. Angeblich ging es dabei häufig um Gott und um den richtigen Glauben. Aber daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. 3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

Eines dieser Gebote heißt „Du sollst nicht töten“, ein anderes, das nicht im Dekalog steht, aber für Jesus Christus ganz wesentlich war: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, das ist also eine ganz klare Absage an Siege, die auf Kosten anderer errungen werden. Friedhöfe sind manchmal Zeugnisse dafür, wie Menschen Bibelworte missverstehen können. Friedhofsspaziergänge machen nachdenklich. Die Gebote scheinen uns doch recht schwer anzukommen.

Und wenn in unsere Gemeinden so langsam Friedhofsruhe einkehrt, weil die Zahl der Mitglieder weiter sinkt, dann müssten wir auch nachdenken darüber, ob wir nicht manches missverstanden haben in der Botschaft. Christsein beginnt und endet nicht an der Kirchentür. Christsein heißt, etwas von der Liebe, die wir empfangen haben, ausstrahlen. Christsein heißt, auf Menschen zugehen.

Der Johannesbrief richtet sich an eine Gemeinde, die in der Identitätskrise steckt. Es sind Leute aufgetreten, die eine Fleischwerdung Jesu Christi anzweifeln, die also nicht glauben, dass Jesus der von Gott geborene Christus ist, und für die daher auch das Abendmahl und Kreuz bedeutungslos sind. Sie glauben allerdings an den Geist und befürworten die Taufe. Nun ist die Frage, wie sich Gemeinde verhalten soll: Abgrenzen oder ihr Verständnis erweitern. Der Briefschreiber spricht die Dinge klar an, für ihn ist die andere Lehre nicht „von Gott geboren“. Wir kennen solche Situationen auch: Die Esoterik-Bewegung ist gut geeignet, in den Menschen hierzulande ein Loch zu füllen, das nach dem Zusammenbruch des Sozialismus entstanden ist. Natürlich ist es bequemer und moderner, einen selbstgebastelten Glauben zu leben, der wenig Verbindlichkeiten fordert, aber dem Bedürfnis nach Spiritualität Rechnung trägt. „Natürlich gibt es einen Gott“, sagen solche Leute und spüren ihn beim Rejki, beim Yoga, Tai-Chi und werweißwo. Ein Kirchenraum sollte möglichst auch dabei sein, er hat eine „Aura“, aber ansonsten pickt man sich von jeder Weltreligion die angenehmeren Seiten heraus und bastelt sich seinen ganz privaten Patchwork-Glauben. Betrachten Sie einmal, was im Buchhandel unter „Esoterik“ so angeboten wird – für 40 Euro ist da preisgünstige Gnade zu haben, die keine Kirchensteuer kostet.

Und wie gehen wir damit um? Da stehen wir, hin- und hergerissen zwischen Nächstenliebe, dem Wunsch, niemanden auszugrenzen, wo wir doch eh so wenige sind und klaren Geboten. Wir stehen im Fall der Esoterik vor der Frage „Glaube oder Irrglaube“, und noch häufiger sind wir herausgefordert, wenn es um verlorenen Glauben geht. Für manchen Pfarrer ist die Goldkonfirmation so eine innere Zerreißprobe. Soll er wirklich Abendmahl feiern mit Menschen, denen Jesus Christus abhanden gekommen ist im Lauf des Lebens und die auch mit einem Kirchenaustritt freiwillig „Nein“ zur Abendmahlsgemeinschaft gesagt haben? Ist das ein Rückweg, den er anbieten sollte – oder würdigt er ein Sakrament herab, eine Feier, zu der Jesus nur seine engsten Vertrauten geladen hatte. Allerdings war darunter auch Judas, der ihn verriet.

Im Grunde liefert uns der Johannesbrief einen sehr klaren Gradmesser: Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren, derjenige gehört zur Gemeinschaft. Aber schauen wir in die Herzen der anderen? Steht es uns zu, die Gretchenfrage zu stellen? Vielleicht ist das der falsche Ansatz. Die Frage heißt: Wie machen wir deutlich, dass unser Glaube etwas Attraktives ist? Wie gewinnen wir Menschen dazu, einen gelebten Glauben an Christus einer verblasenen Esoterik vorzuziehen? Das geht eigentlich nur durch Liebe. Und Liebe ist damit verbunden, dass sie aus der Wahrheit lebt. Wahrheiten sind manchmal unangenehm – und wie gerne drücken wir uns in der Gemeinde um klare Worte herum. Unser ja ist kein wirkliches ja und unser nein fällt so aus, wie es junge Leute heute formulieren: „Nicht wirklich“. Wer hat schon den Mut, wirklich Brücken abzubrechen, um seinen Glauben zu leben.

Also klar NEIN zu sagen, wenn im Beruf von ihm etwas gefordert wird, was dem Gesetz Christi widerspricht? Wer als Altenpfleger zu lange bei einer einzigen Person verweilt und nicht schnell genug den Ablauf Wecken, Waschen, füttern anziehen bewältigt, weil ihm auch das seelische Wohl der Menschen am Herz liegt, riskiert seine Stelle. Wer auf die Idee kommt, seinen Besitz wegzugeben für ein soziales Projekt, bekommt mit Sicherheit Ärger mit seiner Familie.

Heute wird viel über Fundamentalismus geredet. Das, was Jesus von uns fordert, ist fundamentalistisch, fundamentalistisch nicht in dogmatischem Sinn, sondern in der ursprünglichen Wortbedeutung: es rührt an die Wurzeln, die Grundlagen unseres bisherigen Lebens. Für dreifache Lebensversicherung und Besitzstandspolster ist in der Lehre Jesu ein Platz. Wer neu geboren werden möchte, muss auch liebgewordenes Altes zurücklassen.

Das klingt wenig attraktiv. Aber dennoch hat der Gedanke etwas befreiendes. Die Sorge um das Morgen wird für den geringer, der daran denkt, dass diese Welt überwindbar ist. Wer loslassen kann, erwirbt eine neue Freiheit. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung: Auch ich kann in diesen Tagen Geburtstag feiern, nicht den 70. wie Sie, Frau …. Ich habe vor genau 10 Jahren eine sehr gut bezahlte sichere Arbeit aufgegeben, weil ich mich wie ein Sklave dieser Stelle, der Chefs fühlte. Ich habe sie eingetauscht gegen eine unsichere Existenz, die mir allerdings die Freiheit lässt, zum Beispiel heute hier zu stehen und Gottesdienst mit Ihnen zu feiern. Früher saß ich jeden Sonntag in einer Zeitungsredaktion, und auch zu Weihnachten und zu Ostern. Dass ich meinen Glauben lebe und auch darüber spreche, dafür war kein Platz in dem System. Irgendwann fühlte ich mich schon wie gestorben.

Die Freiheit hatte den Preis der sozialen Sicherheit, aber ich fühle mich seitdem neu geboren. Ich habe gelernt, das Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu fragen „Wieviele Dinge braucht der Mensch?“ Es sind erstaunlich wenige. Wunderbarerweise reicht es immer gerade zum Leben, was ich verdiene.

Manchmal, das gebe ich zu, wird mir schon ein bisschen Angst. Aber gerade dann passiert meistens etwas, was mich wieder herausreißt, eine Begegnung mit einem lieben Menschen, ein schöner Gottesdienst, zu dem auch mal viele Leute kommen, ein paar nette Worte oder nur ein besonders sonniger Tag. Und wenn ich einmal neidisch werde auf andere und ihre Sicherheiten, steht mir vor Augen, wie endlich und letztlich wie kurz bemessen dieses Leben ist. Wie schade wäre es, diese Zeit mit dem Kampf gegen Konkurrenten und für einen satten Wohlstand zu vertun.

„Die Welt überwinden“, das heißt, sich von ihren Zwängen frei machen, frei machen für eine Freude, die aus dem Wissen kommt, Gottes geliebtes Kind zu sein. Angesichts dieser Hoffnung, dieses Versprechens sind die Gebote wirklich nicht schwer. Zu gewinnen haben wir viel, zum Beispiel die unbeschwerte Freiheit, Gott zu loben.

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