Gott vergisst uns nicht

Liebe Gemeinde,

wieviele Gottesdienste ich denn pro Sonntag so zu bestreiten hätte, ob ich da immer dasselbe sage und überhaupt, warum ich mich bloss da so reinknie, das wollte dieser Tage eine ehemalige Kollegin von mir, eine Lokaljournalsitin wissen. Sie ist eine typische Vertreterin der Generation, die ohne Gott aufgewachsen ist. Erst durch ihre Kinder, die in die Grundschule gehen, ist sie überhaupt auf die Frage gestoßen, welche Rolle Gott eventuell im Leben anderer Menschen spielen könne. Nach einigem Hin und Her hat sie mir dann diese Mail geschickt: "Jedes Wochenende über Geflügelschauen berichten, das ist sicher nicht so prickelnd. Aber immer vor einer Handvoll älterer Damen zu predigen, nachdem du eine Nacht lang an den richtigen Worten gefeilt hast, ist vielleicht auch nicht immer so erbaulich. Ich weiß doch, wie oft ich zu einem Gottesdienst gehe – für einen Heiden zwar ziemlich oft, aber da sind denn außer mir nicht sehr viele Leute da. Oder sind die Menschen in Luthers Heimatland häufiger in ihrer Kirche?" Ich war gerade dabei, über den Predigttext für heute nachzudenken:

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Durch die Fragen, die da per E-Mail von der Journalsitin auf mich hereinprasselten, fühlte ich mich herausgefordert. Ich fühlte mich herausgefordert, die scheinbare "Torheit" meines Predigtdienstes zu verteidigen. Die Torheit, den gekreuzigten Christus zu predigen, heute noch, fast 2000 Jahre nach diesem Ereignis. Diesmal nicht gegenüber den Juden oder Griechen, sondern dieser einen einzigen Frau. Mir war es ein Bedürfnis, zu erläutern, dass das Kreuz nur auf den ersten Blick "eine Torheit" ist. Schon oft bin ich darauf angesprochen worden, warum so etwas Unattraktives wie der Gekreuzigte das Zentrum unserer Altäre bildet. Wenn schon, dann der Auferstandene, bitteschön, der "Christus triumphans", eine Siegerfigur. Solchen Vorschlag hörte ich neulich von einer Frau, die ihren Kindern den Anblick des Gekreuzigten nicht zumuten möchte.

Mit der Kollegin war es anders, ich merkte auf einmal, als ich ihr den Predigttext zukommen ließ, wie schwer diese alten Bibelworte zu verstehensein müssen, der diese Sprache nicht gewöhnt ist. Mir selbst ist der erste Korintherbrief lieb und vertraut, und ich habe mich immer wieder für die Stelle begeistern können, die uns sagt: "Gottes Torheit ist weiser als wir Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind". Das ist doch ein wunderbarer Gott, der aus der allergrößten Schwäche, dem Tod, den er seinen Sohn sterben lässt, die größte Stärke werden lässt. Kreuzigen, eine Todesart, die die Römer nur Nichtrömern zumuteten – das sieht doch nach der absoluten Niederlage aus – und dann dieser Sieg, dass der Auferstandene nicht nur die Welt überwindet, sondern dass seine befreiende Botschaft sich unaufhaltsam verbreitet, durch die ganze damals bekannte Welt.

Ich habe der Frau, die mich da angefragt hat, gesagt, dass es uns Predigern, ja uns Christen, die wir hierzulande so wenig geworden sind, darum geht, unsere Hoffnung weiterzugeben, eine Hoffnung wider die menschliche Vernunft. "Den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit", da könnte ich gleich weiter machen: Denn "Juden" und "Griechen" stehen hier nicht für Volksgruppen, Paulus ist kein Rassist. Sie stehen für Geisteshaltungen. Die Juden für ihre Überzeugung, dass dieser eben nicht der Messias gewesen ist, dazu fehleten ganz bestimmte Merkmale, die "Zeichen" eben, die Griechen für ein auf Philosophie begründetes Weltbild, in dem kein Platz ist für den absurden, in kein philosophisches Denkgebäude passenden Umstand der Gnade.

"Ich möchte, dass die Menschen hier wissen, dass es eine Hoffnung gibt, gerade jetzt, wo sie alle so hoffnungslos sind, ich möchte, dass sie einen Sinn in ihrem Leben erkennen können, eine neue Betrachtungsweise finden", habe ich versucht, Paulus für diese eine Frau, die außer dem Namen noch nichts von diesem Apostel wusste, deutlich zu machen. Die Antwort, die ich bekam, hat mich verblüfft: "Ist doch eine gute Idee, finde ich. Ich würde es schön finden, wenn die Kirchen wieder lebendig wären – also voller Menschen. Es ist so wenig Hoffnung unter uns, keine Träume, keine Zukunft. Das ist nicht gut. Ohne Träume sterben die Ideale, hat mal wer gesagt. Ist mir entfallen. Früher wäre es ganz bestimmt Lenin gewesen. Aber der ist ja auch wech …"

Lenin wäre mir an dieser Stelle als Letzter eingefallen. Vielleicht, so denke ich, fehlt uns Predigern von heute das, was Paulus in reichem Maß hatte: Die Gabe, seinen Hörern oder Lesern entgegenzukommen, ihre Situation aufzugreifen, sich in sie hineinzuversetzen. Vielleicht müsste man wirklich bei Lenin anfangen, der enttäuschten Hoffnung, die da noch in sehr vielen Menschen ganz tief sitzt, weil es nicht geklappt hat mit der Idee des Sozialismus. "Die Weisheit der Verständigen", die funktioniert eben nicht, wenn man, Modell Lenin, die Rechnung ohne Gott macht. Letzte Woche war ich beim regionalen Kirchentag am Josephskreuz, dem größten Metallkreuz weit und breit. Es war eine "Begegnung unter dem Kreuz", zu der auch viele gekommen sind, die nicht zur Kirche gehören. "Das Kreuz verbindet", hieß das Motto. Sehr viele Menschen fühlten sich angesprochen vom Gottesdienst unter freiem Himmel, etliche kauften sich ein Holzkreuz zum Umhängen als Andenken.

"Kreuze sind mega-in", haben mir auch Jugendliche erzählt, die sich Metallkreuze an allen möglichen Körperteilen befestigen, ohne im Geringsten etwas über die Bedeutung des Kreuzes zu wissen. Silberne Kreuze gibt es sogar im "penny-Markt" gleich neben an der Kasse für 7,99 Euro als "zeitgemäßes Schmuckstück mit Symbolcharkter. Welcher Charakter das ist, steht allerdings nicht auf der Verpackung. Kreuze sind "Mega-In", aber wie steht es mit dem Wort vom gekreuzigten Christus?

Ich bin keine große Missionarin, und ich gehöre auch nicht zu denen, die mit "ich bin okay, du bist okay – und Jesus liebt dich" Menschen für Kirche begeistern könnte. Mir fällt es schwer, "einfältig" von Gott zu reden, weil ich ihn als unendlich vielfältig und manchmal auch unverständlich erfahre, ihn manchmal sehr ferne und dann wieder überraschend nahe erlebe. Aber ich finde, es gibt keinen Grund, über seinen Glauben verschämt zu schweigen. Wir klagen sehr oft, dass unsere Kirchen so leer sind. Wir renovieren und sanieren, haben am Ende Baudenkmäler, die durchaus sehenswert sind – aber die Gottesdienste bleiben immer noch leer. Und das liegt auch an jedem von uns. Wir sollten doch öfter von unserem Glauben sprechen, mehr erklären und erzählen, Diskussionen beginnen, da, wo wir im Alltag stehen.

Nicht darüber, was uns trennt, was die Lutherischen von den Reformierten unterscheidet oder die Freikirche von der Landeskirche, die Katholiken von den Protestanten, nicht darüber wollen Menschen hören, die Hunger und Durst nach Hoffnung haben. Was wir manchmal anbieten, auch in Morgenandachten im Rundfunk, das ist, wie jemandem, der drei Tage nichts gegessen hat und kein Geld in der Tasche, ein Kochbuch mit französischer Küche unter die Nase halten. Gut, es gibt Dinge, in denen sich Kirchen und Konfessionen unterscheiden, aber wer noch gar nichts über das Evangelium weiß, dem macht eine breite Schilderung dieser Differenzen wirklich wenig Mut, sich näher auf Christus einzulassen.

Streitigkeiten um das "Wie" des Glaubens waren es übrigens auch, die Paulus dazu brachte, unseren Predigttext an die Gemeinde in Korinth zu schicken. Schon damals fanden es manche ungeschickt oder auch überflüssig, über den Gekreuzigten zu predigen. Es reiche der Umstand der Auferstehung, der Erhöhung, fanden manche.

Aber hier wird Paulus eindeutig. Darüber lässt sich nicht verhandeln wie über die Frage, ob der Prediger eine Stola tragen sollte oder nicht. Einen Kirchenraum ohne Kreuz können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen. Und das aus gutem Grund. Nicht die Darstellung des Gekreuzigten ist eine Zumutung, wie manche bemängeln, ein Christentum ohne den Gekreuzigten wäre ein Skandal. Nirgendwo kommt uns Gott näher als an dieser Stelle. "Die Schwachheit Gottes ist stärker als alle Menschen sind", das ist ein Satz von umwerfendem Gehalt.

“Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren” (Theodor W. Adorno, ein bedeutender Philosoph des 20. Jahrhunderts, hat diesen Satz geprägt.) Ob er ihn auf Gott bezogen hat, weiss ich nicht – aber genau diese Botschaft ist es, die vom Gekreuzigten ausgeht. Er ist wie wir in unserer ganzen Schwäche und fängt uns dennoch auf mit ausgebreiteten Armen. Er versteht alles, was ein Mensch erleiden kann, alles, was ihn an Zweifeln und Verzweiflung bedrängen kann, weil er es selbst durchlebt hat. Er ist nicht nur symbolisch für uns gestorben, sondern wirklich. Das macht es uns leicht, unsere Sorgen auf ihn zu werfen und seine Liebe anzunehmen, die er uns anbietet, immer wieder, jeden Tag und bedingungslos. Ohne Ansehen der Person, ohne einen Blick auf unsere Vorgeschichte. Das ist die Hoffnungs-Nachricht, die einfach die Antwort ist auf alle Sehnsucht, die in jedem Menschen ist: Diese Sehnsucht, geliebt und angenommen zu werden, ernst genommen zu sein.

Gott vergisst uns nicht, keinen einzigen Menschen – selbst dann, wenn wir ihn vergessen haben. Und seine Freude ist unendlich groß, wenn er merkt, dass wir ihn wiederfinden. Diese Freude können wir spüren, sie greift dort Raum in uns, wo Leere und Ängste, quälende Gedanken über den Sinn des eigenen Lebens uns die Luft abzudrücken drohen. Und diese göttliche Freude können und dürfen wir weitergeben, wenn wir von unserer Hoffnung erzählen. So kann das Wort vom Kreuz zur Botschaft der Freiheit werden.

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