Gott und das Leid

<i>[Diese Predigt ist für den 2. Sonntag nach Trinitatis 2004 konzipiert.]</i>

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid

Es ist schon ein merkwürdiger Sonntag heute. Eigentlich ein froher Tag: Nur noch wenige Tage, und die großen Ferien fangen an, in Kiel hat die Kieler Woche begonnen, wir haben morgen Sommeranfang, viele fahren in den nächsten Tagen in Urlaub …

Es könnte mit diesem Gottesdienst die Einstimmung in diese schöne Zeit ihren Anfang haben, aber: Ja, es gibt ein großes Aber: Viele, die heute hier sitzen, haben einen geliebten Menschen verloren. Sie sitzen hier mit ihren Fragen Klagen, Zweifeln, mit Wut und Trauer, einem großen Fragezeichen in sich.

Ich halte es für wichtig, sich damit zu beschäftigen. Es gibt Zeit für fun, Spaß und Action, und eine Zeit des Nachdenkens. Ich glaube nicht, dass wir das Ende der sogenannten Spaßgesellschaft erleben, das ist eher die Hoffnung derer, nicht damit klarkommen. Was ich aber erlebe, ist aber eine neue Nachdenklichkeit!

Warum lässt Gott das zu? Ich werde ihnen keine fertigen Antworten präsentieren, das wäre nicht glaubwürdig. Aber: Annäherungen will ich schon versuchen:

Christ sein ist wie ein Kampf mit Gott. Im AT ist die Rede von einem Kampf von Jakob mit Gott: Eine Nacht lang haben die beiden an einem Fluss miteinander gerungen. Gott kam nicht los von Jakob, es war ein harter Kampf, der schließlich in Jakobs Worte mündete: Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du segnest mich

Jakob trug eine Verletzung davon, er humpelte.
Im Leben mit Gott ist es oft so: Wir erleben nicht die heile Welt, sondern: Es gibt blaue Flecke, Verletzungen im Umgang mit Gott. Im Gespräch mit ihm. Dies setzt eins voraus: Gott ist keine theoretische Größe, kein Prinzip oder schweigender Götze, sondern ein Gegenüber!

Ich sehe den einzigen Weg, eine Antwort zu finden, oder sich zumindest einer zu nähern: Im Gespräch mit Gott. Ich bin überzeugt, wir Menschen können uns die Antwort nicht allein geben! Es ist enorm wichtig, und es tut so unendlich gut, Gott diese Fragen, die man auf dem Herzen hat, zu stellen, ob geflüstert, laut gebrüllt, das ist immer wieder unterschiedlich. Wie es jeder kann oder mag.

Manchmal muss man mit Gott kämpfen, wie Jakob. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Noch einmal: Es gibt keine Antwort.

Was meinen sie, wie oft habe ich mit Gott gerungen, gekämpft, eine Antwort eingeklagt. Wie oft hätte ich ihm am liebsten den ganzen Krempel vor die Füße gefeuert. Manchmal muss man mit Gott kämpfen, wie Jakob es getan hat. Nicht mit Fäusten, sondern mit Argumenten. Mit seinen drängenden Fragen:

Die wichtigste: Warum hat Gott das zugelassen? Warum muss ein junger Mensch sterben, jemand, den man geliebt hat? Ist das gerecht? Gerecht ist das nicht. Und es passt ja auch nicht zu unserem Bild eines allmächtigen, lieben Gottes.

Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber: Irgendwann musste ich Abschied nehmen von dem Bild des Allmächtigen, des „Lieben“ Gottes. Gott ist nicht dieser nette, harmlose, liebe alte Mann, der niemandem wehtut, kurz mal auf unsere Wunden pustet, einmal „Heile, heile Segen“ singt, und alles wird gut. Der liebe Gott ist ein Phantasieprodukt, das man kleinen Kindern ebenso gerne verkauft wie den Gott, der einem auf die Finger schaut, wenn man sich heimlich aus der Keksdose bedient.

Und allmächtig? Ist er mit Sicherheit nicht in dem Sinne eines großen Puppenspielers, der uns Menschen an den Fäden an der Hand hält und wir als seine Marionette, nicht nach eigenem, sondern nur nach Gottes Willen handeln könnten. Allmächtig? Vielleicht eher auf die Art: Gottes einzige Möglichkeit, allmächtig zu sein, ist in unseren Herzen. Hier kann er regieren, wenn wir, Einschränkung zur Allmächtigkeit, wenn wir ihn denn lassen.

Wie soll ein Gott auch allmächtig sein, wenn er wie ein mieser Verbrecher hingerichtet wird??? Was meinen sie, wie unendlich schwer die ersten Missionare es hatten, als sie den stolzen Wikingern von Jesus Christus erzählten? Hohn und Spott ernteten sie: Ein Gott, der verspottet wird und am Kreuz stirbt. Das war nichts für die kampferprobten und sieggewohnten Nordmänner …

Manchmal denke ich, ein bisschen etwas von diesem Denken steckt noch heute in unseren Köpfen: Entweder ist Gott so ein starker, allmächtiger Haudrauf, oder er taugt nichts. Ich merk das ja an mir: So oft, wie ich mir schon gewünscht habe, Gott möge endlich mal seine Zurückhaltung aufgeben und die Dinge wieder ins rechte Lot bringen:
Friede auf Erden, kein Hunger mehr, keine Unterdrückung, keine Unfälle, Erdbeben, Flutkatastrophen, Krankheiten … Mit einem Wort: Das Paradies!

Aber: Da steht der Engel mit dem Flammenschwert davor. Kein Zutritt …

Es hat lange gedauert, und so ganz in mir angekommen ist es immer noch nicht: Dieses andere Gottesbild: Gott ist in unseren Herzen stark. Er ist der leidende, der mitleidende Gott. Verhöhnt, alleine gelassen, fertig mit sich und von der Welt, verlassen. Das war, das ist Gott, damals am Kreuz und heute. Das ist der Gott, zu dem ich Zuflucht suche. Und sie auch finde.

Leider ist es nicht so, dass nach einem Gebet von mir, das manchmal eher einer verbalen Schlacht gleicht, eine Stimme vom Himmel ertönt:
„Deswegen, mein Sohn.“ Es kommt von mir nie ein erleichtertes: „Ach so, deswegen, jetzt verstehe ich!“ Aber eins habe ich immer wieder erlebt: Gott war da, er war mir ganz nah, er hat mich gestärkt in solchen Momenten.

Ich denke, ich kann an einem Tag wie diesem, bei einem so persönlichen Thema nur von mir sprechen, und da kann ich sagen: bislang haben mich meine Krisen: näher zu Gott gebracht.
Dies ist keine Garantie, kein allgemeingültiger Weg. Es ist mein Weg, meine Antwort.

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