Gott stirbt nicht

Liebe Gemeinde,

kürzlich habe ich gehört, dass in der Bibel der Eskimos das Wort von Johannes dem Täufer: " Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!", ein bisschen anders steht: "Siehe, das ist Gottes Seehund". Wo die Eskimos leben, gibt es keine Schafe, ihre Fleischlieferanten sind die Seehunde, und offenbar waren es auch ihre Opfertiere. Für uns schwer verständlich – aber schon Luther sagte: "Jedem die Bibel, die er braucht". Und den Gedanken hatte er nicht aus sich selbst heraus, sondern vom Apostel Paulus. Hören wir noch einmal die Epistel, die uns heute als Predigttext beschäftigen werden. "Epistel" heißt ja nichts anderes als "Brief", Pauls schreibt im zweiten Korintherbrief, Kapitel 4:

[TEXT]

"Der Apostel Paulus drückt sich manchmal wirklich kompliziert aus", stöhnte eine Bekannte, als ich ihr den Text am Telefon vorlas, und wir beide uns fragten, was er denn damit gemeint haben könnte. Ein Schatz in irdenen Gefäßen und wir, die wir allezeit das Sterben Jesu an unserem Leib tragen, damit auch sein Leben an uns offenbar werde. Mir ist dann wieder eingefallen, was ich im Studium mal gelernt habe, was man sich ja aber auch selbst denken kann. Dass diese Gemeinde in Korinth, an die Paulus zwei Briefe schreibt, ja nicht aus Juden bestand und überhaupt nicht das Alte Testament kannte. Bisher hatten sich diese frisch getauften Christen mit griechischer Philosophie befasst, um sich die Fragen des Lebens zu erklären. Und die griechischen Philosophen sind davon ausgegangen, dass der menschliche Körper die sterbliche Hülle für die unsterbliche Seele ist. Der Körper stirbt, die Seele lebt weiter. Manche Christen von heute stellen sich das auch so vor. Gedanken der griechischen Philosophie haben sich bei uns mit denen der jüdischen Glaubenswelt vermischt.

Paulus holt seine Leser da ab, wo sie stehen. Er versucht nicht, ihnen einzutrichtern, was er, gebürtiger Jude, gelernt hat. Er versetzt sich in ihre Vorstellungswelt und erklärt ihnen in ihrer Sprache, worum es grundsätzlich im Christentum geht, woher die Hoffnung der Christen kommt.

Der Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, den kennen wir aus der Schöpfungsgeschichte alle, und wir wissen, dass er nach dem biblischen Schöpfungsbericht dem Menschen, aus Erde geschaffen, seinen göttlichen Atem einhauchte, damit er leben konnte. Genau das erzählt Paulus den Korinthern in der ihnen vertrauten Philosophensprache, die uns christlich erzogenen Mitteleuropäern heute viel fremder ist als der uralte Schöpfungsbericht.

"Der Körper ist das Gefäß für die Seele", hatten die Philosophen gesagt, das aus Erde geschaffene Gefäß sind also wir Menschen – das konnten die Korinther nachvollziehen. Und der Schatz? Der Schatz ist das, was Gott uns mitgegeben hat, sein Atem, sein Geist, aber auch das Leben und Sterben seines Sohnes, und die Erlösung, die uns dadurch geschenkt ist, dass er für uns durch den Tod gegangen ist und uns sozusagen vorausging. Ist doch irgendwie toll, dass wir es Gott wert sind, mit diesem Schatz gefüllt zu werden. Aber auch irgendwie logisch: "Er sah, dass es gut war", meinte er, als er seinen ersten Menschen betrachtete.

Die Geschichte mit dem Sündenfall konnte Paulus nicht in alttestamentlicher Ausführlichkeit den Korinthern berichten – aber dass sie als Menschen fehlbar und anfällig für Böses waren, das wussten sie wohl selbst, das merkt letztlich jeder. Und dass jeder Mensch älter wird und sterben muss, also ein zerbrechliches Gefäß ist, das führen wir, die wir die Heilige Schrift der Juden kennen, auf den Sündenfall zurück, der Gott veranlasste, uns sterblich werden zu lassen. Die Unsterblichkeit hat er uns nicht zurückgegeben, als er uns durch Jesus Christus erlöst hat. Wir brauchen diese Grenze, wir müssen uns unserer Sterblichkeit bewusst sein und durch diesen Tunnel Tod gehen, damit wir immer wieder wissen, dass wir eben nicht sind wie Gott. Aber seit Christus wissen wir auch, dass wir diese Grenze durchschreiten werden. Dass wir zwar sterben, aber letztendlich nicht umkommen.

Wer nicht stirbt, kann nicht auferstehen. Gerade Sie, die Sie viele Lebensjahre hinter sich haben, kennen bestimmt noch besser die Unsicherheit bei Gedanken an den Tod. Und Sie haben auch erlebt, wie es ist, wenn man als Christ unterdrückt, ja vielleicht auch verfolgt wird. Aber zumindest mir geht es immer so, dass ich, wenn ich einem alten Menschen begegne, ihn auch als Hoffnungsträger begreife. Wie vieles haben Sie schon hinter sich – und welch eine Verheißung liegt vor Ihnen. "Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde." Wir können immer sicher sein, dass Jesus uns auf allen Wegen schon vorausgegangen ist. In Bedrängnis, Verfolgung, Einsamkeit, in Situationen scheinbarer Verzweiflung. Denken Sie nur an sein Gebet im Garten am Ölberg. Und wir können sicher sein, dass Gott sein Versprechen hält, wir dürfen Jesus auch nachfolgen in der Auferstehung. Das einzige, was wir dazu tun müssen, ist, "ja" sagen. Gottes Hand ist jeden Tag, immer wieder, für uns offen.

Folgenden Gedanken von Dag Hammaskjöld, dem 1961 tödlich verunglückten schwedischen Uno-Generalsekretär fand ich zufällig: "Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht mehr an eine personale Gottheit glauben. Vielmehr sterben wir an dem Tag, an dem unser Leben nicht mehr vom beständigen Glanz der täglich erneuerten Wunder erhellt werden, deren Quellen jenseits aller Vernunft liegen."

Lassen wir uns doch ein auf diese Wunder – und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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